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Die Stimme · 1929-06-27 · Heft 78 (27.6.1929) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 78 (27.6.1929)
Date
1929-06-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nf. 78 DIE STIMME Seite 5 Wie König und Adel in Oesterreich „ihre“ Juden ausplünderten . . . Schacher und Straßenraub der „edlen Herren“ an den Juden im Mittelalter Durchzug von Marannen durch Tirol Von Dr. O. Strakosch-Graßmann. Während aus Niederösterreich die Juden im Jahre 1421 vertrieben worden waren, wurden sie in Steiermark, Kärnten und Krain noch bis zum Jahre 1496 geduldet, allerdings ab und zu hoch besteuert. So wurde im April den Juden und Jüdinnen dieser drei Länder eine Türkensteuer von 3000 Pfund auferlegt. Am 8. und 9. März 1496 kam zwischen König Max und dem Adel von Kärnten eine Vereinbarung betreffend die Austreibung der Juden aus diesem Lande zustande. Am 8. März erhielt König Max von den Kärntner Ständen eine Entschädigung von 4000 Pfund Pfennige für den aus der Austreibung der Juden voraussichtlichen Entgang an Einkünften; dafür sagte am 9. März König Max den Kärntner Ständen zu, daß die Juden binnen sechs Monaten aus dem Lande ausgewiesen und nie mehr zugelassen werden sollten. Im Jahre 1496 wurden die Juden auch aus Graz vertrieben; die im selben Jahre erfolgte Vertreibung der Juden aus Ofen und Pest deutet auf eine größere antisemitische Welle. Die Vertreibung der Juden aus einer Reihe von Orten des Elsaß und Schwabens (Oberbergheim, Eßlingen, Heilbronn und Spandau im Jahre 1490, jene der Juden aus Magdeburg 1492, aus Innerösterreich (Steiermark, Kärnten und Krain), ferner aus Ofen und Pest 1496, jener zu Nürnberg 1498—1499 mögen damit geendigt haben, daß die Juden sich nach Osteuropa wendeten. Es ist anzunehmen, daß die Vertriebenen oder ihre Nachkommen den deutschen Kaufleuten zu Krakau, Lemberg («Löwenberg»), Köwno und anderwärts das bisher geübte Monopol des Handels mit den Rohstoffen Osteuropas entrissen und auf diese Art deren materiellen Niedergang herbeiführten. Für die Annahme, daß ein erheblicher Teil der gegen Ende des XV. Jahrhunderts aus dem deutschen Sprachgebiet vertriebenen Juden sich nach .dem europäischen Osten gewendet hat, spricht einmal ein I paralleler Fall, der eine christliche Sekte betrifft.! Zugehörige der Sekte der Böhmischen Brüder wanderten infolge von Bedruckungen unter König Matthias, di4 um 1488 stattfanden, nach Rumänien aus, wo sie um 1494 nachweisbar sind. Weiters spricht ein sprachliches Moment dafür. Die Juden des europäischen Ostens gebrauchen zur Bezeichnung der Stunde das Wort «Zeiger», das heißt sie sind aus dem deutschen Sprachgebiet erst vertrieben worden, als hier schon Turmuhren mit Räderwerk und Zifferblatt üblich waren. Nun besitzt die Stadt Breslau bereits 1367 eine derartige Uhr; am 19. März 1368 schließt die Stadt Troppau mit dem Kleinschmied Swelblin vor dem Rate zu Breslau einen Vertrag wegen Herstellung einer gleichartigen öffentlichen Uhr ab; 1370 folgt Schweidnitz in Schlesien dem Vorbilde Troppaus durch einen ähnlichen Vertrag mit Meister Swelblin. Wir können annehmen, daß es geraume Zeit dauerte, bis von diesen Turmuhren ausgehend sich der «Zeiger» beim Volke als Bezeichnung für Stünde einbiirgerte. In Breslau zählt man am 20. Jänner 1530 «Sayger 22», das heißt, es wird nach 24 Stunden gezählt, eine Zählung, die um 1580 bereits außer Uebung ist. Die Anwendung der Bezeichnung «Zeiger» für Stunde läßt also den Schluß zu, daß das osteuropäische Judentum zu einem sehr starken Teil auf Vertriebene des deutschen Sprachgebietes zu Ende des XV. Jahrhunderts zurückgeht. Auch das Wort «Leilach», Leintuch, gehört zum Sprachschatz des südöstlichen Deutschland im XV, Jahrhundert; zum Beispiel findet es sich überaus häufig in den Korneuburger Testamenten des XV. Jahrhunderts vor. Die folgenden Daten über Juden in Tirol gehen auf das «Buch Tirol» des Staatsarchivs in Innsbruck zurück, welches ich im Jahre 1911 zu anderen Zwecken durchsah. Ich stelle sie auf diesem Wege Forschern, welche sich die Geschichte des Judentums zum Berufe gemacht haben, zur Verfügung. Am 2. März 1527 wird dem Herzog von Mantua eine Ausnahme von dem sonst für Tirol damals bestehenden Verbote der Holzausfuhr bewilligt. Sein Agent, Petrus de Abraham, darf Holz'einkaufen; er ist also Großhändler für Holz. 1531 15. April. Die Juden in Bozen sind Hausbesitzer und unterscheiden sich in der Tracht nicht von den Christen,, so daß sie nicht zu erkennen sind. 1545 30. März. Die Tiroler Regierung möchte gerne die Gedlverleiherei der Juden in Roveretp unterdrücken. Eine dahin zielende Verordnung wird |Von der Stadtbehörde zu Rovereto mit der Bitte beantwortet, dies ja nicht zu tun, sonst müßten die Darlehensnehmer zu Rovereto sich an die Juden zu Riva wenden, unterwegs Geld verzehren und noch höhere Zinsen zahlen. Die Erwiderung der Stadt hat Erfolg: im Interesse der «armen Leute» von Rovereto wird also alles beim alten gelassen. 1551 11. Juni. Bürgermeister und Rat zu Neumarkt an der Etsch hatten eine jüdische Familie aufgenommen; dies wird vom Landesfürsten gerügt, die jüdische Familie zugleich ausgewiesen. 1554 9. Februar. Zwischen der Stadt Rovereto und den Juden daselbst ist ein Vertrag wegen der Darlehensgeschäfte zustande gekommen. 1554 24. Februar. Die Regierung zu Innsbruck will den Juden bloß die Einforderung der geschuldeten Kapitalien, nicht aber auch der rückständig gewordenen Zinsen bis zu ihrem Abzüge gestatten. 1554 28. Februar. Die Regierung zu Innsbruck verwirft den Versuch eines Teiles der Gemeinde Rovereto, den mit den Juden am 9. Februar d. J. geschlossenen Vertrag zu brechen. Soeben erschienen „Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart“. Das Standardwerk der jüdischen Geschichte Mährens. Herausgeber: Chefredakteur Hugo Gold. Redaktion: Dr. Heinrich Flesch, Kanitz; Dr. J. Freimann, Berlin; Dr. Max Grünfeld, Brünn; Dr. Theodor Haas, Brünn; Dr. Michael Holzmann, Wien; Dr. B. Wachstein, Wien. Das Werk enthält 86 einzelne Beiträge nebst 900 Illustrationen aus allen mährischen Gemeinden und einer Landkarte. Preis: Halbleinenband (Illustrationsdruckpapier) S 70.—; Leinenband (Kreidepapier) S 75.—; Halblederband (Kreidepapier) S 80.—. Ferner erschienen 100 numerierte und von den Mitarbeitern signierte Exemplare äuf schwerem Kunstdruckpapier in Ganzlederband und Goldschnitt zum Preise von 30 Dollar. Das große Herzl-Gedenkbuch. Dr. T. Nussenblatt: „Zeitgenossen über Herzl“. 90 Beiträge der hervorragendsten jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten des politischen und literarischen Lebens. Unveröffentlichtes Dokumenten-, Fragmentenu. Bildermaterial aus dem Leben und Wirken Theodor Herzls in den Jahren 1897 — 1904. Broschiert S 11.—, Lelnenband S 14.—. Jüdischer Buchu. Kunstverlag Hiokl, Brünn, Adlerg. 9. Tschechoslowakische Republik. 1554 23. April. Sie entscheidet, daß auch die Schuldner zu Säccö, einem Vororte von Rovereto, ihre Schulden an die Juden abzutragen haben. 1554 5. Mai. Durch Verordnung der Regierung zu Innsbruck werden die Juden aus Rovereto über königlichen Befehl ausgewiesen; sie sollen die Stadt bis Ostern 1555 verlassen. 1554 12. September. Aus einer Verordnung der Tiroler Regierung erhellt, daß über die Juden zu Bozen und zu Riva die Ausweisung verhängt worden war; es wird dem Freiherrn von Madrutsch verboten, diese vertriebenen oder zu vertreibenden Juden auf seinen Gütern in Südtirol aufzunehmen. Da es den Bewohnern von Rovereto unmöglich war, ihre Schulden an die Juden bis Ostern 1555 abzutragen, wurde den Juden zu Rovereto gestattet, noch bis zum 24. Juni 1556 in der Stadt zu bleiben; dasselbe galt für die Juden in Bozen. Der Termin zum Wegzuge wurde noch einmal erstreckt bis zum 24. Juni 1557. 1558 Herbst. Endgültige Ausweisung der Juden aus Südtirol. Hinsichtlich der Juden zu Bozen ist sie indes noch im März 1561 nicht ausgeführt; am 27. April 1561 verzichtet die Landesregierung dermalen auf die Austreibung der Juden aus Bozen, die erst 1565 vollzogen wird. Am 20. Dezember 1565 wurden' die letzten Juden aus Bozen ausgewiesen; als Begründung diente die damalige Teuerung in Tirol. 1532 14. April. Verordnung der Innsbrucker Regierung, aus der folgender Sachverhalt sich ergibt: Der Herr Franz von Castelalto in Südtirol hat einen «verleugneten getauften Juden oder Maran», dei ziemlich viel Geld bei sich hat, gefangen genommen. Angeblich sollen seine Verwandten bereit sein, für ihn bis zu 10.000 Gulden Lösegeld zu zahlen. — Diese Behauptung, die vielleicht auf den Gefangenen selbst zurückzuführen ist, reizt die Geldgier des Landesherrn. Am 1. Juni 1532 wird verordnet: der Maran bleibt in Haft und ist nach Innsbruck zu senden, um dort verhört zu werden, gemäß einer persönlichen Verfügung König Ferdinand I. 1541 10. Juni. Schreiben der Regierung zu Innsbruck an den Bischof von Trient, aus dem sich folgendes ergibt: König Ferdinand I. hatte — wie Dr. G. Strakosch-Graßmann in einer Abhandlung «zur Geschichte der Juden in den Ostalpen von 1496—1568» ausführt — Auftrag gegeben, durch Tirol durchgehende Güter portugiesischer Juden wegzunehmen, das heißt, der Landesherr betrieb Straßenraub. — Sumim-Sb’ömpjfe " . g ECKGESCHÄFT Auf Grund dieser Verordnung waren zwei Kaufleuten von Reutte und ihren Genossen 46 Ballen KaufmanrtsWare, die sie durch Tirol befördern wollten, zu Trient als angebliches Gut von Marannen weggenommen worden, die Verfrächter bestritten indes, daß diese Ballen Eigentum von Marannen seien. Hamburg, München und Frankfurt für die Jewish Agency Die jüdische Gemeinde Hamburg ist dem Initiativkomitee für die Jewish Agency in Deutschland beigetreten und hat ihren Vorsitzenden, Herrn Alfred Levy, in dieses Komitee entsandt. Die Münchener jüdische Gemeinde hat den Beschluß gefaßt, Herrn Rabbiner Dr. Baerwald in das Initiativkomitee für die Jewish Agency in Deutschland zu entsenden. Auch der Vorstand der jüdischen Gemeinde Frankfurt a. M. hat beschlossen, den Präsidenten der Gemeinde, Herrn Justizrat Dr. Blau, in das Initiativkomitee für die Jewish Agency in Deutschland zu entsenden. Die schweizerische Judenheit in der Jewish Agency Basel. Die Konferenz des Verbandes der schweizerischen jüdischen Gemeinden hat sich in einer einstimmig angenommenen Resolution für die Teilnahme an der erweiterten Jewish Agency ausgesprochen. Zum Vertreter der schweizerischen Judenheit im Council der Je/wish Agency wurde der Präsident des Gemeindeverbandes, Herr J. Dreyfus-Brodsky, gewählt. Die englischen Juden und die Jewish Agency Der Jewish Board of Deputies hat in seiner letzten Sitzung den Bericht seines Palästinakomitees entgegengenommen. Das Komitee hat sich mit einem vertraulichen Bericht über die Verfassung der Jewish Agency befaßt, wobei festgestellt wurde, daß die zwischen der Zionistischen Organisation und den verschiedenen nichtzionistisohen Gruppen stattgefundenen Verhandlungen zu einem 'befriedigenden Uebereinkomuien geführt haben. Die Vertreter der tschechoslowakischen Nichtzionisten in der Jewish Agency Aus Prag wird uns gemeldet: Die nichtzionistischen jüdischen Körperschaften der Tschechoslowakei haben bereits ihre Vertreter in den Council der Jewish Agency entsendet Es sind’dies die Herren Dr. Josef Popper, Prag, Großpräsident der tschechoslowakischen Logen Bnai Britto, und Generaldirektor Dr. Armin Weiner, Brünn. Als Ersatzmann' wurde der prominente Führer der Tschechojuden, Herr Ludek Dux, bestimmt. Die jüdischen Jugendvereine Deutschlands undjewish Agency Düsseldorf. «Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands» hat Rabbiner Dr, Hugo Hahn- Essen, Gerichtsassessor Herbert Fetsenthal-Düsseldort und Fritz Schwarzschüd-Düsseldorf als seine Vertreter in das «Initiativkomitee für die Erweiterung der Jewish Agency in Deutschland, entsandt. Die „Esra“ und Jewish Agency Der Kolonisationsverem «Esra» in Berlin hat dit Herren Bankier S. Seckeisohn und Rechtsanwalt Holländer in das Initiativkomitee für die Jewish Agency, hl Deutschland entsandt.

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