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Die Stimme · 1929-06-13 · Heft 76 (13.6.1929) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 76 (13.6.1929)
Date
1929-06-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 76 DIE STIMME Sette 7 Die Bibel Von Reaben Brainin S’man matan thoratenu... (Jnzähligemal habe ich die Bibel schon gelesen und studiert, unzähligemal vertiefte ich rriich in dieses Buch der Bücher und jedesmal erscheint mir die Bibel wieder wie ein neues, noch nie gelefenes Buch. So alt und doch so neu! So fern und doch auch wieder so nahe! Die Bibel war das erste Buch, das ich zu lesen — richtiger: zu studieren begonnen habe, und ich will hoffen, daß es auch das letzte sei, das ich lesen werde, eher der letzte Lichtstrahl in meinen Augen und in meinem Geiste erloschen sein wird. Wie viele Bücher habe ich in meinem Leben schon gelesen, wie viele haben meine Seele bewegt,, meinen Geist befruchtet und aufgerüttelt! Und doch blieb nur die Bibel bis heute das beste, das schönste, das tiefste Buch. Ein gewöhnliches Buch lese ich, bestenfalls studiere ich es; die Bibel aber erlebe ich. Die Bibel ist die «neschomo jeseiro» meines Volkes, seine. Ueberseele, die Quintessenz unserer höchsten, reinsten und edelsten Nationalschöpfung. Es gibt Momente in meinem Leben, wo ich alle. Bücher mit Hamlets Augen betrachte. Es gibt tragische, verzweifelte Minuten, in denen mir die ganze Bücherweisheit, die Philosophie und die Poesie wie eine Last vorkommt, die meine Persönlichkeit niederdrückt, und wo mir alle geistreichen und kunstvollen Worte wie leere Phrasen' erscheinen, wie ein Himmel ohne Gott... Und in einem solchen Augenblick löschen alle Lichter meiner Seele aus, alle Hoffnungen meines .Herzens sterben ab, und ich suche voller Verzweiflung mit den letzten Kräften nach einem Trostwort, einem Wort der Erlösung, nach einem wirklich lebendigen Worte, das meine letzte Rettung wäre... Und da schlage ich die Bibel auf und lese unsere Propheten — und das Wort der Erlösung, der Befreiung ist gefunden. Jedes Wort der Propheten blitzt auf, und durchleuchtet die tiefsten Abgründe. Jeder Satz ist wie ein Donner, der die Luft reinfegt.: Wenn meine Seele krank wird, und wenn sich in meinem Herzen tausend und tausend blutige: Wunden öffnen, wenn die. ganze Welt und die ganze. Menschheitsgeschichte sich schwarz verhüllt, dann schlage ich die Bibel auf und finde’in ihr Balsam; ein' Lebenselixier, Stärkung und Heilung. Und wenn ihr in meinem kleinen Büchlein auf den Blättern der Psalmen etwa Flecken finden werdet, dann sollt ihr wissen — ich schäme mich wirklich, euch dies zu bekennen —: das sind die Spuren meiner Tränen. Eine lange Reihe von Generationen hat dieses Buch gelesen und bittere, verzweifelte Tränen über seine Blätter vergossen; aber schon meine Eltern und Ureltern haben Kraft und ewigen Trost darin gefunden. Auch meine Kinder werden, wenn sie einst — Gott bewahre sie davor! im schweren Lebenskampf Gott und alle großen ewigen Ideale vergessen werden, auch sie werden wieder zur Bibel greifen und zum Gotte ihrer Väter zurückkehren. Tränen sind kein Wasser. Unsere Väter sind für die Bibel durch Feuer und Wasser gegangen. Sie haben sich für dieses Buch irn wahrsten Sinne des Wortes geopfert. Jeder Buchstabe, jeder Punkt in der Bibel ist daher heilig, voller Weihe. Von all unsern nationalen Schöpfungen, von all unsern alten Kulturschätzen ist uns dies kleine Büchlein geblieben, aus dem die Völker schon soviel geschöpft haben und noch soviel schöpfen werden. Aber nur wir, wir allein haben die Bibel durchlebt und mit unserm Blute der Welt erhalten. Und doch — wie viele Brüder und Schwestern vergessen und verstoßen die Bibel, wie viele wissen nichts von diesem Buche und wollen nichts von ihm wissen! Ja, es gibt solche.unter uns, die sogar stolz darauf sind, von unserm ältesten und schönsten Buche nichts zu wissen.. Den Platz der. Bibel nehmen jetzt die modernen Bücher ein, und unsere Jugend hat die großen, feurigen Worte der Propheten ganz vergessen. Jetzt ist ja alles Modesache, und die Bibel ist unmodern geworden. Aber immer, wenn ich satt werde des Modernen, des Hypermodernen, kehre ich heim zur Bibel... Denn die Bibel ist nicht nur das große Buch der Vergangenheit, sie ist auch das Buch der Zukunft. Auch in der fernsten Zukunft werden die Philosophen, die Poeten und die Männer der Wissenschaft sich aufs neue der Bibel zuwenden und in ihr lebendige Quellen entdecken. Viele Generationen haben bereits aus diesen Quellen getrunken, aber in Zukunft werden es ihrer noch mehr sein... (Deutsch von Ch. Rubinstein.) Unter Finanzleuten. Als man einem jüdischen Bankier erzählte, daß M. schlecht von ihm gesprochen habe, sagte er: «Unverständlich. Ich habe ihm doch nie Geld geborgt, noch sonst einen Dienst erwiesen. Präsident Masaryk Aber Religion, Staat und Kirche Nationälkomponist und Tempeldirigent — Die Reorganisation des Prager jüdischen Gemeindearchivs — Ein ausgegrabener, ein geschändeter jüdischer Friedhof (Prager Brief.) Ein Interview, das der Präsident der tschechoslowakischen Republik, T. G. Masaryk, dem Redakteur der in Prag erscheinenden katholischen Revue „Zivot“ (Leben) gewährte, bestätigt neuerdings die freie Haltung, die der große Staatsmann auch als Führer seiner Nation sich bewahrt hat und in der er sich weder durch Religions- und nationale Kämpfe noch durch Suggestivfragen beirren läßt. „Für die Gesellschaft, genauer für den Staat“, erklärte der Präsident, „ist sicherlich eine gewisse Ideengrundlage notwendig. Diese Grundlagelage ist vor allem politisch: Die Idee, wie sie in den Institutionen und Gesetzen zum Ausdruck gelangt. Ich gebe es zu und habe das immer gepredigt, daß der Staat und seine Organisationen einer sittlichen Grundlage bedürfe, aus der Verfassung und Gesetze hervorwachsen. Weil alle höheren Religionen als ihr Hauptelement Sittlichkeit enthalten, kann man in diesem Sinne die Ideengrundlage des Staates auch eine relifiöse nennen. Ich anerkenne aber als Grundlage es Staates weder die theologische noch die kirchliche Idee. Solange man wirklich glaubte und die Kirche eine Einheit war, lag die Sache anders und verhältnismäßig leicht, aber das Mittelalter mit seihen einfachen Ansichten über Welt und Leben ist vorbei. Deshalb hat der moderne Staat seine Grundlage in der Sittlichkeit. Und weil es heute überall viele Kirchen SIEGM. KORNMEHL aROSSFJLEXflOHSAÜEREX Zentrale IX, Barggasse 19, Tel. A17-3-99 n. A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Aulozuslellung kostenlos IX, Berggasse 15 XVU), Wöhringerstraße 97 Hl und Religionen gibt, fordern wir Toleranz von allen.“ * In der Presse ist in den letzten Tagen ein heftiger Streit um die Abstammung des Komponisten des tschechischen Nationalliedes „Kde domov muj“ entbrannt, der nunmehr abgeschlossen scheint. Das tschechoslowakische offiziöse Telegraphenbureau hatte die Nachricht verbreitet, der Komponist der Nationalhymne, Franz Schkroup, sei eine Zeitlang Dirigent des Tempelchors der Prager jüdischen Gemeinde gewesen. Die Wiener „Reichspost“ brachte einige Tage darauf eine Zuschrift des letzten erwachsenen männlichen Nachkommen dieser im 19. Jahrhundert in Prag bekannten Musikerfamilie, des Dr. Christian Skraup aus Klein- Neusiedl bei Schwechat, der auf die Feststellung Wert legte, daß sich die Familie bis zum Jahre 1742. Skraup geschrieben habe, rein katholisch gewesen sei und niemals mit dem jüdischen Tempelchor in Prag zu tun gehabt habe. „Ich geniere mich nicht, heißt es in dem Schreiben weiter, „daß mein Urgroßvater noch Böhme war und Volksschüllehrer in einem böhmischen Nest, lege jedoch Wert darauf, festzustellen, daß die Familie seit nachweislich fast 200 Jahren christlich war.“ Die Reinrassigkeit ist übrigens von keiner Seite bestritten worden. Nur hat nach dem Handbuch von Dr. Rieder (Prag. 1872, Band 9) Franz Skraup, der zweiter Kapellmeister am Ständetheater in Prag war, „vom Jahre 1885—1845 den Gesang des Gottesdienstes bei der Prager jüdischen Gemeinde geleitet und selbst auch hebräische Gesänge komponiert.“ Und tatsächlich befindet sich im Notenarchiv des Tempels in der Gaistgassa in Prag, wie der heutige Organist dieses Tempels, Ernst Kraus, mitteilt, außer einem 21. Psalm, „in Musik gesetzt von J. H. Skroup, Chordirektor des k, ständischen Theaters“ (für gemischten Chor a capella, Text nur deutsch: „Herr, deiner Macht freut sich der König“) auch ein gemischter Chor mit hebräischem Text „Adonoj me odom“ von J. Skroup. Damit ist einwandfrei nachgewiesen, daß der Komponist des tsoheschischen Nationalgesanges zwar ein guter Tscheohe und Christ gewesen ist, aber dennoch eine Zeit am Tempelchor in Prag mitwirkte — wonmter hoffentlich weder sein Nachruhm noch die Schönheit des von ihm komponierten Liedes, jedenfalls , aber der in seinen christlichen und deutschen Gefühlen gekränkte „letzte männliche.Nachkomme“ in Schwechat zu leiden haben wird. * Das Prager jüdische Gemeindearchiv, das bekanntlich zu den ältesten und wertvollsten Archiven unter den jüdischen überhaupt zählt und eine unersetzliche Fundgrube für den Historiker ist, wurde in den letzten Wochen unter der energischen Leitung des Archivars, Doktor S. Adler, reorganisiert. Das Prager Archiv hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Es war ursprünglich in der Altneu-Synagoge und später im' jüdischen Rathause untergebracht, wurde im Jahre 1650 während des Umbaues beim deutschen Gemeindeschreiber Elias Libek deponiert und dann von der königlichen Kammer bis 1684 verwahrt. Diese stellte es hierauf der Gemeinde wieder zurück. Das Archiv zählte im Jahre 1848, trotzdem es wiederholt in Brand geriet und vom Pöbel geplündert wurde, 110.000 Aktenstücke und 900 Bände. Am 21. November 1920 wurde es von dem ins jüdische Rathaus eindringenden aufgehetzten Pöbel auf das schwerste verwüstet. Die Akten wurden auf die Straße geworfen und zerrissen und gerieten zum Teil in Verlust. Große Bestände mußten auf dem Obstmarkt (1!) zurückgeekaüft werden. Dr. Adler, der neue Archivar, der in großen Archiven Belgiens, Deutschlands, Frankreichs und Hollands geschult ist, hat die Akten mit Staubsauger reinigen, neu katalogisieren und nach modernen Grundsätzen ordnen lassen. Dem Archiv fehlen auch heute noch geeignete-Räume. Deshalb entsteht von Zeit zu Zeit das Gerücht, es würde dem städtischen Archiv angegliedertwerden. * * Dies ist jedoch unmöglich, da ein großer Teil des Materiales aus spezifisch jüdischen Akten und 40 Bänden Judizialprotokollen in. hebräischer Sprache aus den Jahren 1682 bis 1779 besteht. Die neugegründete Gesellschaft für Geschichte des Judentums in der Tschechoslowakei wird gut daran tun, auch die Sorge uni Beschaffung geeigneter Räumlichkeiten für das jüdische Archiv auf sich zu nehmen. * Eine wertvolle Entdeckung ist dieser Tage in Znaim in Mähren gemacht worden. Beim Auslieben eines Grundes für einen Neubau stießen Arbeiter auf Grabsteine und menschliche Skelette. Nach den auf den 6 Grabsteinen und den sonstigen Gefäßfunden befindlichen hebräischen Aufschriften zu schließen, handelt es sich um den Rest eines jüdischen Friedhofes aus dem 14. Jahrhundert, dessen Vorhandensein nach der Stadtgeschichte bekannt war, dessen Lage man jedoch bisher nicht feststellen konnte. Die Funde wurden dem Znaimer Museum einverleibt, dessen Lapidarium bereits den ältesten Grabstein Mährens aus dem Jahre 1256 besitzt. Die ausgegrabenen Gefäße aus Eisenton stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Zur gleichen Zeit ungefähr war ein zweiter mährischer Ort, Prerau, der Schauplatz einer, schweren Friedhofsschändung. Auf dem seit 50 Jahren aufgelassenen jüdischen Friedhof der Stadt entdeckte man eines Tages, daß 38 Grabsteine umgestoßen und mehrere davon vollkommen zerstört worden waren. Der Sachschaden belief sich auf 20.000 Kc. Die Gemeinde schrieb auf die Ergreifung der Täter eine Prämie aus und schon in den nächsten Tagen gelang es der Polizei, die Uebeltäter des Verbrechens, das schon vor geraumer Zeit begangen worden sein mußte, in acht 16jährigen Lehrlingen festzustellen, die mit Hilfe einiger Schüler der städtischen Bürgerschule der Stadt den Friedhof verwüstet hatten. Die Affäre, die über die Grenzen des Staates hinaus Aufsehen erregt hat, hat nach einwandfreien Feststellungen der Untersuchungsbehörden keinerlei politischen odor konfessionellen Hintergrund, sondern es gellt um einfache Dummejungenstreiche. Karl Bau m. * In letzter Zeit ist ein interessanter KonfFUtf zwischen der Chewrah Kadischah in Prag uni der Prager Kultusgemeinde einerseits und dam Kultusministerium andererseits wegen der Zulässigkeit der Bestattung der Kremationsasche auf dem jüdischen Friedhof ausgebrochen. Dem Konflikt liegt folgender Tatbestand zugrunde: Im Vorjahr starb der Schauspieler Oswald Egerer und ordnete <n seiner letztwUligeu Verfügung an, daß er nach seinem Tode vor* brannt zu werden wünsche. Die Beerdigungs^ brüderschaft verweigerte die Aufstellung dgtt

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