Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-06-27 · Heft 78 (27.6.1929) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 78 (27.6.1929)
Date
1929-06-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053830--1105-3056431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nf. 78, DIE STIMME Seite ’? Die jiddische Delegation auf dem Kongreß der Internationalen PEN-Föderation in Wien Gruß an die jiddischen Schriftsteller Das jüdische Wien begrüßt heute die jiddischen Schriftsteller, die unter Führung von S c h ä .1 o m Asch zum Kongreß der Internationalen PEN-Föderation nach Wien gekommen sind. Es ist eine ansehnliche Delegation von angesehenen Vertretern der modernen jiddischen Literatur, die in diesem Völkerbund des Geistes die naturgemäße Gleichberechtigung genießt, die in der Sphäre der Idee, von niemandem gewährt, sondern durch die eigene — relative — Wertvollkommeriheit gewährleistet wird. Die jiddischen Delegierten gehören zu den wenigen Kongreßteilnehmern, die sich noch den ehrfurchtsvollen Glauben an die hohe Bedeutung aller Internatiönalität bewahrt und die sich daher bemüht haben, in einem Appell an den Kongreß den . Gedanken der internationalen Solidarität aller Kulturen der Majoritäts- und Minoritätsnationen neuerlich und nachdrücklich zu betonen. Es ist dies wahrlich keine revolutionäre Idee, die hier zum Ausdrucke kam. Gleichwohl aber bekundet dieser Appell eine willensklare, menschheitliche Gesinnung, die sich in hoher Distanz über jenem gemütlichen Gesellschaftsspiel hält, das man harmlos Gedankenaustausch nennt und das man' mit oesonderer Vorliebe durch viele internationale Plauderstunden und -tage fortsetzt, da man Sich immer der trügerischen Hoffnung hingibt, an der Wertdifferenz dieser Tauschobjekte irgendwie profitieren zu können, während in Wahrheit alle diese Gedanken, die hier zum «Austausch» gelangen, von der nivellierenden Harmlosigkeit und Unverbindlichkeit gleichgemacht, gleich wertlos gemacht werden. Diese Weltgläubigkeit der jiddischen Schriftsteller mag daher rühren, daß die verhältnismäßig junge jiddische Literatur noch keine Zeit fand, jenes zynische Zersetzungsprodukt zu zeitigen, das man den wurzellosen, in allen Wasserfarben schillernden Allerweltsliteraten nennt. Es ist ein Luxusstück, das die großen Literaturen fast aller Völker «schmückt» und von dem die jiddische Literatur, dank ihrer «Armut», zum Glück verschont bleiben konnte. Der jiddische-Schriftsteller lebt in tiefer Verbundenheit mit dem Volke, von dem er den «provinzlerischen» Idealismus lernte, von dein er die S p ra c h e bekam, um ihm dafür das W o r t zu geben, dasdichterische Wort, das er mit seinem Wesen erfüllt, das aber der spielerische, verantwortungslose Literat aushöhlt, denaturiert, zerbricht, um sich dessen strenger, innerer Gesetzmäßigkeit zu entziehen, um Markante Gestalten der jüdischen Pen-Delegatioh Von A. M, Fuchs Es Ist das tragische Schioksal der jüdischen Geistigkeit, ein Wanderlebe nzu führen. Der zähe Lebenswille der Volksseele hat es bestimmt, daß die •jiddische Literatur das einzig verbindende schöpferische •Element des Volksganzen bilde. Die Inkarnation dieses schöpferischen Willens und der jüdischen Geistigkeit ist -Sohalom Asch. Könnte ich die Bedeutung von Asch’s Schaffen in einem Satz ausdrücken, so wünje ich sagen: Er ist das Gewissen der jiddischen Literatur. Der große Gestalter der Volkspsyche, von unbegrenzter Menschenliebe beseelt, trägt wie keiner im jüdischen •Schrifttum die ganze Schwere der Last und Verantwortung, welche seine Mission' ihm auferlegt, eine Mission freilich, die nicht identisch ist mit dein, was jene seelisch verdorrten Ass 1ml 1 it a t io n sm 1 ss 1 onä r e darunter verstehen, die hauslerermäßig durch eine Hintertüre in die europäische Kultur einschlüpfen und durch eine Festsiege ziemlich unsanft hinausbefördert werden. Die Kulturwerte, die Schalem Asch schafft, sind nicht -bloß Zierw-erk um damit ln einer desinteressierten, am jüdischen Schicksal vorbeischielenden Welt, u prunken, sondern soll vor allem der Lebensnotwedlgkeit des jüdischen Volkes gelten, was an sich schon durch Ihren allgemein menschlichen Gehalt als Kulturgüter der ganzen Welt gelten. Schalem Asch, der Künstler und Gestalter der jüdischen Vergangenheit, sowie der Gegenwart, entwirft in epischer Breite farbenreiche Gemälde, die den Kernpunkt der jiddischen Literatur bilden, ln meisterhafter Form und mit visionärer Gewalt schildert er sowohl den Alltag als auch die differenzierten Seelenkämpfe der jungen jüdischen Generation, die sich vom Ohetto befreit hat. Nicht minder grbäfot Asch’s künstlerischer Intellekt in die Tiefen der Vergangenheit, in jener Zeit des jüdischen Märtyrertums, wie es ihm in meisterhafter Art in der «Zauberin w- die Haltung vor dem Geiste durch. Unter lialtung herabzusetzen. So ist es denn ein einsamer Weg, den der jiddische Schriftsteller unserer Zeit geht, da er gegen sie geht. Denn die Zeit ist für den L i t e r a t e n, der sie ihr vertreibt, auf daß ihr das Grauen vor sich selbst erspart bleibe. Er verhüllt ihr das eigene Antlitz, unterschlägt ihr die Wahrheit, mit der sich der Dichter so unbeliebt zu machen versteht. Der jiddische Schriftsteller lebt zumeist abseits und unbeachtet von der führenden «Gesellschaft», von der volksfremden jüdischen Intelligenz, die noch immer nicht recht zu wissen scheint, welchen geistigen Raum, welche Bedeutung sie ihm eigentlich in ihrem i Leben zumessen darf. Hiezu kommt, daß sich die jüdische Intelligenz bei aller in der Theorie konzedierten positiven Einstellung zur unmittelbaren Volksnähe dennoch schon j an der orthographischen Besonderheit, an dem um- ' stürzlerischen Barbarismus dieses Jiddisch, das SIEGM. KORN MEHL OEOSSFLEISOHHADEEEI Zentrale IX, Berggasae 19, Tel. A. 17-3-99 u. A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, AbteilungerMÜ^Tgg^JjJjjjj unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Igrae- I litischen Kultusgemeinde Wien I A,utossustellung kostenlos wncmaaBumHaLanHHnBBRBaMBBHnBraraH« mit seiner wohlklingenden jüdischen Zivilisiertbeit, so..bedenklich kontrastiert, innerlich stoßen muß. Sie kann von der Vorstellung nicht loskommen, daß sie hier ein «Jargon» beherrschen muß, dem sie herablassend ihre Liebe geschenkt hat, um die sie sich freilich wieder leid tun muß. ' Sie hat nicht den Mut zur Erkenntnis, daß gerade das Deutsch oder Englisch, Polnisch, Russisch usw. der jüdischen Dichter fremder Zunge, so. gewählt;, ja auserwählt es auch sein mag, weit mehr vom Jargon an sich hat, als das naturgewachsene Jiddisch eines Scholem Alechem; Denn Jargon ist nach meinem Empfindet! ein Idiom, in dem sich heterogene Erlebnis- und Ausdruckselemente mischen, ohne zu innerer Harmonie gelangen zu können. Jargon ist das blümensp'rachige Gestammel, das Geklapper fremder, gleißender und leerer Sprachgefäße, die mit dem verdünnten Eiiebnisblut der Assimiläntenseele nicht erfüllt werden : können. Jiddisch aber ist in. Sprache und Literatur die organisch gewachsene Ausdrucksgestalt des jüdischen Massenlebens, die erst in dem trüben, zwischen den Sprachen schmarotzenden Zivilisationsgemausche! der Kulturassimilation zur Karikatur wird ... Doch zu dieser Erkenntnis fehlt es mancherorts noch teilweise an geistigem Mut. Darum wird eben der jiddische Schriftsteller auch weiterhin '«nur»’mit dem Volke verbunden und abseits von der sogenannten «Gesellschaft» bleiben. Er wird weiter seinen einsamen Weg gehen, den Weg des Geistes und der inneren Wahrhaftigkeit, auf dem wir ihn grüßen . . M. Groß.- Der P.E. N.-Club muß die Kultur der nationalen Minoritäten schützen ... Aus einer Unterredung mit Schalom Asch «. . . Die Kultur eines jeden Volkes, eo klein dieses auch sein mag, ist der geistige Besitzstand der gesamten Menschheit. In Wahrheit gibt es eigentlich keine großen und kleinen Völker, denn jedes Volk ist ein in sich, geschlossener lebendiger Organismus, der eigenen Lebenswillen und Charakter hat. Dies sind Axiome, die allgemein bekannt sind. Höher aber als alle anderen Zweige der menschlichen Kultur stellt die Sprache und die Literatur eines Volkes, in der sich das geistige Antlitz und das Wesen des Volkes, das ihm von seinen Urahnen verliehen wurde, seinen adäquaten Ausdruck schafft. Die Literatur eines Volkes, die in der nationalen Sprache geschaffen wird, gehört nicht allein diesem Volke, sondern ist zugleich ein organisches Bindeglied, das die Völker der Erde eint und zueinander führt. Die Zelt ist längst vorbei, da der Dichter nur der Exponent jener einzigen Sprache und Literatur war, in der er sich schöpferisch auslebte und nur seinem eigenen Volke zugehörig. Im Gegenteil: wir finden in der heutigen Weltliteratur eine große Anzahl bedeutender Schöpfer, denen gerade fremde Völker und Literaturen das tiefste Verständnis entgegenbringen. Diese Schöpfer üben auf die Menschen, die jenseits ihrer eigenen Landesgrenzen leben, einen mächtigeren Eindruck aus als auf ihr eigenes Volk. Dies beweist neuerlich, daß sämtlichee Literaturen der Welt ein einziges geistiges Organ bilden, das einer einzigen Körperschaft dient: der Menschheit.- Nicht allein die geistigen Führer und Repräsentanten der Völker, die Schöpfer der Bibel,- Shakespeare, Goethe und die großen Franzosen — sind allgemein menschliches Gut. Auch die gedrückten, namenlosen Wesen unserer Alltäglichkeit, vom einsamen Fischer an den norwegischen Fjorden bis zum erdgebundenen polnischen Bauern, von Castilien» oder im «Glaubensmaftyrium» u. a. Werken geltungen ist. Aber nicht nur als Dichter ist Schalom Asch’s Wort gewichtig,, er ist auch ein Kulturloämpfer von ganz besonderem Format. UeberaM, wo es gilt, unsere Muttersprache, die er in seinem, bedeutenden Schaffen mit dem Geist der Volksseele durchtränkt und bereichert hat, ' gegen feindliche Ue-bergriffe zu verteidigen, oder dem Judentume ln seinem nationalen und sozialen Kampfe hilfreich seine Handzu bieten* war Asch-immer ln den ersten Reihen zu finden. Schalom Asch ist der Dichter des Volkes, unddieser Titel ist d£r vornehmste, den ein Volk seinen Geistesheroen zu vergeben hat. Diese bescheidenen Zeilen sind naturgemäß nicht als Einschätzung des Schaffens von Schalom Asch gedacht, sondern als Gruß für den Führer und die Mitglieder der jüdischen Delegation anläßlich des Pen-Kongresses in Wien, unter denen sich die markanten Belletristen Segalowi.cz, J. Perle, Der Tunkeier, der namhafte Kritiker N. Mayrl, der bekannte Linguist S. Rayzin, sowie die subtilen Lyriker Sch. J..tauber, M. Rawicz und B.Horowitz befinden. Der Prosaschriftsteller Segalowicz, der. durch seine zahlreichen wirkungsvollen Romane und Erzählungen zu großer Anerkanntheit gelangt ist, Ist der Sänger der jüdischen Schwermut, der romantischen Sabfoathstlmmungen und ein hervorragender Schitderer der geistigen Kämpfe der jüdischen Jugend. Seine künstlerische Bedeutung erwarb sich Segalowicz insbesondere durch die glänzenden realistischen Romane «Die wilde Zllke», «Unsere Frau», «Bruder Nemzor» u. v. a. — Sein reifes Formgefühl geschult an europäischen Vorbildern, kann als Charakteristikum von Segalowitz’ Schaffen angesehen werden. Segalowicz, der in der Blüte meines Schaffens steht, ist auch Präsident des jüdischen Penklubs in Warschau. Eine markante Gestalt In der neueren jiddischen Literatur ist auch der Erzähler J. Perle, welcher hauptsächlich das erotische Problem zu seiner künstlerischen Domäne gemacht hat. Glühende, farbenprächtige Bilder j entrollt er ln seinen Erzählungen, die bedeutende Kunst j verraten. Sein Romanzykius «Sünde», «Mirl», «Ziffern» * u. a. erwarb sich Anerkenung bei Kritik und Leserpublikum. — J. Tunkter, der Humorist und geistige Bewahrer des großen Erbes von Schalom Alejchem, ist in der jiddischen Literatur eine Erscheinung von ganz besonderer Eigenart. Sein scharfer jüdischer Witz, seine meisterhaft pointierten Anekdoten,- bilden einen wahren Schatz des jüdischen Volksgutes. Besonders gelingen ihm Grotesken, die in harmloser -Hülle tiefen Spott und beißende Satire bergen, die wie ein moralischer Peitschenhieb wirken. Einer der geistreichsten bekannten jüdischen Kritiker ist N, Mäjzel, Redakteur der «Lidi-Blätter». Majzel, der eine Reihe von Talenten in die jiddische Literatur eingeführt hat, ist ein Analytiker von besonderer geistiger Prägung. Er hat dies mit seinen zahlreichen Aufsätzen, Büchern und kritischen Abhandlungen in gediegenster Art manifestiert. Seine Verdienste um die jiddische Literatur sind neben den der großen Kritiker Bai Machschuwe und S. Niger von großer Bedeutung für das künstlerische Schaffen in der jiddischen Literatur. Der Lexikograph-Gelehrte S. Rajzen, der Autor der bedeutenden und unentbehrlichen Behelfe der jiddischen Literatur, ist eine Autorität auf dem Gebiete der jüdischen Sprachforschung. Als Chefredakteur der großen jiddischen Tageszeitung «Der Tog», und Vorsitzender des jiid ::.:hen Penklubs ln Wilna, erfreut sich Rajzen großer Popularität. Er Ist ein kompromißloser Vorkämpfer der jüdischen Schulbewegumg in Polen, die a -eh zum großen Teile ihm Entstehen und Gedeihen verdanken. Ferner ist S. Rajzen der Mitbegründer des Jüdischen wissenschaftlichen Institutes und einer großen Anzahl von kulturellen Institutionen, die das Fundament der jüdischen Kulturbewegung bilden. Als PpH: : -i führt er eine glänzende Feder, die nie ermüde! .mpfe um die Bewahrung der jüdischen Kulturgii.. . So fanden sich in unserem an jiddischem Geistesleben so armen Wien ein Teil der Elite des jüdischen Schaffens ein, und es ist uns ein Herzensbedürfnis, sie in unserer Mitte begrüßen zu könnet» -*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.