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Die Stimme · 1929-06-13 · Heft 76 (13.6.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 76 (13.6.1929)
Date
1929-06-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 OIE STIMME Kr. 76 $ V '; j - 1 'löl \ hinein wollten, wurden schwer mißhandelt. Die Tatsache, daß Frauen brutal geschlagen wurden, hat große Empörung geweckt. Huligans haben die Tribünen des Sportplatzes des jüdischen Sportklubs «Hasmonea» in Brand gesteckt. 50 Mitglieder des Makkabi-Klubs, die sich in der Nähe befanden, vertrieben die Huligans und löschten den Brand. Die nationatöemokratische Presse in ganz Polen ist unermüdlich im Verbreiten judenhetzerisdier Legenden. Der Wilnaer «Dziennik Wylenski» erzählt, daß zwanzig jüdische junge Leute eine Vogelleiche nach christlichem Ritus begraben und über dem Grabe ein Kreuz errichtet haben. Das Blatt fordert Gengutuung für die «Schändung der chr&tttohen Religion». Jewish Agency und Zionistenkongreß Von Adolf Böhm, n. Wenn man sich einmal kl-ar gemacht hat, daß die /ioaistnsohe Organisation durch die Bildung der erweiterten Jewish Agency eine neue Wirkungssphäre errungen hat, daß sie um die Seelen der anderen « Hälfte» ringen muß — und auch kann, indes sie bisher immer einer amorphen, ungreifbaren Masse von Nichtz.ionisten entgegenstand — weil sie ihre Aufgaben in Palästina nur mit Zustimmung des Partners in dem von ihr gewünschten zionistischen Sinn ausführen kann, so ist ihre Verantwortung erheblich gestiegen. Wie man .angesichts dieser Situation statt an ein festeres Anein.anderschliießen der Tolle der Organisation an ein Erlöschen ihrer Funktionen und ein Abterben ihrer Formen denken kann,« ist unerfindlich. Die Zionistische Organisation hat nicht abgedankt, sondern sie ist ein Bündnis eingegangen, bei dem sie nicht der schwächere Teil ist. Mandat, Chaluziuth md Palästina auf bau sind Erfolge der jahrzehntelangen zionistischen Arbeit und Erziehung, die Gewinnung der Nonpartisans ist ebenfalls ein Erfolg des zionistischen Wirkens, der nächste wird sein, diesen Teil der Agency dir den Renaissancegedanken vollkommen u-nd restlos gewinnen und dann einen weiteren Kreis von Niohtzionisten von außen heranzuziehen. Die zionistische Organisation als Kern und Schwerpunkt der jüdischen Kristallisierung kann ihre Aufgabe daher immer nur :unehmen sehen. Sie wird etappenweise die Judenheit ur Palästina gewinnen und dadurch wird das jüdische Palästina wachsen. Die Wechselwirkungen zwischen diesem und der Diaspora werden sich verdichten und Palästina wird schon im Momente, wo es auch erst eine halbe Million Juden zählen wird, das unbestrittene' Zentrum Für das Bewußtsein aller Juden sein. Jede andere Vorstellung von dem Fortschreiten unserer Bewegung ist gänzlich irrtümlich. Das müßte doch der langjährige Stillstand in der Ausdehnung der Organ, iation bei gleichzeitiger Verstärkung der Attraktionskraft des Palästinagedankens jedem Zionisten deutlich machen. Ist daher der Weg der Erweiterung der Jewish Agency der gegebene, so erfordert anderseits dieses Ansetzen von konzentrischen Ringen, daß der Kern ln seiner Struktur fest bleibt und daß er noch mit viel mehr Energie geladen wind als vorher, damit diese auf die immer weiter sich dehnende, ihm nicht adäquate Peripherie Kreise wirkungsmächtig ausstrahlen kann. Was nun diese nötige Festigung unserer Organisation anlangt, so ist an und für sich zu hoffen, daß schon die Notwendigkeit der steten Auseinander- ZionistiscAes londesfioiwitec für Cfeteareigfi Samstag, den 22. Juni 1929, 8 Uhr abends, Festsaal des Hotels Continental, 2. Bezirk, Taborstraße 4 Herel-Feier Festrede: Herr Felix Salten Mitwirkend: lHd. Gesangsvereln 3f£avten sind ism Xi&mististifcen ($2ilco, 9., 3f£4iKntnevsixa0e 2TS. Sonntag, den 23. Juni, vormittags Gang zum Grabe Theodor Herzls Setzung mit den Nlchtziomisten sie in einem gewissen Grade mit sioh bringen wird. Bisher hat unsere ungehemmte «Souveränität» einen unheilvollen Einfluß auf die Kohäsion unserer Organisation gehabt. Die Parteien strebten danach, Selbstzweck zu werden, die Kongresse wurden so ohnmächtig, daß einer der letzten (der Wiener) nicht einmal imsta:nde war eine Leitung zu wählen. Wenn gerade die Aktionskomiteesi-tzunig vom Dezember zum erstenmal ein Bild höherer Einigkeit und sachlicher Art der Verhandlungen geboten hat, so Gustav Landauers jüdischer Weg Am 2. Mai 1919 wurde in Stadelheim bei München •von einer Meute von Soldaten, die den Verhafteten begleiten sollten, unter Anstiftung und Billigung ihrer Offiziere ein wehrloser und gefesselter Mann erschlagen: Gustav Landauer. Zehn Jahre nach seinem Tode steht nua sein Bild, das unverblichene, wieder auf und redet — mahnt, bekennt, klagt an und — verzeiht, wie es die Weise des Ermordeten bei Lebzeiten war. .Martin Buber und Ina Britschki-Schimmer haben aus der Fülle seines brieflichen Nachlasses ein unerschöpflich reiches Buch herausgegeben: Gustav Landauer: Sein Lebensgang in Briefen (Rütfen & Loening,. Frankfurt a. M.). Nur einige der Hau ptstatiö tuen dieses auch für die Entwicklung des deutschen Judentums in den letzten fünfzig Jahren sehr bezeichnenden Weges seien hier verzeichnet. Zu Beginn des Buches ist Gustav Landauer neunundzwanzig Jahre* alt. Das weite Feld seiner Lebensarbeit liegt noch wüst und leer vor ihm; und auch das Tohuwabohu fehlt nicht. Der junge Mensch ist verheiratet, ist Vater zweier Kinder; dabei aber stehtet eben vor der Wahl eines neuen Berufes, denkt an Medizinistudieren, quält sich um die Mittel dazu — bekommt eben den Bescheid: daß die Universität Freiburg ihn «im Hinblick auf ■sein Vorleben» nicht für würdig erachte, immatrikuliert zu werden. . . . Am 10. März 1899 schreibt er aus Fridrichshagen, der Heimat der Literaturrevolutionäre, den ersten Brief an Hedwig Lachmann, aus dem man eine vielumstürmte Brautzeit kennen lernt, die endlich nach Ueberwind/ung aller inneren und äußeren Hindernisse zur Vereinigung in England führt. Als diese beiden einander kennenlernen, da ist das Judentum ihnen wohl eine «ungewußte oder nicht bedachte» Lebensmacht. — Der Weibnachtsbaum spielt eine große Rolle in ihrem Hause; nicht nur weil . . . die Kinder, sic hören es gerne . . ., sondern sie feiern damit eine Art erträumtes Verbrüderungsfest mit aller Menschheit. Das war die Zeit, da eine jüdische Generation die Ideale des Urchristentums a<ls die eigenen hirrzos teilen geneigt war. (Am schärfsten hat dies später Bubers Schüler Elijabu Rapeport getan.) Aber auch Landauer spricht von «unserm Jesus» wie von «unserm Buddha» und setzt über seine «Aetißerung» das Datum «der heiligen Nacht». Welcher Frage aber gilt diese Aeußenung? — Einem Vorschläge für Bubers Zeitschrift «Der Jude»; einem bemerkenswert jüdischen Vorschläge, von dem wir noch spreohen müssen. Stellen wie diese zeigen: Gustav Landauer spricht in der Tonart seiner Generation; eines Geschlechts, das ähnlich wie Moses Mendelssohns Zeit die Verbrüderung der Menschheit /schon ganz nahe sah — und auf alle Fälle von seiten der Juden dieser Verbrüderung nichts in den Weg stellen wollte. Umwelt und Innenwelt lehren Landauer — daran Ist festzuhalten — jedoch schon vor dem Kriege tiefere Erkenntnis vom Werte jüdischen Sonderwesens. Immer näher ergreift er seinen eigenen Zusammenhang mit jüdischer Vergangenheit; fühlt wie aus dem Erbe der Väter sein eigen Wesen unentrinnbar bestimmt wird. Hier trennt sioh «ein Weg von dem seiner Freunde. Consta ntim Brunner,-der merkwürdigerweise zu seinen Nächsten gehörte, hat seinen Briefwechsel mit Landauer, in dem sicher auch über diese Frage viel Streitbares «tamd, der Veröffentlichung entzogen; aber in den immer erneuten Auseinandersetzungen mit Fritz Mauther und seiner Frau über diesen Punkt spürt man die allmähliche Sonderung der Wege. Bekanntlich ist Mauthner einer der wenigen aus diesem Geschlechte, die bis zum Schlüsse des Weltkriege« und darüber hinaus in dieser Beziehung nicht« lernen und nichts vergessen mochten; in den Gesprächen mit ihm beobachtet man, wie «ich im Kampfe mit ihm Landauers jüdisches Gemeinschaftsgefühl stärkt und festigt. Die Erkenntnis seines jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins vertieft sich in ihm immer mehr bis zu seinem jähen Tode. — Schon 1913 schreibt er in der von Nathan Birnbaum herausgegebenen «Freistatt» einen Aufsatz «Zur Poesie der Juden». Während des Krieges fauchen diese Probleme immer wieder in ihm auf: das jüdische Gemeinschaftsgefühl klärt sioh und festigt sich in ihm gerade in dieser eZit des übersteigerten Nationalismus. Es führt ihn — den einzigen von diesen jüdischen Revolutionären, die nicht nur für die Menschheit, sondern auch für ihre Stammesgemeinschaft arbeiten wollten — zur tätigen Mitarbeit an jüdischen Zielen. Das jüdische Volksheim in der Dragonerstraße in Berlin wurde mit einem Vortrage von Landauer über Judentum und Sozialismus eröffnet. Wer damals an der Volksheim-Arbeit teilist dies ein Zeichen, daß alle Teile spürten, daß jetzt ein Gegendruck vorhanden ist. Hat man aber einmal angesichts der neuen Jewish Agency die Notwendigkeit einer starken, einigen zionistischen Organisation begriffen, die nicht nur nicht abdankt, sondern mit neuer Aktionslcraft, ja, wenn man will, Eroberungslust geladen ist, dann ergibt cs sich von selbst, daß dieser Kongreß nicht der «letzte» sein wird, sondern der erste in einer Reihe von Kongressen, die, anders als die bisherigen, von der Leitung vorbereitet und geführt, erfüllt von sbarkem Einheits- Willen in strenger Sachlichkeit den Akt der zionistischen Willensbildung zuatandebringen werden. Dem Kongreß werden alle Funktionen bleiben, die er bisher gehabt hat, die er aber in den letzten Jahren meist nur schlecht erfüllen konnte. Geistige Führung, zionistische Erziehung, hebräische Sprache, Gahrthprobleme, Festigung der Organisation, Ideenpropaganda, Politik usw., das alles waren und sind Themen der Kongreßberatungen. In bezug auf Palästina werden wir auf den Kongressen dieselben Debatten haben wie bisher, nur wird der Kongreß das Budget nicht endgültig feststellcn können, dafür wird aber die Kritik an den Beschlüssen und Handlungen der Jewish Agency einen breiten Raum in seinen Verhandlungen ein nehmen, da ja die Zionisten, die im Council und se im en* Organen «ätzen werden, dem Kongreß verantwortlich sein werden, Sie werden vom Kongreß neu gewählt werden und allgemeine Richtlinien sowi/e Budgetwünsche mitbekommen. An ein gebundenes Votum ist nicht zu denken und es ist auch nicht zu wünschen, da dies jede Verständigung mit dem Partner unmöglich machen würde. Die Klage darüber, daß der Kongreß sein Budgetrecht verliere, ist natürlich berechtigt. Sehen wir aber näher zu, ob das tatsächlich seine Dekapitierung bedeutet! In der Wirklichkeit sah das Budgetrecht so aus, daß die Auagabenscite bis zu einem hohen Grad zwangsläufig von der bisherigen Aufbauarbeit bestimmt war. Die Konsolidierung der Kolonien, die Erfordernisse der Schulen etc., das ergab ganz bestimmte Summen, die die möglichen Einnahmen vollkommen konsumierten. Jeder Kongreß gestattete es sich aber, um den Parteien den Mund zu stopfen, in Erhoffung größerer Einnahmen, irgendwelche Plusicistungen .einzustellen, die man in späteren Aktionskomiteesitz unge.n wieder 'streichen mußte, da man in diesen meist gezwungen war, selbst das Normalbudget zu kürzen. Fetner stand man jeden Moment vor neuen Situationen in Palästina — wie zum Beispiel jetzt, wo nicht vorhergesehene Beträge für die neue Einwanderung aufzubringen sind. Man kann daher sagen: Jener Teil der Einnahmen, der bisher vom Keren Hajessod aufgebracht wurde, ist schon von vornherein nahezu gänzlich festgeiegt. Da« Budgetrecht darüber, eine Illusion an seiner Verwendung, kann auch der andere Partner nicht ändern. Was w.ir budgetär (und ich glaube auch an nahm, dem wird Landauers immer wache und tätige Teilnahme wie man sie auch hier in den Briefen an Ernst Joel und Siegfried Lehmann aufiloucbten sieht, unvergeßlich bleiben. Dann war es die Herausgabe und Gestaltung von Martin Bubers Zeitschrift «Der Jude», die immer erneut zum Nachdenken über jüdische Fragen führte. Sehr fruchtbar, wenn auch wohl etwas problematisch, erscheint da etwa die Anregung zur Gestaltung des Inhalts: Gedanken und Sätze sollten aufgenommen werden, «die man nicht zum Thema Judentum, sondern zu irgendeinem Thema niederschrieb, wobei einen aber neben dem Denken zur Sache der Gedanke begleitete: Ich Denkender bin Jude.» Und die Anregung steigert sich in ihm zur Forderung: nicht nur das Wort Vauven-argnes gilt: Lerne mit dem Herzen denken! Sondern für uns auch: Lerne zur Sache d-ekan und zugleich denken, daß Du als Jude denkst! . , . Sehr bedauert der Leser dieser Stellen, daß ein Beitrag zum «Juden», in welchem Landauer diese Gedanken weiter entwickeln wollte, nicht gedruckt wurde: ob ei* noch irgendwo sich finden mag? Kein Wunder, daß dieser lebendige Jude von seine« Freundes Mauthner «lästerlichem Vorschläge», die Grenze gegen die Ostjuden zu sperren, nichts wissen wollte. In seinem Aufsatze «Ostjuden und Deutsches Reich» (1916) hat er seine Stellung zu dieser Frage Umrissen. Noch am 30. Dezember 1918 erklärt er sich «gerne bereit, an der geplanten Tagung sozialistischer Juden teilzunehmen». Vier Monate später traf ihn sein Schicksal. Traum», wie Landauer ihm schrieb, «uns Menschen, uns Juden» gegeben wurde, da schrieb der Dichter an Landauer, der da« Stück auf führen lassen wollte: «Ich werde Ihrem reinen Herzen und Ihren reinen Händen ruhig mein Werk aiwertrauen». — Dies eigentlich ist der erste und letzte Eindruck, den n:r, :i von diesen überreichen Brief bänden mit nimmt. Gewiß manches ungerechte Urteil steht dort zu lesen (was er etwa über große jüdische Rationalisten wie Moses Mendelssohn oder Hermann Cohen sagt, ist mehr als anfechtbar). Gewiß, mancher Gedanke scheint noch nicht ganz zu Ende gedacht — woran wohl auch die freie Imp rav i sa t io nsfonn des Briefes ihr Teil tragen mag. Aber ein Mensch mit reinem Herzen und mit reimen Händen steil! vor in;;. Bertha Badt-Straa/i. i i

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