Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-06-06 · Heft 75 (6.6.1929) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 75 (6.6.1929)
Date
1929-06-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053827--1066-3056389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 75 0m STIMME Seite 5 Am Rande... Von Mogro «Vergatterung!» Die apokalyptische Feldwebelfratze, die durch vier blutige Kriegsjahre die Welt ln den Töd regierte, geistert nun wieder durch, das wirre Traumleben der österreichischen Unwirklichkeit . . , Ein akademisches Kasmaderjunges, das sich gebärdet, als ob es schon heute ein gelernter Diurnist und also der Beherrscher Oesterreichs wäre, hat am vergangenen Samstag in der Aula der Wiener alma Stiefmater, wo es, wie überall, galt, an den Jüdischen Feind «ran» zu gelangen, den militärischen Katumandoruf «Vergatterung!», den es vermutlich aus den Kriegserzähkmgen der Heldenväter kennt, ausgestoßen und seine mit Schlagringen und Messern bewaffneten Kommilitonen zum Ueberfall auf jüdische Studenten geführt, von denen einige verwundet wurden. Und was tat die akademische Behörde, die Hüterin der Ruhe und Ordnung auf akademischem Boden? Nahm sie etwa die überfallenen jüdischen Studenten in Schutz? Schritt sie gegen die hakenkretrzlerischen Exzedenten ein? Bemühte sie sich auch nur, den Fall gründlich zu untersuchen, um die Schuldigen zur Verantwortung m ziehen? Nichts von all dem! Sie ließ im Gegenteil sofort «amtshandein», mit überraschender Eile und gleichsam stante Pedell, der natürlich auch gleich feststellen konnte, daß man da «halt nichts machen kann» . . . Denn man kann wohl von dieser Amtsperson, diesem Ueberbleibsel der k. k. Herrlichkeit, nicht verlangen, daß sie dem friedlichen Lernwillen jüdischer Studenten mehr Achtung und Verständnis entgegenbringt als dem schneidigen Feldwebelgeist, akademischer Sauf- und Rauifibnüider, vor dem sie selbst innerlich stramm steht und in dem sie eine längst verklungene Stimme aus dem kaiserlichen Jenseits wieder zu hören glaubt . . . «Gem ü tli c hk ei t» a. D. Was uns kein Weltkrieg und kein Friedensvertrag nehmen konnte,, ist der reiche, unerschöpfliche Phrasenschatz des österreichischen Lebens, jenes alte überlieferte Erbgut, das die Republik vom ehemaligen Kaiserreich erworben hat, um es — wie nicht anders — zu besitzen. Es, vergeht wöhl kein Tag, an dem nicht das alte Lied von der echt ' österreichischen Gemütlichkeit bis zum Uöberdruß immer von .neuem nachgebetet wird, und besonders ausgiebig geschah dies vergangenen Sonntag, am Eröffnungstage der Wiener Festwochen. Es sprachen der Bundespräsident und der Wiener Bürgermeister, der Landeshauptmann von Niederösterreich und der Präsident der Fremdenverkehrskommission — und es war eine fast unendliche Variation eines und desselben Motivs: die österreichische Gemütlichkeit ... Nun hört sich aber diese vollständig auf, wenn sie just um dieselbe Zeit, da sie von den maßgebenden Faktoren des Bundes und der Stadt go feierlich als österreichische Sehenswürdigkeit angepriesen wird, derart progranimgerecht gestört wird. Oder sollten etwa die hakenkreuzlerischen Wirtshausrauifereien in der Üniversltätsaula, die Heimwehrüberfälle in Mödling und die anderen Gemütlichkeitsexzesse des, ach, so lieblichen österreichischen Pöbels als «g’spassige Hetz»,, als eine Art von harmloser Volksbelustigung den zahlenden Freunden dargeboten werden!? Bei der Wahllosigkeit, mit der letztens von mancher Seite für den österreichischen Fremdenverkehr geworben wird, hat ja diese Annahme immerhin etwas für sich. Gleichwohl mögen die Herren, die in österreichischer Gastfreundschaft machen, zur Kenntnis nehmen, daß wir Juden, als die passiven, leidenden Mitspieler dieser traurigen und beschämenden Spektakel, nicht ermüden werden, die Oeffentlichkeit und besonders auch die Fremden darüber aufzuklären, was sie von diesem alten,Geuhütlichikeatsplunder a.D., der längst von neuösterreichis’cher Roheit verdrängt wurde und den ihnen gewisse Verbrüderungsnepper gegen gute, fremde Valuta anhä'ngen wollen, zu halten haben . . . Mittelalt er in Lemberg. Zur Stunde, da unser Blatt in den Druck geht, liegen noch keine abschließenden Nachrichten über die progromartigen Exzesse, die die antisemitischen Studenten in Lemberg gegen die jüdische Bevölkerung der Stadt veranstaltet haben, vor. Heute scheint jedoch schonfestzustehen, daß mehrere jüdische Häuser demoliert und daß die Redaktionen unserer Bruderblätter «Der Morgen» und «Chwila» von dem akademischen Mob vollständig zerstört wurden. Ebenso aber scheint es schon jetzt festzustehen, daß sich die Lemberger Polizei und insbesondere der Lemberger Wojwode (Staathalter), der vom zionistischen Seimabgeordneten Dr. Reich zur Intervention aufgefordert wurde, skandalös benommen haben. Die Polizei erschien — nach alter, bewährter Methode — um einige Stunden zu spät auf dem Tatort, und «amtshandelte», wie immer,, gegen die jüdischen Opfer, statt gegen den Studentenpöbel, der natürlich gleich eine fertige Lüge zur Hand hatte, daß die Schüler des Lemberger jüdischen Gymnasiums eine Kundgebung gegen die katholische Fronleichnahmsprozession veranstaltet haben . . . Daß nun antisemitische Studeten mittelalterliche Märchen aufwärmen, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen, ist nicht zu verwundern. Daß aber die polnische Telegraphenagentur, eine offiziöse Stelle, dieses Geblödel kritiklos übernimmt und ganz unverschämte Lügen als halbamtliche Wahrheit verbreitet, dies ist denn doch, auch für polnische Verhältnisse, etwas zu stark . . . Ein arabischer „Keren Kajemeth“ In der arabifdien Prelle wird der Vorschlag gemacht, eine Organifation ähnlich dem Vorbild ('r Keren Kajcmeth zu gründen, der die den Juden vor arabifcher Seite angebotenen Böden kauft und als Bodcnr-efwvc für die „arabifche Nation“ anfammck Elntfesendetf. PolBS-tflndtrlaii „‘r g'ffL J£arussef~&aftrten für Y IDofus-fäueftfia&en, frfiau&uden, Jux~ Basar, Jtlifitürfconxert, Zirftusvorfieftun&en usir. Theodor Herzls Meisterwerk Von Friedrich Fürst von Wrede, päpstl. Kammerherm Mit freundlicher Genehmigung des Buch- und Kunstverlages Hickl in Brünn. Alles, was mir das Dasein in der Rückschau als lebenswert erscheinen läßt, was ihm Klang und Farbe verlieh, widerfuhr mir, überleg’ ichs recht, dank dem Eingreifen jener geheimnisvollen qualitas occulta, die wir selbstgefällig, als ob hiemit irgena etwas gesagt wäre, Zufall nennen. Mit Theodor Herzl erging es mir nicht anders. Im Februar 1897 trat er urplötzlich in die Peripherie meines Lebenskreises, ohne daß ich seine Bekanntschaft zu machen beabsichtigt hatte. Mein Zutun beschränkte sich lediglich auf den Wunsch, dem Leiter des Feuilletons, der «Neuen Freien Presse» gelegenheitiich eines kurzen Aufenthaltes in Wien für die einigen meiner Novellen gewährte Gastfreundschaft mündlich zu danken. Die Treppe des Hauses in der Fichtegasse hinaufsteigend, wußte ich indessen nicht einmal den Namen des Mannes, den aüfzusuchen ich eben im Begriffe war. Dr. Herzl empfing mit weitläufiger Höflichkeit. Obgleich drei Jahrzehnte seitdem ins Land gezogen sind, ist mir unser Gespräch noch deutlich wie ein Geschehnis von gestern in Erinnerung. Nicht etwa bloß in großen Umrissen, sondern mit allen Details. Ich entsinne mich genau der Redewendungen, deren sich mein schwarzbärtiger, geistreicher Partner bediente, sogar einzelner ausdrucksvoller Gesten, mit denen er seine Worte gleichsam unterstrich. Nach mehr als dreißig Jahren! So nachhaltig ist der Eindruck, den Herzls vornehme Persönlichkeit auf mich machte! Wie es bei den Antrittsbesuchen neuer Autoren üblich, bildeten Zunftfragen den Gesprächsstoff: Um ein zeichenkräftiges, angelsächsisches Bild anzuwenden: We talked shop. Platterdings geschäftsmäßig ging es: hiebei'.freilich nicht zu. Denn merkwürdig genug: der mir gegenühersitzende Meister des Feuilletons' und der kürzen Erzählung schien Unser Schlager zu Reehend derlautstarhe Roffergrammophon Kassapreis S 65 — oder Anzahlung S 10?— und 12 Raten ä S 5‘80 mit eingebautem Plattenbehälter für 8 bis 10 Schallplatten u, einer doppelseitigen Schlagerplatte. — Große Auswahl in jüdischen und hebräischen Aufnahmen. Musikhaus Exzelsior Inhaber t Richard Herzog Wien, I., Adlergasse 5. Telephon R 23-4-90 Wien, II., KL Pfarrgasse 28. Telephon A *1-6-24 gerade diese beiden von ihm souverän beherrschten Kunstformen nicht sonderlich hoch zu werten. Sie gewähren, meinte er spöttisch, bestenfalls «die Unsterblichkeit des Tages», für die es sich .wahrhaftig nicht lohne, seine Kräfte zu vergeuden. Diese Unterschätzung der eigenen Leistung entsprang nicht etwa einer Augenblicksstimmung,* Herzl kränkelte an ihr vielmehr zeitlebens, sie war für ihn geradezu charakteristisch. Unseren ganzen Briefwechsel durchzieht wie eiin roter Faden seine Klage, sich nicht Genüge getan zu haben. So schrieb er mir zum Beispiel einmal nach Neapel: «Ich rate Ihnen, über Amalfi nach Ravello zu gehen. Vor zehn Jahren war ich mit Sudermann in Amalfi beisammen. Eines Tages ging ich nach Ravelio hinauf. Das Meer aus der Höhe gesehen ist dort etwas Unglaubliches. Ich habe mir immer vorgenommen, mein Meisterwerk in Ravello zu schreiben und bin nie dazugekommen! —» Ein weit wirksameres künstlerisches Ausdrucksmittel als die Novelle deuchte ihn der Roman, und zwar der mehrbändige, wie ihn Mary-Ann Evans in den siebziger Jahren bevorzugte. Die Werke dieser englischen Schriftstellerin schien Herzl sehr hoch zu schätzen, insbesondere den «Daniel Deronda», dessen Technik er als mustergültig rühmte. Sich in einen Stuhl zurücklehnend und mich prüfend anblickend, meinte er dann ziemlich unvermittelt: «Da Sie als Dichter den Sinn für arme Leute haben, so sollten eigentlich auch Sie einen das jüdische Problem behandelnden Roman schreiben.» Ich konnte erwidern, der Rat sei bereits befolgt: das Manuskript läge drüben im Hotel Imperial druckreif auf meinem Schreibtisch. Dies schien ihn lebhaft zu interessieren. Welchen Titel ich für das Buch gewählt hatte? — «Die Goldschilds; Geschichte einer jüdischen Familie.» Herzl verfocht nun in sehr objektiver Weise die These, der Antisemitismus entspränge weder der konfessionellen Unduldsamkeit noch der Rassenabneigung, sondern der merkantilen Ueberlegenheit der Juden. Da somit einerseits der Antisemitismus eine unvermeidliche ökonomische Erscheinung und in der Bevölkerung täglich wachse, anderseits aber die Qummi-Stpump/e H Wien l.-Adlerdasseö ECKGE&a-ÄrT Existenz in einer Athmosphäre allgemeiner Abneigung für das jüdische Volk auf die Dauer unerträglich, gerate man in ein Dilemma, aus welchem es einen einzigen Ausweg gäbe: die Gründung eines eigenen jüdischen Staates. Diesen Gedankengang habe er kürzlich in einer «Der Judenstaat» betitelten Broschüre ausführlich entwickelt, die er mich bitte, zur Erinnerung an unser Gespräch anzunehmen. Schließlich forderte er mich auf, das Manuskript meines Romans zwecks einer flüchtigen Einsicht-» nähme in seine Wohnung zu senden. So schieden wir. Nachts darauf las ich die mir überreichte Schrift in einem Zuge. Und von diesem Augenblick an waren der Verfasser des «Judenstaates» und ich Freunde. Ich meine, Freunde im Sine des Altmeisters Goethe, der bekanntlich erklärte, Freundschaft könne auch zwischen ganz verschieden gearteten Männern be-< stehen — vorausgesetzt, daß sie gegenseitig ihre Endziele rückhaltlos billigen. Wenige Tage später suchte mich Herzl im Hotel auf und erbot sich «Die Goldschilds» in der von ihm gegründeten zionistischen Zeitschrift «Die Welt» zu veröffentlichen. Dies führte vorerst zu einigen Zusammenkünften in Herzls Wohnung und in der Folge zu einem bis zu seinem Tode fortgesetzten schriftlichen Gedankenaustausch. Gleich in einem seiner ersten Briefe heißt es: «Ich werde Gelegenheit haben, Ihnen jüdisches Volk zu zeigen. Es ist nicht schön in seinem Elend, aber es hat wunderbare alte Tugenden.» Das Versprechen wurde im Herbst 1898 in London eingelöst. Eines Tages begegnete er mir in Picadilly. Gelassen, wie es seine Art war, und den Blick träumerisch in die Ferne gerichtet, kam er durch das lärmende Gewühl der großen Allerweltsstraße auf mich zu geschritten. Kaum, daß wir uns begrüßt, lud er mich ein, ihn abends zu einem zionistischen Meeting zu begleiten. Der geräumige Saal war zum Bersten vollgepfropft. Den Großteil der Anwesenden bildeten eingewanderte russischejuden, die in denDocks die schwersten körperlichen Arbeiten verrichteten. Herzl ward nicht müde, mich auf vierschrötige Gestalten aufmerksam zu machen; er schien bei seinen Volksgenossen auf straffe Muskeln beinahe größeren Wert zu legen, als auf geistige Rührigkeit. Von seinem weitausschauenden Standpunkt aus betrachtet, mag dies ja auch das richtige sein. Wie er dann fast in allem und jedem letztens recht behielt. Blättere ich in seinen vergilbten Briefen, so vermag ich ihm nur einen einzigen, allerdings verhängnisvollen Irrtum nachzuweisen. Am 11. Dezember 1902 schrieb er mir nämlich: «Empfindlich bin ich, ja, dies sei zugegeben. Aber nur Menschen gegenüber, an denen mir so viel liegt, wie an Ihnen. Von diesen empfinde ich den leisesten, fernsten Tadel wie die Prinzessin im Märchen das drückende Rosenblatt. Hingegen werde ich jahraus, jahrein in der unflätigsten Weise von einem gewissen Pöbel angegriffen— je m’en f.!» Nein, das traf nicht zul Der Begründer de« modernen Zionismus war. keineswegs^ gegen die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.