Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 77 (20.6.1929)
- Date
- 1929-06-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nh 77 DIE STIMME Sette 3 Die Persönlichkeit Herzls als Kraftquelle des Zionismus Von Adolf Böhm, Wien Herzls edle und bezaubernde Persönlichkeit, lebendigst empfunden von Freunden, steigt aus diesen Blättern wieder ins helle Licht herauf*). Die Mischung seiner Anlagen tritt deutlich hervor, doch viel weniger die Polarität, die in seinen Charaktereigenschaften vorhanden war, wie sie seine «Tagebücher» in verblüffender Weise enthüllten. Sie lag nicht in seiner Doppelstellung als Literat und Politiker. Denn daß ein großer politischer Führer auch Romancier sein kann, hat der große Jude Disraeli schon vor Herzl bewiesen. Kürzlich ist sogar eine Novelle des jungen Napoleon ausgegraben worden. Diese Verbindung ist durchaus nicht merkwürdig. Phantasie, Entwerfen von Plänen, Gestaltungskraft, Formung von Schicksalen, Spiel mit Menschen, all diese Gaben und Fähigkeiten müssen söwohl Politiker als auch Romanciers in irgendeinem Grade besitzen. Doch was an Herzls Charaktermischung am meisten verblüfft, ist das Zusamniensein von visionärem Sehen, prophetischem Blick, ungeheurem Führerbewußtsein, adeligem Stolz mit einem. Ernstnehmen der Außenseite des diplomatischen Spieles, einem oft völligen Verkennen der realen politischen Kräfte (siehe z. B. sein gänzliches Mißverstehen der sozialistischen Bewegung), und einer rein technisch-äußerlichen Auffassung der Möglichkeiten zur Entfesselung politischer Energien.. Anläßlich des Erscheinens der Tagebücher hat man vielfach den Kopf geschüttelt, als man von diesen Schwächen genauere Kenntnisse erlangte und da und dort hat sich das Bild des großen Führers etwas getrübt. Zwar sind 25 Jahre keine Zeitspanne, nach der man einen sekulären Menschen richtig einschätzen könnte, doch ist gerade die Persönlichkeit Herzls heute, da die von ihm so mächtig nach vorwärts gerissene Bewegung die von ihm gesteckten Ziele verwirklicht, in ihr nach Bild und Wirken allgegenwärtig und bewußtseinswach. Angesichts dieses ungerechtfertigten Geringerachtens der Person Herzls wegen einiger Schwächen muß an die Lehren der Geschichte erinnert werden, die zeigen, daß selbst ihre größten Erscheinungen gerade dort, wo sonst ihre Stärke lag: in der Beurteilung der realen Kräfte der Welt manchmal die un- *) Der vorliegende Artikel unseres geschätzten Mitaflbeiters erscheint gleichzeitig in d-er Sanrnielschrift «Zeitgenossen ' über Herzl'», die von Dr. T. Nussenblatt im Verlage Hickll, Brünn, herausgegeben wird. einer Audienz.» Wie eine Erlösung traf ihn diese Nadiricht! Auf jubeln möchte er! Auch Bismarck wiird Übergängen! Dieser Junker, der mich keiner Antwort gewütrdigt hat! Alles muß in Bewegung gesetzt werden, damit das Juden!eid auch die höchsten Throne Europas aufnütteilt1. — Ja, zäum Kaiser Wilhelm gebts! Aber nicht in1 Berlin, — nein,' dort, in Palästina, wird1 er um eine Audienz 'bitten, — als Fürst der Juden zum Fürsten Europas sprechen, Volikssiomverän zu Volikissouverän. — ja, aber der Brief Benedikts, — dachte er, und mein krankes Kind, mein krankes Kind! — «Wie kann ich denn jetzt weg, wieder weg! Ach mein armer Kopf, —. w!e d.er schmerzt und wie es darin hämmert...» Was tun,, was tun? — Warum hat gerade mich das Schicksal aus erwählt, daß ich für mein Volk verblute? Wäre es nicht besser, meinen Judenstaat niur als Roman erscheinen m lassen, wie ich das ursprünglich beabsichtigte? — Er ging im langen Zimmer herum und nur das Ticken der alten Renaissanceuhr unteiibrach die lähmende Stille. iplötz'lich nahm Herzl das KursWuolil, — durchfofliätterte es blitzartig. Abfahrt Wien', fünf fünfzig Schnellzug Berlin, Ankunft abends. Er muß fahren! Er nnuö fahren!, es gibt kein Zurück. — .«Hundert Generationen warten auf meine Zusammenkunft mit dem höchsten Lenker europäischer Politik, — ich bin nur ein Werzeug der Geschichte und alles andere ist Stairb und eitel Beiwerk . . . Mit hurtigen Zügen kritzelte er ein paar Worte aufs Papier: «Liebe Julie, .ich muß in dringender Angelegenheit nach Berlin, — ich mu ß, Kind, frage nicht weiter und verzeih! Ich komme in ziwel Tagen. Unserem kranken Kinde kaufe einen Maikäfer mit glitzernden Flügeln, — nicht vergesse«'. Es küßt Dich, Dein Dorf.» — Den Brief steckte er in die Türspalte des Zimmers seiner Frau und dann ging er leise, ganz leise ins dämmernde Kjndenzimmier, — setzte sich an das Bett de® kranken Kindes und begann bitter zu weinen. — Als er reisefertig in der Morgendämmerung vors Hawstor trat, da fuhr gerade vor das gegenüberliegende Sanatorium ©in schwarzer Wagen vor. Er sah ihm oft, als die schlaflosen Nächte ihn auim Fernster seine® Arbeitszimmers trieben. Es war der Wagen, der die Kranken aus der Anstalt in die Ewigkeit birvülberschallte. Uind da durcliizfucktc den miliden Wanderer ein dumpfes Ahnen.: auch der Weg des Judenvoikes führt über Deine Leiche.- begreiflichsten Fehler machten und oft durch sie stürzten. Diese Tatsache bringt z. B., allerdings in sehr übertreibender Weise, den großen Historiker Gregorovius in seinem Rombuche, angesichts der manchmal unbegreiflichen falschen Einschätzung der realen Verhältnisse durch den politisch begabtesten und erfolgreichsten Papst, den gewaltigen Innozenz III. zu der Klage über «die blinde Unwissenheit auch der hervorragendsten Geister über die Gesetze und den Gang der Welt», wobei er unter «Geister» die großen Politiker meint, die. selbst der Weit die Form geben. Herzls säkuläre Größe kann durch jene Schwächen nicht verdunkelt werden, nicht bloß aus dem banalen Grunde, weil sie im Vergleich zu seiner Bedeutung gering waren, sondern weil sehr wohl die Frage aufgeworfen werden kann, ob es nicht notwendig war, daß Herzl für manche «Gesetze und den Gang der Welt» blind sein mußte, um quasi nachtwandlerisch der «Utopie» nachzujagen! Erscheint er ab und zu in den Tagebüchern wie ein Abenteurer, der durch persönlichen Zauber, Geflecht von Beziehungen und Protektionen von hohen Herren ein Königreich erobern will, so ist diese donquichotteartige Haltung die Folge weniger seiner unrichtigen Abschätzung der die Welt bewegenden Kräfte, sondern der Reflex der politischen Ohnmacht der von ihm geführten Bewegung, des von ihm geführten Volkes. Hätte Herzl eine andere Auffassung jener Kräfte gehabt, so hätte er gar nicht mit der diplomatischen Aktion anfangen können, weil er sie für undurchführbar gehalten hätte. Sein Buch, «Der Judenstaat» wäre eines seiner literarischen Werke geblieben, er selbst, kein Führer geworden. Er hätte sich gesagt, daß ein ohnmächtiger Faktor in der Politik nie etwas erreichen kann. Deshalb war jene etwas schiefe Auffassung der politischen. Energetik bei Herzl gar nicht so sehr aus einer bestimmten Blickrichtung geboren, sondern der Eigenart seines «Muß» entsprungen. Denn daß Herzl jedenfalls ein politisches Genie ersten Ranges war, erhellt schon aus seiner intuitiven Erkenntnis, daß die Judenfrage eine politische Frage und nur auf politischem Wege durch Aufrichtung einer jüdischen politischen Macht zu lösen sei. Daß seine Methoden zeitbedingt, aber nicht falsch waren, bewies schon zu seinen Lebzeiten sein Erfolg bei England, das ihm ein Land zur Kolonisation angeboten hatte und, später der politische Enderfolg der Bewegung, die Balfour-Deklaration, die nie gegeben worden wäre, ohne die Vorarbeit der Aufklärung politischer Kreise über den Zionismus, die Herzl geleistet hat. Ferner: Die Kraft für seine persönliche Opfertat schöpfte Herzl durchaus nicht aus seinem von ihm selbständig gefundenen und vertretenen politische n Axiom. Das Ziel war politisch, aber der Rechtsanspruch moralisch und historisch. Es war mehr der m o r a 1 i s c h e als der politische Furor, der ihn trieb, ein urjüdisches prophetisches Erbgut Dadurch erscheint Herzl nicht nur als der Bahnbrecher des Zionismus, sondern als erster moderner Politiker, der, ohne jede politische Macht hinter sich, allein auf die Idee des Rechtes pochend, eine, ihrer inneren Beschaffenheit nach politische Forderung erhebt, seiner Zeit weit vorauseilend. Bei dieser Lage konnte Herzl nicht anders als an die Berechtigung der jüdisch-politischen Forderung so stark glauben, daß er ihrer bloßen Stellung durchschlagende Macht zuerkannte. Damit war seiner «Politik» eine merkwürdige Rolle zugeteilt: Wenn überall Politik ein Einsetzen und Sichmessen sehr realer Machtfaktoren und das Erreichte die Resultierende des Kräfteparallelogramms bedeutet, so verfügte Herzl nicht über solche «reale» Kräfte, sondern nur über eine moralische Forderung, an deren Berechtigung und zwingende Macht er glaubte. Politik konnte also für ihn nur etwas Sekundäres, ein Mittel sein, seine Forderung anerkennen zu lassen. Und dies mußte durch «Machthaber» geschehen, die sofort gewähren konnten. Solche einzelne konnten leichter und schneller gewonnen werden als Parteien und Völker. Und mit diesen einzelnen, den «Machthabern», konnte nur der einzelne verhandeln, mit den Ministern er, der geborene Staatsmann, mit den Monarchen, er, der geborene König. Sprach Herzl auch von der «öffentlichen Diskussion», die durch die Zionistenkongresse herbeigeführt werden sollte, so meinte er damit durchaus nicht, daß auf dem langsamen Weg der Gewinnung der Völker für die zionistische Idee der Erfolg erzielt werden sollte und andererseits drückte er durch jene Bestimmung seiner Aufgabe, den Kongreß in bezug auf die auf ihm erfolgte Willensbildung des jüdischen Volkes von der Bedeutung eines Parlamentes herab zu einer Proklamationstribüne, Wo immer man Herzls Wirken näher nachgeht, UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag 8 Uhr abends. Fahrtdauer unter Berührung von Brindisi bloß 51/, Tage Fahrpreise: I. Kl. Lst. 22.-.-, II. Kl. Lst. 15.-.-, III. KI- Lst 5.—,— inklusive Kabine und Verpflegung. Eine Fahrt Triest—Jaffa—Haifa und zurück kostet in der 111. Klasse inklusive Kabine und Verpflegung bloß österr. Sch. 3*5.—. Für Gesellschaftsreisen besondere Ermäßigung!. Auskünfte: Lloyd Triestino, Wien, I., Kärntnerring 6 TRIEST-JAFFA TRIESTINO LLOYD DIREKTE LINIE immer findet sich die eine und einzige Auffassung bei ihm: «Ich habe dem jüdischen Volke die magna Charta zu verschaffen». Denn Herzl war eine Persönlichkeit, die von dem «Charisma», das auf ihr ruhte, vollkommen überzeugt war. Dies war für seine Zeit etwas unerhört Neues. Wohl gab es auch damals Persönlichkeiten, die an ihre Begnadung glaubten, wie z. B. Wilhelm II., doch dieser war ja durch Erbgang, nicht durch eigenes Verdienst heraufgekommen. Erst die Nachkriegszeit hat in Lenin, Mussolini, Kemal, Führer mit so gewaltigem Auserwähltheitsbewußtsein gesehen. In der Zeit Herzls, der Zeit, wo die materialistische Geschichtsauffasung jeden Heroenkult lächerlich machte, ja, wo man den Begriff des Führers (obzwar man selbst dem geborenen Führereinem Bebel, einen Viktor Adler, blind folgte, von der Vergottung Marxens ganz abgesehen)] möglichst vollkommen aushöhlen wollte, war die Erscheinung Herzls, des Charismatikers, von faszinierender Wirkung nicht nur auf die Juden, sondern, wie es die Erinnerungen bezeugen, auch auf bedeutende Personen anderer Völker. Doch diese Wirkung nach außen ist nicht zu vergleichen mit jener, die Herzls Persönlichkeit auf die Juden selbst ausgeübt hatte. Seine Persönlichkeit lind nicht in erster Linie seine grandiose Zielsetzung: Denn die Forderung politischer Selbständigkeit der Juden fand sich schon 1882 ähnlich bei Leo Pinsker in einer Schrift «Autoemanzipation», die an logischer Schärfe und epigrammatischer Fassung den «Judenstaat» Herzls weit überragt, und doch ist Leo Pinsker nicht Führer geworden, sondern nur «Vorsitzender» der Ghowewe Zion. Herzls adelige, ja königliche Persönlichkeit, nicht in erster Linie seine Zielsetzung war es, die es ihm ermöglichte, aus den Juden ein Volk, d. h. eine politische Nation zu bilden. Deshalb ist es kein Wunder, daß sich mit seiner Person Erinnerung, Phantasie, ja Mythenbildung des Volkes immer aufs neue befaßt. Seine Tat ist heute ja in die Geschichte eingegangen; Theodor Herzl hat die politisch-jüdische Nation geschaffen und die Judenfrage zu einer politischen Weltfrage erhoben, was seine Leistung vielleicht am stärksten von der aller seiner Vorgänger unterscheidet und die wichtigste Wendung in der Geschichte der Juden bedeutet hat. Er hat der jüdischen Nation das politische Ziel gesteckt, Instrumente -—vor allem die zionistische Organisation .— zu dessen Erreichung geschmiedet, hat durch sein persönliches Wirken mächtig dazu vorgearbeitet, daß bloß 12 Jahre nach seinem Tode, 20 Jahre nach dem von ihm einberufenen 1. Kongreß das politische Ziel durchgesetzt wurde. Er hat in seiner Persönlichkeit dem Judentum neuen Adel verliehen, hat es zu Würde, zu neuer Selbstachtung gebracht und ein Beispiel der Aufopferung von Gut und Blut für das einmal ergriffene Ideal gegeben. So ist die geschichtliche Wendung des Schicksals des jüdischen Volkes Theodor Herzl zu verdanken. Niemals aber hätte er dies zu wirken vermocht, wenn er bloß über Idee und Willenskraft verfügt hätte und nicht begnadet gewesen wäre durch jene Dämonie, die ihn überschattete, fortriß, verzehrte und die als unsagbarer Zauber, unentrinnbar überwältigend, alle in seinen Bann zog, die ihm je genaht. Sir Chancellors an Makkabl Der Oberkommissär für Palästina, Sir Joljju Chancellor,. veröffentlicht soeben eine Kundgebung, in der er die sportliche Höhe und den Geist mustergültiger Disziplin der jüdischen Jugend Palästinas, die sich während der Maccabi-Sporttaguug zu Passah, der er mit Lady Chancellor beiwohnte, kundtaten, rühmt und mit den Worten schließt, die Zukunft Palästinas hänge von der Tüchtigkeit seiner Jugend ab.