Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 75 (6.6.1929)
- Date
- 1929-06-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 75 Jewish Agency und Zionistenkongreß Von Adolf Böhm i. Wiederholt ist die Meinung aufgetaucht, daß der kommende Kongreß der letzte sein werde, da die zionistische Organisation zugunsten der Jewish Agency abgedankt habe. Eine solche Ansicht ist mir total unverständlich. Sie ist nur so zu erklären, daß ein Teil der Organisation die Schaffung der erweiterten J. A. als eine Niederlage, statt einen Erfolg des zionistischen Gedankens ansieht. Hat Bismarck seinerseits bei der Emser Depesche, nach seinem berühmten Wort, die Chamade in eine Fanfare verwandelt, so tut die zionistische Organisation jetzt das Gegenteil! Statt mit erhöhtem Selbstvertrauen das unaufhaltsame Vorwärtsschreiten des Palästinismus zu begrüßen, statt die rapide Entwicklung der Ansichten unserer Partner nach der Richtung des zionistischen Palästinagedankens (nationaler und politischer Charakter der Siedlung, hebräische Sprache, jüdische Arbeit, K. K. L.-Boden) als Beweis der Macht unserer Idee und der sieghaften Kraft der heutigen Palästinawirklichkeit anzusehen, will man uns in Niederlagsstimmungen hineinhetzen und das «Ende» unserer Organisation prophezeien. Dem gegenüber muß ausgesprochen werden, daß der Zustrom breiter jüdischer Schichten, die sich auf den Boden des Mandats stellen, also der jüdischnationalen Heimstätte — es ist nicht wahr, daß wir uns mit Antizionisten verbünden, da seine Anerkennung Vorbedingung für den Eintritt in den Council ist — eine historische Tatsache von unabsehbarer Bedeutung für das Judentum ist. Wir haben immer proklamiert, daß die Judenheit sich im Zeichen der nationalen Renaissance einen muß, welches immer auch sonst seine Strömungen und deren Charakter sein mögen. Und wir waren uns klar bewußt, daß man eine jüdische Nation erst dadurch wieder schaffen kann, daß man ihr ein alljüdisches lOOprozentiges Endziel gibt, auf das sie sich in allen ihren Teilen ausrichten kann. Man verstehe dies recht und lasse einmal den Blick von den berühmten, tatsächlichen Verhältnissen, da es ja immer wieder gilt, diese zu revolutionieren, wobei nur die Idee des nationalen Heims, der Tf generierung und Normalisierung des Volkes das revolutionäre Element sein kann. Und heute, wo sich neue Schichten auf dieses Ziel ausrichten, schreiben wir von einer Niederlage oder einer Demütigung der zionistischen Organisation! In der Chemie bringt man Lösungen dadurch zum Ausfällen und zum Kristallisieren des Gelösten, daß man einen Stab in die Lösung taucht, an dem sich die Kristalle ansetzen. Wir hatten zur Neukristallisierung der jüdischen Nation diesen Stab, die zionistische Idee, aber nicht die Möglichkeit, kontinuierlich und stetig (unerschüttert) ihn in die Lösung (die dissoziierte, in Auflösung begriffene jüdische Masse) zu halten. So konnte kein ruhiger Kristallisationsprozeß stattfinden. Heute haben wir eine große Schicht von Juden gewonnen, mit der wir unsere Idee, das Palästinaziel, in ständiger Berührung halten können. Der Kristallisationsprozeß, bisher auf die Zionisten beschränkt, erfaßt weitere Kreise, das bedeutet Erweiterung der Wirkungssphäre unserer Idee. Zionist sein, heißt an die Wahrheit und Durchschlagskraft der Idee unerschütterlich glauben. Sollen wir uns wirklich, wenn wir in der J. A. mit nichtzionistischen Juden für das nationale Heim Zusammenarbeiten, als die Schwächeren, als bloße «Hälfte» ansehen, die vor der anderen Angst hat und sich von ihr gefährdet sieht? Alle Bewegung, alle Politik, hat dynamischen Charakter. Wer gibt in dieser Verbin- I-1 Zionistisches JEmuieshomitce für tfstexveidfk Donnerstag, den 6 Juni 1929, präzise 8 Uhr abends, im Silier, I-, Schwedenplatz 'omassabem Referent: Xng. Soheohet: „Die Trumpeldorjugendbewegung“. Anschließend Diskussion über dieses Thema sowie Fortsetzung der Debatte des letzten Vortragsabends „Die österreichische Sozialdemokratie und wir“. düng den dynamischen Auftrieb, wer stellt die Ziele, was treibt bei ihrer Verwirklichung die Pioniere an? Diese Vereinigung in der J. A. ist, wie neulich Doktor Kobler gesagt hat, mehr so zu denken, daß die Zionisten den Kern bilden, die anderen die Ringe, die sich um ihn legen. Und wie in der Kabbala una im Chassidismus die Schalen Hülle des Vollkommenen sind, die den Uebergang bilden zur unvollkommenen Realität, so wird unsere vollkommene Idee als Kern der Verbindung in diesen Ringen nur Stufen zur Verwirklichung sehen. Gewiß kann mau «Gefahren» in dieser Verbindung für die Praxis sehen, da ja die Partner keine Vollzionisten sind. Ich selbst war 1922/1923 noch ein Gegner der Idee der erweiterten Jewish Agency und habe mich mit ihr nur langsam befreundet. Der Grund dieser Entwicklung ist aber durchaus nicht der, daß ich jene Idee prinzipiell abgelehnt hätte. Sondern damals war die jüdische Palästinasiedlung noch so klein, schwach und — im zionistischen Sinn — wenig gesichert, daß es tatsächlich eine Gefahr gewesen wäre, die Verantwortung für den Aufbau mit nicht national gesinnten Juden zu teilen. Diese selbst waren durchaus noch nicht im heutigen Maße palästinabegeistert, verstanden auch noch gar nicht, daß von Palästina, wie sich ihre Führer vor kurzem ausdrückten, die stärksten jüdischen Impulse ausgehen und die Heimstätte ein wahrhaftes jüdisches Zentrum sei, sondern sie sahen Im Zionismus eine Art Konkurrenzunternehmung bei der Bewerbung um die Gefolgschaft der jüdischen Massen, sowie einen Nationalismus aggressiver, gefährlicher Art. Heute ist das jüdische Palästina, wenn auch klein, doch so fest geformt, daß der Jischuw stark genug ist, um jeden Versuch einer prinzipiellen Abweichung von den Hauptrichtlinien zu vereiteln, andererseits haben die Partner sich zu einem Palästinismus entwickelt, der sich nur mehr wenig von dem unseren unterscheidet. Es ist ein Irrtum, wenn Politiker ein statisches Bild der Welt im Kopf haben und meinen, Leben und menschliche Verhältnisse blieben sich gleich und man könne daher mit ein paar Formeln jahrzehntelang auskommen. Die Sozialdemokratie z. B. hat sich auch daran gewöhnen müssen, das gesamte Bürgertum nicht als ein und dieselbe «reaktionäre Masse» anzusehen — wie Marx für seine Zeit wahrscheinlich mit Recht — weshalb sie mit ihr politisch nicht kooperieren könne. Schon die eine bloße T atsache des jüdischen Palästina wandelt täglich auch das nichtzionistische Judentum um, und, wie man es aus ihrer Haltung und ihren Reden sieht, Jehudo Epstein: Mein Weg von Wir veröffentlichen mit freundlicher Erlaubnis des Verlages J. Engelhorns Nachf., Stuttgart, nachstehende Bruchstücke aus dem interessanten Memoirenwerk des bekannten jüdischen Malers. Im Städtchen Sluzk, im Gouvernement Minsk, kam ich zur Welt. Ich kann weder mein Alter noch den Tag meiner Geburt mit Genauigkeit angeben. Mein Vater glaubte, daß ich im Jahre 1871 geboren wurde, die Mutter aber behauptete, ich wäre schon 1869 auf die Welt gekommen. Der Tag meiner Geburt war in unserer Familie bekannt, aber man kannte das Datum nur nach dem jüdischen Kalender. Weil ich mir niemals die Mühe gegeben habe, nachzurechnen, auf welchen Tag der siebzehnte Tarnus fällt (was übrigens vergeblich wäre, weil das Jahr ja zweifelhaft blieb), so weiß ich es bis auf den heutigen Tag nicht. Für das Geburtsjahr nehme ich die Mitte zwischen mütterlicher und väterlicher Version an und sage, ich bin 1870 geboren. In dem Milieu, in dem ich aufwuchs, legten die Menschen auf die Kenntnis ihres Geburtstages kein Gewicht. Beinahe kein Jude, der innerhalb der damaligen Linie des «Ansässigkeits-Rayons» geboren war, besaß ein staatliches Geburtsdokument, denn die Judenkinder immatrikulierte man nicht. Sie wurden ebensowenig gezählt oder vermerkt, wie etwa, um mit der Bibel zu sprechen, die Sandkörner am Ufer des Meeres, oder die Grashalme im Felde. Wie der Staat sich um die Geburten nicht kümmerte, so kümmerte er sich auch um die Todesfälle nicht. Diese eigenartige Sorglosigkeit dehnte sich, solange die Leibeigenschaft bestand, auch auf den Bauernstand aul. Geburten wie Todesfälle wurden nur alle 25 Jahre einmal registriert. Verstorbene galten bis zu einem solchen Reviaionsjahre als lebend; die Existenz derer, die seit der Revision zur Welt gekommen waren, war amtlich nicht nachzuweisen. Ergab sich einmal der merkwürdige Fall, daß die Existenz eines Juden nicht genügte, um sein Dasein zu beweisen, und diese Tatsache mußte noch besonders durch ein Dokument bekräftigt werden, so ließ man sich von der Polizei die nötige Bescheinigung ausstellen, bei welcher Gelegenheit man nicht versäumen dürfte, dem Beamten eine entsprechende «Nehmung» zu verabreichen. Ohne «Nehmung» war auf einem russischen Amte nichts zu erreichen. Schmierte man aber gehörig, so konnte man das Dokument so haben, wie Ost nach West man wollte und der Beamte kam in allem, was das Geboren- oder das Gestorbensein anbetraf, willig entgegen. * Von markanten Gestalten unseres Städtchens bli:'; mir vorzüglich das Ehepaar Zeitlin in Erinnerung, dasselbe in dessen Hause mein Vater, als er nach Gomel kam, Unterricht erteilte. Reb Josche Zeitlin war ein «Gwir» ein vermögender einflußreicher Mann. Sein Aeußeres und sein Benbmen zeigten es deutlich. Von Gestalt war er mittelgroß und kräftig gebaut. Sein Gesicht, von einem nicht zu großen Barte umrahmt, würde jeden Maler interessiert haben. Die Augen waren von buschigen, schwarzen Brauen überhangen und blickten scharf und strenge, die Lippen waren dünn und energisch geschlossen. Seine Stimme klang barsch und befehlend. Er wurde respektvoll mit «Reb Josche» oder «Reb Jossef» angesprochen, sagte aber seinerseits beinahe allen «Du». Er sah dem Pharisäer auf dem Bilde «Christus vor Pilatus» von Munkacsky täuschend ähnlich. — Seihe Frau hieß Schosche. Sie war rotbackig und wohlgenährt; man hätte ihr den Wohlstand angesehen, auch wenn sie nicht, sogar an Wochentagen, mehrer Rihen kleiner Perlen um den Hals getragen hätte. Reb Josche trug einen teuren Pelz und am Schabbes eine kostbare Zobelmütze, die ihm ein bojraenhaftes Aussehen verlieh. Er soll übrigens, trotz •seines dekorativen Aussehens, zu Hause nicht viel gegolten und -ganz unter dem Pantoffel seiner Frau gestanden haben. Man sah die Ehegatten schwelgend vor ihrem Tuchgeschäft sitzen, er vor der einen Sehe des Einganges, sie an der anderen. Alle beide gaben sehr charakteristische Gestalten ab. Sein Tuchgesch-äft ging gut und genoß den Ruf eines soliden, tüchtigen Unternehmens. Als Kaufmann «erster Gilde» war er auch bei der Obrigkeit angesehen. Sein Ansehen in der Gemeinde aber basierte nur auf seinem Reichtum. Der Respekt, den man ihm zollte, war nicht ideeller Natur, denn ein «Lamden» ein gelehrter Mann, war er nicht, wenn auch kein Ambooretz», kein gänzlich ungebildeter Mensch. Er war der Vorstand de« Bethauses, der »Gabai», und sein Platz an der Ostwand, gleich bei der Bundeslade, war der ehrenvollste. Allerdings ging der Row, dem sonst dieser Platz gebührte, in ein anderes Haus beten. Die Angelegenheit des Tempel« wurden nicht von Reb Josche selbst, sondern vom Küster, dem «Schames», geleitet. Dieser Schames mit Namen Schmuol Löb, war sein ausgesprochener Günstling und durfte machen, was er wollte. Man sah den Küster immer hinter dem Gabai, wie den Schweif hinter dem Kometen. Bei der Geminde aber war der Schames wegen seiner Eigenmächtigkeiten un-beliebt und man hätte gerne einen anderen angestellt gesehen; indes gegen Reb Josches Willen konnte niemand aufkommen. Die Unzertrennlichkeit der beiden ward sprichwörtlich und man antwortete in Gomel, gleichviel um was es sich handelte, auf die Frage: Wie bleibt es? — «Josche bleibt der Gabai und Schmuol Löb der Schames», womit man sagen wollte, daß alles beim alten bleibe. Später, als ich bereits in Wien war und die Kunstakademie besuchte, bekam ich eines Tages unerwartet Reb Josches Zeitlin und seine Frau Schosche zu Gesicht. Er war auf der Durchreise nach Karlsbad und überbrachte einen Brief meines Vaters, der mich bat, mich Reb Josches in Wien anzunehmen und ihm die Stadt zu zeigen. Ich werde hierüber seinerzeit erzählen. Ein origineller Typus war auch der in unserer Nachbarschaft wohnende Reb Leib Braverunann, der Sodawasser erzeugte. Er war der Witzbold der Gemeinde. Seine Aussprüche, seine «Gleich-Wörtlach», wurden überall herumerzählt und belacht. Der Mann scheint schon vom freien Denken etwas angehaucht gewesen zu sein und dürfte religiös nicht als ganz zuverlässig gegolten haben, obwohl er ein ebensolcher orthodoxer Jude war w-ie die anderen. Sein Enkelkind besuchte mit seiner Zustimmung das Gymnasium und Reb Lei-b selbst stutzte sich ein ganz -klein wenig seinen weißen Vollbart, gewiß ein sehr bedenkliches Symptom, denn ein frommer Jude soll den Bart sein Leben lang mit keiner Schere in Berührung bringen. Als ihn jemand malitös fragte, wieso ihm der Bart so schön gerade wachse, daß alle Härchen gleich lang wären, gab Reb Leib schmunzelnd zur Antwort: »So, mein Kind, ist es beschert von oben.» Als ich nach langer, langer Abwesenheit die Heimat wieder aufsuchte, war Reb Leib Bravermann noch am Leben, Er war zirka fünfundsiebzig Jahre alt, galt weiterhin als Witzbold und Freigeist und machte noch immer seine «Gleich-Wörtlach». Eines Tages begegnete ihm der Vater auf der Straße. Der Vater fragte ihn, wohin er -gehe? «Mein Kind, ich bin ein alter Mann ich muß schon an den Tod denken», gab Reb Leib ächzend auf seinen Stock gestützt zur Antwort. — »Gehen Sie Ins Gotteshaus, gehen Sie beten?» «Nein mein Kind,» antwortete Reb Leib, «ich gehe auf den Markt. Kirschen will -Ich mir kaufen; wer weiß, ob ich die nächste Kirschensaison noch erlebe!» —. Der Mann war ein Philosoph! —