Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-06-06 · Heft 75 (6.6.1929) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 75 (6.6.1929)
Date
1929-06-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053827--1067-3056390
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Seite 6 OIE STIMME Nr. 78 Hrex Jswaet wird das Zentrum des ßüdisdien £ebens. Veifinfipfd Huren Jlamen mit diesem Werk durdk föaumstif tunken im "Clkajes-Wald FII Angriffe «eines gewisen Pöbels» so gefeit, wie er meinte. Und dieser Umstand hat sicherlich viel dazu beigetragen, daß sein edles Herz so frühzeitig Stillstand; daß Theodor Herzl dasjenige, was er in einem Städtchen am Golf von Salerno zu schaffen sich vorgenommen, in einem Sanatorium vollendete: sein Meisterwerk! — Ja, sein Meisterwerk! Denn alles in allem genommen; was hätte der Dichter in Ravello, «wo das Meer, aus der Höhe gesehen, etwas Unglaubliches ist», denn Größeres, Edleres und Ersprießlicheres erträumen können, als sein eigenes ruhmvolles, inhaltsreiches Leben? — Wie in Ravello der blaue Spiegel des Tyrrhenischen Meeres, hat Theodor Herzl die Bedürfnisse, das Lieben und Hassen der Menschen ringsumher immer aus der Höhe gesehen. Darin offenbart sich seine eigene Größe. Persönlich verdanke ich ihm unendlich viel. Sogar noch die Trauerkunde von seinem jähen Tode hat mich eine Wahrheit richtig verstehen gelehrt. Den Satz Carlyles nämlich: «Der Reichtum der Welt besteht in ihren Helden; durch diese und deren Werke ist sie eben eine Welt und nicht eine Wüste.» Antisemitische Krawalle an der Wiener Universität Zwifchen uniformierten Nationalfozialiften, unter denen Sch viele Nichtakademiker befanden und jüdifchnationalen Studenten kam cs am Samstag in der Aula der Univerfität zu Zufammenftößcn. Die Gruppe der Nationalfozialiften, die noch ziemlich jungen Datums ift und natürlich das Beftreben hat, fich auf ihre Weife bemerkbar zu machen, ift jüngft daran gegangen, entfprcchend der Modernifierung der Kampftechnik, an. Stelle der bereits antiquierten Gummiknüttel und Ochfcnziemer, als akademifehes „Argument" Meffer zu gebrauchen. Dank der verdienftvollen Bemühungen des Rektors, Prof. Dr. I n n i t z e r, der in unparteiifcher Weife feines Amtes waltet, ift es feit den fkandalöfen Ausfchreitungen, die fich anläßlich der Republikfeier im November 1928 ereigneten, gelungen, ein halbes Jahr hindurch die Ruhe an der Univerfität aufrecht zu erhalten. Diefc war den Hakenkreuzlern recht unerwünfeht. Seit Monaten entfalten fie in ihren Anfchlägkäftcn eine wüfte, verlcumderifche Hetzpropaganda gegen die jüdifchen Studenten und das Judentum. Und fo oft die jüdifdic Studentenfchaft beim Rektorat gegen diefcs unerhörte .Treiben proteftierte, veranlaßte zwar das Rektorat die Entfernung diefer Plakate, die aber nach 2 bis 3 Tagen in anderer Form wieder auftauchten. Die völkifchcn Studenten verfuchten nun letztens mehrfach durch antifemitfehe Anrempelungen Krawalle zu provozieren. Aus diefem Anlaffe fpracben die Studenten Jofcf Frankel und Willi Perl im Rektorat der Univerfität -vor, um über das Benehmen der antifemitifchcn Studenten Bcfchwerdc zu führen. Dort erhielten die Vertreter der jüdifchen Studenten die .Weilung, fich bei Wiederholung ähnlicher Szenen an den Pedell um Intervention zu wenden. Samstag, um %.i Uhr infzenierten die Nationalfozialiften Krawalifzenen, befchimpften und rempelten die jüdifchen Studenten der „Jüdifch-akad. Verbindung I v r i a“ an. Nach Weilung des Rektorats wurde der Pedell gerufen, damit er von einigen deutfeh-völkifchcn Studenten die Legitimation abverlange. Der Herr Pedell aber, der faft immer bei Krawallen gegen die jüdifchen Studenten Stellung nimmt und oft den Hakcnkrcuzlern als treuer Helfer zur Seite fleht, weigerte fich, vom Führer der Nationalfozialiften — einem Nichtftudenten — die Legitimation zu verlangen, mit der Motivierung, daß „c r“, der Pedell für ihn „die Verantwortung übernehme". In Anwcfenheit des Pedells crfcholl bei den Nationalfozialiften das Kommando „Vergatterung" und die üblichen Schimpfwortc „Deutfdxland erwache, Juda verrecke! Juden hinaus". Sie ftürzten fich auf die jüdifchen Studenten und fuchten diefc von der Aula zu verdrängen. In diefem Handgemenge wurden zwei jüdifche Studenten verletzt. Der Mediziner Wolf (J. A.V. Zephir») erhielt eine Schnittwunde und mußte zur Klinik Eifelsberg gebracht werden, wo die Wunde genäht wurde und man ihm mehrere Injektionen gab. Den Hakenkreuzlern gelang es nicht, die jüdilchen Studenten, die fich zur Wehr fetzten, von der Aula zu verdrängen. Nach diefen Ausfchreitungen verfuchten dann die Nationalfozialiften in den Kafcehäufern, wo die jüd.-akad. Verbindungen ihren Sitz haben, die jüdifchen Studenten zu provozieren und neue Krawalifzenen zu infzenieren. Sonntag tagte der S. C. der wehrhaften zioniftifchen Verbindungen und be* fchloß, dem Rektorat ein Memorandum zu überreichen. Dienstag haben Vertreter des jüdifchen Hochfchuiausfchuiles „Judäa" und des S. C. beim Rektor vorgefprochen. (Es fei hier feftgefteüt, daß die deutfehen Parbenftudcntcn an diefem Ueberfall nicht tcilnahsnen.) * Die Senioren der jüdifchen akademtfehen Verbindungen Kadimah, Unitas, Ivriah, Emmuch, Makkabäa, Libanonia, Jordania und Zephira fprachen Dienstag beim Rektor Prof. Laaitzcr vor und überreichten ihm ein Memorandum, enthaltend eine detaillierte Schilderung des Ueberfalles der jüdifchen Studenten durch die Hakenkreuzler fowic die Forderung nach Unterfuchung und Beftrafung der Schuldigen und Aufiöfung des nationaliftifchen deutlchen Studentenbundes. Der Rektor verfprach den Vertretern der jüdifchen Studentenfchaft eine genaue Unterfuchung des Falles und eine ftrenge Beftrafung der Schuldigen. Es fcheint die Abficht zu beftehen, am nächften Samstag das Bummeln aller Studentenverbindungen zu unterlagen. Wiedersehen mit jüdischer Vergangenheit Ein Ausflug nach Eisenstadt. Eingebettet zwischen Weinbergen und Wäldern liegt das stille, kleine Städtchen friedlich am Berghange da. Kelten und Römer, Magyaren und Deutsche haben seit altersher auf diesem Erdenfleck ihre Kulturtätigkeit entfaltet und auch die Juden blicken da auf eine wechselvolle, aber ruhmvolle Vergangenheit zurück, deren Denkmäler noch heute Besucher anzuziehen vermögen. Im Burgenlande liegen uralte Judengemeinden, die von Flüchtlingen aus dem benachbarten Niederösterreich und der Steiermark gegründet wurden. Es sind dies die berühmten Schewa Kehillot, die Siebengemeinden, die wegen ihrer tiefen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit sich hohen Ansehens erfreuten. Einst bildeten die Siebengemeinden einen administrativ¬ Johanna Thai-Birsen ladet hlemit alle Gesinnungsgenossen und Freunde zur Trauung ihrerTochter Clalre Blrsen mit Herrn Dr, Egon Fuchs, welche am Sonntag, den 9. Juni 1929, V*3 Uhr nachm. Im Seltenstetten-Tempel stattfindet, höfllchst ein. rechtlichen Verband und ihr wichtigster Vorort war Eisenstadt, wo schon im Jahre 1373 in der Bestätigung der Stadtprivilegien Juden erwähnt werden. Das traurige Judenlos erfüllte sich auch hier in vollem Maße. Trotzdem blüht auch hier, wie überall im Ghetto, ein geistiges Leben, das mit vollem Recht den Ruf dieser kleinen Gemeinde begründet hat. Die Teilnehmer an dem vom Wiener jüdischen Hochschulausschuß unter Führung von Dr. Bukpan veranstalteten Ausflug nach Eisenstadt werden ihm dafür Dank wissen. Wer die Judenquartiere von Prag, Preßburg oder Venedig gesehen hat, wird in Eisenstadt einigermaßen überrascht. Das Judenquartier am «Berg», das das zweite Ghetto des nach der Vertreibung zurückgekehrten Eisenstädter Juden war, ist nicht so schmal, die Häuser nicht so dumpf und düster wie anderswo. Hingegen ist die alte Judehgasse in Eisenstadt ein trauriges Zeichen vergangenen Elends. Dennoch ist das Judenquartier am «Berg» in seiner einzigartigen Abgeschlossenheit, mit seiner direkten Verbindung mit dem Gottesacker, mit ihren Ketten, die wie einst die jüdische Gasse am Sabbath gegen Entweihung schützen, ein lebendiges Stück Vergangenheit. Im Eisenstädter Museum, einer Schöpfung des Herrn Sandor Wolf, sind die Dokumente der geschichtlichen Vergangenheit dieser Stadt mit bewunderungswürdigem Fleiß und Verständnis gesammelt und aufbewahrt. Wir durchschreiten ein Tor und befinden uns bei den beredtesten Zeugen des Gewesenen, den Grabsteinen, an einem Orfe, der Beth Hachajjim, «Ort des Lebens», heißt. Steht man am Eisenstädter Judenfriedhof und überblickt die niedrigen, einfachen ungeordnet und gleichsam ruhelos umherliegenden Grabsteine, so denkt man an das gleiche Bild der alten Judenfriedhöfe von Prag oder Wien, Krakau oder Preßburg, und mit demselben Stolz und der gleichen Verehrung wie vor das Grab des Hohen Rabbi Löw in Prag oder des Rabbi Mose Isserles in Krakau treten wir — unter der fachkundigen Führung des Herrn Hirschler — vor die schlichte, nur durch ein kleines Gitter abgegrenzte Ruhestätte des berühmtesten Eisenstädters, Meir ben Isak, des Verfassers des Werkes Panim Mäirot, der als Meharam Asch (Aktostchon von Eisenstadt) einen Ehrenplatz in der talmudischen Literatur einnimmt. Es ist bezeichnend für die Einheitlichkeit des damaligen Judentums: dieser Meharam Asch war kein gebürtiger Eisenstädter, sondern ein aus Litauen eingewandert er Flüchtling, dem wegen seiner Gelehrsamkeit ein Rabbinatssitz eingeräumt wurde. Andererseits war Akiba Eger, der berühmte Rabbiner von Posen, die Leuchte des polnischen Judentums, ein Kind des Eisenstädter Ghettos ... fn den gastlichen Wolfschen Kellereien nahmen wir Gelegenheit, unseren lieben Eisenstädter Gesinnungsgenossen und ganz besonders dem Obmatrfl der zionistischen Ortsgruppe, Herrn Josef Schwarz, für ihre liebenswürdige Gastfreundschaft zu danken und ihnen unsere Anerkennung dafür auszusprechen, daß sie auf dieser Stätte alter jüdischer Kultur die Fahne der neuen jüdischen Renaissance hochalten . . Die nächste Exkursion des jüdischen Hochschulausschusses, die, dem Vernehmen nach, nach Preßburg führt, wird hoffentlich ebenfalls eine Fülle uidischer Anregungen bringen. Dr. S. Rappaport. Das Grab des „Baal Sehern" gefährdet Aus Riga wird tms geschrieben: Eine aus Rußland eingetroffene Meldung besagt, daß das Grab des «Baal Schern», des Schöpfers der Ghassidischen Bewegung, i»m Dorfe Mezbisch (Mezerisch) in Gefahr ist, behördlichen Maßnahmen zum Opfer zu fallen. Der alte jüdische Friedhof in Mezerisch wird aufgehoben, sämtliche Gräber rings um den Ohel (Zelt über dem Grabe des «Baal Schern») wurden bereits zerstört. Die jüdische Gemeinde überreichte den Behörden eine Bitte, das Grab des «Baal Schern» un* versehrt zu lassen. Zionistische Pietät. . . Brief an die «Stimme». Unlängst starb Dr. Kohan-Bernsteim Ein Mann, der zu den Schöpfern und Hauptträgern unserer Bewegung un-d Organisation in Rußland gehörte. Er leitete das berühmte «Postbureau» der Zionistischen Organisation Rußlands, das für die Propaganda der zionistischen Idee und für die Erweiterung der Zionistischen Organisation in diesem Lande außerordentliches geleistet hat. Als Schreiber dieser Zeilen im Jahre 1908 in Erez Israel weilte, traf er schon Dr. Kohan Bernstein als Arzt in Petach Tikwah an — wohlgemenkt in Petach Tikwah des Jahres 1908 und nicht 1929! Trotz seiner immensen Verdienste um unsere Sache gelang es ihm nicht, in Palästina festen Fuß zu fassen. Ja, auf seine alten Tage mußte er in die Dienste des «Joint» treten. Und nun, da er, verärgert, für immer die Augen schloß, widmen dem Verstorbenen zwei zionistische Blätter «Die jüdische Rundschau» und «Die neue Welt» 9 beziehungsweise 3 Zeilen ... Ist es nicht verlockend, fürs jüdische Volk zu sterben? Gh. T. Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag, den 8. Juni, um 3 Uhr nachmittags, findet der letzte Jugendgottesdienst im Schuljahre 1928/29 für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirkssynagogen statt. Wochen-Kalender Jaul 1920 Gedenktage aenn 6 Donnerstag 27-rn 7 Freitag 1828 — der berühmte Kupfcrftechcr Louis Jacoby in Hayelbcrg geboren. x8j2 — der bedeutende Hcbraift Prof. David Kaufmann in Kojetein (Mähren) geboren. 28-na Sabb»t«lggMf 7» übt 8 Samstag 29-oa Wochesabschaitt Buaidbar, Uattmht MacbarChodcwh Stbb»Uaansr: 8” Ubt 9 Sonntag i-N »NT »in;t>d 10 Montag (898 — Rabbi Samuel Mohilewer, Begründer der paläftinenfifchen Kolonie Rcchoboth, in Bialyftok geboren. a-a 11 Dienstag 1909 —* der Semitologe Prof. Dr. Siegmund Frankel in Breslau geftorben. 9-3 12 Mittwoch 4 —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.