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Die Stimme · 1929-06-13 · Heft 76 (13.6.1929) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 76 (13.6.1929)
Date
1929-06-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 OIE STIMME Nr. 19 Lmo mit der Asche des Verstorbenen auf dem Familiengrab© auf dem jüdischen Friedhof. Die Kultusgemeinde teilte die Anschauung der Beerdigungsbrüderschaft, daß die Feuerbestattung mit dom jüdischen Ritus unvereinbar sei. E’ne Aufsichtsbescliwerde an die Gemeinde Prag hatte die Wirkung, daß die Gemeinde die Bei* setzung im Familiengrabe anordnete. Ein Rekurs der Brüderschaft an das Landesamt wurde abgewiesen. Die Angelegenheit befindet sich jetzt beim Ministerium, das, nach einer vorläufigen Mitteilung, ebenfalls den Standpunkt der Knterinstanzen billigt. Interessant ist, daß sich vor einigen Jahren bereits ein ähnlicher Fall in Prag ereignet hat. Damals wurde die Aufstellung der Urne mit der Asche Dr. Josef Bondys verweigert. Der seither ebenfalls verstorbene Dichter-Arzt Hugo Salus trat als Protest aus der jüd‘sehen Religionsgemeinschaft aus. Minoritätenpolitik der Leisetreter Zum Interview des Herrn Luden Wolf Lucien Wolf hat auf der Durchreise durch Wien der Wochenschrift «Wahrheit» ein Interview gewährt, das mit Rücksicht auf ©eine Persönlichkeit besondere Beachtung finden dürfte. Im allgemeinen bringen seine Aeußerungen zu verschiedenen Problemen des . jüdischen Lebens der Gegenwart nichts Neues, zweifellos verraten sie den Politiker, der die Dinge ohne unnötiges Sentiment betrachtet. Wolf fühlt sich als Brite, und es ist daher selbstverständlich, daß er vor allem vom englischen Standpunkt au-s urteilt. Deshalb dürfte gerade in Wien ein Wort der Interpretation zu seiner Aeußerumg über eine Aenderung der geltenden Minderheitenverträge am. Platze sein; Wolf stellt sich hier in bewußten Gegensatz zu der deutschen Politik, beziehungsweise zu ihrem verantwortlichen Leiter, dem Reichsaußenminiister Dr. Streseman, der auf dieser Aenderung bekanntlich mit Nachdruck beharrt, wie es ja überhaupt nicht geleugnet werden darf, daß das Deutsche Reich im Interesse der heute so zahlreich In der Diaspora lebenden Ausländsdeutschen in hervorragendem Maße an der Fortbildung des Minoritäfeprechtes.interessiert ist. Ferner ist es bekannt, daß zumindest bisher gerade die westlichen Demokratien, für welche' die Minderheitsfrage direkt nur eine akademische ist und die in ihr in vielen Fällen eine Gefahrencjuelle für den europäischen Frieden erblicken, geneigt sind, die Beschwerden der Minoritäten oft leichter zu nehmen, als sie es verdienen. (Es scheint übrigens, daß die neue englische Arbeiter-Regierung sich'diesen Standpunkt, nicht zu eigen machen wird.) Lucien Wolf ist daher sicher mit einem Teil der englischen 0Öffentlichkeit eines Sinnes, wenn er gegen jede Aenderung des geltenden Minderheitsrechtes (dessen Notwendigkeit für die Juden in Osteuropa er volle Gerechtigkeit widerfahren' läßt) Stellung nimmt, ja sie sogar ausdrücklich als eine Gefahr bezeichnet Im Sachlichen hat er vielleicht recht, wenn er den d e u t is c h - polnischen Konflikt als Ursache des Wunsches nach dieser Aenderung feststellt. Warum aber nur solche einseitige Stellungnahme? Solange in der Außenpolitik nicht alle Staaten, in der Innenpolitik alle Klassen einer Meinung sind, scheint es wohl auch realpolitisch eher . angezeigt, bei der Beurteilung jüdischer Dinge einfach den jüdischen Standpunkt zu vertreten, der letzten Endes zumindest nicht mehr Widerstand finden wird, als die demonstrative Festlegung auf eine der streitenden Meinungen. . Daß.Wolf ein prinzipieller Gegner der national en.Interpretation des von ihm als praktisch und segensreich anerkannten Minderhedtenrechtes der Juden ist, ist nicht weiter verwunderlich. Hingegen kann auch der objektivste Leser die folgenden Sätze nicht ohne weiters passieren lassen: «Nationale Minderheiten sind in den Verträgen nicht anerkannt. Das würde auch für die Juden schlecht sein. Denn alte Staaten könnten sagen, sie haben in ihrer Mitte eine zweite Nationalität und: die Juden dementsprechend behandeln», . . . «Nationale Minderheiten gibt os nicht. Das ist eine Erfindung der Zionisten.» Wir wollen mit Herrn Wolf nicht über theoretische Fragen diskutieren, obschon zum Beispiel der Kongreß der europäischen Minderheiten zweifelsohne über die Behauptung erstaunt ©ein wird und es gerade für einen jüdischen Politiker nichtnationaler Einstellung sonderbar anmutet, lieber nult dem Begriff der Rasse als mit dem der Nation zu operieren. In ihrer allgemein gültigen Fassung zeigen diese Bemerkungen übrigens, daß das Los der Minoritäten denn doch kein 60 erfreuliches ist, daß eine Reform ihrer Rechtsstellung glatt abzuweisen wäre: scheint doch unter der «dementsprechendcn Behandlung» k^ipe allzu rosige verstanden zu sein. Ein jüdischer Politiker spricht also ein recht düsteres Urteil nicht nur allen jüdischen Minderheiten, sondern auch den Dutzenden Millionen sonstiger Europäer, die in andersnationalen Staaten leben. Die Devise dieser Länder, wie sie erst kürzlich ein prominenter Führer der Stebenbürger Sachsen einem zionistischen Schriftsteller gegenüber mit größter Klarheit formuliert hat, lautet: «Culirs regio, eius natio.» Es trägt sich aber sehr, ob gerade ein einflußreicher Antisemitismus geneigt sein würde, feine Unterschiede zwischen den Juden nationaler und nichtnationaler Gesinnung zu machen: hiefür wird es wohl schwer sein, Beispiele anzuführen. Wir dürfen nicht vergssen, daß wir heute ein völlig neues Europa vor uns haben, dessen Liberalismus nieder gebrochen ist und das (auch wenn man seine Stellung zum Antisemitismus hier ganz außer Betracht lassen will) bis in die Sozialdemokratie hinein weit mehr als vor dem Kriege lokalkulturelle Prägung angenommen hat. Gerade die wichtigsten jüdischen Massensiedlungen befinden such in Staaten, wo auch ohne die Juden schon zwei oder mehr Nationalitäten vorhanden ©ind und dem einzelnen selbst bei Vorhandensein des Assimilationswillens die Sache lange nicht so leicht gemacht wird, wie in England. Der jüdische Arbeitsmarkt in Berlin Von Gertrud Prochownik, Berlin Seit Jahren weisen die zionistischen Mandatare in der Wiener Kultusgemeinde auf die Bedeutung eines gut funktionierenden Arbeitsnachweises bei der herrschenden Wirtschaftsnot hin. Der Wiener jüdische Arbeitsnachweis hat im Jahre 1928 im ganzen zirka 250 dauernde und zirka 100 vorübergehende Stellen vermitteln können. Der nachfolgende Artike zeigt den Erfolg, den auch der Wiener Arbeitsnachweis haben könnte, wenn die Kultusgemeinde mittun würde. Wirtschaftslage und Arbeitsmarkt standen im Jahre 1928 unter dem Zeichen rückläufiger Konjunktur und zunehmender Arbeitslosigkeit. Welch wichtige Funktionen in diesen schwierigen Wirtschaftsverhältniissen jüdische Arbeitsnachweise erfüllen, beweist der Bericht der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Arbeitsnachweise Berlins für 1928. Die Arbeits- XVI. ZIONISTEN¬ KONGRESS Zürich, Juli 1929. KÖNGRESSPÜBLIKATIONEN:!• Berichte an den XVI. Zionistenkongreß: a) Bericht der Zionistischen Exekutive (hebräisch, englisch oder deutsch). . Fra. 3*70 b) Bericht des Keren Hayeaod (hebräisch, englisch oder deutsch) . . a 3’— c) Bericht des Keren Kayemeth Leisrael (hebräisch, englisch oder deutsch). . „ 3*— 2, Kongreßzeitung, einziges offizielles Organ des Kongresses, A erscheint (in deutscher Sprache) während des Kongresses täglich; Abonnements in der Schweiz. 3*50 „ In den übrigen Ländern . a 4 — 3. Stenographisches Protokoll desXVI.Zlonlstenkongresses (In deutscher ' -i- Sprache), erscheint im September 1929 7*50 Generalabonnement für alle drei Publikationen ib-so Die Besteller von General-Abonnements erhalten auf die Preise der Gastkarten zum Kongreß 10% Rabatt. Bestellungen an d. Bureau d. XVI. Zionlstenkongresses, Brünn, Lehmstätte-17, Tscbechoslovakel; Geldsendungen an den Schweizerischen Bankverein, Zürich, für Rechnung des Bureaus des XVL Zionlstenkongresses. Die Kongreßzeitung und das Kongreßprotokoll sind ein unentbehrliches Hilfsmittel jedes Zionisten, der lückenlose und authentische Information über, die gesetzgebende Körperschaft des Zionismus wünscht. gemeinschaft hat im Jahre 1928 mit starkem Erfolg gearbeitet und das Vertrauen, das man ihr von allen Seiten entgegenbrachte, gerechtfertigt und vertieft Daß sie trotz der verschlechterten Wirtschaftslage insgesamt 2588 männliche Vermittlungen 2972 weibliche „ 5560 Vermittlungen erreichen konnte, ist das beste Zeugnis für den Wert ihrer Arbeit Die absinkende Wirtschaftskonjunktur Im Berichtsjahr J 928 stellte den Arbeitsnachweis vor besonders große Schwierigkeiten, waren es wieder in der Hauptsache jüdische Arbeitnehmer, insbesondere jüdische Angestellte, die zunächst und am schwersten von der Wirtschaftskrise betroffen wurden. Die Rücksprache mit den im Arbeitsnachweis sich meldenden Arbeitsuchenden ergab, daß bei Personalabbau vielfach nur oder in erster Linie jüdische Arbeitsuchende zur Entlassung kamen. Wiederholt wurde vom Arbeitsnachweis tmd von den mit ihm zusammenarbeitenden Organisationen ln aller Oeffentlichkeit auf diese Boykottbewegung gegen den jüdischen Arbeitnehmer hingev/iesen. Die vergangene Arbeitsmarktperiode bestätigte abermals diese nicht ernst genug zu nehmende Tatsache. In Erkenntnis, dieser Sachlage hat der, jüdische Arbeitsnachweis die stärksten Anstrengungen gemacht, um dieser für das Gesamtjudentum so mistigen Entwicklung entgegenzutreten und weiteste jüdische Kreise über die katastrophale Lage der jüdischen Arbeitslosen aufzuklären. Neben dieser allgemeinen Propagandatätigkeit hat sich der Arbeitsnachweis weiter bemüht, seine Leistungen durch intensive Bearbeitung des Einzelfalls zu steigern. Alle Möglichkeiten individueller Fürsorge sind, weitgehend herangezogen worden. Die bisher gut bewährte schriftliche und telephonische Werbetätigkeit wurde fortgesetzt und die Aoßentätigkeit durch persönliche Fühlungnahme mit großen Industrie- und Warenhauskonzernen erweitert —- Sofern eine Produktivierung brachliegender Kräfte durch Umschulung oder Umleitung möglich war, sind entsprechende Maßnahmen eingeleitet und erfolgreich durchgeführt worden. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung war die Zusammenarbeit des jüdischen Arbeitsnachweises mit den öffentlichen Arbeitsnachweisen, die sich sowohl auf einen eilenwie auf einen Personalausgleich erstreckte. Gesetzestreue jüdische Arbeitslose, die sabbathfreie Stellen suchten und die Arbeitslosenversicherung bezogen, wurden vom Arbeitsamt verpflichtet, sich auch zur Kontrolle im jüdischen Arbeitsnachweis zu m*»den. Ein enges Zusammenarbeiten zwischen jüdischem Arbeitsnachweis und jüdischem Wohlfahrtsamt wurde, insbesondere bei allen Fällen, die einer besonderen Fürsorge bedürfen, bei Strafentlassenen, Fürsorgezöglingen, Gefährdeten, Erwerbsbeschränkten, geistig und körperlich Behinderten u. a. m. angestrebt und durchgeführt. In der Erkenntnis, daß der freie Arbeitsmarkt für diese Kräfte nicht immer schnell genug aufnahmefähig und auch nicht immer geeignet ist, sind die von der jüdischen Gemeinde unterhaltenen Arbeitsfürgesorgeeinrichtungen Peah und Nähstube im weitesten Maße nutzbar gemacht, worden. Damit war gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit der Befürsorgten zu prüfen. In diesem Zusammenhang war es auch außerordentlich wichtig und segensreich, daß die jüdische Gemeinde in weit größerem Maße als in den Vorjahren jüdische Arbeitskräfte auf dem Friedhof in Weißensei beschäftigte. — Dessen ungeachtet, sind bisher die Beschärtigungsmöglichkeiten, die durch die, Gemeinde erschlossen werden könnten, bei weitem nicht ausgenützt; hier bleibt noch manches zu klären, manches Vorurteil zu überwinden. Die Vermittlungstätigkeit des Arabeitsnachweises gestaltete sich in den einzelnen Abteilungen je nach der Jahreszeit und Wirtschaftslage ganz verschiedenartig. Am ungünstigsten war der Arbeitsmarkt für männliches kaufmännisches Personal, für Angestellte und Bureaukräfte. Daß kaufmännische Personal jeder Art im Alter von über 40 Jahren kaum noch untergebracht werden kann, ist eine allgemeine Tatsache, die sich leider auch in unserer. Arbeit bestätigt hat. Aeltere qualifizierte Kräfte, insbesondere Bilanz-Buchhalter, Prokuristen, konnten nur vereinzelt in Stellung gebracht werden. Etwas reger war der Bedarf an jungem Kontorpersonal, jedoch wurden fast immer Kenntnisse in Stenographie und Maschinschreiben gefordert. Die stärkste Nachfrage bestand für junge Verkäufer., im Einzelhandel; doch war die Beschäftigung häufignur von kurzer Dauer, je nach der Konjunktur der betreffenden Branche, was stets eine starke Fluktuation gerade dieser- Kräfte zur Folge hatte. Aeußerst ,ungünstig war die Wirtschaftslage für Lageristen und Expedienten der Engrosbranche. Selbst junge Kräfte konnten nur vermittelt werden; fast noch schlechter waren die Arbeitsmöglichkeiten für Einrichter, Expedienten der Damenkonfektion, die vielfach nach Ablauf der Lehrzeit entlassen wurden und selten in der gleichen Branche Stellung finden konnten. Hier mußte von Fall zu Fall eine Umleitung in den Einzelhandel vorgenommen werden. Den zahlreichen Stellenangeboten für Vertreter und Reisende stand keine Nachfrage gegenüber. Für derartige Posten, die fast ausschließlich gegen Provision ausgeübt werden sollen, wird nur selten ein festes Gehalt geboten. Der Arbeitsuchende ist jedoch wirtschaftlich nicht in der Lage, eine Stelle, die günstigenfalls nach monatelanger Arbeit gewinnbringend sein kann, anzunehmen, zumal auch dann in den weitaus meisten Fällen nur knapp das Existenzminimum erzielt wird. Es ist sicher, daß durch die obgenannten besonderen Umstände trotz großer Arbeitslosigkeit manche Erwerbsquelle ungenützt bleibt. Gesamtstatistik 1928. Männliche Abteilung Meldung .Vermittl. Kaufmännische Berufe « * ft ft ft 1941 682 Facharbeiter . , ft # ft ft m 1498 641 Ungelernte Arbeiter « 4 ft < « 1603 1230 Freie Berufe . « . ft ft « ft 230 35 Vermittlung » * * « ft ft ft ft ft , * « 2588 Davon sabbathfrei ft ft. ft ft ■ * « 306 Meldung * ♦ „ „ 1 ft •' « ft ft IN*. *5272 Frequenz « * » * «1. ft ft ft ft * * > 36.708 Weibliche Abteilung Meldung Vermittl. Kaufmännische Berufe # ft ft ft ft 2535 1687 Gewerbliche Arbeiter ft ft « ft ft 584 405 Hauspersonal « « ft II C ft 1 ft ft 1365 769 Freie Berufe . ► « H ftft « ft i « 395 in; Vermittlung » « * ft ft frft « ft mm* 2972 Davon sabbathfrei . « «1 ft ft ft ft t 1 430 Meldung ■ . ft ft ft « « « ft « « « 4879 Frequenz « « « ft ft ft « ■ft ft ft « « « 20.751 Der Empfang der jiddischen Pen-Delegation Das Komitee, das zum Empfange der jiddischen Delegation zum Internationalen Pen-Kongreß eingesetzt wurde, beschloß, ein literarisches Matinee zu veranstalten, an dem alle jiddischen Pendeiegierten teilnehmen werden Die Veranstaltung, die zu einem gesellschaftlichen Ereignis zu wenden verspricht, wird Sonntag, den 30. Juni tun 10 Uhr vormittags in den Wiener Kammerspielen stattfinden. Außerdem wird im Kreise geladener Gäste ein Begrüßungsbankett zu Ehren der jiddischen Pendeiegierten stattfinden. Näheres wird noch bekanntigegeiben werden.

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