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Die Stimme · 1929-06-13 · Heft 76 (13.6.1929) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 76 (13.6.1929)
Date
1929-06-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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I ft. h Preis 35 Groschen Zeitung vom Verleger versendet Journal expedit par l’£diteur m Abonnementpreise: I'ür Oesterreich: Monatl. S 1.50, viertelj. S 420, ganzj. 16.— / Deutschland: Monatl. Goldmark 1.—, viertelj. Goldmark 3.— / Tschechoslowakei: Monatlich Kc 7.—, vierteljährlich Kc 19.— / Jugoslawien: Monatlich Dinar 14.—, vierteljährlich Dinar 40.— Jiidiscfte Zeitung Kärscltelmrf festes* DoHftnerstfoä dtedaMiOYi und Jtdmimiatratiom: Wien, 1., 0$aicftevi$teivigasse V — CT<eI. IS Polen: Monatl. Zloty 2.30, viertelj. Zloty 6.50 / Ungarn: Monatl. Pengö 1.50, viertelj. Pengö 4.20 / Rumänien: Monatl. Lei 45.—, viertelj. Lei 125.— / Bulgarien: Monatl. Lewa 30.—, viertelj. Lewa 80.— / Belgien: Monatl. Belga 2.—, viertelj. Beiga 5.— / Uebriges Ausland: Monatl. Schweizer Franken 1.50 2. Jahrgang Wien, 13. Juni 1929 (5. Siwan 5689) Nummer 76 Oer Pogrom der akademischen Strolche in Lemberg Von Dr. W. Berkelhammer. Es geht wohl wider den gesunden Menschenverstand zu glauben, daß es Juden gibt, die auf vorbeiziehende katholische Prozessionen Sand streuen oder Steine werfen. Selbst wenn alles wahr wäre, was die antisemitische Kanaille von den Juden schreibt, daß sie angeblich nur Haß gegen alles, was nichtjüdisch, und besonders was katholisch und polnisch ist, dttpen, wenn alle diese idiotischen und lausbübischen Fälschungen zu 100 Prozent wahr wären —- selbst in einem solchen Falle müßte sich jeder Christ sagen, daß die Juden eigentlich völlige Idioten und Narren sein müßten, wenn sie ihre Gefühle in der Form einer offenkundigen Provokation ausdrücken würden. Wir sind doch eine schwache und kleine Minderheit die tausenden Verdächtigungen ausgesetzt, von einer Haßatmosphäre umgeben, lebt. Was für einen Sinn hätte es also, — noch dazu in der Zeit eines im allgemeinen zufriedenen Zusammnlcbcns von Polen und Juden — die religiösen Gefühle einer Prozession zu verletzen und dadurch bewußt eine in ihren Folgen unübersehbare Erbitterung der Masse heraufzubeschwören? Wir fragen: Was für einen Sinn hätte das — denn mit Recht werfen uns die Antisemiten vor, wir seien ein vorsichtiges und berechnendes Volk, das nicht ohne Ueberlegung handle... Und trotz all dem — als irgend jemand in Lemberg, die satanische Verleumdung aufbrachte, daß aus den Fenstern des jüdischen Gymnasiums mit Absicht beim Anblick der Prozession laut gelacht und gelärmt worden sei, fand sich sofort eine nationaldemokratische Zeitung in Lemberg, die aus dieser Ritualmär politisches Kapital schlug, an die patriotischen und katholischen Gefühle der Jugend appellierte, so daß am nächsten Tage eine Bande akademischer Ausgeburten in einer «edlen» Aufwallung von «Patriotismus» die Einrichtung des jüdischen Gymnasiums, der Druckerei und Redaktion der «Chwila» und des jüdischen Akademikerhauses demolierte... Nichts ist leichter, als dieses Vorgehen Vandalismus zu nennen und die ganze Schuld auf eine vor niemandem verantwortliche Studentenbande abzuwälzen. Leider schwang sich die polnische Presse, selbst die «liberale», «demokratische» und «unparteiische», nicht einmal zu einer solchen Genugtuung für die bis ins Innerste verletzte jüdische Oeffentlichkeit auf. Aber es geht nicht bloß um den materiellen Schaden, der dem ausgezeichnet eingerichteten Gymnasium und der jüdischen Zeitung zugefügt wurde, der noch niemand zu wenig Patriotismus vorwerfen konnte, es geht um den hundertmal größeren moralischen Schaden, den die Huligans der Idee eines harmonischen und zufriedenen polnisch-jüdischen Zusammenlebens zufügten. In ehrlicher Mühe bauen wir das GebMude dieses Zusammenlebens, räumen die Hindernisse weg, die ihm im Wege stehen, schaffen Bande der Sympathie und der Zugehörigkeit der jüdischen Bevölkerung zur Republik —und da plötzlich entzündet eine antisemitische Bande, im Interesse gegen die Regierung gerichteter dunkler Ziele, die Fackel des Hasses und reißt von neuem den kaum noch zugeschütteten Abgrund zwischen beiden Gemeinschaften auf. Der Huliganismus schläft nicht. Nur zeitweise schlummert er. Ist aber ständig sprungbereit. Was jedoch mit allem Nachdruck hervorgehoben werden muß, ist der Umstand, daß er nicht nur unser, des Judentums, Feind ist, sondern auch der Feind der polnischen Demokratie und des polnischen Staates. Leider aber geben sich weder die polnische Demokratie noch der polnische Staat davon Rechenschaft. Die Lüge vpn der jüdisdieti Provokation Proteste der Lemberger jüdischen Gemeinde. — Aufruf zu Spenden für Wiederaufbau der zerstörten jüdischen Institutionen. — Die Hetze geht weiter. Aus Lemberg wird uns geschrieben: Der katholische Geistliche Rokicki, derdie Fronleiehnainsprozession geführt hat, von der der Anstoß zu den mehrtägigen antisemitischen Ausschreitungen ausgegangen ist, hat bei seiner Vernehmung durch die Untersuchungsbehörden erklärt, er habe während des Vorbeiziehens der Prozession an dem jüdischen Gymnasium nichts davon gemerkt, daß ein jüdischer Schüler oder eine Schülerin die Prozession verhöhnt hätten oder daß von irgendwo Steine gegen die Teilnehmer geschleudert worden wären. Es entstand an jener Stelle eine gewisse Unordnung und Stockung im Zuge, die ihre Ursache daran hatte, daß eine Teilnehmerin infolge des Gedränges in Ohnmacht fiel. Dieser Vorfall hat eine nervöse Stimmung ausgelöst, die wohl zur Entstehung von falschen Auslegungen und allerlei Gerüchten den Anstoß gegeben haben mag. Im gleichen Sinne lautet die offizielle Feststellung der Sicherheitsabteilung der Lemberger Wojwodschaft. Die Mitteilung der polnischen Presse, daß die drei ältesten Mitglieder des Lemberger Rabbinats dem Episkopat gegenüber, ihr Bedauern über das «provokatorische Benehmen der jüdischen Schüler» ausgedrückt hätten, ist vollkommen erfunden. Die Untersuchung hat festgestellt, daß keinerlei Anhaltspunkte für irgendeine Schuld auf Seiten der jüdischen Bevölkerung vorhanden sind. In der Sitzung des Vorstandes der jüdischen Kultusgemeinde,, an der die Mitglieder des Rabbinats und des Kultusrates teilnahmen, referierte Senator Schreiber über die Geschehnisse, woraufhin die folgenden Resolutionen angenommen wurden: Die Leitung der Lemberger jüdischen Gemeinde stellt fest, daß die im traditionellen jüdischen Geiste erzogene jüdische Jugend unmöglich eine andere Religion oder religiöse Ueberzeugung geringschätzen oder beleidigen könne, im Gegenteil, sie ist zur Respektierung der religiösen Gefühle aller Bevölikerungsschichten erzogen. Die Insinuationen, als hätte die Jugend eine katholische Prozession verhöhnt, bezeichnet die Leitung der Gemeinde als eine böswillige Verleumdung, die von Demagogen unter Ausnutzung einer unverständlichen Massenpsychose verbreitet worden ist. 2. Die Gemeindeverwaltung protestiert gegen die unerhörten Geschehnisse der letzten Tage, die in einer erschreckenden Weise das Leben und die Habe der Juden bedrohen und zur Schädigung einer Reihe öffentlicher kultureller jüdischer Institutionen geführt hat. 3. Die Gemeindeleitung fordert die Autoritäten auf, den Juden den gesetzlichen Schutz, auf den sie als gleichberechtigte Bürger Anspruch haben, angedeihen zu lassen. Die im redaktionellen Teil -befindlichen d.itgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Anläßlich des am 23. d. M. stattfindenden Ganges zum Herzl-Grabc wird d‘ 7 „Stimme“ in ihrer Nummer vom 20. Ju \i d. J. eine Reihe von Beiträgen veröffentlichen, die der 25. W i c d c r k e h r des Todest a g e s Theodor Herzls gewidmet sind. Die Gemeindeverwaltung erließ einen"Apel-I an die jüdische Bevölkerung, sofort die notwendigen Gelder zum Wiederaufbau der während ' der Ausschreitungen verwüsteten jüdischen Institutionen durch Spenden auibringen zu helfen. Der Verband der demokratischen Jugend Polens, der sieben akademische Bauern- und andere Jugendbünde vereinigt, protestiert in einem öffentlichen Aufruf gegen die antijüdischen Exzesse der nationalistischen Studentenschaft. Inzwischen geht die Hetze weiter. Die nationalistischen Zeitungen in Lemberg und Warschaufahren in der Verbreitung aufhetzender Legenden über «jüdische Provokationen» fort. Die nationalistischen Studenten haben in Lemberg den Hochschulstreilc proklamiert, der auf sämtliche polnischen Universitäten ausgedehnt werden soll. In Warschau versuchten die nationalistischen Studenten, die sich mit ihren Lemberger Kollegen solidarisch erklärten, Straßendemonstrationen zu veranstalten,!mit der Absicht, diese in antijüdische Demonstrationen ausarten zu lassen. Die gesamte Warschauer Polizei wurde aufgeboten, um die Demonstrationen zu ' verhindern. Polnische parlamentarische Führer der Regierungskoalition erklärten, daß in Regierungs- und parlamentarischen Mehrheitskreisen große Bestürzung wegen der Lemberger Geschehnisse herrscht, die, wie man glaubt, von den Nationaldcmokraten zu dem Zwecke inszeniert worden sind, um das Ansehen der gegenwärtigen Regierung beim Völkerbund herabzusetzen. Der Terror gegen die jüdischen Studenten dauert fort. Die nationaldemokratischen Studenten hielten im Universitätsgebäude eine vom Rektorat nicht genehmigte, dennoch von der Behörde nicht gestörte Versammlung ab, in der scharfe Resolutionen gegen Regierung und Polizei angenommen wurden. Als aber die jüdischen Akademiker in dem zerstörten jüdischen Akademikerheim eine Versammlung abhielten, in der beraten werden sollte, wie sich die jüdische Studentenschaft zu dem Streik der antisemitischen Studenten verhalten sollte, erschien ein Polizeikommissär im Versammlungslokal und erklärte die Versammlung für aufgelöst Die versammelten etwa tausend Studenten fügten sich dieser Anordnung und gingen ruhig auseinander. Im Polytechnikum überfielen die antisemitischen Studenten die jüdischen Hörer, die sich zu den Vorlesungen eingefunden hatten. Zwei jüdische Studenten wurden erheblich verwundet. Als sich die Unruhen auf die Straßen ausdehnten, schlossen die jüdischen Geschäftsinhaber der Sapiehagasse die Läden. An der Universität ruht jede Tätigkeit. Nationaldemokratische Studenten besetzten alle Eingänge und lassen niemanden hinein. Mehrere jüdische Studenten und Studentinnen, die in das Universitätsgebäude 4823013053534823020102012348532348024823234800232323530048482348480201535323004823230100480201 ^^+:...::++:6.4188.+/+/:.:+4....:.:9.C

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