Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 75 (6.6.1929)
- Date
- 1929-06-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 75 DIE STIMME Sette 3 empfinden unsere Partner heute ganz anders als 1923, Ich halte daher jetzt die «Gefahren» für so gering, dagegen die Chancen für so groß, daß für mich die erweiterte Jewish Agency 2U einer höchst begrüßenswerten Angelegenheit geworden ist. Ich sehe keine soziale Gefahr. Wenn eingewendet wird, jene Hälfte der J. A. bestehe meist aus kapitalistisch-bürgerlichen Elementen, so ist zu erwidern, daß die Verdoppelung der Gelder für K. H. und K. K. L. allein schon eine Gewähr gegen jene Gefahr ist, daß ferner bei jeder Form des Aufbaues das Arbeiterelement so gestärkt werden wird, daß dadurch allen sozial-reaktionären Tendenzen, die etwa vorhanden sein werden, genügender Widerstand geleistet werden wird. Es scheint übrigens in der zionistischen Oeffentlichkeit gar nicht beachtet worden zu sein, daß der Erwerb der Haifabai durch den K. K. L. ermöglicht und finanziert wurde durch eine Körperschaft (P. E. C.), in der neben Zionisten wie Julius Simon und Nathan Strauß führende Agencymänner sitzen: Flexner, Lamport, Marshall, Warburg! Man solle meinen, daß diese Tatsache die besten Auspizien für die Haltung der künftigen Agency bietet. Die nationalen Gefahren bei Anerkennung des Prinzips jüdischer Arbeit und Förderung der hebräischen Kultur kann ich nicht sehen. Die politischen — darüber möchte ich lieber nichts reden, denn wir ersticken schon in der Flut der politischen Diskussionen. Kein Normalvolk der Welt ermüdet derart seine Energien durch ein Uebermaß politischer Diskussionen usw. wie das zionistische Judentum*. Unsere politische Macht wächst im Verhältnis zu der Stärke der jüdischen Siedlung in Palästina. Das ist die politische Grundtatsache. Es handelt sich darum, in den nächsten fünf Jahren unter der Herrschaft des Mandates 50.000 Juden produktiv " ■ mvmammamm anzusetzen, wozu noch der natürliche Zuwachs kommt, also die jüdische Bevölkerung in dieser Epoche, um 100.000 Juden zu vermehren, wozu wir bisher die doppelte Zeit gebraucht haben. Dazu soll die Jewish Agency helfen, zu einem fixen Plan dafür und zu seiner Durchführung. Sie wird, wie ihr Bericht zeigt, mit ihren Forderungen an England nicht weniger weit gehen, als wie bisher, es scheint vielmehr, daß sie energischer sein will als wir, denn sie kann England mit noch mehr Gewicht als Vertretung der Weltjudenheit entgegen treten, als die Zionistische Organisation. Bleibt die kulturelle Gefahr. Eine solche kann nur vom freigeistigen Teile der Zionistischen Organisation befürchtet werden. Es ist anzunehmen, daß die 50 Prozent Nichtzionisten überwiegend stark traditionell eingestellt sein werden. Daraus ergeben sich tatsächlich Gefahren, da ja im Erziehungswesen das Budget zum großen Teil von der J. A. bestritten wird. So z. B. kann im Judaistischen Institut die Einschränkung der freien Forschungsmöglichkeit (z. B. Bibelkritik!) unangenehm werden u. a. m. Dagegen ist aber in kulturell-geistiger Beziehung vielleicht auch ein begrüßenswerter Einfluß zu erwarten: Daß die nationalistische Enge, in die sich das Judentum Palästinas zu verlieren scheint, durch Berührung mit Juden von mehr kosmopolitischer Geistesrichtung, behoben und die prophetische Einstellung auf die Menschheit hin, den Horizont der Juden Palästinas erweitern wird. Gegen Gefahren muß man kämpfen. Aber eine wichtige Errungenschaft preisgeben, weil in ihr einige Gefahren schlummern, das hieße auf das Leben verzichten und an dem Sieg der zionistischen Idee zu zweifeln. ■—■iwm — Ramsay Macdonald: Eindrücke eines Palästina-Pilgers . Anläßlich des überwältigenden Wahlsieges der englischen Arbeiterpartei, deren Führer, bewährte Freunde des zionistischen Aufbauwerkes in Erez Israel, voraussichtlich die neue Regierung des englischen Weltreiches bilden werden, veröffentlichen wir nachstehend einen bedeutungsvollen Artikel des ehemaligen und vermutlich auch künftigen Premierministers Mac— donaid, den er nach seiner Palästinareise im Jahre 1924 schrieb. Ich ging in Pilgerstimmung nach Palästina und glaubte, dort die Gedanken an quälende Streitigkeiten beiseite legen zu können, aber das Palästina von heute ist noch mehr als der Schauplatz eines alten Dramas; es ist die Bühne, auf der man ein neues, spannendes Stück zu spielen begonnen hat. So mußte ich oft aus meiner Pilgerstimmung heraus, mußte mich mit dem beschäftigen, was rings um mich vorging. Wer immer Palästina bereist, kann sehen, wie vernachlässigt das Land ist. Es könnte eine viel größere Bevölkerung tragen. Der Ertrag des Bodens könnte durch sofortige Urbarmachung und Anwendung besserer Methoden um ein Vielfaches gesteigert werden. Wasserkräfte wie die des Jordans und seiner Nebenflüsse gehen verloren. Es ist offensichtlich, daß die jetzige arabische Bevölkerung die Schäden des Landes niemals beheben kann. Es ist nicht nötig, den Araber aus seiner Ruhe aufzustören, aber er muß zu industriellem Schaffen erzogen werden. Die Frage ist, wie man dies erreichen kann. Die Welt kann nicht weiter teilnahmslos zusehen, wie die natürlichen Kräfte Palästinas nutzlos verschwendet werden. Wie kann sie ihr Interesse beweisen? Dieser Gedanke ist bei der Frage der jüdischen Einwanderung von entscheidender Bedeutung. Das Wesen des Juden verlangt, daß er sich diesem Lande zuwendet, und die übrige Welt sollte ihn darin unterstützen. Aber hier ergibt sich ein politischer und Rassenkonflikt. Die arabischen Führer sind im Besitz der Macht. Sie sind konservativ, und ihre persönlichen Interessen sind in ihrem Konservatismus verwoben. Sie haben Macht über ihr Volk, sie sind noch Führer. Sie können ihr Volk die törichtesten Dinge glauben machen und es veranlassen, gegen das Gemeininteresse zu handeln. Diese Schwierigkeiten sind selbstverständlich nicht zu überwinden, indem man ihnen aus dem Wege geht, sondern indem man sie klar ins Auge faßt und versucht, in engen Kontakt mit den arabischen Bauern und Arbeitern zu kommen und erzieherisch auf sie einzuwirken. Geduld, Sicherheit und gerechte Behandlung werden die politische Agitation überwinden. Die Juden müssen diese Schwierigkeiten kennen. Es genügt nicht, von unserer Regierung zu verlangen, daß sie sofort ihre Versprechungen erfüllt und 100 Prozent ihrer Pläne in Taten umsetzt. Die Juden müssen durch ihre Arbeit und ihre Leistungen einen Ausgleich für ihre Ansprüche schaffen, sie sind für die Lösung des arabischen Problems mitverantwortlich. Sie können ihr Programm nicht bedingungslos verwirklichen wollen und es uns überlassen, ihnen den Weg dafür zu ebnen. Ich fand, daß die Juden sich dieser Tatsachen voll bewußt sind, und daß die Führer der jüdischen Einwanderung alles tun, um die Herzen der arabischen Bevölkerung zu gewinnen. Die jüdischen Bauern wollen den arabischen Bauern helfen, und die jüdischen Arbeiter beginnen, die arabischen Arbeiter zu führen. Selbstverständlich liegt eine große Kluft zwischen europäischen und orientalischen Gedanken und Gedankengängen und die gegenseitige Verstän- Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke. digung ist schwer; aber Zeit und guter Wille werden Wunder wirken. Wer, wie ich, den Anfang der Zusammenarbeit zwischen den beiden Gemeinschaften gesehen hat, muß einsehen, daß der jüdisch-arabische Gegensatz künstlich aufgebauscht ist und behoben werden kann. Lokalen oder speziellen Vorfällen darf man keine größere Bedeutung beilegen als ihnen in Wirklichkeit zukommt. Wenn unser Mandat durch den Völkerbund formell anerkannt sein wird, wenn Sir Herbert Samuel einen Stab von einheimischen Beamten neben sich haben wird, die in gutem Einvernehmen mit ihm arbeiten, und wenn einige der verwerflichsten und unheilvollsten Ruhestörer unschädlich gemacht sein werden, dann wird Frieden in Palästina herrschen. Viel hängt von dem Charakter der jüdischen Einwanderung ab. Das Land bedarf im Augenblick besonderer Nahrung, Arbeit, für die keine Vorbereitungen getroffen worden sind, und die nicht auf die allerelementarsten Bedürfnisse zurückzuführen ist, kann es nicht verdauen. Aber auch das wissen die Juden selbst sehr gut. Nichts ist begeisternder zu sehen, als die Art, wie Männer und Frauen an den Straßen, in den Sümpfen und an den Berghängen arbeiten. Feindliches Zeugnis berichtete mir von Schlamperei, Unfähigkeit und Verschwendung. Ich hatte keine Zeit, diesen Anschuldigungen nachzugehen. Eines Tages saß ich im Hotel und hörte solchen Beschuldigungen eines angeblichen Augenzeugen zu, der sich seiner Verbindung mit unserer «Morgenpost» und einigen Öberhausmitgliedern rühmte. Während dieser Aufklärung trat ein jüdischer Freund ein, dessen Aufgabe es war, gewisse Teile jener Arbeit zu kontrollieren, die so verdammenswert dargestellt wurde, und —* der «Augenzeuge», der mich zur Wahrheit und zum Verständnis des jüdischen Schmarotzertums führen wollte, ergriff augenblicklich die Flucht. Es war das einzige Mal, daß es mir gelungen war, Ankläger und Angeklagten einan- | der gegenüberzustelten, Ich traue meiner eigenen Elegante Chevreauxspangen und Pumps in allen Farbtönen zu ledern Kleid passend auf individuellen Formen flearkeltet bei LISSIAMSKY direkt in der Schuhfabrik WIEN VII. BEZ. KAISERSTRASSE 46 im Stick Beobachtungsgabe am meisten, da sie scharf genug ist, diese Arbeit beurteilen zu können — lind ich selbst war befriedigt. Daß einzelne Schlampereien Vorkommen, ist wahrscheinlich. Daß es zuweilen eine Kräftevergeudvig ist, Steine von Kopfarbeitern brechen zu lassen, ist richtig. Derartige Dinge müssen durch Fachleute scharf überwacht und kontrolliert werden sowohl im Interesse des Zionismus wie in dem der Regierung. Die Frage der jüdischen Einwanderung muß aber in ihrer Totalität und nicht vom Geschäftsstandpunkt aus betrachtet werden. Wenn, wie es das Ziel des Zionismus ist, eine jüdische Gemeinschaft erstehen soll, so kann man die Immigranten nicht auf die Klasse der ungelernten Handarbeiter beschränken. Solange aber nicht die primitivsten Voraussetzungen für Landbebauung und Transportwesen gesichert sind, gibt es geringe Möglichkeiten für Geschäftsleute und Facharbeiter. Wenn der Arzt utfd der. Lehrer aus Liebe zu Palästina bereit ist, Straßen zu bauen, Sümpfe zu trocknen, Felder zu pflügen und zu besäen, Berghänge zu bepflanzen und sich Arbeitergruppen und Genossenschaften einzufügen, so; ist der soziale Vorteil ungeheuer, und der Aspekt auf die zukünftige ökonomische und soziale Gestaltung rechtfertigt die Ausgaben, die ihre Einwanderung sicherstellen. Ich habe sie bei Steinhaufen hocken sehen, die sie zum Wegebau brechen mußten, ich habe gesehen, wie sie mit rauhen Händen, in zerrissenen Arbeitskleidern, schlammbespritzt, auf dem: Felde arbeiteten — und sie waren glücklich. Solche Leute sind keine Drückeberger, sie sind die Seele der Gemeinschaften, ihr Einfluß verscheucht jede Unehrenhaftigkeit, sie sind das belebende Beispiel für ihre Kameraden. Die zionistische Bewegung würde: einen großen Fehler begehen, wenn sie zuließe, daß. man diese Klasse von Immigranten . ausschließt« Palästina muß die Heimat von Seele und Körper des! jüdischen Volkes werden. Alle diese Leute kommen mit westlichen Gedanken über Politik und Gesellschaft nach Palästina* Deshalb erwecken sie nicht nur bei den Konservativen unter den Arabern, sondern auch bei den konservativen Juden Befürchtungen. Auf diese Schwierigkeiten aber wird man stoßen, wann und auf welche Weise auch immer die Heimkehr der Juden beginnen wird. Nach dem, was ich selbst gesehen habe, habe ich aber den Eindruck, daß die meisten von diesen Intellektuellen nicht so unbedingt im Banne unseres westlichen Systems stehen. Sie sind unserer unfruchtbaren Streitigkeiten müde und suchen Friede für* Körper und Seefe, indem sie neue Gemeinschaften in Palästina begründen. Ihr vergangenes Leben war verfehlt, hier, in dem Land ihrer Liebe, hoffen sie zu finden, was weder Europa noch Amerika ihnen bisher gab. Und so war es schön, sie beim Pflügen und Wegebauen zu sehen, noch schöner, mit ihnen über ihre Pläne einer geistigen und künstlerischen Renaissance zu sprechen. Ihre Rückkehr zu hebräischer und jüdischer Literatur, Drama und Musik, ihre Pläne für Schulen und Universitäten, ihre Träume von einer neuen Kultur überzeugten mich, daß wir alle verlieren würden, wenn dieser große Versuch fehlschlagen würde. So geschah es, daß ich, der ich als Pilger auszog, überwältigt wurde von Gedanken, die alles, andere als Pilgergedanken zu sein schienen; daß ich aber erkannte, nicht allzu weit vom Wege abgewichen zu sein, als ich auf Landstraßen und Feldern mit Männern und Frauen zusammentraf, die mit Liebes im Herzen nach Palästina gekommen waren — als Tagelöhner reinste Idealisten. Ueberführung der Gebeine Cohen-Bern^ steins nach Palästina Jerusalem. Die Freunde des vor kurzem in de& Ukraine verstorbenen zionistischen Führers Cohen-Bernstein planen die Ueberführung der Gebeine Bernsteins mcH Palästina, die Errichtung eines seinen Namen tragende^ Stipendiums an der Hebräischen Universität und die ößfentlidiung seiner Memoiren, Die Gemeinde Tel Avfefc w.urde anßgefordert, eine Straße nach Cohen-Bernstein W benennen.