Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 78 (27.6.1929)
- Date
- 1929-06-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIB STIMME fit. 7» JMCi- ÄU$gei::n werde. Erst als er während jener denkwürdigen Fronleichnamsprozession, von der Begeisterung der Wiener umrauscht und umdonnert, durch die Straßen schritt, weit hinter sich den Kaiser, bei dessen Anblick Begeisterung wie Zuruf kalt verstummten, erst als die ungeheure, die schier beispiellose Volkstümlichkeit Luegers nicht mehr geleugnet und durch Spottartikel nicht mehr gemindert werden konnte, begriffen sie, sehr langsam, daß sich in Lueger der Volkswille, daß sich in ihm die Gesinnung des Volkes verkörpert hatte! Als Theodor Herzl seine Stimme erhob, war die Wiener Judenschaft in einer schwierigen Lage. Die intellektuellen Wiener Juden wußten gar nicht, wie tragisch ihre Situation war. Sie wollten es nicht wissen, wollten nichts davon hören. Sie liebten dieses Oesterreich inbrünstig, empfanden es in ihrer tiefsten Seele als ihr Vaterland und wurden nun «Fremdlinge» gescholten. Dort ausgeschlossen werden, wo man liebt; dort verstoßen sein, wo man sich zugehörig fühlt; dort Schimpf einstecken, wo man Gutes tut; dort angespuckt werden, wo man gleich allen anderen Blutopfer bringt — wenn das keine tragische Situation ist, dann gibt es überhaupt keine. Heute stehen wir dieser Gehässigkeitsschablone aufrecht gegenüber. Sie hat die Kraft verloren, uns zu kränken, sie ist ohnmächtig, uns den Frieden unserer Seele zu rauben. Wir Juden, die wir Oesterreich als unser Vaterland betrachten, wir wissen, daß wir dasselbe Recht daran haben wie die anderen. In dieser Erde ruhen seit vielen Jahrhunderten die Gebeine unserer Vorfahren. Sie haben zehnfach ihre Bürgerpflicht erfüllt, aber selbst der Beste unter ihnen hat kaum ein Zehntel der bürgerlichen Rechte genießen dürfen, die dem Schlechtesten voll zuteil werden, wenn er nur ein Arier ist. Gibt es auch keine Stammesgemeinschaft, so gibt es doch eine Sprach- und Kulturgemeinschaft, die ebenso binden muß. Und die Juden haben zu dieser Sprache, zu dieser Kultur ihren Beitrag in reichem Maße geleistet. Unmöglich konnte Herzl von den jüdischen Intellektuellen verstanden werden, an die er sich zuerst wandte. Er paßte schon nach seinem seelischen und geistigen Format nicht in ihren Kreis. Sie waren Flüchtlinge ihrer Herkunft, Deserteure ihres Blutes — er war ein Prinz seiner Herkunft, ein fürstlicher Bekenner seines Blutes. Sie waren Verstandesmenschen — er war ein Dichter. Sie waren Talente — er war ein Genie. Sie waren Politiker — er war ein Prophet und ein Befreier. Auch er hatte sich einst als deutschen Couleurstudenten gefühlt. Aber der reaktionäre, brutale Gehässigkeitsrummel, der damals an deutschen Universitäten losging, riß ihn aus Illusion und Irrtum. Er hatte dann die reaktionäre Sturzwelle zu Paris erlebt, das Verbrechen an Dreyfus und das voltairische Eingreifen Zolas. Da stand er auf von seinem Schreibtisch, an dem er kleine, bezaubernde Meisterwerke für den Tag ziselierte. Er schritt ins Jahrhundert, in das wirkliche Werden und Entstehen, dorthin, wo es am fiebrigsten glüht. Heute sehen wir Herzls Gestalt besser, richtiger. In der Perspektive der gewaltigen Ereignisse, die sich seither begaben, in dieser völlig veränderten Welt, gehört er immer noch zu den Trägern, zu den Verkündern der Zukunft. Die Spur von seinen Erdentagen leuchtet immer noch voran ins Künftige. Selten hat eine Broschüre den Namen Flugschrift so voll verdient wie seine. Denn sie hatte Flügel. Auf ihren Schwingen hob sie die Seele eines entmutigten, beleidigten, verzweifelten Volkes zur Höhe der Entschlossenheit. Durch sein Auftreten wurde es Tatsache, wie denaturiert, wie gleichgültig, wie abtrünnig die Juden in den westlichen Großstädten eigentlich sind. Sie geben sich willig dem Land hin, darin sie einmal wurzeln. Sie dienen als Männer der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Presse, als Soldaten nicht jüdischen — keineswegs! — sondern deutschen, österreichischen, ungarischen Interessen. Mit Fanatismus. Das ist natürlich und das ist tragisch! Theodor Herzl hat von den Heutigen diese Tragik genommen. Jetzt hat man es längst verstanden, daß niemand, der irgendwo in Europa wurzelt, sich von seinem Mutterboden losreißen soll, um nach Palästina auszuwandern. Jetzt weiß man, daß dieser Weg den Wurzellosen geöffnet ist, den Entrechteten, den Erniedrigten, der Weg in die Freiheit, in das Land der Väter. Jetzt weiß man, daß sie sich dort zu neuen Menschen auf alter Erde wandeln. Diese stille, mühselige, opfervolle Tat, enthusiastisch geleistet von den Aermsten und Verfolgtesten, fordert die tätige Unterstützung der seßhaft Gewordenen, fordert, daß die in Europa, in Amerika oder sonstwo Verwurzelten sich überall zur Hilfe am Aufbau bekennen, daß sie sich zu ihrer Abkunft, zu ihrem Blut bekennen. Durch Herzl wurden die westlichen Juden wieder dem Kepi des jüdischen Volkes genähert, den Menschen, die in Polen, Rumänien, Rußland leben, den Kaftan- und Pajesjuden, den Handwerkern, Hausierern, Kutschern — den Rabbis, den Denkern, den Bewahrern der Bibel, den Hütern uralter Weisheit. Er selbst, Herzl, hatte sie kaum gekannt, als er sein $$$ begann. Das Zusammentreffen mit diesen Urelementen des Judentums wurde sein stärkstes Erlebnis. Dieses Volk haust seit vielen Jahrhunderten in den Kellerlöchern der europäischen Menschheit. Die Folgen davon sind nicht zu leugnen. Aber — das muß gleich dazu gesagt werden — in diesem Volk lebt eine Treue, die noch nirgendwo übertroffen wurde, ein Opfermut, der keine Grenze hat, eine Dulderkraft, die Heldenmut Ist. Sie sind Hunderte und Hunderte von Jahren gezwungen gewesen, nach Besitz zu trachten, weil Geld das einzige Mittel war, sich von Tod, Mißhandlung und Schmach loszukaufen. Dennoch achten sie nicht den Reichtum, sondern das Wissen allein. Dennoch erkennen sie einzig den Geist als das Zeichen des Adels an. Theodor Herzl war 6s, der als erster West- und Ostjudentum zusammenbrachte, der diese ungeheuer wichtige Vereinigung geschaffen hat. Alles vollzieht sich gesetzmäßig! Es mußte ein kultivierter, ein westlicher, ein wienerisch-pariserischer Jude sein, dem es gelang. Anders war es gar nicht möglich. Hätte er seine enorme Wirkung überblicken, können, keine Krankheit und k6ine Kränkung hätte ihn niedergestreckt. Wenn wir uns heute, fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tode, versammeln, um seiner zu gedenken, so wird das kaum eine Trauerfeier. Er weilt unter uns wie ein Lebendiger. Wir. hören sein Her2 schlagen, wir fühlen das Wehen seines Atems. Nirgendwo In der Welt, wo Juden oder Christen das uralte Problem Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Der Oberkommissar für Palästina, Sir John Chancellor, hat am; 18. Juni seinen Urlaub angetreten, den er in England verbringen wird. Er wird; seinen ersten Aufenthalt in London seit Antritt seines Amtes als Qberkommissar für Palästina dazu benützen, um mit den maßgebenden englischen Regierungskreisen über wichtige Fragen Palästinas^Beratungen zu pflegen. Vor seiner Abreise empfing der Oberkommissar zuerst das Mitglied der Zionistischen Palästinaexekutive, Harry Sacher, dann eine von Dr. Thon geführte Abordnung des Waad Leumi, später das Direktorium der Ausstellung für Palästina und den Nahen Osten. Wie wir erfahren, hat der Oberkommissar Herrn Sacher die Versicherung gegeben, daß die Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Klagemauer der endgültigen Erledigung zugeführt werden würden. Es wird auch, so.versicherte Sir John Chancellor ferner,, eine radikale Aenderung. in der Zusammensetzung der Munizipalitäten, besonders des Stadtrates von Jerusalem, erwogen in der Weise, daß die Juden einen ihrer Zahl und ihrer Bedeutung entsprechenden Anteil nicht nur an der Administration, sondern auch an den öffentlichen Arbeiten ganz bestimmt erhalten. Chancellor erklärte, er werde beim Eine Radiorede Marshalls über die Jewish Agency Im Rahmen einer Veranstaltung des New Yorker «Tog» hielt Louis M a r 8 h a U eine Radioansprache unter dem Titel: «Der Weg zur Einigung der Judenheit. Palästina, das Endziel des jüdischen Geistes». Marshall gibt darin eine Darstellung der Entwicklung von der Gründung der Zionistischen Organisation bis zur Gegenwart. Zu fast allen Zeiten — führte Marshall aus seien Enthusiasten aufgetreten, die die Rückkehr nach Palästina für bevorstehend glaubten; jedoch erst, als Theodor Herzl vor einigen dreißig Jahren auftrat, konnte diese Bewegung. feste Formen annehmen. Nach Anführung der auf die «Jewish Agency» bezüglichen Artikel 4 und 11 des Mandats weist Marshall kurz auf die bisherige Tätigkeit der Zionistischen Organisation unter dem Mandat hin. Diese Tätigkeit habe sich nicht auf die im Mandat vorgesehene beratende Funktion beschränkt, sondern die Organisation habe Land zur Ansiedlung der Einwanderer erworben, ein großes Erziehungswerk geschaffen, nach Möglichkeit Industrie und Handel gefördert und eine Anzahl jüdischer Kommunen, In denen wieder ein jüdisches Leben, frei von jeder Hemmung, geführt werden könne, aufgebaüt. Sie habe sich vor schwere Probleme gestellt gesehen, vor allem hinsichtlich der vorhandenen Bedingungen im Lande, an deren Lösung man aber mit Enthusiasbedenken und besprechen, können sie an Theodor Herzl vorbei. Wir haben durch ihn gelernt, daß es nichts anderes gibt, als sich einfach zu sich selbst zu bekennen. Aufrecht, ohne Herausforderung, ohne Stolz, aber auch ohne Untertänigkeit. Durch Theodor Herzl sind wir aller wehleidigen Sentimentalitäten entledigt. Wir stehen in einem Kampf. Wenn auch zahllose blutige Opfer gefallen sind und immer noch fallen — wir haben manchen Sieg errungen und mancher Sieg winkt uns noch. ich bin nicht Ihr Parteigenosse, so wenig wie Ich irgendeiner anderen Partei als Genosse angehöre. Nichts anderes bin ich als ein einfacher Mensch, der vom Ethos der Bibel durdrungen ist, der fest daran glaubt, daß die Bibel das Antlitz der Menschheit verändert, daß sie es verschönt hat, daß sie es immer wieder und wieder verändert und verschönt. Aber ich bin Ihr Bruder im Sinne Herzls, und wenn ich heute zu Ihnen sprechen darf, so habe ich keine andere Legitimation, als daß ich so glücklich war, Theodor Herzl in seiner Schicksalsstunde zu begegnen, zu begreifen, und zu lieben. Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie tief es mich und mit mir wohl viele andere meines Alters begeistert, die Größe Theodor Herzls mehr und mehr sich entfalten zu sehen; zu sehen, wie dieser wunderbare Mann seelische Befreiung wirkt, der den tausendjährigen Propheten- und Rebellenruf wieder erschallen ließ: «Heraus aus Mizrajim, heraus aus der Knechtschaft!» Kolonialamt in London diese sowie andere Maßnahmen besprechen und die schwebenden Fragen einer Lösung zuzuführen trachten. Auch über die von den Arabern jetzt geforderte Einsetzung einer gesetzgebenden Körperschaft werde er eine Beratung abhalten; Herr Sacher enthielt sich einer Meinungsäußerung bezüglich dieser Frage. Die Abordnung des Waad Leumi ersuchte den <jberkommissar, in eine erneute Erwägung betreffend die Zusammensetzung der sogenannten transjordanischen Grenzmacht, aus der Juden faktisch ausgeschlossen sind, zu treten, sowie auch bei der Polizei Verhältnisse zu schaffen, die dazu angetan sind, auch Juden den Eintritt in die Polizei als erstrebenswert erscheinen zu lassen, da unter den gegenwärtigen, bei der palästinensischen Polizei herrschenden Verhältnissen die Zahl der jüdischen Mitglieder der Polizei sich fortschreitend verringert. Sir John Chancellor wies in seiner Antwort an die Abordnung des Waad Leumi auf die schon vom früheren Oberkommissar Lord Plumer in dieser Frage eingenommene Haltung hin und bedauerte, daß es auch ihm nicht möglich sei, hier eine radikale Aenderung eintreten zu lassen; die Regierung werde Jedenfalls bestrebt sein, für den Polizeidienst sich eignende Juden einzustellen. mus, Hingabe und erstaunlicher Initiative herangegangen sei. Die Führer des Zionismus hätten nun erkannt, daß, wie auch der Artikel 4 des Mandats es ausspricht, der Aufbau des jüdischen Zentrums nicht nur Aufgabe der Zionisten oder irgendeiner anderen Gruppe in der Judenheit, sondern die Pflicht ganz Israels sei, so daß sie suchen mußten, die Mitwirkung aller Juden zu gewinnen, die bei der Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte zu helfen gewillt waren. Ebenso hätten sie die Notwendigkeit empfunden, mehr an die unmittelbare Gegenwart als an eine ferne Zukunft zu denken, und sie wären zu der Erkenntnis gekommen, daß die gemeinsame Anstrengung nur dann von Erfolg gekrönt sein konnte, wenn einer die Anschauung des anderen, möge sie von der eigenen noch so verschieden sein, achte und niemand gezwungen sei, Ueberzeugungen, von denen er tief durchdrungen ist, preiszugeben. So hätten Verhandlungen zwischen zionistischen Führern und anderen, die, trotzdem sie einige der zionistischen Anschauungen nicht teilten, doch eine immerwährende Liebe zu Palästina, zum jüdischen Volk und seinen Ueberlieferungen fühlten, begonnen. Die Juden der ganzen Welt, besonders die amerikanischen, seien einander durch diese Verhandlungen nähergekommen und hätten sich gegenseitig besser achten und schätzen gelernt als früher. Dies sei ein gutes Omen für die Erreichung des gemeinsamen Zieles durch Einigkeit und Hingabe an den Geist des wahren Judentums. Aber man dürfe nicht vergessen, daß der gute Wille allein nicht genüge, sondern daß nur harte Arbeit, die Geduld des Geschäftsmannes und ein der großen Sache gewidmetes Leben unsere Mühe mit Erfolg krönen könne^ Führende palästinensische Juden verabschieden sich vom Oberkommissar Chancellor wird in London über wichtige Palästinafragen verhandeln