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Die Stimme · 1929-05-30 · Heft 74 (30.5.1929) · page 10

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 74 (30.5.1929)
Date
1929-05-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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$&te 10 DIE STIMME Nr. 74 Kleine Nachrichten Der jüdische Lehrer Ben Aroya erfand ein System türkischer Stenographie, das von den Fachleuten als überaus brauchbar beurteilt wird. Bis jetzt hat es eine Stenographie für die türkische Sprache nicht gegeben. * Auf Antrag der Jüdischen Volkspartei hat der Gemeindevorstand der Repräsentantenversammlung eine Vorlage betreffend Errichtung einer Poliklinik und Wahl der dirigierenden Aerzte der Poliklinik zugeleitet. Die Repräsentantenversammlung hat die Vorlage angenommen. * Unter den etwa 125 Todesopfern der Brand- und Explosionskatastrophe in der Klinik von Cleveland befinden sich, wie die J. T. A. feststellen konnte, sieben jüdische Patienten und Aerzte. * Au« Anlaß der 50jährigen Zugehörigkeit der Königin-Mutter von Holland zum holländischen Staatsverband veranstaltete die Amsterdamer jüdische Gemeinde einen Gottesdienst in der Neuen Synagoge, dem die königliche Familie beiwohnen wird. * Im Alter von 61 Jahren verstarb in Chicago Frau Augusta Rosenwald, die Gattin des berühmten jüdischen Philanthropen Julius Rosenwald. * Im Verlaufe des Monates März sind 452 Personen, unter ihnen 375 Juden, in Palästina eiiigewandert. 236 Personen, unter ihnen 155 Juden, verließen in dem gleichen Monat das Land. * Die Zionistische Exekutive hat soeben dem Ober- (ommissar für Palästina, Sir John Chancellor den .Bericht der' Zionistischen Organisation über die Arbeit in Palästina im Jahre 1928 zur Weitergabe an den Völkerbund überreicht. * Der steiermärkische Landesraöbiner, Universitätsprofessor Dr. David Herzog, wurde in Anerkennung seiner Verdienste um die Stadt zum Ehrenbürger ernannt. * Der Gewerkschaftsrat der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengesellschaft, Ing. Richard Pollak, ein Jude, ist von der Deutschen Technischen Hochschule In -Brünn zum Ehrendoktor der technischen Wissenschaften ernannt worden. . * fan Alter von 65 Jahren starb dn Budapest der führende ungarische Großindustrielle Baron Theodor Weither. Er war Mitglied der jüdischen Gemeinde und gehörte jahrzehntelang dem ungarischen Reichstag an. * Am 19. Mai fand in Stdney die zweite Landeskonferenz der australischen Zionisten statt. Die erste Konferenz wurde vor zwei Jahren durch den Delegierten des Hauptbureaus des Keren Hajessod, Herrn Dr. Alexander Goldstein, einberufen und führte seinerzeit zur Gründung der australischen zionistischen Föderation. Die Zementfabrik «Nescher» bei Haifa steht vor einer erheblichen Vergrößerung ihres Betriebes. Eine Reihe neuer Maschinen soll zur Aufstellung gelangen und die Produktionsfähigkeit damit tun 50 Prozent erhöht werden. * Die palästinensische Regierung hat an die Regierung von Aegypten 183 Kisten ägyptischer Sitberitfcünzen im Nennwerte von 79.352 Pfund gesandt. Die Münzen waren bei der Einführung der ägyptischen Währung in Palästina dorthin importiert worden. Von Jemen bis Budapest Gin seltsamer jüdischer Lebensweg Gelegentlich eines von Arabern veranstalteten Pogroms floh eine jemenitische Jüdenfamilie naoh Jaffa. In einem Ruderboot, mit dem die Flüchtlinge zu einem vor Jaffa liegenden Dampfer fuhren, gebar eine zwölfjährige verheiratete Tochter dieser Familie ihrem dreizehnjährigen Ehemann einen Sohn. Mit diesem. Kinde zusammen übersiedelten die Familien seines Vaters und «einer Mutter — wie die meisten jemenitischen Juden ausgezeichnete Gold- und Sil-berschmiede —, da sie Beziehungen zu Amsterdamer Diamantenkreisen hatten, «ach Holland und nahmen dort Namen an, die ihrem Handwerk entsprachen: die Familie des Vaters den Namen Feinsilber, jene der Mutter den Namen Feingold. Der Vater des unter so romantischen Umständen geborenen Knaben starb, als dieser (JfeijJahre alt war; die Mutter heiratete nochmals und Jiieltfihn von allen anderen Kindern abgesondert. Ei;, beyvohnte mit einer Gouvernante ein besonderes Haus und wurde streng religiös erzogen. Er unternahm dann Reisen durch die Welt und tarn eines Tages zu Tolstoi, zu dessen Lehre er sich ß^gp^q^en-fühlte. Von dieser Zeit an widmete er sein Leben den Armen und UngWldkHchen, an die er sein Kapital, das ursprünglich ungefähr 8 Millionen Mark betragen haben soll, allmählich verteilte. Mit dem ersten 2ug, der nach Sibirien fuhr, reiste er mit und danach verbrachte er zweieinhalb Jahre auf der Strecke, um den Verbannten und Gefangenen Geschenke ihrer Verwandten zu Übermitteln. Tolstoi, dem er zur Zeit einer Hungersnot helfend zur Seite stand, soll ihn in «Auferstehung» geschildert haben, und zwar als einen Engländer, der mit Gefangenentransporten fährt und den Sträflingen Biöefbücher schenkt. Zur Zeit des Kischlnewer Pogroms wellte er in der Hauptstadt Bessarabiens und unterstützte die äusgeplünderten Juden, indem er unter ihnen zweihundert Nähmaschinen verteilte. So reiste er durch die ganze Welt, bis er sich in Ungarn niederließ, um ln Budapest philanthropische Arbeit zu verrichten. Ganz Budapest kennt Ro-beft Bacsl — wie er sich heute nennt —, der hauptsächlich aus eigenen Mitteln täglich hundert bis dreihundert Leuten ein warmes Mittagsmahl verschafft, indem er zu bestimmter Stunde auf einem der Plätze der Stadt, gegenwärtig #m Stadtpark, mit einem großen Suppenkessel erscheint, aus dem den Aermsten der Armen die Portionen zugeteilt werden. Robert Bacsi kommt in seinem berühmten weißen Rock —- in dem er sich übrigens auch abends in Konzerten zeigt —•; dann wird die Suppe umgerührt und gekostet; und bevor das Essen verabreicht wird, betet Robert Bacsi vor. Nach'der Suppe wird jedem ein Stück Brot gegeben. Das ist aber nicht die einzige Tätigkeit des Robert Bacsi. Jahrelang hatte er eine Beratungsstelle für Selbstmörder, und seitdem er dieses Bureau a-ufgegeben hat, weif ihm die Arbeit nrviel wurde, geht er täglich in die Spitäler, um die «Fälle» zu besuchen, welche die Polizei zu seiner Kenntnis bringt. Dadurch, daß er mit psychisch kranken Leuten spricht, für sie Arbeit 9ucht und ihnen materielle Hilfe angedeihen läßt, rettet er im Laufe des Jahres viele Menschen vor dem Untergang. Kein Wunder also, daß Robert Bacsi bei den Armen sehr populär ist und daß ihn alle Polizisten und die Straßenbahnschaffner grüßen. Egon Klinger-Garten. Entsprechend dem vor dem Tode geäußerten Wunsch des verstorbenen Egon Klinger haben seine Bun-desbrüder des Z. M. V. Jediidäa die Stiftung eines Gartens iin Ghajes-Walde eingeieitet. Als erste Rate wurden 20 Bäume gestiftet und der entfaltende Betrag dem Bureau abgeführt. Kongreß-Zeitung. Der XVI. Zionistenkongreß, der Ende Juli in Zürich stattfindet, wird sein offizielles Tagblatt — «Die Kongreßzeitung» herausgeben. Diese Kongreßzeitun-g wird alltäglich authentische, objektive und vollständige Berichte über die Verhandlungen des Kongresses enthalten und zugleich das Komgreßprotokoll darstelten. Bestellungen nimmt der Keren Kajemeth, Wien, I., Kärn-tnerstraße 28, Telephon R 27-4-86, entgegen. Abonnementsgebühr Frs. 4.50, d. s. österr. S 6.30. Buch und Kunst Max Pallenberg und die Hablmah. Max Pallenberg und Fritzi Massary haben Anfang Mäi Palästina besucht und sind dort auch mit der Habimah in Verbindung getreten. Die beiden Künstler nahmen an einer Anzahl von Proben zur «Krone David» teil und beglückwünschten die Habimah zu ihren künstlerischen Bestrebungen und bedeutenden Leistungen. In einem freundschaftlichen Zusammensein wurden dann eine Reihe von Reden gehalten. Namens der Habimah begrüßte Tschemerinsky die Gäste und schilderte den Zusammenhang, den die Habimah mit der hebräischen Atmosphäre Palästinas gefunden hat. PaUenberg gab seiner Freude über das Zusammensein Ausdruck und wünschte der Habimah eine neue erfolgreiche Tournee in Europa, wo dann auch der von Tschemerinsky vorgebrachte Gedanke eines Schauspieler-Weltkongresses weiter besprochen werden könnte. Von den Jüdischen Künstlerspielen. Die hervorragende jüdische Künstlerin Esther Perei mann, die die letzte Saison mit durchschlagendem Erfolg als temperamentvolle Darstellerin und erstrangige Soubrette an den Jüdischen Künstlerspielen wirkte, verabschiedet sich vom Wiener Publikum und folgt einer Einladung ins Auslands— Die verdienten Mitglieder der Jüdischen Künstlerspiele R. Meiseis und Frau sind in die Tschechoslowakei abgereist, um dort ein längeres Sömmergastspiel zu absolvieren.! Der bekannte jiddische Publizist Akiwa Fleischmann ist in New York im Alter vön 62 Jahren an Herzschlag gestorben. Im Alter von 42 Jahren verstarb in Detroit an den Folgen einer Mandeloperation der begabte jüdische Dramatiker und Schauspieler Wolf Schumaki. Katheder für Hebräisch an der Universität Dorpat An der Universität Dorpat wird bei Beginn des nächsten Semesters eih Lehrstuhl für hebräische Sprache und Literatur eingerichtet werden. Als Lektor und Verwalter des Lehnstuhls wunde Dr. Nodel, Direktor der jüdischen Mittelschule in Dorpat, gewählt. Jiddisches wissenschaftliches Institut in Kiew, Der jiddisohe Lehrstuhl an der .Ukrainischen .Wissenschaft« liehen Akademie in Kiew wurde gemäß Beschluß des Präsidiums des ukrainischen Hauptkomitees für wissenschaftliche Angelegenheiten in ein wissenschaftliches Institut für jiddische Sprache und Kulturforschung lange wandelt. Zehn Jahre Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Am 2. Juni hält die Berliner Akademie für die .Wissenschaft des Judentums ihre zehnte Jahresversammlung ab. An die Teilnehmer der Jahresversammlung kommt als Festgabe zum zehnjährigen Bestehen der Akademie eine künstlerisch ausgestattete Druckschrift mit Beiträgen von Julius Guttmann, Leo Baeck, Ernst Cassirer, Hermann Cohen; Franz Rosenzweig, Ismar Ellbogen und Isaac Heinemann zur Verteilung. Ein monumentales hebräisches Wörterbuch vollendet. Aus Anlaß der Vollendung des monumentalen hebräisch-englischen Wörterbuches von Dr. Jehuda Kaufmann veranstaltete der hebräische Verlag «Dwir», der Herausgeber des Wörterbuches, im Hause von Dr. Scbmarja Lewin in Tel-Aviv eine Feier, der die palästinensische Schriftsteller- und Gelchrtenwelt beiwohnte. Der Dichter Chaim Nacfoman Bialik wies auf die große Bedeutung dieses Wörterbuches hin, das eine feste Beziehung zwischen der Sprache des jüdischen Volkes in Palästina und der Sprache des englischen Mahdätsvolkes herstellt. Dr, Jehuda .Kaufmann schilderte die Methoden, nach denen das Wörterbuch gebaut ist, dessen Herstellung er zehn.mühevolle Jahre gewidmet hat. Neues Jüdisches Theater (Praterstraße 60). Von Freitag, den 31. Mai, bis Sonntag, den 2. Juni: Erstaufführung des vieraktigen Lebensbildes: «Der brillantene Jüdel» von Leo Kobrin, Musik von A. Olschanetzky. Dienstag, 4. Juni: «Der bezuhlter Chojw». Mittwoch, 5. Juni: Ehrenabend der Schaus pielerinnen Frl. Berta Rosenberg .und Frau He lene Weißmann. Zur Aufführung gelangt: «Die Giftmischern», Lebensbild in vier Aktien von J. Gerdin. Hundertster Geburtstag Lazarus Geigers. Am 21. Mai 1929 waren es hundert Jahre seit der Geburt des hervorragenden Sprachphilosophen Lazarus Geiger, Verfassers des Werkes «Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache und Vernunft». Lazarus Geiger entstammte von Vaters wie Mutters Seite altständigen Frankfurter jüdischen Familien und wirkte bis zu seinem frühzeitigen Ende am 29. August 1870 als Lehrer an der Frankfurter jüdischen, Realschule. Von der Jüdischen Nationaibibliothek in Jerusalem. Die Bibliothek erhielt soeben in sechs Kisten die nachgelassene Büchersammlung des verstorbenen Doktor Ernst J. Lesser, Mannheim. Die Bibliothek enthält u. a. eine sehr reichhaltige Bismarck-Kollektion, ferner viele ändere Bücher aus dem Gebiete der Geschichte des 19. Jahrhunderts und des Weltkrieges, ferner eine beträchtliche Zahl wertvoller Werke aus dem Gebiete der Philosophie und Volkswirtschaft, darunter Erstausgaben von Kant, Marx und zahlreiche Judaica. Die Bibliothek erhielt gleichzeitig 20 Bücherkisten — zirka 1500 Bände — den Nachlaß des vor einigen Monaten in Denver, Colo., verstorbenen Gelehrten Charles David Splvak. Die Büchersaonmlung war besonders wertvoll durch eine große Zahl seltener Werke zur -Geschichte der jiddischen Sprache sowie eine: reichhaltige Kollektion von Werken neuerer jiddischer Sch/jfteteller, ferner zahlreichealte hebräische Drucke. Gastspiel Jehuda Ehrenkranz’ in den «jüdischen Künstlerspielen» Montag, den 3. Juni, y29 Uhr abends, findet in den «Jüdischen Künstle rapiden» (Theater Reklame) eine einmalige literarische Festvorstellun'g statt Zur Aufführung gelangt Osip Dymowis «Sänger seiner Trauer». In. der Titelrolle tritt der bekannte Rezitator Jehuda Eh renkranz, ehern. Mitglied der Wilnaer Truppe, auf. Die Rolle der Hühnerfrau hat der Regisseur der Vorstellung, S. Iris, übernommen. Den Semjoutschik spielt M. F i s c h e r a. G. In den änderen Rollen die' Originalbesetzung. Der Vorverkauf für die interessante Vorstellung hat bereits begonnen. E Die Sorge der so viel geplagten GroßstadtmenSChen ist derzeit Weekend und Wetter, Viele Dinge sind zu besorgen, um den Sonnabend angenehm verbringen zu können. Unerläßlich ist eine gute Sprechmaschine, welche man nur in einem guten Spezialgeschäfte beziehen soll Auf vielseitige Anfragen .unserer Leser, betreffend Jüdischer und hebräischer Aufnahmen, verweisen wir auf das Inserat des Musikhauses «Excelsior», I.i Adlergasse 5, auf Seite 5. Di« Einmischung Die Geschichte ist schon lange her; sie ereignete sich, als der Franzose gegen Rußland zog. Ein Melamed ging Wasser schöpfen. Er schöpfte zwei Eimer Wasser und trug sie in seine Wohnung zurück. Auf dem Wege, wie da so mit dem Wasser geht, sieht er, daß ein Regiment Französen ankommt. Da wunde ihm trüb ums Herz. Was heißt das ~ er wind gegen unseren Zaren gehen? Ihr müßt nämlich wissen, daß volle Eimer Glück und leere Eimer Unglück bringen. Da er nun doch nicht wollte, daß die Feinde Gtiiok haben sollten, goß er das Wasser aus. Wie er nun mit leeren Eimern nach Hause kommt, fragt ihn seine Frau: «Was heißt den« das? Wo ist das Wasser?» Da erzählt er ihr die Geschichte: «Ich hab’ den Feind getroffen, und da habe ich das Wasser ausgegossen, denn ich wollte nicht, daß der Feind durch mich Glück haben sollte.» Sagte die Frau zu ihm: «Du sollst mir gesund sein, Jankel: Was brauchst du dich zwischen Könige zu mischen?»

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