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Die Stimme · 1929-06-27 · Heft 78 (27.6.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 78 (27.6.1929)
Date
1929-06-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 78 Die Ermöglichung der fünften Alijah (Von unserem Jerusalemer Berichterstatter.) Die fünfte Alijah hat eingesetzt. Die Lage in Palästina hat sich in den letzten zwei Jahren grundlegend verbessert. Vor zwei Jahren betrug die Zahl der Arbeitslosen 8000. im April 1928 konnte mit Hilfe des Keren Hajessod die Arbeitslosenunterstützung eingestellt und durch öffentliche Arbeiten ersetzt werden. Sowohl in den Keren Hajessod-Siedlungen im Emek wie vor allem in den Pflanzungsgebieten der Küstenebene hat die Landwirtschaft einen großen Aufschwung genommen. Die Industrie hat sich konsolidiert und neue Märkte erobert. Ueberall mehren sich die Zeichen einer beginnenden guten Konjunktur, die die wirtschaftliche Vorbedingung für die fünfte Alijah ist. Die Zionistische Exekutive hat jetzt um 2857 neue Einwanderungszertifikate für das zweite Halbjahr 5689 (1. April 1929 bis 30. September 1929) angesucht, davon 2257 für Männer und 600 für Frauen. Dis Exekutive konnte in ihrem Memorandum an die Regierung darauf hinvveisen, daß die Zahl der Arbeitslosen in Palästina Ende März dieses Jahres nur 866 betrug. Für das nächste halbe Jahr konnte die Exekutive nuf eine Reihe öffentlicher und privater Bauarbeiten hinweisen, d.e eine große Anzahl jüdischer Arbeiter erfordern werden. Unter diesen Arbeiten seien neben privaten Unternehmungen erwähnt: Der Bau des Keren Kajemeih- Hauses, der Bau der Gebäude der «Imperial Chemical Industries» in Haifa, 12 Häuser, die Lord Melchett in Migdal baut, 50 Häuser in Kirjath Schmuei bei Tiberias, 25 Häuser in dem neuen Jerusalemer Stadtviertel Sichron Chajim, 18 Häuser in Bajith Wegan usw. Die Haifa Bay Company wird während dieser Periode Arbeiten im Werte von 20.000 Pfund durchführen.. Die Industrie in Tel Aviv und Haifa wird nicht weniger als 240 gelernte Arbeiter einstellen müssen, darunter die Textilindustrie 95. Von allgemeinen großen öffentlichen Arbeiten ist die Errichtung des neuen Hotels in Jerusalem für 80.000 Pfund das Gebäude der Shell-Gesellschaft für 30.000 Pfund zu erwähnen. Regierungs- und Munizipalitätsarbeiten werden etwa 1500 jüdische Arbeiter beschäftigen können. In der Landwirtschaft wer-, den 400 neue Arbeiter erforderlich sein, darunter 100 auf den 1000 Dunam-Orangenboden, die Lord Melchett während dieses Halbjahres anpflanzen wird.1 Die Regierung hat von den angeforderten Zertifikaten 2400 bewilligt, und zwar 1500 Männer (ungelernte und landwirtschaftliche Arbeiter) . zwischen 18 und 35 Jahren; 600 Mädchen zwischen 18 und 35 Jahren; 300 gelernte männliche Arbeiter über 18 Jahren. Die Männer können von ihren Frauen und unverheirateten Kindern unter 18 Jahren begleite sein. Bei den 1500 Männerzertifiikaten sind auch die politischen Flüchtlinge aus Rußland mitgerechnet, sowie jene Arbeiter, die nach Palästina als Touristen gekommen sind und während des laufenden Halbjahres unter Garantie der Zionistischen Exekutive die Erlaubnis erhalten haben, permanent im Lande zu bleiben. Daher, stellt die Regierung nur 1000 Zertifikate für ungelernte männliche Arbeiter der Zionistischen Exekutive sofort zur Verfügung. Die weiteren Zertifikate für ungelernte männliche Arbeiter sollen ihr im Laufe des Halbjahres übergeben werden, wenn sie nicht für politische Flüchtlinge und Arbeiter, die als Touristen ins Land gekommen sind, gebraucht werden. Für die 600 weiblichen Arbeitskräfte werden von der Regierung nur Namenszertifikate ausgefolgt und auch 200 Zertifikate für politische Flüchtlinge und Touristinnen, die mit Erlaubnis der Regierung als Arbeiterinnen im Lande bleiben, vorläufig zurückgehalten. Die ersten Einwanderer der neuen Alijah werden im Monat Juni ins Land kommen. Die Zionistische Palästina-Exekutive steht vor der Schwierigkeit, die darin besteht, daß im Budget, keine Vorsorge für diese neue . Einwanderung getroffen ist. In dem Minimal-Budget für das laufende Jahr waren 10.655 Pfund für Einwanderungszwecke bestimmt. Diese Summe hat gerade genügt, die Auslagen für die 770 Einwanderer zu decken, die im Laufe des ersten Halbjahres nach Palästina gekommen sind. Das Einwanderungsbudget ist daher erschöpft. Die Zionistische Exekutive braucht aber dringend für die neuen Einwohner die Summe von 20.000 Pfund. Diese Summe muß durch die Keren Hajessod-Mitarbeiter und -Freunde über das diesjährige Budget hinaus aufgebracht werden! Das diesjährige Minimalbudget muß voll gedeckt werden, um die finanzielle Politik der Exekutive sichern zu können. Darüber hinaus aber bracht die Exekutive 20.000 Pfund für die neue Einwanderung. Es soll die 5. Alijah und der Beginn einer neuen Epoche in der zionistischen Kolonisation ermöglicht werden, der in dem Augenblick, in dem das ganze jüdische Volk sich anschickt, in der erweiterten Jewish Agency an dem Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina m^zuwirken, von besonderer Bedeutung ist. Aut einer :n d:e‘:eü Tagen im 'lauptbureau des Keren'Hajessod zu Jerusalem statt,gefundenen Pressekonferenz teilte Dr. Harry Sacher, Mitglied der Zionistischen Exekutive, mit, daß sich die Finanzschuld der palästinensischen Zionis-tischen Exekutive seit Oktober 1927 von 400.000 Pfund auf 260.000 Pfund, also um 140.000 Pfund vermindert habe. Außerdem hat die Exekutive alle rückständigen Gehälter an die Lehrer der zionistischen Schulen und an die zionistischen Beamten ausgezahlt. Dieses Resultat konnte durch Sparsamkeit in der Verwaltung und in den Ausgaben erzielt werden. Das nächste Jahresbudget, fuhr Herr Sacher fort, wird 750.(XX) Pfund betragen; dabei werden sich aber nicht genügend Mittel für die Konsolidierungsarbeit erübrigen lassen. Man hofft aber, daß es im übernächsten Jahre möglich werden wird, nicht allein die Konsolidierung der bestehenden Kolonien zu vollenden, sondern auch neue zu begründen. Das letztere hängt von der Schaffung einer Bodenreserve ab, die das dringendste Problem ist, dem die vom nächsten Kongreß zu wählende Exekutive gegenüberstehen wird. Die Exzesse der Akademikerbanden in Lemberg Ein Epilog Einer unserer Mitarbeiter hatte Gelegenheit, mit einem namhaften jüdischen Politiker aus Ostgalizien, der sich auf der Durchreise in Wien aufhielt, über die Lemberger Studentenkrawalle zu sprechen. Unser Gewährsmann, der Augenzeuge der Ereignisse, die sich in Lemberg abgespielt haben, war, teilte uns folgende interessante Einzelheiten mit: -Es muß vor allem richtig gestellt werden, was irrtümlicherweise von der «Chwila» angegeben wurde, daß die Lemberger Polizei nicht gleich vom Beginn an gegen die Demonstranten mit aller Schärfe vorgegangen wäre. Richtig ist vielmehr, daß die Polizei über die telephonische Verständigug seitens der Redaktion sofort zu.r Stelle war und -alles angewendet hat, um der Situation Herr zu werden. Es erschienen jedoch unvermuteierweise gegen 2000 Studenten, die wutschnaubend alles kreuz und quer schlugen, was sich ihen in den Weg stellte. Sie wüteten wie eine wilde Horde von Barbaren und es. ist nur der Polizei zu verdanken, daß bei dieser Gelegenheit keine Menschenopfer zu beklagen waren. Unter diesen Umständen erwies sich selbstverständlich die Uebermacht, der indessen ins riesenhafte angeschwollenen Demon-stration und es dauerte noch einige Zeit, bis es der Polizei,: die indessen älarmartig Verstärkungen heranzog, ge-: Anläßlich der Vermählung seiner Mitglieder GhcLwercL-DopcL- Mapkmann and Ghawep Viklop Weiß gratuliert heezlichal der Uugendverein „S>rez Jsrael" hingen ist, die Demonstranten mit Brachialgewalt auseinanderzutreiben. Man kann mit ruhigem Gewissen behaupten, daß die Regierung sich vom ersten Moment an gegen die Demonstrationen mit aller Schärfe gewendet hat, was natürlich in den Augen der maßlos aufgestachelten national-demokratischen Jugend als Verbrechen gegen die Interessen Polens gelten mußte. Insbesondere ist die. Haltung des Bezirkshauptmannes Klotz hervorzuheben, der es aiblehnte, eine Deputation der national-demokratischen Jugend zu empfangen und dieselben sogar -in entsprechnder Weise als unverantwortliche Radaubrüder an den Pranger stellte. Auch gewaltsame Versuche, dieser zweifelhaften «Blüte der polnischen Gesellschaft», der Justiz in den Arm zu fallen und die Freilassung der verhafteten Studenten zu erzwingen, ging fehl und erst nach Abschluß der ordentlichen Untersuchung wurden dieselben freigelassen. Auch die Universitätsbehörde behabm sich leidlich und wich keinesfalls dem Terror. Große Schuld lüd auf sich die amtliche Telegraphenstelle in Lemberg die in ganz Unverantwortlicher Welse die Tatsachen entstellte und dadurch in die. Ereignisse eine um >:o Erbrachte. Sowohl Minister Skladkowski als auch die maßgebenden Stellen des polnischen Klerus erklärten mit aller Entschiedenheit, daß von einer Provokation seitens der jüdischen Jugend keine Rede sein könne. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser ganze Aufruhr künstlich durch eine maßlose Hetze der national-demokratischen Partei und ihrer publizistischen Organe verursacht wurde. Diese lauern nur auf die Gelegenheit, um die ihnen verhaßte Regierung zu stürzen oder wenigstens im Auslande herahzusetzen. Bezeichnend jedoch und leider sehr beunruhigend scheint die Stellung der polnischen Gesellschaft den Juden gegenüber zu sein, die gerade bei dieser Gelegenheit recht drastisch zum Vorschein gelangte. Mit Ausnahme der sozialdemokratischen Presse hat es die gesamte polnische Presse nicht für notwendig erachtet, die pegromarfigen Ueberfälle akademischer Banditen entsprechend zu brandmarken, Ein Großteil derselben griff sogar die an das Mittelalter gemahnende Provokation der Schulkinder, die nur in den Gehirnen der schwärzesten Antisemiten ihre Quelle hatte, auf, um neuerlich auf das Judentum als auf eine Gefahr für Polen hinzuweisen. Die jüdische Gesellschaft muß sich darüber im klaren sein, daß die J-uden Polen nur in einer straffen jüdischen Organisation ihr Heil finden können. Nur durch’das Aufgeben der innerpolitischen Zerklüftung, die leider jede nationale und soziale Einheitlichkeit aufs empfindlichste stört, kann man derartigen Vorfällen Vorbeugen. Das polnische Judentum muß endlich darangehen, über alle politische und soziale Parteigruppierungen hinweg eine straffe und einheitliche Aufbau- und Abwehrorgansaton zu schaffen. Der neue jüdische Luftmensch in Sowjetrußland Von Prof. B. Brutzkus. Die führende deutsche wissenschaftliche Zeitschrift «Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik» enthält einen sehr ausführlichen Artikel des bekannten jüdischen Gelehrten Prof. Boris Brutzkus: «Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Rußland vor und nach der Revolution.» Der Verfasser betrachtet die Lage der Juden vom Gesichtswinkel der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes aus. Bezüglich der Lage der Juden vor der Revolution klingen die Ausführungen Prof. Brutzkus’ in folgenden Thesen aus: «. . . Die berufliche Struktur der jüdischen Bevölkerung ist keineswegs als einseitig anzusehen. Wie auch dje Politik der russischen Regierungen gewesen sein mag, . . . die Einverleibung der jüdischen Massen in das große Reich führte allmählich zu einer völligen Veränderung ihrer wirtschaftlichen Lage und ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit. Ein Volk von Vermittlern zwischen Gutsherren und Leibeigenen, von Schankwirten und kleinen Händlern erfuhr jetzt eine neue berufliche und soziale Gliederung. Dabei hatten die Juden wichtige volkswirtschaftliche Funktionen übernommen, und ihre Tätigkeit gewinnt für das Land immer mehr an Bedeutung» . . . Das Kennzeichnende für die geistige Entwicklung des russischen Judentums war die Herausbildung einer neuen nationaljüdischen Kultur auf der allgemeinen europäischen Grundlage. Die verhältnismäßige Vielgestaltigkeit des jüdischen wirtschaftlichen Lebens schuf den sozialen Boden für diese nationale Kultur . . . Das russische Judentum erlangte vor dem Kriege die führende Rolle inmitten des Weltjudentums.» Demgegenüber sieht Prof. Brutzkus die Lage der Juden -nach der Revolution als geradezu katastrophal an: «Die Revolution», heißt es in dem Aufsatz, «hat nicht nur die breiten Schichten des jüdischen Bürgertums ihrer Existenzmöglichkeit beraubt, sie hat auch einen sehr bedeutenden Teil .der jüdischen arbeitenden Massen wieder in «Luftmenschen» verwandelt. Die Ergebnisse einer langjährigen positiven Entwicklung der sozialökonomischen Verhältnisse der Juden im russischen Reiche sind zunichte gemacht worden. Trotz der formalen Gleichberechtigung kann von einer Verbesserung der rechtlichen Lage der jüdischen Massen keine Rede sein. Beinahe eine Hälfte der jüdischen Masse gehört zu den Parias der kommunistischen Gesellschaft.» Unsere Hoffnung . Herr Dr.:Rothblum schreibt uns: Von befreundeten Seite werde ich darauf aufmerksam gemacht, daß in meiner Reminiszenz, die in der letzten Nummer, der «Stimme» erschienen ist, eines Mannes hätte gedacht werden müssen, der einen bedeutenden Anteil am Zustandekommen der Jugendzeitschrift «Unsere Hoffnung» hatte. Es ist dies der Wiener Schriftsteller Dr. Marek Scherlag. Wenn auch mein Aufsatz einen ganz anderen Zweck hatte, als einen Beitrag zur Entstehungsgeschichte der genannten Zeitschrift zu liefern, so glaube ich doch der Anregung folgen zu sollen und Freund Scherlag besonders hervorzuheben. Er hat dem Jugendwerke nicht nur seine Feder, sondern auch seine ganze freie Zeit zur Verfügung gestellt; Er war immer im Redaktionslokale zu finden, deswegen galt Ihm das geflügelte Wort: Scherlag ist das ganze Jahr i n d e r H o f f n ui n g . . . Weltkongreß der Schomre Schabhos Aus Berlin meldet J. T. A.: Das Zentralkomitee des Weltverbandes der Schomre Schabbos hat in seiner soeben abgehaltenen Sitzung beschlossen, Schritte zur Einberufung. eines aüweltlichen Sabbat-Kongresses einzuleiten. Der Kongreß soll im Dezember 1929 in Berlin stattfinden. RedaktJonsschluü und Schluß der Inseratenar;n;dund Dienstag um 12 Uhr la’P.agj. Später einlangende Einsendungen-können l: eine Aufnahme in die laufende 'Nummer finde:)

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