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Die Stimme · 1929-06-06 · Heft 75 (6.6.1929) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 75 (6.6.1929)
Date
1929-06-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Np. 75 DIE STIMME Seife 9 Zions Töchter Aus dem Zyklus t Heitere Pogrome Von N. Blind. Herren- und Damen-Kielder nach nas Baiehe Staffeuwahl. Zahltag nach tJebereinkcmmen. JoIwiiii ladna Wien, TI., MarialiKf-rstraße 107, Tel. B 27-2.88 Die Massenversammlung der Wiener zionistischen Arbeitsgemeinschaft Als Veranstaltung der in Gründung befindlichen Arbeitsgemeinschaft aller in der zionistischen Landesorganisation vereinigten Gruppen fand Donnerstag, den 30. Mai, im Rahmen der Schekelation für den bevorstehenden Zlonisteii'konigrcss im grossen Festsaalc des Hotels Continental eine Massenversammlung statt, die einen deutlichen Beweis dafür lieferte, <jpwelch grossem toteresse der Zionistenkongreß und das zur Verhandlung kommende Problem der Erweiterung der Jcwish Agency in der jüdischen Oeffentlichkcit begegnen. Als Redner waren Vertreter aller zionistischen Gruppen angekündigt, die ln der zionistischen Landesorganisation vereinigt sind. Eröffnet wurde die Versammlung durch den Präsidenten des zionistischen LandestkomJtees Dr. Leo Goldhamtner, der in seiner Einleitungsede darauf hinwies, dass atreh nach Erweiterung der Jewish Agency die zionistische Organisation der Angelpunkt der zionistischen Bewegung sein werde. Der erste Redner, Dr. Desider Friedin arm, wies auf die heroischen Leistungen hin, welche die Zionisten innerhalb weniger Jahrzehnte in Palästina vollbracht 'haben und stellte sie in Gegensatz za der nnfrachifbaren Kritik, die von manchen Seiten an diesem in der Geschichte der Welt einzigartigen Werke geübt wird. /Wenn auch die Erweiterung der Jewish Agency gewiss eine Einschränkung der Machtvollkommenheit der zionistischen Organisation bedeutet, so möge man doch nicht vergessen, daß Palästina eine Angelegenheit des ganzen jüdischen Volkes ist Es ist daher unsere Pflicht, auch denjenigen Zutritt zur Arbeit zu gewähren, die willens sind, uns zu helfen die nationale Heimstätte zu erbauen. Unser Bestreben muss es sein, auch diejenigen, die jetzt noch nicht der zionistischen Organisation angehören, in unsere Reihen zu bringen. Durch den edlen Wettstreit, der zwischen uns und den anderen nichtzionistischen Gruppen entstehen wird, kann die zionistische Organisation nur an Schlagkraft gewinnen. v Namens der Misrachi sprach sodann Dr. Mendel Rosenberger, der die Bedeutung der Gesetzestreue für der WiederamSbau Erez Israels hervorhdb. Kultusvorsteher Professor Rath schilderte die Entwicklung, die Palästina durch die zionistische Aufbauarbeit gewonnen hat. Im Gegensatz vom zerstörenden Individualismus der Assimilation hat der Zionismus den Kollektivismus geschaffen und -das jüdische Solidaritätsgefühl geweckt. Für die Zionisten-Revisionisten sprach Dr. Norbert Hoffmann, namens der Hitachduth Frau Dr. Martha Hofirn .a na und im Aufträge der Poale Zion hielt Mendel Singe r eine ausführliche "sachliche Rede. Mit einem eindrucksvollen Schlußwort des Vizepräsidenten der Kulturgemeinde, Dr. Josef Löwen herz wurde der äußerst interessante Abend beendet. Der Redner, wies auf die palästinafreundlichen Bestrebungen bedeutender englischer Staatsmänner, wie Kennworthy nnd iWeedgewood, hin und betonte, daß die zionistische Organisation, allein oder in der erweiterten Jewish-Agency, die Trägerin des zionistischen Gedankens sein werde. Ohne die zionistische Organisation hätte es nie eine Balfourdeklaraüon und nie ein Mandat gegeben. Unsere Aufgabe wird es sein, die Nichtzionisten, die nach Erweiterung deT Jewish Agency am Wiederaufbau Palästinas mltwirken werden, zu Zionisten zu machen. Wenn wir diesem Ziele durch die Propaganda dieser Versammlung einen Schritt näher gekommen sind, so hat sie ihren Zweck voll und ganz erreicht. Lebhafter Beifall der massenhaft besuchten Versammlung lohnte die interessanten Ausführungen aller Redner. Die Wahlen zum Zionistischen Parteirat Die Wahlen in den Zionistischen Parteirat finden Mittwoch, den 12. Juni 1929, von 7 bis 10 Uhr abends statt. Die Wählerlisten liegen vom 3. bis 7. Juni, 6 Uhr abends, im Bureau des Landeskomitees, I., Kärutnerstraße 28, zur allgemeinen Einsicht auf. Das Recht der Reklamationen wegen Nichtaufuahnie in die Wählerliste oder wegen Aufnahme nicht wahlberechtigter Personen steht jedem Organisationsynitgfied bis 7. Juni, 12 Uhr mittags, zu, Jeder Wahlkreis entsendet auf je 100 Wähler einen Delegierten, Für verbleibende Reststimmen von mindestens 50 Mitgliedern kann noch ein Delegierter gewählt worden. Ortsgruppen und Bezirk »Sektionen mit weniger als 100 Mitglieder können zwecks Wahl des Parteirates zusammengelegt werden. Die zusamm engellegten Ortsgruppen der Provinz können auf je 50 Mitglieder ein Mitglied des Parteirates wählen. In Wahlkreisen, in welchem nur ein Delegierter zu wählen ist, untenbleibt die Einreichung von Wahlvorschlägen. In Wahlkreisen, auf welche zwei oder mehrere Delegierte entfallen, sind die Wahlvorschläge bis spätestens 9, Juni, 12 Uhr mittags, beim Zionistischen Landesikomitee einaureichen. Der Wahlvorschlag muß von mindestens .10 Wählern des Wahlkreises unterschrieben sein. Wahlproteste, die von mindestens 10 Wählern gezeichnet sein müssen, sind bis spätestens 16. Juni 1929 beim Landeskomitee zu .überreichen. Da die Stube keinen Schutz mehr gewährte — die Soldaten drangen in die morschen Häuser ein, um die Insassen zur Zwangsarbeit zu zerren — - mußte Ljowa auf den Dachboden flüchten. Wer weiß, wie lange er sich hier wird sicher fühlen dürfen? Gerade um das heutige — dieses Heute dauert schon jahrelang — gerade um das heutige Samslagessen sollte es Ljowa gar nicht leid sein. Immerhin, wenn er so ruhig bei dem weiß gedeckten Tisch sitzen könnte, wenn er seinen Vater, seine Mutter und die Schwester, die Kriegswitwe, um sich sähe, würde er die Armut des Mahles, würde er die grausame Zeit vergessen. Er würde sich zurückversetzen ... Der Kopf Ljowas stößt auf einen Holzbalken und fährt verbrüht zurück. Der Dachboden ist nieder, schmutzig, voll Staub und Spinnwebe. Spinnen oben, Spinnen unten, Spinnen, Spinnen, Spinnen. Vom Bodendacb aus übersieht Ljowa durch eine Lücke in den Dachziegeln das ganze Städtchen. Leere. Die Leere der Samstagruhe verflacht um die Leere der Bürgerkriegsunruhen. Ueber Ljowas Augen dehnt sich wie Spinngewebe ein Tränennetz. Er kann SIEGM. KORNMEHL GBOSSFLEISCHHATTEREI Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A17-3-99 a. A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, AbtellungenjWrJgJjFlelsch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autozustelluno Kostenlos IX, Berggasse 15 XV1H, Währingerstraße 97 | nicht aufrecht stehen. Selbst sitzen muß er gebückt. Der Dachboden drückt ihn nieder. Oh, man könnte aufschreien! Der Gedanke an Hanna kommt ungebeten. Und eine plötzliche, traurige Durstwelle nach Luft, nach Atem, nach Leben, nach Freiheit, nach Würde. Würde?» Ljowa entsinnt sich, wie er über den kleinen Hinterhof, vyie er . auf allen Vieren kroch, und sein Gesicht blutet Scham. Der Rock wird drückend eng. Seine Stirne perlt, als hätte sie ihre eigene Tränenquelle. Mag alles kommen» * Ljowa klettert vom Dachboden herab, überquert den Hof, tritt aufrecht . $uf die Gasse hinaus und — bevor noch seine Mutter ihn durch das Fenster erblickt, zur Tür rennt und Gott zum Zeugen KAUFT FISCHE bei PHIZNER «& HATZI II. Tolkertplatz, Fischhalle (Tel. R 40-2-38) TL Pilgrambrücke, FischhaUe (Tel. B 24-4-23 X, Bel Lichtensteiostraße 112, Fischhalle (Tel. A 11-2-59) X. Columbusplatz, Fischhalle (Tel. U 47-1-30) Den ganzen Tag in feinstem Olivenöl gebackene heiße Fische 8080000660flOOflMfl6l6000606000000000060fl dieses Unsinns ruft, reckein sich schon zwei Uniformen neben ihm und schleppen ihn mit sich fort. * Montag abends wirft Ljowa den nachtschwarzen Mantel seines Vaters um, drückt sich durch enge, verwirrte Hintergäßchen und klopft an Hannas Fenster an. Bis Hanna hinauskommt, setzt sich Ljowa im kleinen Vorgärtlein zurecht und zündet, dicht an den Zaun gedrückt, eine Zigarette an. Seine Lippen lispeln ungewollt die ernste Unterredung mit Hanna vor. Ljowa verteidigt seinen Traum, die Flucht aus dieser Stadt, aus diesem Land, vor Hannas altklugen Einwänden. Das Feuerköpfchen der Zigarette duckt sich in die Muschel seiner Handfläche. Hanna kommt nicht allein aus dem Haus. Und sie und ihre Freundin Sara Rappoport lärmen und lachen, als wüßten sie nicht, was Belagerungszustand sei, als wüßten sie nicht, daß hinter Tausenden von Läden Menschen säßen, gespannt horchten und bei jedem leisen Gemurmel der Nacht aufzuckten, wie nicht zu Ende geschlachtete Tiere. Sara und Hanna lachen einander, lachen Ljowa, lachen das angstdurchschüttelte Judenstädtchen, lachen die zerquälte Nacht an. Ein grelles, leichenschänderisches Lachen, Und von diesem Lachen umschattet, überstürzen sich die Erklärungen Hannas, warum sie gestern nicht kommen konnte, wie schön, wie prächtig, wie jubelnd der Militärball Im Schloß war, wie geschmückt . . . Das Lachen verjüngt sich zu einem platzenden schrillen Quieken. Denn da entsinnt sich Hanna, daß an der Ausschmückung des Ballsaales im Schloß, ja das ganze Judenstädtchen «mithalf» ... ja selbst der da . . . Ljowa . . . Aus dem Abgrund, aus der Sturmflut des Lachens krabbeln sich vier weißschimmernde Hände hervor, drängen auf Ljowa, würgen ihn. Aus der Nacht, aus dem Nichts taucht ein Ding, ein scharfkantiges Viereck hervor, klein wie die Oeffnung eines Dachbodens. Sara Rappoport und Hanna holen von "den Höhen ihres Lachens ein Wort herab, heften es an das vorgestreckte Ding fest. Das umlachte Viereck wird zu einem Bild, zu einer Photographie, die unbarmherzig beguckt zu werden fordert. Das Feuerköpfchen der Zigarette starrt in einen aufgezwirbelten, dunklen Schnurrbart, zwei Augen starren in ein sepiagefärbtes Offiziersgesicht. Das Feuerköpfchen starrt. Ljowa starrt. Ljowa sieht. — Ein großer Saal voll Pferdekot und Judenkinder . . . Bärte . . . Ein Offizier mit aufgezwirbeltem dunklem Schnurrbart ... Ein langer, langer Leibriemen durch die Luft sausend . . . Der Rücken Ljowas fährt verbrüht auf und — Ljowa erhebt sich langsam von seinem Sitz, öffnet mit klebrig feuchten Händen das Pförtchen des Vorgartens und tritt geradeaus auf die Gasse, auf die «Große Gasse», als wüßte er gar nicht um den Belagerungszustand, um die Todesangst hinter den Fensterläden, um die zerschändete Menschennacht. * Montag mitternachts läuft eine alte Jüdin durd. die ohnmächtigen Gassen des Judenstädtchens: vielleicht gelingt es ihr, ihren Sohn zu retten. Von Zeit zu Zeit, mitten im Laufen und Stolpern, hält die Jüdin inne, ringt die Hände über ihren Sohn Ljowa, an dem ihr ganzes Leben hängt, und schreit ihren Begleiter, den willenlosen Judenvorstand Reb Arje, an: «Was stehen Sie denn da? Man muß doch laufen, um Gottes willen! . . .» Belagerungszustand verhängt den Mond. Die Jüdin läuft. Der Wind zerfasert ihre Klagen. Der Wind besamt die Judenstadt mit Seufzerbrocken. Ein antisemitischer Reinfali um Cohn ... Die gesamte judenfeindliche Presse Deutschlands kann dem bekannten Schriftsteller Emil Ludwig die Form seiner Darstellung historischer Persönlichkeiten — in erster Linie Bismarcks und Wilhelm II. — nicht verzeihen und findet als Hauptargument gegen ihn die Tatsache, daß sein Vater Cohn hieß. Cohn hören — und für vernünftige Erwägungen noch zugänglich zu sein, ist für diese Blätter wohl nicht gut möglich ... Was tut man also, wenn man eine Notiz liest, in der es von Emil Ludwig folgendermaßen .heißt — „Sic können lieh gar nicht vorftellen, wie froh ich bin, daß ich nun den Mcnfchenfohn hinter mir habe! Wie Sie am den Wafchzetteln wißen, lebe ich mich in die zu biographiereaden Perfonen immer fo intenfiv ein, daß ich beifpielsweife bei Bismarck kahl, bei Napoleon genial und bei Wilhelm dem Zweiten größenwahnfinnig wurde. Außerdem ftörte mich bei letztgenanntem Werke ein kaum unterdrückbarer Trieb zum Holzhacken und Heiraten. Malen Sie fich aus, wie ich beim Menfchenfohn gelitten habe! Dafür habe ich auch noch höhere Prozente verlangt. Zur Erholung werde ich mich jetzt in Cafanova cinlcben. Sehen Sie, die Kleine da drüben winkt fchon.“ — man übersieht, daß es sich um einen Scherz der gekannten satirischen Wochenschrift «Simplizissimus», in dem Emil Ludwig unter das satirische Vergrößerungsglas gelegt wurde, handelt, und wütet naturgemäß gegen «Cohn» mit «Selbstentlarvung», «Selbstbekenntnis», «Prozente für Golgatha». Blinder Eifer und mangelndes Gefühl für Humor und Witz ergeben eben immer einen schönen Reiiifall . . . Der König von Abessynien für die Fallaschahs New York. Der Vorsitzende des Amerikanischen Pro- Fallaschah-Komitees, Prof. Feitlowitsch, teilt mit, daß der König von Abessinien 2500 Dollar für den Neubau der Schule für die Fallaschah-Kinder in Abessiniens Hauptstadt Addis-Abeba, gespendet hat. Neueinführung. Jede elegante Dame wird es interessieren, daß die Schuhfabrik Lissiansky, VII., Kaiserstraße 46, nach niifcgebrachten Zeichnungen Schuhe in jeder gewünschten Komlbination zum Kleide passend aorf individuellen Formen anfertigt. E ri'

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