Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 77 (20.6.1929)
- Date
- 1929-06-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 am STIMME Nf. rr nicht von Herzl geprägt worden. Aber die Bezeichnung «politisch* ist für diese Bewegung die einzig mögliche. Denn was ist Politik? Politik ist das Einstellen eines Volks- oder Staatswillens auf ein bestimmtes Ziel, nicht für Tage und Zeitläufte, sondern für Generationen, deren Wille sich erst mit der Verwirklichung der gesetzten Ziele erschöpft. Herzl war es, <fer den Gedanken ausgesprochen hat: «Unsere Bewegung wird erst dann zu Ende sein, wenn wir unser Ziel erreicht haben werden, so lange wird es Zionisten geben». Die wenigen Staatsmänner, die die Weltgeschichte aufzuweisen hat und die nur alle Jahrtausende einaml in dem einen oder anderen Volk auftauchen, setzen ihm solche Ziele. Herzl gehört zu ihnen und das ist das unbegreifliche Wunder, daß er in einem Volk entstand, dem dieses über Generationen hinaus reichende Denken durch seine tausendjährige Geschichte und sein leidvolles Schicksal abhanden gekommen zu sein schien. Das erklärt aber auch die Schwierigkeiten, welche Herzl in der Verwirklichung seiner großen Idee hatte, erklärt aber vielleicht auch die Raschheit, mit der diese Verwirklichung in seinem Sinne ansetzte. Die Verwirklichung seiner politischen Idee, an die Herzl eine geradezu tragisch große Energie verwendete, war in der rein formalen Art, wie sie entworfen war, nicht möglich. Die Gründe lagen darin, daß die Voraussetzungen für den von Herzl visionär geschauten Massenaufbruch nicht gegeben waren. Denn die dissoziierte, durch die abnormalen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in der Gliederung sowohl als auch im Zwange von außenher, zermürbte Volksmasse war einer elementar wirkenden Willensbildung noch nicht fähig und mußte erst dazu gebracht werden. Als Herzl nun starb, schien es, daß seine große staatspoiitische Vision nie ein reelles Gegenbild erhalten werde. Doch was geschah? In kaum 15 Jahren wurden durch die Arbeit, die Herzls geradezu unumstößliche theoretsiche Formel verwendete und dabei sie sozusagen auf das tägliche Judenleben anwendete, Vorbedingungen geschaffen, welche das Herzische Ziel der Verwirklichung näher brachten. Die Balfour-Deklaration des Jahres 1917 hatte die politische Konzeption Herzls gewissermaßen von außen her aufgenommen unter der Voraussetzung, daß die Willensbildung des Judenvolkes * genügend stark sei, um die These zu realisieren. Dazu konnten die Initiatoren dieser Deklaration nur durch das kommen, was sie augenfällig sahen: Die bereits geleistete Arbeit in Palästina und die nach außenher wirksame Verbindung des zionistischen Gedankens mit dem t ä gliehen Judenleben, eine Verbindung, die auf den Außenstehenden viel stärker wirkt, als allgemein angenommen wird. Zur Zeit der Balfour-Deklaration war das Herzl- Wort «Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen» so in Geltung, wie nie vorher. Tatsächlich hätten wir unter den damals denkbar günstigsten gesamtpolitischen Verhältnissen nur richtig zu wollen brauchen und das Ziel wäre in einer der großen Herzischen Vision vom Massenaufbruch nahezu gleichkommender Weise zu verwirklichen gewesen. Wenn dies nicht geschah, so gab es dafür Gründe, die außer uns und in uns selbst lagen. Die ersten lassen sich in einer Formel zusammenfassen: Verstärkung der jüdischen Dissoziation. Die Herzische Konzeption und die bisherige zionistische Arbeit basierten auf ZlontstisttkesXandesftomttee für CstevreitA Samstag, den 22. Juni 1929, V,9 Uhr abends, Peitm! des iiMliiatrItliaiit«»« 1., Schwarzenbergplatz 4 rnltht Hotel Continental) Henl-Ielef Festrede: Herr Felix lallen Mitwirkende: Mar««r««a Meli, der Jüdische OsiassivsrslR ^Carlen «iml iwn Xiov*imti»dhmn Dflro. V.. Ufflmlnevsifxße 2S. ewtkmtUdfk Sonntag, den 28. Juni, vormittags Gang zum Grabe Theodor Herzls Treffpunkt'MOUhrHochschulef. Bodenkultur der Grundlage einer damals gegebenen ganz bestimmt gewerteten Dissoziation, in der es doch noch eine große, ziemlich homogene Judenmasse im Osten gab; in Rußland, Galizien und Rumänien wohnte damals mehr als die Hälfte der gesamten Judenheit in einer, wohl gewisse graduelle Verschiedenheit aufweisendeo, aber sonst ziemlich einheitlichen wirtschaftlichen und sozialen Strktur. Krieg und Nachkrieg brachten den Juden durch die Zertrümmerung Osteuropas vielleicht mehr Schaden, als allen anderen Völkern. Denn sie schwächten ihre materielle, wie ihre Willenskraft. Mit diesen äußeren Umständen mag es zum Teile auch Zusammenhängen, daß in uns Zionisten selbst die Kraft zur Durchsetzung unserer Ziele abgeschwächt wurde. Aber nur zum Teile ist dies richtig. Zum anderen Teile lag es wohl darin, daß wir zu wenig neue Menschen hatten. Was wir erreichten, ward von Menschen früherer zionistischer Generation, die lange gearbeitet, gekämpft und gelitten hatten, durchgesetzt. Aber wir bekamen nicht genügende Kräfte, vielleicht besser gesagt, nicht genügend junge Kräfte. Dies ist die Ursache alles dessen, was man heute die Depression in unserer Organisation zu nennen pflegt. Aber weder ist auf unserer Seite ein Anlaß zur Resignation, noch auf Seite derer, die den Zionismus vergeblich bekämpfen, Grund zum Jubel. Denn das, was Herzl uns gegeben hat, die lebendige Kraft des Willens, ist nicht mehr aufzuhalten, ebensowenig aufzuhalten, wie eine Naturkraft, eine Lawine, oder ein rollender Fels. Mit den geschwächten Kräften wurde in Erez Israel geschaffen, was nicht mehr umzubringen ist. Dies der direkte Beweis der unaufhaltsam wirkenden Kraft. Wieviel werden wir erst leisten, wenn die Folgen von Krieg und Nachkrieg überwunden sind, wenn die Erschütterung wirtschaftlicher und sozialer Natur einem erträglichen ZPustande Platz gemacht hat, wenn die Kriegsgeneration unserer Jugend, die um nichts besser ist als die Kriegsgenerationen anderer Völker, durch neue, gesündere Jugendkraft ersetzt wird. Eine Bewegung, die so eminent politisch im besten Sinn ist, d. h. den Willen von Generationen geweckt hat, kann nur zeitweilig in ihrem Laufe verlangsamt werden, aber nie verschwinden. Jede neue Generation des Judentums wird den Zionismus haben, bis er durch die Erreichung des Zieles verschwindet. Ein anderes Verschwinden gibt es für den Zionismus nicht mehr. Dieses immerwährende Leben, das im Gegensatz zu den vielen Anschauungen politischer Art unter den Juden nicht durch Aussterben einer Generation oder ihrer Vertreter zu Ende kommt, ist die gro/Se unvergleichliche und beispiellose Tat Theodor Herzls. Dr. Leo Goldhammer. Angriffe auf jüdische Besucher der Höhle Machpelah Aus Jerusalem meldet J. T. A.: Jüdische Besucher der Höhle Machpelah zu Hebron, der Begräbnisstätte der Erzväter und Erzmütter, werden dauernd von arabischen jungen Leuten belästigt, oft auch mißhandelt. Beim Waad Leumi liefen von des Mißhandelten Proteste ein mit der Auforderung, für Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Besucher dieser heiligen Stätte zu sorgen. Durch die Verringerung der Zahl der jüdischen Polizisten vor der Höhle von sechs auf zwei habe sich die Situation sehr verschlechtert. Eine Nacht aus dem Leben Theodor Herzls Ein Schattenbild von Z. F. finkelstein «Daß dieses Pferdevehikel so langsam dahintrabt!» dachte Herei und lehnte sich mit brennenden Schläfen im Wagen zurück. «Ja, ja, c’est la vie» — vorgestern mit Hechller beim Großherzig, vor einer Woche in Paris dem Baron Hiradh meine «Rede an den Familienrat» vorgelesen, — morgen dürfte schon die Antwort von Btotmarok kommen und dann führt der Weg schraurstra.cks über dien Kaisen Wilhelm und den Zaren bis mm Beherrscher des Bosporus .... — Nor rascher! rasdher! rumorte es in ihm und krampfhaft umklammerte er das Telegramm seiner Gattin: «Hans schwer erkrankt, — komme zurück.» — Zurück? — Gibt es noch ein. Zurück? — In Württemberg erreichte ihn dieses Telegramm vor zwei Tagen, gerade vor der entscheidenden Audienz. — «Mein Hans, mein armer, einziger Junge!» — Wie ein Blitz traf ihn diese Nachricht. Absagen!, umkehren»! war sein erster Entschluß. — Aber dann schnürte ihm die Ang>st um se.Vi kaum begonnenes Werk die Kehle zusammen. Jetzt?, gerade jetzt, wo er wie ein Besessener gegen eine Welt von Feinden zum Knotenpunkt dier europäischen Politik vordramg! Jetzt gerade sah das Leid seines kleinen Jungen ihn vom Wege des Schicksals abbringen? — Nein, nein, nur nicht zurück, nur nicht zurück!. Der Wagen bog indessen vom Nordbahinhof an der PrateraMee vorüber. Dias Riesenrad glitzerte mit tausend Lichtem in den Mauen Himmel und von der Ferne hörte man nodh das Johlen» vergnügter Nachtscfowiä-nmen die den letzten Jubel eines rauschenden Sonntags hwiausschmetterten .. . Wie ein Fremder mit große«, traurigen Augen gleitet Herzl an dieser Stimmung vorbei ... — Was mag nun mein Hans machen? —-Tränen, drängten sich ihm ln die Augen.. ~> Ein Rabenvater!--hauchte es dlu.rcb seine Lippen, -Seit Monaten ist er wie umgewandelt. Jeder Hauch eines seiner Kinder drang ihm tief ins Herz; TViwiee erste Träne ward ihm zum Erlebnis und sein HanemM dem be^en Gesicht, sein Stolz und seine einzige Holfiniuiwg. Einzige Hafitnamg?! Wie weit liegt :d|«ae Zeit zurück! Da wauderte er in den Champa Eilysees und tollte mit Frau und Kindern, lebte ln den Tag hinein und »berauschte Steh an der ausgehenden Sonne seines jungen Ruhmes in Paris, Spanien, Wien. Was ist ihm nun Frau, die ihn scheu und vorwurfsvoll an/blickt, wie oft er zerstreut und mit schonerzenfüM'tem Blick hewrtkebrt und sich Tage und Nächte in sein Arbeitszimmer eimsobUeßt, ohne ein Wort zu, reden! Was ist ihm Trude, Paul ine und Hans, die ihm mit frohlock enden Händen zu winken, äße weil er für Tage, ja Wochen verreist, ohne überhaupt sein Reiseziel anzugebem! Weiß er denn selbst wdhffn? — Heute ein Telegramm Nordaus, morgen (rufen die Maccabeans in London, übermorgen Newlinskd, der vor ihm das Gestrüpp zur Hebeln Pforte auseinanderreißt . Mit giestodkiem Atem betrat Herz! seine Wohnung in der Peliikangasse. An der Schwelte erwartete ihn sdhon die Fraui . . . Hans! Hans? — Mft weit auflgeriasenen Augen starrte er sie an und stürmte an der ganz verstörten Mutter ins Kmderzmmer hinein. Sein Kommen riß die Kinder aus delm Schäummer! Mit nackten Füßen begannen sie um ihn zu hüpfen. Nur Hans blickte ihn mit müden, glühenden Augen an und um seinen kleinen Kopf wölbte sieb eJro weißer Verband». — «»Fieber bereits im Abklingen.» — — Ein kleiner Schnitt ine Ohr vorigenanimen. — Wann? — Vorgestern um die Nadumlttagsstuinde — enzählt Herzls Gattin — das Kind schrie nach dem Vater. — Herzte Augen brennen und blitzartig erinnert er sich», wie er um dieselbe Zeit toi Audienzzfmmer des Gnoß Herzogs klopfenden Herzens die Ahneoporträts betrachtete, bevor ilhn der Großherzog zur ernten Rücksprache zu steh hine in nuten ließ. Er fühlte damals einen wühlenden Schmerz der Unruhe und Enwartu/ng — gelingt der erste Schnitt tos Ohr Europas, auf daß es das Wehklagen des Judenv-cOkes endlich vernimmt? Mit sdhmerzenden, müden Gliedern setzt er sich m seinem Hans und glühende Küsse des fiebernden Kün/des bedecken sein Gesicht, seine Hände . . . . — «Wo warst Du, Pa? Ich habe mich »nach Dir so gedehnt! Bdeibst Duschon jetzt bei mir? Hast Du mir was gebracht?» — «Schlaf, Kind, schlaf, morgen kriegst Du ein großes, zappelndes Käfereben mit glitzernden FÜtögelin, oh ja, mit glitzernden Flügeln., — ich bleibet bei Dir, bei Dir!» — «Wenn man verspricht, muß man (halten, weißt D.u,, Papa? Weil die Mama immer verspricht, Du kommst gleich und Dm kommst doch» mldht, da muß ich .weinen .. . .» Er blickte in die vorwurfsvollen Auigen des kranken Kindes und sein Herz krampfte sich zusammen. Er wollte sein Versprechen wiederholen,, — doch sein Wort erstickte im der Kehle. «Schlaf, mein Kind, schlaf, loh sinige Dir was vor» — und Herzl begann mit zitternden Lippen zu singen: Schlaf, mein Hansi, schlaf, Dein Papa ist ein1 Graf, Deine Mama ist eine Prinzessin, — ach, schlaf nur, schlaf nur, schlaf.» — Leise schlich, er a-us dem Kinde rzimim er. Seine Julie ging in ihr Zimmer. Sotll er ziu ihr ibinülber, sein Leid klagen? Acht, was versteht sie denn von seinem wühlenden Schmerz, den. ihm die Judenfrage seit Monaten verursacht! Was weiß sie von den Qualen des Judened-end«, die ihn aus den» Salons in die Niederungen des Leben« und vom diiesen zu den Mächtigsten der Ende wie jagende Gewitter vorwärtsfreiben .... Nein, jetzt nicht, — ichmuiß -noch die Post durcheebem, — kam ihm in den Sinn», — vielleicht ist doch die Antwort Bismarcks emgel-augt. Mit keuchendem Atem trat er in sein Zimmer. — Daß das Herz so merkwürdig schlägt in der letzten Zeit, — schwirrte es Ihm durch den Kopf, indem er «.ach alter Gewohnheit automatisch da« Bild seiner Mutter vom Schreibtisch hieb u»nd es an die Lippen drückte. Meine gute, gute Mai, wenn Du wüßtest, was mit Deinem Sohn vorgetot? Dein alter Junge tot wohl von Sinnen: Lösung der Judenfrage — aristokratische Republik der Juden — Ba,ron Hirsch», Rothschild1 — Momtagui und nach ihnen der Großherzeg, der Kaiser, der Zar »und zuletzt die Hakennase am Goldenen Horn», deren ramponierte Finanzen! ich durch die Jüdische» Society auifrichteti soll. Mit einem Blick «durchflog er die angehäufte Post von einigen Tagen. Von Bismarck keine Antwort! — wie ein Stich traf ihn diese Enttäuschung. Doch nur Geduld — Geduld», nach Baden! »kommt auch er wohl darauf — Na, was wtEI der Benedikt? Er erbrach den Brief: «Sie reisen ohne eto« Wort au sagen, die literarische Beilage der PfingBtnuimimer noch nicht ausammenigesteflt, — schreiben Sie auch rasch über die Premiere von Sardou, — die anderen sind schon läriigst damit her ausgenommen, das kann die Presse nicht dulden.» — Herzl zerknitterte den Brief, Das Ist die Sklaverei des Alltags — durohauokte es schmerzhaft seine Gedanken, — aber diese Ketten führen« zuir Freiheit meines Volkes . . . Ganz zuletzt lag ei« Telegramm von. Baron Schön: «Der Kaiser unternimmt eine Orientreise. Erwarte in Berlin zwecks Vorbereitung