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Die Stimme · 1929-06-06 · Heft 75 (6.6.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 75 (6.6.1929)
Date
1929-06-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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*1 Seite 4 DIE STIMME Nr. 75 M ■ i Der Weltkongreß der jüdischen Frauen „Die jüdische Frau und die Jewish Agency“ Aus Hamburg wird uns geschrieben: Dieser Tage fand in Hamburg die Weltkonferenz jüdischer Frauen statt. Zum erstenmal trat der jüdische Frauenkongreß im Jahre 1923 in Wien zusammen. Nun haben sich zum zweitenmal Vertreterinnen führender jüdischer Frauenorganisationen Europas und Amerikas versammelt, um über grundlegende Fragen des jüdischen Frauenlebens und Wirkens, über Fragen, die tief in das Leben der jüdischen Frau eingreifen und ihre persönliche Lebensgestaltung entscheidend beeinflussen, zu beraten. Der Frage einer planmäßigen Erziehungsarbeit an der jüdischen Jugend hat die Konferenz ihre besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Sie rührte damit an das Tiefste, «was die jüdische Frau bewegt, gleichviel, ob sie als Mutter im engen Kreise des eigenen Hauses ihre Kinder erzieht oder als Sozialarbeiterin fremde, ihr anvertraute Kinder führt und leitet. Die jüdische Frau steht als Erzieherin vor einer doppelten Aufgabe: Sie erfüllt ihre erzieherische Mission nur dann, wenn sie die ihr anvertrauten Kinder nicht nur zu guten Menschen, sondern zu guten jüdischen Menschen heranbildet. In immer steigendem Maße werden die jüdischen Frauen aus den Wänden des sie bislang schützenden Hauses in das Wirtschaftsleben herausgestellt, werden gezwungen, den Wirtschaftskampf ganz oder teilweise auf eigene Schultern zu nehmen und ihr Dasein unter eigene Verantwortung zu stellen. Daß sie nun, intelektuell und seelisch gereift, von sich aus den Anspruch erheben, als aktive Faktoren im Leben der jüdischen Gemeinschaft bewertet zu werden, ist nur eine selbstverständliche Folge. Das führt aber gleichzeitig auf ein anderes Gebiet, mit dem sich die Konferenz ebenfalls beschäftigen mußte, auf die gleichberechtigte Mitarbeit der Frau in der Gemeinde. Das Programm der Tagung umfaßt folgende Punkte: Jüdische Religions- und Erziehungsfragen: Bevölkerungspolitische Aufgaben der jüdischen Frau, Erhaltung der Familie, Jugendpflege und Jugendbewegung, Berufsberatung und Berufsumschichtung. Soziale und Gemeindefragen: Die Frau in Handel und Industrie, Gleichberechtigung und Mitarbeit der Frau in der jüdischen Gemeinde, Soziale Frauenarbeit in den verschiedenen Ländern; ferner: Die Bedeutung des Völkerbundes, Frauen- und Mädchenschutz, Palästinamandat, Minoritätenschutz, Die Bedeutung der Kulturarbeit in Palästina für die Frauen, Notwendigkeit und Aufgaben eines internationalen jüdischen Frauenbundes usw. Die Behandlung des Themas «Jüdische Frau und Jewish Agency» ist im offiziellen Programm nicht vorgesehen, allein wie Frau Rebekkah Kohut, die Präsidentin der Tagung, mitgeteilt hat, wurde Frau Irma Lindheim, frühere Präsidentin der «Hadassah», eingeladen, auf der Konferenz über Jewish Agency zu sprechen. Frau Lindheim erklärte in einer Unterredung mit dem Berliner J. T. A.-Vertreter, daß sie eine warme Anhängerin der Idee der erweiterten Jewish Agency sei. Frau Lindheim beschäftigt sich auch sehr mit der Frage der künftigen Kolonisation. Unsere Hauptsorge müsse sein — so betont sie — daß die großen Chancen des Orangenbaues nicht nur einzelnen privaten Kapitalisten zugute kommen, sondern dem nationalen Werke. In politischer Hinsicht gehört Frau Lindheims Interesse vor allem der Araberfrage. Frau Lindheim, die in Palästina mit vielen Arabern aller Schichten Fühlung genommen hat, ist eine entschiedene Anhängerin des Gedankens einer jüdisch-arabischen Verständigung. Es gibt für sie einen einzigen Weg der Lösung: freundschaftliche Zusammenarbeit am Aufbau eines zukunftsreichen Landes. Es gilt, die Gesinnungen der palästinensischen Bevölkerung beider Nationalitäten dauernd in diesem Sinn zu beeinflussen und auch Gelegenheiten zum gegenseitigen Kennenlernen der Völker zu schaffen. Warum die Alliance Israelite der Jewish Agency nicht beitritt Keine prinzipielle Ablehnung. Wie der J. T. A.-Vertreter aus Paris erfährt, hat die Alliance Israelite Universelle in Paris, an die wegen ihrer Beteiligung an der Jewish Agency herangetreten worden war, diese Einladung damit beantwortet, die «Alliance» sei eine internationale jüdische Körperschaft und nicht lediglich eine Vertreterschaft der französischen Judenheit; sie fühle sich darum nicht als eine Organisation, die die französischen Juden in der Jewish Agency repräsentieren könnte. Von Sibirien nach Erez Israel. 150 Chaluzim nach dreijähriger Deportation befreit Aus Moskau wird gemeldet: 150 Mitglieder der aufgelöften Organifation „Hechaluz" in Sowjetrußland, die im Jahre 1926 von der politifchen Polizei verhaftet und dann auf drei Jahre nach Sibirien und Turkeftan verbannt worden waren, wurden foeben nach Abbüßung der dreijährigen Verbannung, freigelaffen. Wie der Vertreter der Jüdifchen Telegraphen-Agentur in Moskau erfährt, wird die Sowjetregierung einem Teil der Befreiten die Erlaubnis erteilen, nach Paläftina auszuwandern; anderen wiederum werden die Städte Tula, Kuzfk, Woronefch und Samara 2um Aufenthalt angewiefen werden; iie werden auch unter Polizeiaufficht verbleiben. Am 7. Juni d. J. begeben lieh die erden zehn der befreiten Chaluzim mit dem Dampfer „Iljitfdb" nach Paläftina. Mit dem gleichen Schiff reifen nach Paläftina weitere 12 Chaluzim, die bis jetzt auf einer Chaluz-Kolonie in der Krim gearbeitet hatten. Eingeweihte glauben, daß die Sowjetregicrung fleh fdiließlich bereit erklären würde, allen jenen Chaluzim, die eine Deportationsftrafe in den fernen Provinzen abgebüßt haben, Päfle für Paläftina auszufolgen. Die Mitglieder des Zentralkomitees des aufgelöften „Hechaluz", Jehofchua Altfchuler und Zerubabcl, die ebenfalls eine dreijährige Deportation hinter fi<h haben, wurden bis jetzt nicht frcigelaflen; es heißt, daß ihnen der Ural oder Narim zum Aufenthalt angewiefen werden wird. Aus Starodup wird mitgeteilt, daß dort an einem der letzten Tage 12 cinftige Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich. □□ Samstage, den 22. Juni 1929, 8 Uhr abends Festsaal des Hotels Continental, 2. Bezirk, Taborstraße 4 Herzl-Gedenkfeier Gedenkrede: rellX Sollen. Karten sind im Zionistischen Büro, 1. Bezirk, Kärntnerstraße 28, erhältlich. Sonntag, den 23. Juni, vormittags. Gang zum Grabe Theodor Herzls! Mitglieder des Hechaluz von der G. E. U. verhaftet worden find. Moskau, 30. Mai. Die Sowjetregierung hat die Bitte der Mitglieder der Chaluz-Kolonie „Mifchmar" auf der Krim, ihnen Päfle für die Reife nach Paläftina auszufolgen, abgewiefen und die Koloniften aufgefordert, die landwirtfchaftliche Arbeit auf dem Boden der Kolonie fortzufetzen. Pogromrede auf einer öffentlichen Konferenz Auf der Konferenz des Verbandes der ftädtifchen Angeftellten des Charkower Rayons, der 300 Delegierte beiwohnten, hielt, wie die Moskauer Zeitung „Trud" mitteilt, einer der Delegierten, A. Jacowlew, eine antifemitifche Brandrede, in der er ausführte, hinter den roten Fahnen verftecken lieh die Juden und in Rußland herrfche die Lofung: „Schlagt Rußland und rettet die Juden." Weder das Präfidium noch fonft ein Teilnehmer an der Konferenz trat den Ausführungen Jacowlews entgegen. Eine von den Arbeitern der Fabrik „Proletari“ in Roftow abgehaltcne allgemeine Verfammlung hat eine Refolution gegen den Antiferaitismus zurückgewiefen. Ein Verfammlungsteilnehmer erklärte, er habe immer die Juden gefchlagen und warte auf die Gelegenheit, dies wieder tun zu können. Die Stadt Roftow ift geradezu überfchwemmt von antifemitifdien Proklamationen, die durch Kinder verteilt und auch an die Wände geklebt werden. Ein antisemitischer Offizier verurteilt 1 Moskau, u Juni. Demitri Krawez, ein Offizier der Roten Armee in Charkow wurde wegen antifemitifcher Verhöhnung und Peinigung des jüdifchen Soldaten Mofes Sopher zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Drei Juden im Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion Im Zentralexekutivkomitee der Regierung der Sowjetunion, das vom fünften Allruffifchen Sowjetkongreß gewählt worden war, fitzen drei Juden: S. Diamantfdicin, A. Beilin und Michail Kotcl. Zlate Lilina, die Gattin Sinöwjews, gestorben In Leningrad verftarb im Alter von 78 Jahren die bekannte Schriftftcllerin und revolutionäre Führerin Zlate Lilina, die Gattin des Volkskommiffärs Sinöwjews. Zlate Lilina war noch unter dem Zarenregime eine der Organifatorin der ruffifchen Revolution^ Seit Beginn des Sowjetregimes war fie die Leiterin des VolksbildungskommifTariats des Leningradcr Kreifes. Das Ende des jüdischen „Luftmenschen“ Gründung eines Weltverbarides jüdischer Handwerker Am 26. Mai versammelten sich in Beuthen die Vertreter der jüdischen Handwerkerverbände in Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, Polen, Tschechoslowakei, Rumänien, Litauen, um die Gründung eines Wettveribandes jüdischer Handwerker ins Werk zu setzen. Die Anregung hiezu ging vom ■ Zentralvenband' jüdischer . Handwerker Deutschlands aus.; Etwa'200 Delegierte und Gäste waren, in Beuthen anwesend. Nach der feierlichen Eröffnungssitzung ergriff der Vorsitzende des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands, Wilhelm Markus, Berlin, das Wort. Er gab einen Ueberbiiok üiber die Entstehungsgeschichte der jüdischen Handwerkervereinig.ungen und verbreitete sich dann über die Aufgaben des Weltvetbandes, tatkräftig mitzuhelfen an der Erziehung der «Luftmenschen» zu tüchtigen, geschulten Handwerkern und Arbeitern. In gleichem Sinne sprach der Vorsitzende der Berliner Ortsgruppe, Woiff. In begeisterten Worten zeigte er die Ziele des neu zu gründenden Weltverbandes, die darin gipfeln, arbeitsuchende Menschen wieder dar produktiven Arbeit zuzutführen, wie sie unsere Vorfahren vor Jahrtausenden geübt und nur durch entwürdigende Entrechtung verhindert waren, sie weiter auszuüben. Eine äußerst interessante Schilderung über die Umstellung eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung Polens aus Händlern in produktive Arbeiter brachte der Warschauer Abgeordnete Rasner. Er erzählte, welchen Einfluß die jüdischen Arbeiter schon 'heute erlangt 'haben, daß es keine jüdische Gemeinde gilbt, in der nicht ein Handwerksmeister Sitz und Stimme habe, und erhofft viel von der Zusammenarbeit mit den Brüdern im Westen, Von besonders günstigen Verhältnissen für den Handwerkerstand berichtet der Abgeordnete aus Antwerpen, Laub. Lewi, Prag, überbringt die Grüße der Kollegen aus der Tschechoslowakei und ihre Erwartungen auf die Arbeit des Weltverbandes. Horowitz, Kowno, spricht in demselben Sinne, ebenso der Abgeordnete aus Krakau, Jaszensky. Nach einer Reihe von Begrüßungen durch Vertreter verschiedener jüdischer Körperschaften wurden Beitrittserklärungen verlesen aus J e r u s a 1 e m, Tel A v i v, Haifa, Rumänien, Ungarn. Am 27. Mai begann die Gründungs- und Arbeitssitzung. Die Stiim/mung unter, den Delegierten aller Länder war für die Schaffung eines Weltverbandes jüdischer Handwerker. Man trat in die Beratung der vorn deutschen' Verbände ausgeärbeiteten Satzungen ein. Hierauf wurde die Gründung1 des Weltverbandes"beschlössen. ';- Das Präsidium des Verbarides'setzt sich wie folgt zusammen: Präsident Wilhelm- Markus, Berlin; 1. Vizepräsident Woiff, Berlin; 2. Vizepräsident Rasner, Warschau; Schriftführer Müller, Berlin; Finanzverwalter Gutheim, Berlin; Beisitzende: Levy, Prag, und Bürgin, Warschau. Zum Sitz des Präsidiums wurde Berlin bestimmt. Das Judentum in Italien Mussolini deklamiert Rom, 1. Juni (J. T. A.). Der italienische Regierungschef Mussolini empfing den Direktor der Jüdischen Telegraphen- Agentur, Herrn . Jacob Landau, zu einem Interview über die staatsrechtliche Lage der italienischen Juden nach Abschluß des Konkordates. Das Konkordat, sagte der Premierminister, hat die Position der Jüdischen Gemeinschaft in Italien verbessert. Die jüdischen und protestantischen Kirchen sind vom Staate als offizielle Glaubensgemeinschaften anerkannt und genießen die gleichen Rechte wie die katholische Kirche. In Italien ist der Jude ein freier Mann, ein gleichberechtigter Bürger, ein Italiener. Die jüdische Gemeinschaft In Italien ist mehr als 2000 Jahre alt; die älteste in Europa. Der Jude weinte noch arm Grabe Caesars und hat seither durch mehr als 20 Jahrhunderte an der Geschichte dieses Landes in allen ihren Wechselfällen teilgehabt. Auf die Frage, ob an den von Zeit zu Zeit ln Zeitungen erscheinenden Mitteilungen, daß Italien irgendwelche Intentionen bezüglich Palästinas hege, etwas Wahres sei, erwiderte Mussolini: Der Völkerbund hat das Mandat über Palästina Großbritannien gegeben; Italien hat nicht den Wunsch, sich hier einzumischen. Italien hat nichts dagegen, daß Großbritannien das Mandat behält. Luftverkehr Tel Aviv—New-York Das Projekt eines jüdischen Fliegeroffiziers aus Oesterreich Der gegenwärtig in Palästina lebende jüdische Flieger, Hauptmann der österreichisch-ungarischen Armee, Otto Müller, unterbreitete jüngst dem Wad Leumi das Projekt eines transatlantischen Luftverkehrs Tel Aviv—New York. Müller legte Dokumente vor, aus denen hervörging, daß er während .des Weltkrieges wegen seiner hervorragenden Fliegertätigkeit , mehrmals von der österreichischen Heeresleitung ausgezeichnet wurde. In den letzten Jahren soll Müller mit besonderem Erfolg eine Pilotenschule in Graz geleitet haben. Der jüdische Fliegeroffizier wandte sich an den Waad Leufni mit der Bitte, seinen Plan eines transatlantischen Luftverkehrs zu fördern. ft 90536764866772^7

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