Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 78 (27.6.1929)
- Date
- 1929-06-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seife 6 PIE STOPIE Nf. 78 Die Zionisten-Rcvisionisten beteiligen sich nicht an der Jewish Agency Von dem Pariser Zentralbüro der Union der Zionisten-Revisionisten wird mitgeteilt: Um allen falschen Deutungen vorzubeugen, erklärt hiermit das Zentralkomitee der Union der Zionisten- Revisionisten, daß die Stellung der Union in der Frage der «Erweiterung» der Jewish Agency, wie sie auf der dritten revisionistischen Weltkonferenz in Wien in erschöpfender Weise formuliert wurde, unverändert bleibt. Das Zentralkomitee erklärt, daß, gemäß seinen Instruktionen, die Vertreter der revisionistischen Union in verschiedenen Ländern sich an den sogenannten «Initiativkomitees», die die Aufgabe haben, die Nomination der nichtcionistischen Mitglieder der Agency a«u* einzelnen Ländern vonzubereiten, nicht beteiligen. (Jta) Die rumänische Regierung will ein altes Unrecht gutmachen Zionistische Kulturarbeit. — Tagung des zionistischen Oberrates. — Jewish Agency. — Innerjüdische Differenzen. Brief aus Rumänien. Die seit einem Jahre inaugurierte Vereinheitlichung der zionistischen Arbeit in Großrumänien Im Wege des zionistischen Oberrates macht immer stärkere Fortschritte Die letzte Sitzung des Oberrates am 9. und 10. Mai in Bukarest bat sich vor allem mit der Tarbutharbeit in Rumänien beschäftigt. Es bestehen offizielle Versprechungen von seiten der gegenwärtigen Regierung, dass sie das der jüdischen Bevölkerung bisher angetane Unrecht in Schulfragen wiedergutzumachen gedenkt und neben der Reaktivierung von hebräischen Staatsvolksschulen und Gymnasien auch das wichtige Desiderat zu erfüllen beabsichtigt, nämlich die Errichtung eines staatlichen Lehrerseminars mit hebräischer Unterrichtssprache für die Heranbildung eines geeigneten Lehrerstandes. Der zionistische Oberrat hatte nun die Aufgabe, endgültig festzustcllen, welches unsere wichtigsten Schulforderungen sind. In eigenen Sitzungen, an denen sich auch die Vertreter der Tarbuthorganisationen beteiligten, wurden alle einschlägigen Fragen besprochen und das Material Wir den offiziellen Schritt bei der Regierung vorbereitet. Die Vorbereitung für die Wahl von Vertretern in die erweiterte Jewish Agency schreiten rüstig vorwärts. Die bei der Sitzung des zionistischen Oberrates erstatteten Berichte lassen erkennen, dass die Verhandlungen mit den jüdischen Gemeinden schon sehr weit gediehen sind. Wenn auch nicht von überall formelle Zusagen vorliegen, so ist kaum anzunehmen, dass sich eine führende jüdische Gemeinde finden könnte, welche sich der Aufforderung, an der Wahl der nichtzionistischen Mitglieder iür die Jewish Agency tcilzunehmen, entziehen wird. Dies gilt in gleicher Weise iür Altrumänien, für die Bukowina und Bessarabien und auch in Transsylvanien dürften sich neben dem Bund der neologen Gemeinden auch die wichtigsten orthodoxer Gemeinden an der Wahl für die Jewish Agency beteiligen. Die Wahlen werden voraussichtlich im Laufe des Monats Juni stattfinden. ln politischer Hinsicht werden die Verhältnisse in der rumänischen Judenheit immer mehr verworren. Mit der , Bildung des jüdischen Parlamentsklubs haben die natonalen Tendenzen, de in der Judenschaft der drei angeschlossenen Provinzen vorherrschend waren, auch unter den Juden des Altreiches festen Fuss gefasst. Ueberall entstanden jüdischnationale Gruppen. Dias hatte zur Folge, dass die «Union rumänischer Juden*, welche bisher in Altrumänien die Führung der jüdischen Politik innehatte, Ihrerseits Anstrengungen machte, um ihre Tätigkeit auch auf die neuen Provinzen, wo sie bisher fast gar keine Bedeutung hatte, aus-zudehnen. Die Folge ist selbstverständlich eine starke «Zuspitzung des Streites, scharfe Kampfartikel auf beiden Seiten und die Tendenz, sich immer tiefer in den aufreibenden Kampf zu verbeißen. Daß dieser Kampf gewissen Elementen eine willkommene Möglichkeit bietet, auf eigene Faust sogenannte jüdische Politik zu machen, Isi eine traurige Begleiterscheinung dieses Kampfes. Die Regentschaft Rumäniens und die Juden 'Bukarest. Herr Georghe Buzdugän, Präsident des rumänischen Obersten Gerichtshofes, der mit Prinz Nicolaus und Patriarch Cristea die Hohe Regentschaft bildet, die bis zur Großjährigkeit des Königs Mihail das rumänische Reich regiert, empfing den Direktor der Jüdischen Telegraphenagetitur zu einer längeren Unterredung, in der er sich ihm gegenüber ausführlich über die Lage der Juden in Rumänien aussprach. Die Juden, sagte Georghe Buzdugän, erfreuen sich in Rumänien der vollen bürgerlichen und rechtlichen Gleichheit. Ich persönlich schätze die Juden als tüchtige, fleißige und arbeitsame Menschen; sie sind zweifellos ein wertvoller {TeH der Bevölkerung. Die Rumänen sind ein tolerantes umd gutherziges Volk. Die früher vorgekoanmenen unangenehmen Vorfälle an den Universitäten sind nicht bedeutender Natur und verdienen nicht jene Beachtung, ilie man ihnen -gewidmet hat. Solche Vorfälle sind auch in Ungarn-, Oesterreich und Polen nicht selten. J. G. Duca, Mtniiter für auswärtige Angelegenheiten versichert« Herrn Landau, daß sämtliche nimäni- 'sdjp? Parteien dm Antisemitismus abhold seien. «Die Exzesse in Oradea-Mare», erklärte Herr Duca, «hatten eine gesunde Reaktion im Gefolge. Die eiternde Beule des Antisemitismus platzte endlich. Die rumänische Öffentlichkeit wandte sich mit aller Entschiedenheit gegen die Urheber der Exzesse, die sie als Schmach für Rumänien empfanden. Cuzä und seine Partei sind zur Bedeutungslosigkeit zusammertgeschrutmpft. Das Ende der Beduinen Kolonisierung der Chaibarstämme auf altem jüdischen Boden? Aus Jerusalem wird geschrieben: In Arabien geht der Versuch einer sozialen und wirtschaftlichen Revolution vor sich, die man bis heute ln Europa kaum bemerkt und jedenfalls in ihrer Bedeutung für den Fall des OelIngens noch nicht erfaßt hat. In dem Bestreben, sein Reich zu konsolidieren und als Voraussetzung dafür die inneren Fehden zwisohen den Beduinenstämimen zu beseitigen, hat Ibn Saud mit der Beseitigung der Beduinen, das heißt der nomadisierenden arabischen Hirten-stämme Überhaupt, begonnen. Er will sie durch Ansiedlung in seßhafte Ackerbauern verwandeln, die ihre Nahrung aus dem Boden ziehen und es daher nicht mehr nötig halben, Ihren Lebensunterhalt durch Raub zu erwerben oder sich mit dem Wechsel der Jahreszeiten die Weidegründe streitig zu machen. Diese Versuche, die er schon unmittelbar vor Kriegsausbruch in Nedsched anfing, dehnt der König jetzt auf den Hedschas aus. Sein Amtsblatt «Um el Qura» («Mutter der Dörfer» — Beiname Mekkas) berichtet darüber: Zunächst werden die Chaibarstämme ansässig Pao* Sznqu/m JMeuAeUi. PaofiSeMiu/Af Re&ep& it Weiöunjßiv Verlagsexpedition: Af. Frita Sufimann, lVwn, 1„ T«l. U 2+4-0 Salztorgasse 7 Tel. U 24*43 S- P, <,* tPßP' gemacht, deren Gebiet früher von Juden besiedelt war, die der Kalif Omar vertrieb. Fast in jedem Monat wird eine Kolonie errichtet. Es wird entweder ein Stamm oder ein Clan angesiedelt. Bedingung ist Verkauf der Kamele, offenbar als Bürgschaft gegen Fortführung oder Wiederaufnahme des Nomadenlebens. Der König gibt den Kolonisten Land, die Mittel zum Hausbau und Saatgut. Die kleinste Siedlung zählt zweitausend Seelen. Gleichzeitig macht das Blatt Angaben Uber die Erfolge der bisherigen Siedlung im Nedschd, über die man bisher nichts wußte, obwohl dieser -hochinteressante Versuch schon vor sechoundzwatoig Jahren begonnen wurde. Danach gibt es dort jetzt zweihundert Kolonien. Die erste, Artawya, wurde 1913 angelegt und hat heute 30.000 Einwohner. Ein Drittel der Nedschdstämime sind scho seßhaft gemacht und leben von Landwirtschaft und Handel. Leider — schreibt das «Berliner Tageblatt» — müssen diese Einzelheiten mit allem Vorbetolt wiedergegeben werden, da das Blatt, obwohl es das offizielle Organ des Königs ist, sich nicht durch besondere Zuverlässigkeit auszeichnet. Tf. Htlde8 //., Hollondshaße 10, gtedulieti herslichsl Herrn SifflOn Qptel seiner Verlobung mit Fräulein &Ünb<XUm. Wien, im Ja nt 1929, Oberrabbiner Dr. Marcus ^Ehrenpreis 60 Jahre Aus Stockholm wird uns geschrieben: Am 21. Juni 1929 vollendete der Oberrabbiner von Stockholm, Herr Dr. Marcus Ehrenpreis, sein 60. Lebensjahr. Dr. Ehrenpreis wurde 1869 in Lemberg geboren, studierte und promovierte in Deutschland. Noch in ganz jungen Jahren nahm er als glänzender Schriftsteller und Stilist an der Bewegung für die Renaissance der fre* bräischen Sprache und Literatur hervorragend Anteil und war neben M. J. Berdyczewsky einer der Führer der junghebräischen Bewegung, Ehrenpreis hat seit dem ersten Zionistenkongreß, an dessen Vorbereitung et lebhaften Ateil nahm, eine große Rolle in der zionistischen Bewegung gespielt. Auf den Zionistenkongressen trat er al« Referent In Kulturfragen hervor. Von 1900 bis 1914 war Ehrenpreis Großrabbiner von Bulgarien und ist seitdem Oberrabbiner von Schweden. Vor einigem Jahren wählte ihn die große jüdische Gemeinde Saloniki zum Oberrabbiner, gleichzeitig wurde ihm das Landesrabbinat für ganz Griechenland angeboten. Dr. Ehrenpreis zog es vor, auf seinem Amtssitz in Stookholm zu verbleiben. In Schweden tot er viel dazu beigetragen, das Verständnis für jüdische Kultur zu wecken. Er veröffentlichte mehrere Werke, darunter ein Palästina-Reisebuch in schwedischer Sprache und sorgte für schwedische Ausgaben Jüdischer und hebräischer Standardwerke. •V» Gottesdienst mit Gram; mophon in Berlin Warum nicht auch eine Jazzkapelle? Aus Berlin schreibt man uns: Die Jüdische Reformgemeinde, die sich bekanntlich von strengen kultischen Bindungen völlig gelöst hat, hat Ihrer neuen Liturgie auch eine neue künstlerische Gestalt gegeben — eine musikalische Ausschmückung von einem Reichtum, dem mit den gewöhnlichen materiellen Mitteln, wie sie einer religiösen Gemeinschaft im allgemeinen zur Verfügung stehen, gar nicht mehr gerecht zu werden ist. Diese Liturgie ist eine Mischung von traditionellen und modernen Elementen; mit rein liturgischen Teilen des Gottesdienstes wechseln freiere, rein künstlerisch gestaltete Teile ab; Vor- und Nachspiele der Orgel, Soli, Chöre, Begleitmusiken zu den sogenannten stillen Andachten. Und die besondere musikalische Freiheit dieser Liturgie spricht sich darin aus, daß sie sich von rein künstlerischen Rücksichten letten läßt: der «romantische« Tempelchor-Gesang etwa eines Lewandowski ist noch reioh vertreten, aber daneben nicht nur Bach mit Orgelpräludien und -postludien, Händel etwa mit Instrumentalstücken und Chören, sondern auch Beethoven mit Bearbeitungen seiner Gellert-Lieder, Mendelssohn mit Psalmen, bis zu dem Brahms des deutschen Requiems und dem Bruckner des 150. Psalms. Das einzige Zugeständnis an den Ort ist die Vermeidung des Orchester-Kolorits — alle Stücke sind tm Klang sozusagen auf den Generalnenner der Orgel gebracht. E« blieb der Berliner jüdischen Reformgemeinde nur die Wahl zwischen dem musikalischen Verzicht, zwischen der Ausführung mit den ärmlichsten und unzulänglichsten Kräften, oder: der Zuflucht zur Maschine, zur Schallplatte. Die Reformgemeinde hat diesen Schritt gewagt und so al* erste die Verbindung zwischen Gottesdienst und Grammophon, Andacht und Lautsprecher, Tempel und Technik hergestellt. Fehlt nur noch eine Jazzkapelle zur Erhöhung der Weihe — und der «Zeitgeist» würde ganz und rrstlos auf seine Rechnung kommen . . . Zur Frage des rituellen Schächtens Eine Ausnahme zugunsten des Schlichtens in der englischen Schlachtbill London. Der Jewish Board of Deputies nahm in seiner letzten Sitzung den Bericht des Schächtkomitees über die vom 12. bis 17. Mai in Wien stattgefundene Internationale Konferenz der Tierschutzvereine entgegen. In dem Bericht wird festgestellt, daß die Diskussion weit entfernt davon war, im Geiste der Objektivität geführt zu werden, und daß hervorragende ntchtjüdisohe Gelehrte, die die Methoden des Schächten* verteidigen wollten, niedergeschrieen wurden. Der Vorsitzende und der Sekretär des Schächtkomitees hatten nach der Wiener Konferenz eine Unterredung mit der Herzogin von Hamilton, Miß Lind-af-Hageby, Lord Ernest Hamilton und anderen Mitgliedern der Exekutive des britischen Tierschlitzverbandes, in der die Exekuittvmltglieder kategorisch erklärten, daß der britische Tierschutzverband nicht dagegen auftreten werde, wenn in die geplante Schlachtbill für England und Wales eine Ausnahmebestimmung zugunsten des rituellen Schächten* ausgenommen werden würde. Schächtverbot in Norwegen Aus Oslo wird gemeldet: Die norwegische Parlamentskammer hat mit 88 gegen 21 Stimmen einem Gesetzesantrag zugestimmt, laut welchem ln Norwegen da* Schächten nach jüdischem Ritus verboten sei. Dieser Beschluß kam für die Judenschaft Norwegens wie Wir die gesamte Oeffentlicbkeit überraschend. Die Regierung isielbst war gegen den Beschluß eines Schäohtverbotes. Die loyal gesinnten norwegischen Kreise tadeln es, daß sich die Parlament&mehrhelt von Kreisen beeinflussen ließ, für die bei dem Schächtverbot antisemitische Gründe maßgebend waren und die schließlich glaubten, man könne sich in Norwegen auf das Experiment nur deshalb einlassen, weil man sicher sei, daß diie kleine jüdische Gemeinschaft Norwegens nicht genug Widerstand wird entgegensetzen können, Das Gesetz soll am 1. Jänner 1930 in Kraft treten. Ein Pogrombandit als Nationalheld Aus Budapest wird uns geschrieben: Am 16. Juni wunden auf der Margareteninsel bei Budapest 200 Personen In das Hekfemkäpitel Ungarns ausgenommen. Unter den Heiden befindet sich auch Ivan Hejja®, der in der Zeit des weißen Terrors zahlreiche jüdische Bürger Ungarns in verschiedenen Orten peinigen und hinrlehten ließ. Auch der Antisemit Gömbös, jetzt Staatssekretär tm Landesverteldtgungsministeriiiim, befindet sich unter den Heiden, Eiteg zwischen Jaffa und Jerusalem Die palästinensische Elsenbahnverwaltung hat ein;t Eilzug zwischen Jaffa und Jerusalem eingelegt, dessen Fahrt* zeit zwei Stunden beträgt. Der neue Zug verkehrt jeden Morgen und Abend und fährt ohne Aufenthalt durch.