Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 78 (27.6.1929)
- Date
- 1929-06-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 78 _PIE STIMME ___ ' Seife I' Die Tragödie des verirrten |uden... Zum 7. Todestag des ermordeten Walter Rathenau Im Jahre 1897 legt Walter Rathenau seine Anschauungen über seine Stellung zum Judentum in einem Aufsatze «Höre Israel» nieder. Schon der .Titel zeigt deutlich die Betonung seiner jüdischen Stammeszugehörigkeit. Er sah im jüdischen Volke ein Priestervolk katexochen. Er stellt fest, daß es eine Judenfrage gibt, die sowohl vom Standpunkte des Judentums wie des Deutschtums einer Lösung harre. Die Juden lebten in einem halb freiwilligen, unsichtbaren Ghetto, seien kein lebendes Glied des deutschen Volkes, sondern ein fremder Organismus in seinem Leibe. Fremde seien die Juden aber geblieben, trotz ihrer formellen Gleichberechtigung. Er sucht und ringt nun selbst nach einer Lösung. An dieser Frage sollte sich die Tragik seines Lebens erfüllen. Denn er verlangt — es ist dies seine größte Selbsttäuschung — «die bewußte Selbsterziehung der jüdischen Rasse, zur Anpassung an fremde, deutsche Anforderungen». «Das Ziel des Prozesses sollen nicht imitierte Germanen, sondern deutsch geartete und erzogene Juden sein. Er fordert Einfachheit und Schlichtheit im Auftreten und Bescheidenheit und Zurückhaltung im öffentlichen Leben. Das ehrliche Bewußtsein eines ehrlichen Wertes ist heute das einzig Erstrebenswerte, das ein Jude erreichen kann.» Daraus leitet er auch seine prinzipielle Stellungnahme zu diesen Fragen ab. So schreibt er u. a. an einen Mann völkischer Gesinnung: «Ich bin der Ueberzeugung, daß Glaube und Kultur hoch über den physiologischen Dingen der Blutmischung schweben und sie ausgleichen.» Mit demselben Freunde, an den er obige Zeilen richtete, diskutiert er weiter: «Du sagst gelegentlich «mein Volk» und «Dein Volk», Ich weiß, daß es nur ein verkürzter Ausdruck ist, aber ich möchte ein Wort dazu bemerken. «Mein Volk» sind die Deutschen, niemand sonst. Die Juden sind für mich ein deutscher Stamm, wie Sachsen, Bayern oder Wenden . . ..Für mich entscheidet über die Zugehörigkeit zu Volk und Nation nichts anderes als Herz, Geist, Gesinnung und Seele. In diesem Empfinden stelle ich die Juden etwa zwischen die Sachsen und Schwaben. Sie sind mir weniger nahe als Märker und Holsteiner, sie sind mir vielleicht etwas näher als Schlesier oder Lothringer, Ich rede natürlich nur von deutschen Juden.» Die Kultur- und Schicksalsgemeinschaft und nicht die Rassenzugehörigkeit schien ihm als das Essentielle, wovon er entscheidend beeinflußt war. Walther Rathenau hat sein Judentum nie verleugnet, doch stets von der Zwiespältigkeit gesprochen, die «die Natur in lächelndem Eigensinn und herrischer Güte gemischt hat»; er fühlte sich zum deutschen Volke hingezogen und oft mit seinem «alten Blut zu schäumenden Widerstreit» gereizt. Daraus erklärt es sich auch, daß alle Kräfte in Rathenau vorwärts und in die Weite drängten; wo er wirkte, suchte sein Unabhängigkeitsdrang alles Beengende und Hemmende zu sprengen. Fesseln waren ihm unerträglich. So entwickelte er in sich Führereigenschaften großen Maßstabs. Er ist gewillt, der Welt zu dienen, doch nicht gewillt, vom Strom der Zeit getragen zu sein. Gewaltige Elemente sucht er zu binden; die Gewalt, die alle Menschen bindet, selbst zu überwinden. Diesem Befreiungswerke weihte er sein ganzes Leben. Deutschland und nicht das Judentum führt er, dasselbe Deutschland, das einen seiner besten Söhne getötet hat. Rathenau hat in dem Aufsatz «Staat und Judentum» (1911) die Frage geprüft, welche Bedeutung das friedliche Nebeneinanderleben der einzelnen Konfessionen für den Staat habe. Er geißelt die Unmoral des Staates, «die darin liegt, daß der Staat eine Prämie auf Religionswechsel, also, auf Charakterlosigkeit aussetzt». «Denn wäre der Religionswechsel nicht mit äußerlichen, materiellen Vorteilen verknüpft — führt in diesem Aufsatze Rathenau aus —, würden nur sehr wenige Juden aus innerer Ueberzeugung ihre dogmenfreie Religion verlassen und ein dogmatisches Bekenntnis aussprechen. Das aber war die Unmoral deutscherund preußischer Judenpolitik, daß sie diese innere Unwahrhaftigkeit prämiierte. Es handelt sich dabei nicht um den Wechsel von Anschauungen, der zu jeder Entwicklung gehört, es handelt sich vielmehr um die Preisgabe einer altererbten Tradition, zu dem einzigen Zweck, sich dadurch materielle Vorteile zu erringen.» Rathenau kämpft mit offenem Visier gegen jedes Unrecht, deshalb auch gegen jedes Unrecht, das den Juden zugefügt wird. Vom Staate, dem Rathenau mit Gut und Blut gedient hat, verlangt er nicht nur rechtliche, sondern auch faktische Gleichberechtigung der Juden. Hierfür ist besonders folgende Stelle charakteristisch: «In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und daß keine Tätigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.» Rathenau gibt hier dem eigenen Erlebnis Ausdruck, als er als Einjähriger bei den Gardekürassieren die Schranke der Rassenzugehörigkeit deutlich zu spüren bekam und sein Wunsch, Offizier zu werden, trotz vorzüglicher militärischer Eigenschaften, da er Jude war, unerfüllt blieb. Außenminister Rathertau wurde am 24. Juni 1922, kurz nachdem er seine Villa im Grunewald verlassen hatte, um sich in das Auswärtige Amt zu begeben, erschossen. Diese Nachricht ging durch die ganze Welt und erschüttert trauerte die Menschheit um einen ihrer Besten. Deutschlands Führer der Außenpolitik, der es aus verzweifelter Lage nach dem Kriege zu befreien suchte, war das Opfer verblendeter Buben. Ebert kennzeichnete die heraufbeschworene Situation: «Die verruchte Tat traf nicht den Menschen Rathenau allein, sie traf Deutschland in seiner Gesamtheit». Ungeheure Demonstrationszüge, wie sie Deutschland noch nicht gesehen hatte, durchzogen geordnet unter republikanischen Fahnen alle deutschen Städte. Ueber eine Million Menschen in Berlin, hundertundfünfzigtausend in München, in Chemnitz, hunderttausend in Hamburg, Breslau, Elberfeld, Essen. Nie hatte Deutschland einen seiner Bürger so geehrt. Den Widerhall, den Rathenaus Leben und Denken nicht gefunden hatte, fand sein Tod. Das Schlußwort der menschlichen Tragödie aber sprach Rathenaus Mutter. Sie schrieb an die Mutter des einen noch überlebenden Täters, Techow, den folgenden Brief: «ln namenlosem Schmerz reiche ich Ihnen, Sie ärmste aller Frauen, die Hand. Sagen Sie Ihrem Sohn, daß ich im Namen und Geist des Ermordeten ihm verzeihe, wie Gott ihm verzeihen möge, wenn er Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren ztfm Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke. vor der irdischen Gerechtigkeit ein volles, offenes Bekenntnis ablegt und vor der göttlichen bereut. Hätte er meinen Sohn gekannt, den edelsten Menschen, den die Erde trug, so hätte er eher die Mordwaffe auf sich selbst gerichtet, als auf ihn. Mögen diese Worte Ihrer Seele Frieden geben.» Gedenktafel für Walter Rathenau Berlin. Sonntag, den 23. Juni, wird anläßlich der: Wiederkehr des Todestages von Walter Rathenau an der Mordstelle im Grunewald, unweit der Königsaliee, 'eine Gedenktafel geweiht werden. Bisher war bei dem zuständigen Bezirksamt Wilmersdorf eine Genehmigung zur Anbringung einer Gedenktafel an dein Baum, der nceh die Kugelspuren trägt, nicht zu erreichen. Nach langen Bemühungen ist es dem demokratischen Stadtrat Leibholz gelungen, die Genehmigung zu erhalten. Diktator Woldemaras und seine Organe Die litauische Polizei macht Pogrom- Propaganda Aus Kowno wird uns geschrieben: Ministerpräsident Woldemaras legte kürzlich den Grundstein zu einem neuen jüdischen Krankenhaus in Kownö. Er hielt dabei eine hebräische Ansprache und sohl-oß mit den Worten: «beschaah muzlachath», («zu glücklicher Stunde»), Während aber der Diktator seine Sympathie für die Juden in dieser Weise bekundet, hat die Kownoer' Polizeiverwaltung die Entfernung aller Schilder mit jüdischen Aufschriften angeordnet. Die jüdische Bevölkerung ist über diese der jüdischen Gleichberechtigung Hohn sprechende, Verordnung empört, . Ueber die; antisemitische Betätigung der litauischen Polizei erfahren wir noch folgendes: In der Synagoge zu Kroszsch, einem Städtchen in der Nähe von. Sch au len, erschien die Ortspolizei, um nach einem verschwundenen christlichen Kinde zu isuohen. Die Thora-Lade und alle Schränke wurden geöffnet und durchsucht. Hand in Hand d|mit ging eine Pogrom-Propaganda gegen die jüdische Bevölkerung, die des Rituatmords bezichtigt wurde. Schließlich wurde das verschwundene Kind im Hause eines Christen wohlbehalten aufgefunden. Der „blinde“ Passagier des „Gelben Vogels“ ein Jude Der 22jährige 'Arthur. Schreiber, der als 'bündlet Passagier mit dem «Gelben Vogel» den UsberseeHug Amerika-Europa mitgemacht hat, ist Mitglied des jüdischen Jugendverbandes in New York. Sein Vater ist Mitglied der Synagoge Eiz Chajim. Die Familie Schreiber stammt aus Ungarn, Elegante Chevreauxspangen, Pumps in allen Farbtönen und Reptilienlederschuhe zu jedem Kleid passend auf Individuellen Permen gearbeitet bei LISSIAHSKY direkt In der Schuhfabrik WIEN VII. BEZ. KAISERSTRASSE 46 im Stick Theodor Herzl: Mein literarisches Testament geschrieben am 12. Februar 1897 Dieses zum erstenmal veröffentlichte Dokfiment ist dem von Dr. T. Nussenblatt herausgegebenen Buche «Zeitgenossen über Herzl», erschienen im Buch- und Kunstverlag in Brünn, entnommen. Es gebührt sich, auf den Tod vorbereitet zu sein. Ich will keine Redensarten machen. Was ich den Juden war, wird eine kommende Zeit besser beurteilen, als die große Menge der Gegenwart. Mein hauptsächlicher Nachlaß sind die tagebuchartigen Aufzeichnungen über mein Wirken In der Judensache. Es sind bis jetzt vier Bücher, die teils bei meinem Vater, teils bei mir liegen. Ich werde sie vielleicht später an einem sicheren Ort deponieren. Diese Memoiren sollen bald nach meinem Tode publiziert werden. Zur Herausgabe, Sichtung der Texte usw, Ist eine Kommission zu bilden. In diese Kommission entsendet der. Zionsverband für Oesterreich zwei Mitglieder, und einen literarischen Beirat, der, wenn möglich, meinem Freundeskreise angehören soll, ernennt der Vormund meiner Kinder. Es ist mit einer anständigen Verlagstirma ein Vertrag über die Herausgabe, und zwar in deutscher und englischer Sprache, abzuschließen, Das. Vermögensrechtliche daran obliegt dem Vormund meiner Kinder. Vielleicht wird auch eine Sammlung meiner zionistischen Artikel und Reden erwünscht sein. Hiefür gelten die gleichen Bedingungen wie für die Memoiren. Ferner empfehle ich, einen Verleger für meine anderen Schriften zu suchen. Ich denke, man soll meine Theaterstücke in einer Sammlung herausgeben. Mein liebstes Stück ist das «Ghetto». Auch das Fragment der «Ehekomödie», die ich in Wiesbaden zu schreiben begann, soll in die Sammlung kommen; als Nachtrag dazu die Notizen, die für schaffende Künstler ein Kuriosum sein dürften. Ein Band soll die aus Frankreich für die «Neue Freie Presse» geschriebenen, noch nicht in Buchform publizierten Feuilletons und Artikel enthalten. Meine übrigen noch nicht in Buchform publizierten Feuilletons werden wohl mehrere Bände füllen. Mein Name wird nach meinem Tode wachsen. Darum glaube ich, daß für alle meine Werke sich ein Verleger finden wird. Ich habe heute, wie in jedem Augenblick, seit ich schreibe, das Bewußtsein, die Feder stets als ein Ehrenmann geführt zu haben. Ich habe meine Feder nie verkauft, nie Gemeinheit, nicht einmal Kameradschaft durch sie getrieben. Dieser letzte Wille kann publiziert werden. Es wird sich selbst nach meinem Tode niemand finden, der mich Lügen strafen kann. Kein numerus clausus für Tote.,. Eine traurige, van erschütternden Reden begleitete Feier fand dieser .Tage in Stuhlweißeinburg statt. Dem Andenken der 49 aus der dortigen Oberrealschule hefvorgegangenen Jünglinge, die im Kriege den Heldentod gefunden, galt die Feier, an der sich in friedlicher Eintracht militärische und bürgerliche Vertreter ohne Unterschied der Konfession beteiligten. Der Tod hatte, frei von prozentuellen und sonstigen Erwägungen, sich nicht darum gekümmert, daß unter den Jünglingen, die für das ungarische Vaterland ihr Leben geopfert, 20 Juden und 29 Christen waren, und auch keiner der. Redner fand es am Platze, über diese weitherzige Ignorierung des Numerus clausus-Prinzips ein Wort zu verlieren. Der Numerus clausus lebt nur für die Lebenden.