Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 77 (20.6.1929)
- Date
- 1929-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 DIE STlftHE Nr. 77 Theodor Herzls geistiger Weg Von Dr. Martha Hofmann, Wien kl Herzls Natur lag j-ena Spannung, die das jüdische Volk vielfach auSweist: die Spannung zwischen Expansion und Konzentration:, hi ihm überwag die expansive Kraft, der Drang n-aoh Wirkung, nach Gestaltung der äußeren Welt, auch nach persönlicher Geltung. Ihm ist von Anfang an die Welt mehr «Wille» als «Vorstellung». Daran liegt es, daß er als Schriftsteller kein ungetrübter, objektiver Spiegel der Umwelt sein kann, daß erkenn «naiver Dichter» im Sinne Schülers ist. Br schildert Menschen und Dinge fast niemals wie sie sind, sondern wie sie sein sollten, ln ihm lebt ein vorgefaßtes Ideal seiner selbst und des jüdischen Volkes, ein ethisch-ästhetisches Ideal, dessen Forderung er der Außenwelt präsentiert. Was als Schriftsteller ein Mangel ist, befähigt ihn zum Führer. Er keimt und anerkennt kein KomproirSß, wie es in der ihn umgebenden Welt vorhanden war und ist. Herz! glaubt an den idealen Juden wie an den idealen zukünftigen Juden Staat, dessen Konturen seine stark konstruktive Phantasie entwirft. Schon in frühester Jugend äußert sich diese schöpferische Phantasie, und ziwar sind es bemerkenswerterweise die großen technischen Errungenschaften der Zeit (Suezikanal und Vorboten des Luftschiffes) und die P o 1 i t i k (die erste Pubflikatioin des Siebzehnjährigen: «Das Haus der Gemeinen»), die den Knaben am stärksten an regen. Der künstlerische Wert der Produktionen jener frühen Epoche im Leben Theodor Herzls wird durch starken Willen nach Erfolg und äußerer Wirkung beeinträchtigt. Erst als Herzls Tatendrang sein wahres, ihm innerlich entsprechendes Arbeitsfeld gefunden hat, gewinnt er auch als Schriftsteller an Bedeutung. Seine menschliche Entwicklung und Vertiefung findet der von der Mutter vergötterte Sohn teils durch tragisches Erleben, wie den frühen Tod der einzigen Schwester und den Selbstmord seines* gleichsam als «Doppelgänger» empfundenen Freundes Heinrich Kana, der ihn wie ein dunkles «Momento-Mori» berührt, teils durch schonungslose Selbstkritik, hervorgerufen durch äußere Entmutigung. In der Zeit seines äußeren Aufstieges, als er die viel beneidete literarische Stellung erst in Paris und dann in Wien einnimmt, erlebt er innerSch eine schwer zu überwindende menschliche Katastrophe: die Verzweiflung an sich selbst. Briefe dieser Zeit — namentlich an Arthur Schtn-itziler und Heinrich Tewales — geben hierüber erschütternden Aufschluß. Damals entsteht in ihm die ekstatische Stimmung der «Sendung» für das jüdische Volk, die Bereitschaft, die zionistische Bewegung, die er ins Leben gerufen, auch mit Hingabe seiner selbst zu Ende zu führen. Zw dieser Zeit, als Herzl beschließt, das Leben nicht mehr als Traum, sondern als Kampf zu erleben, als erden ihm eingeborenen intensiven Willen auf eine überpersönirohe Idee hintlenkt, gewinnt er, scheinbar paradoxer Weise, auch als Schriftsteller ganz außerordentlich. Er hatte a,ut realen Gebieten, wie Politik, Soziologie, aber auch Nationalökonomie und Technik erstaunlich viel angelernt. Er ahnt, dank seiner schöpferischen Phantasie, die ungeheuren, noch sohluimmernden Möglichkeiten in diesen aufsteigendem Wissenschaften, Und dann erwacht in dieser Zeit der Willensanspaninung in ihm ein um so größeres Heimweh nach dem verlorenen «Gan Eden» der reinen Schau und des kontemplativen Künstlertums. Jetzt erst zeigen seine Schriften jene reine, vom «Ich» ausgelöste Stimmung, die das hohe Kunstwerk bedingt. Darum auch rühren ihn die Kinder so sehr, weil sie ganz naives, triebhaftes Sein sind. Erst als Herzl aufgehört hat, ein Literat zu sein, ist er Dichter geworden. Man ist heute geneigt, Herzls Leistungen für die Anfänge der Bewegung, seinen rastlosen Verkehr mit Potentaten und Ministern, zu unterschätzen. Zweifellos : entspricht vieles davon nicht mehr ganz unserer heutigen Auffassung von Politik. Aber vergessen wir nicht, daß es Herzl tatsächlich gelang, durch die gewaltig suggestive, gdaubenbifdende Kraft seiner Persönlichkeit die bedeutendsten Maohtfaktoren der damaligen Zeit für die junge und machtvolle Bewegung zu interessieren und ihr dadurch, ein öffentliches Prestige von Anfang an zu sichern. Seme ethische und ästhetische Persönlichkeit besaß die seltene Kraft, im anderen die Vision des antiken Juden durch den Schuft der Jahrtausende hindurch auferstehen au lassen. Man glaubte an ihn, diesen, wahrhaft vornehmen und adeligen Menschen, und dadurch an das Judentum., als dessen Repräsentant er erschien. Henzl war nie durch seine faszinierende Wirkung auf Massenau berauschen. Vielleicht liegt hierin ein Körnchen aristokratischer Verachtung der Menge, jenes «Odi profamum voilgus» des von ihm so ihäufrg zitierten H-oraz» zweifellcG aber bedurfte er der Bejahung durch seine nächsten Freunde und er litt unauseprechlicfh, wo ihm diese — wie zuweilen von Nordau— versagt wurde. Anderseits vermochte Henzl sich ^selbst durch große, visionäre Vorstellungen m " 'jV / berauschen«, ln der Türkei empfindet er trotz allen Schmutzes, trotz aÄer Korruption der gegenwärtigen Zustände, das phantastisch Märchenhafte des Morgenlandes. Im jüdischen Osten erfuhr er nun eine tiefe Depression. Vom Wesen des Ohassidismius ahnte er nichts. Er floh entsetzt aus dem Taumel der für ihm begeisterten Menge in Wilna. Das Ostjudentum entsprach nicht dem ästhetischen Ideal, an das er gdaubte und glauben wollte. Anderseits war es nicht wie «Mauschcl» durch Verachtung zu negieren. Hier blieb eine unstillbar schwärende Wunde. Herzl litt unsagbar auf dieser Fahrt nach dem jüdischen Osten, bei dem Zusamimenpraü mit der nackten jüdischen Wirklichkeit. Dieser Eindruck mag dazu beigetragen haben, daß Herzl sich — wider alle Träume seiner Phantasie — dazu entschließ, Uganda dem Kongreß vorauschlagen. Natürlich war es nicht dieser Umstand allein, der ihn veranlaßt«, dem englischen Angebote näher zu treten. Aber das dringende Bedürfnis nach sofortiger Linderung der als furchtbar erkannten, schreienden Judennot spielte wesentlich mit Es war vielleicht für den Herzl jener Zeit, dem utopischen Dichter von «Alt-Neuland», mehr als für irgendeinen anderen Zionisten ein tragisch schwerer Verzicht auf sein Ideal. Um so furchtbarer empfand er selbst den Riß, der damit in die Bewegung, in den von ihm selbst mit so viel Herzblut geschaffenen Kongreß kam.. Ein Riß, der, wie er in sein Tagebuch schreibt, mitten durch ihn selbst (hindurchiging. Je müder Herzl wird, je leidender sein Herz, desto häufiger erscheint ihm die dichte rische Vision einer um- Konhnrsaasschrelbnna! Diejüdisch-askenasische Gemeinde Sarajevo benötigt einen qualifizierten Religionslehrer für Volksschulen. Derselbe wird nebstbei kantorale Funktionen zu versehen haben und soll daher über eine schöne Stimme und musikalische Ausbildung verfügen. Die Anstellung ist anfangs provisorisch. Vorrang haben jugoslav. Staatsangehörige. Bei anderen Staatsangehörigen ist die Kenntnis einer slavischen Sprache erforderlich. Offerte sind unter Beischluß von Personaldokumenten und des Entsoldungsanspruches bis Ende Juni l. J. an das Präsidium der obgenannten Gemeinde zu richten. Reisespesen werden nur den zum Probevortrag berufenen Reflektanten vergütet. endlich friedlichen, zum Himmel ansteigenden Wiese, auf der er — ein junger Manm — im Glanze des Abendrotes, langsam dahinschilendert Immer mehr, immer klarer fühlt er, daß er der aufreibenden .Tätigkeit die-, ser Kämpfer ja h.re nicht lange mehr gewachsen sein werde. Mehrfach trägt er in sein Tagebuch ganz sachlich registrierende Erwägungen seiner Herzahfäfle und 0hutmaohtszustände ein. «Cela m* empörte ra «um jour» sagt er wie unpersönlich. Die Erschütterungen des aufgeregt-spannenden, letzten Jahrzehnts, namentlich aber dieser «Riß» des sechsten Kongresses, haben ihn vor der Zeit verbraucht. Herzl aber stirbt nicht schwer. Er weiß, daß er aus seinen Leiden diejenigen hohen Taten, und Lieder geschöpft und gehoben hat, in denen, nach einem Wort inseiner Erzählung «Sarah Holzmann», «große Seelen sich Luft machen», wenn sie «recht sehr zerknittert und mißhandelt werden». Herzl fand zur Größe erst durch die Tragik. Er ging den Weg des Geistes ... Unsere Hoffnung Eine Reminiszenz von Dr. David Rothblum Wer das Glück hatte, derp Meister jemals nahe gewesen zu sein, weiß, was ihm das Problem der jüdischen Jugend bedeutet hat. Aus den Judenjungen junge Juden zu machen, war ihm nicht ein Wortspiel, sondern eine der schwersten Sorgen in seinem gigantischen Staatsplan. Es gab keine Unterhaltung mit ihm, in der die Frage der Jugenderziehung nicht behandelt, besprochen, gestreift wurde. Am wohlsten fühlte er sich mitten in seiner jüdischen Jungenschar, zwischen Studenten» intellektuellen Jünglingen und aufstrebenden Schriftstellern. Jeder junge Zionist war in seinen Augen ein Soldat, ein Pionier. Er hatte die seherische Vorahnung der Chaluziuth . . Die Gründung einer Jugendzeitschrift in Wien war seine Lieblingsidee, auf die er wiederholt zu sprechen kam. Er selbst war ein ausgezeichneter Kinderpsychologe, wovon seine. Kinderfeuilletöns Zeugnis ablegen. Hatte doch sehon «Trudcls .Träne» seinen Namen in die ganze deutsch losem'? Welt gertagen. Sicherlich hätte er die Zeüur " für die jüdischen Kinder selbst gemacht, wenn es nur physisch möglich gewesen wäre. Im Jahre 1902 befand ich mich in einer Studentendeputation, die bei Herzl vorsprach. Die Zeitung war nöch immer nicht da. Man sprach davon, es war unvermeidlich. Ich wagte zu frage«: wie sollen wir die Zeitschrift benennen? Er schlug die großen Augen auf und sagte nach kurzer Ueberlegung: «Unsere Hoffnung». Trotzdem konnten wir das Blatt erst 1904 herausgeben. Das größte Verdienst daran traf Josef Haas, einen armen Studenten, der der kümmerlichen Wohnung seines Vaters ein Kabinett als Redaktions¬ und Administrationslokal abgerungeii hatte. Wir schritten an die Arbeit. Oskar Rosenfcld entwarf das blau-weiße Titelblatt. Einladungen zur Mitarbeit sind an die Prominenten ergangen. Wenn ich nicht irre, war es Freud, der Herzls Beitrag Oberbrachte. Der fein säuberlich, handgeschriebene Artikel war natürlich als Geleitwort gedacht und führte den Titel: «Unsere Hoffnung». Ich könnte ihn noch jetzt auswendig hersagen. Der Jubel war groß. Einige Tage später gab es eine große Verlegenheit. Von Osias Thon aus Krakau kam . ein Beitrag, der ebenfalls «Unsere Hoffnung» überschrieben war. Es war klar, daß man nicht zwei Artikel mit einem und demselben Titel bringen konnte. Wir beschlossen daher, Dr. Thon zu bitten, den Namen seines Aufsatzes zu ändern, nachdem Herzl vor ihm einen Beitrag mit derselben Ueberschrift eingesendet hatte. Die schriftliche Bitte wurde höflich vorgetragen. Allein Thon, der in jungen Jahren sehr empfindlich war, lehnte kurz und bündig ab. Wir waren in größter Verlegenehit. Was tun? Es war eine lange, lange Debatte. Man entschloß sich,-Herzl in einer entsprechenden Form die Wahrheit zu sagen. Der Meister ließ sich ruhig alles erzählen und lächelte. Er nahm das Manuskript in die Hand, durchflog es, dachte nach und führte über den Titel «Unsere Hoffnung» zwei dicke Federstriche und schrieb darunter: «Reisesegen». Weiß Gott, ich bin nicht abergläubisch. Als aber die energischen Striche über die Worte «Unsere Hoffnung» geführt wurden, habe ich dem Unternehmen kein gutes Horoskop gestellt. Und doch haben wir uns einige Jahre gehalten. Der Nachruf eines politischen Gegners -Unmittelbar nach der Bestattung Theodor Herzls hielt der damalige Präsident der Wiener Kultusgeraernde, Dr. Alfred Stern, in der ’Vertretersitzung des Kollegiums vom 7. Juli 1904 die nachfolgende Rede, die uns von Herrn Saul Chajes mitgeteilt wird. Wir kommen von einem Begräbnisse. Vor einer Stunde haben wir einen der edelsten Söhne unserer Gemeinde, Dr. Theodor Herzl, zu seiner letzten Ruhestätte geleitet. Als ich vor ein Paar Tagen — ich -weilte damals in Prag — die mich tiefet erschütterden Todes-, naohricht erhielt, richtete -ich sofort ein Beileidstelegramm an die «Neue Freie Presse»;- beauftragte ich ferner telegraphisch das Bureau der Gemeinde, in meinem Namen sofort Beileidstelegramme an alle Beteiligten (deren Adresse ich in Prag nicht erfahren konnte) zu entsenden. Und nach meiner Rückkunft hieher erklärte ich mich bereit, namens des Vorstandes unserer Gemeinde diem Dahingeschiedenen am Grabe ein Wort des Nachrufes zu sprechen. Es ist ihnen bekannt, daß Herzl testamentarisch sich jede Grabrede verbeten hatte. Wenn ich nun hier, in dem kleinen Kreise der Vertreter unserer Gemeinde dem Dahingeschiedenen ein Wort des Gedenkens weihe, so ist es wohl selbstverständlich, daß vor dem frischen Grabhügel der Kampf der Meinungen ruht, daß ich es nicht als meine Aufgabe betrachte, heute hier des politischen Zionismus, dessen hochbegabtester, energischer Vertreter und Führer der Dahingeschiedene war, zu erwähnen, daß Ich der auch nur entferntesten Berührung der Frage, ob wir es da mit erreichbarer, realer Wirklichkeit oder mit einer, vielleicht nicht gefahrlosen Utopie zu tun ljaben, aus dem Wege gehe. Wohl aber muß es anerkannt und ausgesprochen werden, daß unser hrngeschiedener Olaubensbruder Theodor Herzl mü allem Feuereifer, dessen nur eine den edelsten Regungen offene Menschenseele fähig ist, mit aller Liebe für seine Stammesgenossen, wie sie nur ein wahrhaft gutes Herz empfindet, mit aller ihm in so hohen Maße eigenen Begabung in Rede und Schrift, mit dem ganzen ihm eigenen Zauber seiner Persönlichkeit für seine Ideale eintrat. Er sah die Verfolgung, die Leiden seiner Stammesbrüder; er sah den schweren Druck, unter dem sie seufzen, dort in jenen Barbarensändem de6 Ostens und Nordens, über welchen noch die Nacht des Fanatismus und Vorurteils lagert, wo die Sonne der Humanität, der Aufklärung, der religiösen Toleranz noch nicht auf gegangen ist; er s/rh die Kränkungen und Be-‘ dfOckungcn, unter denen sie leiden — auch in Mitteleuropa, auch bei uns, in Oesterreich. Und wenn mm da