Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 75 (6.6.1929)
- Date
- 1929-06-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053827--1069-3056392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 OIE STIMME Nf. 75 Marshalls „dramatisch gesteigerter Fluch“ Was er wirklich sagte und was darüber berichtet wurde Vor kurzem verbreitete die L T. A. einen Bericht über ein in New York abgehaltenes Dinner des United Palestine Appeal, bei dem Louis Marsh all in einer vielbemerkten Rede unter anderem gesagt haben soll: «Wenn ihr je eine genügende Zahl Juden in Palästina haben werdet und wenn diese Leute die Kraft haben werden, einen Staat zu biden, dann werdet ihr den Staat haben. Ich aber werde diesen Tag nicht erleben und iich will diesen Tag nicht erleben. Und ihr werdet ihn nicht erleben und eure Kinder werden ihn nicht erleben.» Diesen angeblichen Ausspruch, der auch von der nichtzionistischen Presse mit sichtlichem Behagen wiedergegeben wurde, bezeichnete die «neue Welt» als einen veritablen, «dramatisch» gesteigerten Fluch, den da der aty?, erste Führer der amerikanischen Juden gegen den Judenstaat, den Staat seines Volkes ausstößt. In Wirklichkeit aber hat Masshail keinen «Fluch gegen den Judenstaat» ausgestoßen, sondern bloß die Behauptung aufgestellt, daß er diesen Tag nicht erleben wird (im Originalbericht des «Jewish Daily Bulletin» heißt die bezügliche Stelle: «I won’t live to see thg day», deutsch: «Ich werde diesen Tag nicht erleben».) Die im Zusatz enthaltene Aeußerung: «und ich will diesen Tag nicht erleben, hat Marshall nicht getan. Der Sinn seiner Rede war vielmehr der, daß es müßig ist, sich schon jetzt über den Judenstaat zu streiten, da dies eine Frage ferner Zukunft sei. Henry Ford liebt schon wieder die jüdische Rasse... Aus New York fchrcibt man uns: Weite Beachtung fand in der amerikanilchen Oeffentlichkeit die Tatfache, daß Henry Ford, der viele Jahre lang eine antilemitifche Propaganda führte und vor einem Jahre in einem feierlich abgelegten Bekenntnis dem Antifemitismus abfdiwor, nun Gaft bei einem Ehrenempfange war, der einem führenden Juden, dem Vorfitzenden des Joint Diftribution Committee David A. Brown, gegolten hat. Henry Ford faß an der Ehrentafel zur Seite des Prafidenten des American Jewifh Committee Louis Marf hall der, wie erinnerlich, im Jahre 1927 die Entfchuldigung Fords und feine Ehrenerklärung für die Juden entgegennahm. Henry Ford ließ unter den Gärten der. Tafel eine fchriftliche Erklärung zirkulieren, in welcher es heißt: «Id» bin glücklich, hier zu fein, um meinem guten Freunde David A. Brown und über ihn hinaus der. g r o,ß e n Raffe, die ihn mit Stolz und Glück zu den ihren zählt, meinen Tribut der Bewunderung zu zollen. Die intenfive und zielbewußte Teilnahme der Juden an der Förderung des bürgerlichen -Gerechtigkeitsfinns und der fozialen Gerechtigkeit ftempclt fie zu einem großen Volke und David A. Brown ift einer der edelften Söhne eßefes Volkes.“ Der antisemitisch verseuchte Fremdenverkehr Eine Ergänzung der schwarzen Liste Zu unserer, in Nummer 73 der «Stimme» veröffentlichten Warnung vor den «judenreinen» Kurorten und'Sommerfrischen 'der' Oesterreichischen Republik erhalten wir nachstehende Zuschrift eines Lesers: An die Redaktion der «Stimme», Wien 1. Zu Ihrer Veröffentlichung in Ihrer vorletzten Nummer betreffs der antisemitisch geführten Gaststätten, gestatte ich mir Ihnen zur Kenntnis zu bringen, daß der Mitinhaber der bekannten Pensionen WaHner, Schweizerhof, Gertrudemhof und Parkcafe^ am Semmering, Herr Alois W a 11 n e r, in der Anfangs April 1. J. am Semmering stattgefundenen Wahl des Vorstandes der Heim wehr für Semmering und Umgebung zum Obmann-Stellvertreter gewählt wurde. Herr Wallner hat seinen Gästen von dieser Wahl gesprächsweise Erwähnung gemacht und hinzugefügt: «lieber Euch Juden kommt noch ein Pogrom, aber nicht von den Halkenkreuzlern, sondern von dö Sozi». Meiner Ansicht nach dürfen diese Tatsachen die breitesten Kreise der jüdischen Semmeringbesucher Interessieren, zumal derselbe Herr Wallner auf eine Frage, wieviel Prozent seiner Gäste Juden seien, antwortete: «98 Prozent». Die österreichische Tabakregie und die Festwochen Die österreichische Tabakregie bringt anläßlich der Festwochen (2. bis 16. Juni 1929) Egyptische Zigaretten III. Sorte und Memphis-Zigaretten als Spezialpackungen in eleganten Kappenschachteln zu 25 Stück in Wien auf den Markt. Die Spezialpackungen der Egyptischen Zigaretten III. Sorte sind mit dem Bilde des Wiener Komponisten Johann Strauß, Vater, jene der Memphis-Zigaretten mit dem Bilde des Walzerkönigs Johann Strauß, Sohn, ausgestattet. Diese Spezialpackungen werden nur während der Wiener Festwochen ausgegeben. Es Es ist sicherlich vielen Juden, die bei Wallner aibsfetgen nicht bekamt, daß sie sich bei einem Antisemiten zu Gast aufhalten. Ich gestatte mir Ihnen diejenigen Herren namhaft zu machen, die Zeugen obiger Aeußerung waren: Direktor Philipp Reich, VIII., Alserstraße 28, Direktor Hugo Jellinek (Firma Fleischmann & Co.), Gritizingerallee 36, und Dr. Singer (Kinderklinik Prof. Dr. Moll). Es dürfte auch das jüdische Publikum interessieren, daß der bekannte Semmeringer Arzt Herr Dr. Ender (Chefarzt d. Südbahn) zum Obdann dieser Heimwehr-Ortsgruppe gewählt wurde. Mit Zionsgruß P. Kreppei. Die Wahlen zum Kongreß Die Haupt wah lkom m ission des österreichischen Landessch ekelverband es hat sich folgendermaßen konstituiert: Obmann: Moses Weiner (Landesverband), Obmannstellvertreter: Hirsch Bloch (Misrachi), Schriftführer: Doktor David Taubes (Landesverband). Weitere Mitglieder: Landesverband: Salomon Körner, Josef Weinstock, Dr. Leonhard Ekstein, Dr. Moscheh Landau; Misrachi: Wolf Tuchmann; Hitacbduth: Saul Weinreb, N. Kohn; Poale Zion: Dr. Rudolf Glanz, Ing. Grad. Die Wahlen zutm Kongreß finden Dienstag, den 25. Juni 1929, von 5 bis 10 Uhr abends statt. Die Wahlvorschläge sind zwischen dem 16. Jiuini, 9 Uhr früh, und dem 19. Juni, 7 Uhr abends, tm Bureau der Hauptwahlkommission, I., Kärntnerstraße 28 (zu Händen des Herrn Zahler) einzureichen und gleichzeitig schriftliche Erklärungen der in dem Wahlvorschlag genannten Kandidaten vorzulegen, daß diese bereit sind, eine auf Grund dieses Wahlvorschlages erfolgende XVI. ZIONISTEN¬ KONGRESS Zürich, Juli 1929. KONGRESSPUBUKATIONEN: 1. Berichte an den XVI. Zionistenkongreß: *) Bericht der Zionistischen Exekutive (hebräisch, englisch oder deutsch) . . Frs. 3*70 b) Bericht des Keren Hayesod (hebräisch, englisch oder deutsch) . . , 3*— c) 'Bericht des Keren Kayemeth Lelsrael (hebräisch, englisch oder deutsch)... 3*— 2. Kongreßzeltnng, einziges offizielles Organ des Kongresses, * erscheint (in deutscher Sprache) während des Kongresses täglich; Abonnements in der Schweiz ...... 3*50 „ in den übrigen Ländern . „ 4*— 3. Stenographisches Protokoll des XVI. Zionistenkongresses (ln deutscher Sprache), erscheint im September 1929 . ~" 7*50 Generalabonnement für alle drei Publikationen . v.T; 16*20 Die Besteller von General-Abonnements erhalten auf die Preise der Gastkarten zum Kongreß 10% Rabatt.. Bestellungen an d. Bureau d. XVI. Zionistenkongresses, Brünn, Lehmstätte 17, Tschechoslovakel; Geldsendungen an den Schweizerischen Bankverein, Zürich, für Rechnung des ßbi'eäuk dis XVI. Zionistenkongresses. Die Kongreßzeitung und das Kongreßprotokoll sind eitiitfnöntbehrliches.Hilfsmittel jedes Zionisten, der lückenlose und authentische Information über die gesetzgebende Körperschaft des Zionismus wünscht Wahl anzuTiehmen. Der Wapyorscblag muß von mindestens 50 Wahlberechtigten mit genauer Angabe des Vor- und Zunamens und Adresse unterzeichnet werden. Die Wählerlisten liegen in der Zeit vom T0. bds 13. Juni im Bureau des Landeskomitees zur .Einsichtnahme und Reklamation auf. Der genaue Wortlaut des WahJregulativs, nach w'elcbem die Wahl vorzunehmen Ist, wird noch veröffentlicht werden. Hauptwahlkommission des Landesschekelverbandes: Dir, David Taubes nt, p. Moses Weiner m. p. Schriftführer. Obmann. Bewegter Wahlkampf zum Zionistenkongreß in Amerika New York. Der Wahlkampf der zioniftifchen Parteien und Fraktionen für den 16, Zionirtenkongreß in Zürich hat in den Vereinigten Staaten bereits begonnen; er geftaltct fidi fehr bewegt. Es irt feit mehreren Jahren das errte Mal, daß die Delegierten durch direkte Wahlen der Sdickelzahlcr gewählt werden. Sechs Kandidatcnlirten flehen miteinander in Wettbewerb: Offizielle Adminirtration, Misrachi, Hitacbduth, Poale Zion, Rcvifaoniften und Oppofitlon. An der Spitze der Lirte der Adminirtration flehen der Präfident der amerikanifchen zioniftifchen Organifation Louis Lipsky, der Vorfitzende des amerikanifchen Keren Hajellod Morris Rothenberg, der Präfident des United Paleltine Appeal Richter William Louis, der Präfident des Adminiftrativkomitees der zioniftifchen Organifation Dr. Mordcchai M. Kaplan, Rabbi Abba H. Silver, Chefredakteur Jacob Fifhman, Dr. A. Coralnik und Frau Irma Lindheim. An der Sptze der Misrachi-Lifte figurieren der Präfident des amerikanifchen Misrachi Gedaliah Bublik, die Rabbiner Gold, Margolies und ifrael Rofenberg fowic der Präfident der Jizchak Elchanan-Jefchiwah Dr. Bernard Revel. An der Spitze der Hitachduth-Lifte flehen Dr. Chaira Arloforoff, Dr. Martin Buber und Grünberg. Liftenführer der Poale Zion irt Berl Locker. Die Lifte der Zioniften-Revifioniftcn weift an der Spitze die Namen von Jabotiosky, Dr. S. Soskin und Morde« chai Danzis auf. Die Oppofitionsgruppe, die fich „Herzl- Zioniften“ nennt, hat 25 Kandidaten aufgeftellt; an der Spitze flehen Richter Julian W. Mack, Freedenwald, Jacob de Haas, Abraham Tulin, Ifrael B. Brodie, Robert Szold und Samuel Rofenfohn. Baron Edmottd de Rothschild ein Freund der Jewish Agency Dr. Chaim Weizmaon, der, von Palästina ziurüokkehrend, einige Tage in Paris geweilt hat, besuchte Baron Edmond de Rothschild, den «Vater» der Jüdischen Kolonisation in Palästina. Baron Rothschild beglückwünschte Dr. Weizmann zu dem Erfolg seiner Verhandlungen über die Erweiterung der Jewish Agency. Wie die J. T.-A. erfährt, ist Baron Edmond de Rothschild, der früher einen negativen Standpunkt zum Jewish Agency-Plan eingenommen hat, Agency-Idee geworden.. Dies bedeutet aber noch nicht, daß nunmehr ein entschiedener Anhänger der er persönlich in die Jewish Agency eintreten wird. Sonderbare Berichterstattung Marshall lehnt den Judenstaat abi So die J. T. A. — und diese allzubewährte «Quelle» genügt schon den patentierten Reinheitsaposteln des zionistischen Gedankens, um der Welt noch einmal die Gefahr der erweiterten Jewish Agency vor Augen zu führen. Marshall gegen den Judenstaat! Als ob es nur der großen Reden und journalistischen Aufmachung bedürfte, um den Judenstaat gleich zu erlangen. Daß die Wiener Presse (siehe «Neues Wiener Journal»!) diesen Ueberfall auf einen Führer des amerikanischen Judentums nach ihrem Geschmack auswertet, schert ja nichts weiter Zionisten, denen es nur darum zu tun ist, dem Verräter Weizmann — noch eins am Zeug zu flicken! Die Lüge hat jedoch bekanntlich trotz aller Demokratie der Verirrungen kurze Beine. Und so stellte sich heraus, daß an der ganzen Behauptung kein wahres Wort ist. Es genügt, nur das englische Original der Rede mit der Uebersetzung zu vergleichen. Aber darauf können ja diese Zionisten, die die Idee so treibt, nicht warten. Ihnen ist der journalistische Tamtam, wenn er auch noch so schädlich ist für unsere Sache, viel viel mehr als das schwere Ringen Weizmanns um neue Wege oder gar Beschlüsse der Exekutive des Kongresses. Judenstaatlern gilt ja bekanntlich wenig ein Präsident oder die Legislative eines im Werden begriffenen Staatswesens . . . Diesen Zwergen, die sich so gerne an die Rockschösse eines Genies wie Herzl klammern und denen sogar ein Tanzkränzchen eine willkommene Gelegenheit ist, um den großen Schatten heraufzubeschwören, wäre es wirklich zu raten, eine Stelle in den Tagebüchern auf Seite 49, 1. Band, nachzulesen, wo es also heißt: Sich vor Selbstüberschätzung, Hochmut und Narretei schützen — wenns gelingt. Wenns mißlingt — hilft mir die Literatur, mir von; der Seele zu schreiben . . . Wenns nur an Brunnenvergiftung nicht grenzte! F. Die Konferenz der Zionisten Südafrikas Wie die «Stimme» bereits melden konnte, wurde!n Bloemfontein, der Hauptstadt des OranjenFreistaates, in diesen Tagen die 12. Konferenz des südafrikanischen Zionistenbundes abgehalten. Mehr als 150 Delegierte aus allen Teilen der südafrikanischen Union hatten sich zur Konferenz edngefunden. Der Gouverneur des Freistaates und der jüdische Bürgermeister von Rloemfontein begrüßten persönlich die Delegierten. Es wurde eine Resolution angenommen, in der die Erweiterung der Jewish Agency begrüßt und den Führern der Weltorganisation das Vertrauen ausgesprochen wird. Zum Präsidenten des Zionistenbundes wurde Herr Abrahams wiedergewählt. Die Konferenz verpflichtete sich, innerhalb dreier Jahre 75.000 Pfund für den jüdischen Natioiralfonds zwecks Bodenkaiufs in Palästina aufeubringen. Als an die Konferenz der Appell gerichtet wurde, den gegangenen und deportierten Zionisten in Rußland zur Reise nach Palästina zu verhelfen, wurden in weinigen Minuten für dieser Zweck 400 Pfund aufgebracht. Für den Sabbathschutz in Holland Amsterdam. Der jüdische Arbeiter- und Anigestelltenverein «Betsalet» hat die jüdischen Gesellschaften, die soziale und ökonomische Ziele verfolgen, za einer dem Sabbathschutz geltenden Beratung eingeladen. Der Amsterdamer Oberrabiner A. S. Onderwizer erklärte, die SabtoathbeofoaChtung sei nicht allein eine Angelegenheit der Orthodoxie, sondern des gesamten Judentums. Eine Resolution wunde angenommen, in der die jüdischen Gemeinden auf» gefordert werden, die Bewegung für Sabbathschutz zu stützen. Ein christlicher Bittgottesdienst für Erez Israel Alexander Goldstein, der als Sendbote des jüdischen Nationalheims die Länder des fernen Ostens bereist hat, erzählte, daß anläßlich seiner Anwesenheit in Südaustralien der dortige anglikanische Bischof in der Kathedrale seines Amtsbezirks ein^n Bittgottesdienst für das Gelingen des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina veranstalten ließ. (In Oesterreich, das geographisch zu Europa gehört, kommt es auch vor, daß christliche Heimwehrleute politische Bittgottesdienste veranstalten, die aber zumeist fr den Ruf ausklingen: «Hauts die Juden!») Das Strandbad Klosterneuburg ist bereits eröffnet und erfreut sich auch heuer des größten Zuspruches.