Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 74 (30.5.1929)
- Date
- 1929-05-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Bei den Juden des nahen Orients Reisebiider von B. R. ii. »Beirut. Die große syrische Hafenstadt, das uralte Beirut, mit dem großangelegten und geschützten Hafen, der Aus- und Eingangspunkt eines ganz großen Wurenverkclires ist, hat fast europäisches Gepräge. Der Handel liegt wohl in den Händen von Arabern und auch jüdischen Kaufleuten, aber der jahrelange intensive französische Einfluß ist nicht spurlos vorbeigegangen und die vielen Fremden, die hierherkamen, haben den orientalischen Charakter von einst geändert und ein rein geschäftsmäßiges Treiben beherrscht die Hauptstraßen und Geschäftsviertel. Von einer Judemgomeinde kann nicht recht gesprochen werden. Wohl ist die Zahl der hier wohnenden Juden nicht gering, aber die eingewanderten französischen und deutschen Juden geben sich nicht recht zu erkennen, und die einheimischen Juden haben keinen direkten Zusammenhang. Natürlich Will das nicht sagen, daß es nicht noch einzelne gutjüdische Familien gibt, die hier, wie überall, an der Tradition hängen. Aber auch hier in der Stadt, von der täglich bis 100 Automobile und mehr in vierstündiger Fahrt nach Haifa fahren, ist von Zionismus und bewußtem Judentum wenig zu spüren. Sind diese Juden vielleicht zu nah der Zukunftshoffnung des jüdischen Volkes? Haifa. Nach" fünfjähriger Pause wieder im Heiligen Lande, wieder im werdenden Erez Israel. Der Eindruck ist ein ganz großer. Die Veränderung einer Stadt' innerhalb einer so kurzen Spanne Zeit, neue Stadt- und Vororteviertel, neue Gebäude, ganz große Veränderungen im Verkehr, Autos und Autobusse durchrasen die Stadt. Ein ganz modernes Geschäftsviertel hat allen großen und alten Geschäftshäusern in menschenwürdigen Räumen Platz verschafft. Der Karmel ist dichter mit Villen und Hotels besät. Und vor allem das jüdische Gepräge, 'das eigentlich vorhef durch den arabischen und deutschen Einfluß noch gefehlt hatte, konnte sich vollends durchsetzen, und die Sprache und die Bewegung der Juden beherrscht die werdende, die zukünftige .große Hafenstadt Palästinas. Hier wollen alle Besucher des Landes sich’ ankaufen, hier, scheint ihnen, ist der schönste Punkt des Landes. Tel-Aviv. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, 'daß Jaffa, die wichtigste Handelsstadt Palästinas, ein Vorort des neuen Tel-Aviv sein wird. Jaffa hat wohl noch ihr eigenes, altes Bild, ist arabisch, aber ist eben nur ' City von Tel-Aviv. Hier: der Hafen, die Bureawstadt der Importeure und Exporteure, hier die Ablagerung . fast aller für das Land, vor allem für Jerusalem bestimmter Waren, hier wird die Jaffa-Orange in großen Mengen verschifft, aber das Leben wickelt sich «oben» im rein jüdischen, im hebräischen Tel-Aviv ab. Diese Stadt ist einfach nicht wiederzuerkennen. Die Ausdehnung hat ungeheuer zugenommen. Neue Straßenzüge, neue Wohnviertel, Theater, Kinos, man muß immer wieder einen neuen Führer durch die Stadt nehmen, um sich zur echtzufinden. Man hat Tel-Aviv das palästinensiche Hollywood genannt. Mit Recht und mit Unrecht. Der Baustil, die. Geradlinigkeit der Stadterrtwickltmg, die ungeheure Raschheit, alles amerikanisch und kinomäßig. Mit Unrecht aber, weil doch hier viele zehntausende Juden Europas und Amerikas palästinensische Bürger geworden sind, nur hier es haben werden können; hier die Gewöhnung möglich, hier die erste Station gegeben war. Darum hands off von Tel-Aviv! Jerusalem. Die Altsadt, dem Wunsche Storres folgend, unverändert. Ob das gut und schön ist, wollen wir nicht entscheiden. Für die heranwachsende Alt-Jischuw-Jugend in den engen, schmutzigen, reaktionären Gassen und Basaren dieser antiken Stadt ist diese Treue zum alten Stein keinesfalls von Vorteil, und diese Jugend geht dem Judentum zum Teil verloren. Aber, Gott sei Dank, um die alten Mauern herum blüht neues Leben, blühen die herrliche?! Gärten in den neu entstandenen Vorstädten Jerusalems, erquicken sich die Besucher, ihre Besitzer, und geben der hier aufwachsenden Jugend genügend Luft und Licht zur freien Entwicklung. 'Jerusalem bleibt die Metropole nicht nur Palästinas, Ere? Israels, sondern der gesamten geistigen Welt; alles sieht auf die hoch oben gelegene Stadt und wartet, daß von den Zinnen, des noch hochragenden Zionsturmes neue W-cisheiten, neue Direktiven für das Leben, der Völker ertönen sollen. Darum ist die Universität auf dem Skopus-Berg, auf der jetzt ein Weizmann-Lehrstuhl für Völkerfrieden errichtet werden soll, ein Wahrzeichen der Kultur aller Völker, aber vor allem der zentrale Mittelpunkt, auf den alle Juden der ganzen V^elfj mit Achtung und voll Hoffnung hinauf schauen. Jöfläsadem -muß der Mittelpunkt der Völkenversöhmmg werden.! Athen. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man 'den ungeheuren Eindruck wiedergeben, den man erhält, wenn man auf der Akropolis steht und dieses große Tal ringsum betrachtet, auf dem sich ein großer Teil unserer Atr emnrr uit summt Nr. 71 Kulturgeschichte des Altertums abgespielt hat. Die griechische Kultur stand im Zenith ihrer Entwicklung, als sie Fühlung nahm mit der für damalige Verhältnisse entfernten jüdischen Kultur, die schon im Verklingen war. Als die jüdische Selbständigkeit auf gehört hatte, da kam viel jüdische Intelligenz zu diesem Kulturzentrum und schaffte mit. Heute ist Athen die neue Hauptstadt des neu entstandenen Griechenland und die politische Entwicklung ist mitten im Gärungsprozeß. Die Juden Athens sind Kau Heute, und nur durch die Eroberung Salonikis durch die Griechen hat, das griechische Parlament und der Senat zionistische Mandatare. In Athen selbst ist eine wohl angesehene, aber sonst wenig in Erscheinung tretende jüdische Bevölkerung. Saloniki. Der letzte Brand Salonikis hat fürchterliche Folgen für die große jüdische Einwohnerschaft gehabt. Das gesamte jüdische Viertel, alle Synagogen — mehr als dreißig —, jüdische Klubs usw., denn hier hatte sich schon lange Jahre hindurch ein sehr aktives Judentum entwickelt, wurden ein Raub der Flammen. Und die Verarmung nach dem Krieg hatte die einst blühende jüdische Hafenstadt, in der noch heute der Samstag als allgemeiner Ruhetag angesehen wird, zerstört. Nur mühsam wird wieder aufgebaut. Die XVI. ZIONISTEN¬ KONGRESS Zürich, Juli 1929. KONGRESSPUBLIKATIONEN: 1, Berichte an den XVI.Zionistenkongreß: a) Bericht der Zionistischen Exekutive . Fis, 3-70 3-— 3-— 3-50 4*— 7*50 (hebräisch, englisch oder deutsch) b) Bericht des Keren Haycsod (hebräisch, englisch oder deutsch) . . , c) Bericht des Keren Kayemeth Lelsrael (hebräisch, englisch oder deutsch) . . , 2. Kongreßzeitnng, einziges offizielles Organ des Kongresses, erscheinen deutscher Sprache) während des Kongresses täglich; Abonnements Tn der Schweiz.„ „ in den übrigen Ländern , 3. Stenographisches Protokoll desXVl.Zlontstenkongresses (in deutscher Sprache), erscheint im September 1920 . | Generalabtonnement für alle drei Publikationen Die Besteller von General-Abonnements erhalten auf die Preise der Gastkarten zum Kongreß 10% Rabatt. Bestellungen an d. Buteatf d. XVl. Zlöhlstenkongreseea, Brünn, Lehmstätte 17, Tschechoslovakei; Geldsendungen an den Schweizerischen Bankverein, Zürich, für Rechnung des Bureaus des XVI. Zionistenkongresses. Die Kongreßzeitung und das Kongreßprotokoll sind ein unentbehrliches Hüfsmittel jedes Zionisten, der lückenlose und authentische Information über die gesetzgebende Körperschaft des Zionismus wünscht. . * 16*20 Kaufleute sind bemüht, ihre Positionen wieder zu erringen, aber die große Anzahl der Arbeiterschaft, .nirgends in Europa Verrichten Juden so schwere Taglöhnerarbeiten als.-hier, lebt in entsetzlichem Elend. Und niemand kann helfen;, die griechische Regierung, die an einem neuen Aufschwung, dieses Gemeinwesens ein reges Interesse haben sollte, lehnt dies entschieden ab, da sie vorgibt, für die aus der Türkei vertriebenen und nunmehr in Griechenland angesiedelten Landsleute sorgen zu müssen. Als ob die Juden Salonikis nicht griechische Bürger wären. Großen Schaden für die jüdische Gemeinschaft fügt die jüdisch-komimmistische Gruppe, die unter den in großem Elend lebenden jüdischen Hafenarbeitern naturgemäß großen Anhang gefunden hat, zu, denn alle ihre Handlungen schiebt man allen Juden des Landes zu. Aber trotzdem ist ein lebendiger, nicht m tötender Geist in der fast, siebzigtausend Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung dieser interessanten Stadt. Die Makka-bim, die Schoimrim, jüdische Klubs, Bene Brith und eine fast alle Juden umfassende zionistische Organisation, die mehrere Publikationsorgane, auch Tagesblätter, herausgeben: sie alle sind Beweise lebendigen'Judentums. Saloniki hat zwei jüdische Deputierte und einen Senator nach Athen entsendet, nimmt also regen Anteil an der Landespolitik, ist sich aber dessen wohl bewußt, daß die Arbeitfür Erez Israel allein alle Fragen des Judentums zu lösen imstande ist. B. R. Die Konferenz der ostgalizischen Zionisten beendet Aus Lemberg wird gemeldet: Die Konferenz des zionistischen Landesverbandes Ostgaliziens, die in Stryj stattfand, hat zu einer Verständigung zwischen der Exekutive mit der Opposition Ober die Stellung der galifzischen jüdischen Deputierten im Jüdischen. Pari amen tsklub, üben den Zusammenschluß der. zionistischen Landes^rbände zu einer Reichspartei und1 über die Vertretung dpr Opposition in der neuen Leitung geführt. Es Vfcurde eine Resolution angenommen, in.der Dr. Leon Re'ich unid der bisherigen Exekutive Vertrauen und Dank ausgesprochen wenden. Es wurde ferner beschlossen, in der Agency Ina» ge mit den allgemeinen Zionisten zusammenzttgehen. Besuch auf dem alten Prager Judenfriedhof Mitten im Herzen von Prag, in der sogenannten Josephsstadt, liegt, eingekerkert zwischen großen und modernen Häusern, das alte jüdische Ghetto mit seinem Rathaus, dem Friedhof, den Synagogen, der Alt-Neuschule und den Museen. Bisher nahm man allgemein an, daß der Wormser Judenfriedhof der älteste Deutschlands sei. Ausgrabungen im Prager Ghetto haben aber erwiesen, daß die Prager Grabsteine um viele Jahre älter waren, und so hat sich dann eine Studienkommission gebildet, die diese Nachforschungen anstellt. Lange Zeit hindurch kannte man in Prag an besonders alten Gräbern drei Grabsteine, und zwar aus den Jahren 606, 942 und 980 n. Chr. Demnach blühte also im 10. Jahrhundert eine jüdische Gemeinschaft in Prag, die wenige Jahre später beschloß, eine große Synagoge zu bauen. So entstand die berühmte Alt-Neuschule, die neben dem Wormser Gotteshaus das älteste Bethaus der europäischen Juden war. Die Alt-Neusynagoge in Prag, eine heute noch bestehende Sehenswürdigkeit, mußte den damaligen Bestimmungen entsprechend unter der Erde gebaut werden. Ganz zufällig wurde das Haus bei. Ausschachtungsarbeiten entdeckt und freigelegt. Die Geschichte der Prager Juden ist bekannt. Zahlreichen Verfolgungen waren sie ebenso ausgesetzt wie alle anderen. Tausende und aber Tausende wurden getötet, aber die ungeheure Willenskraft der Juden konnte nicht unterbunden werden. Schon nach kurzer Zeit waren sie wieder die, die den Handel von Stadt zu Stadt betrieben. Besonders bekannt wurde in Prag ein Mann, der in den Jahren um 1550 lebte; Mordechai Meisel, ein Rothschild des Mittelalters, baute Brücken, baute das Ghetto aus, pflasterte das Judenviertel, legte Wasserleitungen, errichtete Badehäuser und unternahm es noch in seinem Alter, eine Reise zum Papst nach Rom zu machen, um den Juden mehr Rechte zu verschaffen. Kurz vor seinem Tode wurde Meisel Ratgeber und Finanzmann des Kaisers und erwirkte durch diesen, daß die Synagogen Freistätten für jeden wurden. Wer eine jüdische Synagoge betreten hatte, war frei. Er durfte weder gepfändet, noch verhaftet werden. Nach dem Tode Meiseis bauten ihm die Prager Juden eine Synagoge, die ebenfalls noch heute zu sehen ist. Geht man heute durch das Judenviertel, den fünften Bezirk von Prag,. .so. wird man noch immer alte und ehrwürdige Häuser finden. Viele, ja man kann wohl fast sagen die meisten, sind der Spitzhacke zum Opfer gefallen. In ihrer ursprünglichen Form stehen nur noch die eingangs erwähnten Gebäude. Hauptanziehungspunkt des gesamten Viertels ist aber nach wie vor der Friedhof. Zwischen hohen Häusern liegt er, nie verlassen und öde, denn ein ungezählter Menschenstrom ergießt sich tagtäglich über ihn. Die Gräber sind schon meist verwittert und halb im Erdreich versunken. Heule schon kann man sich ausrechnen, in wieviel Jahren von den Grabsteinen nichts mehr zu sehen sein wird. Aber ändern kann man hieran nichts, da eine alte jüdische Sitte vorschreibt, daß man den Toten Ruhe gönnen soll und nie ihre Gräber betreten darf... Wolf Priester. Otto Wartburgs 70. Geburtstag Jerusalem. Prof. Otto Warburg, der Leiter der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt der Zionistischen Exekutive in Tel-Aviv und frühere Präsident der Zionistischen Weltorganisation, vollendete am 20. Mai sein 70. Lebensjahr. Zu Ehren von Prof. Warburg fand im Hause des Herrn J. L. Goldberg in Tel-Aviv ein Empfang statt, dem die führenden jüdischen Persönllchkeiteri 'Pätäsynas beiwohnten. Professor Warburg war aus AnjajS deines Geburtstages Gegenstand sehr herzlicher Ehfuhgen seitens der palästinensischen Judenschaft. Prof. VVarburg, der im Jahre 1859 in Hamburg geboren Mrde, genießt als Botaniker den besten >Ruf in der ganzen Welt. Er bereiste als Forscher 1885 bis 1889 die Länder Süd- und Ostasienä. 1891 wurde er Dozent für Botanik an der Berliner Universität. 1897 wurde er zim; bjraversitätsprofessor ernannt. .Er besuchte Palästina'~ünd die Orientländer in den Jahren 1900, 1901 und 1903. 1911 wurde er, der seit der Schaffung'der modernen zionistischen Bewegung duroh Herzl dieser Bewegung gedient hatte, zium Präsidenten, des Engeren Aktionskomitees der Zionistischen .Weltoiganleation gewählt Thorarollen für palästinensische Siedlungen Vor einiger Zeit erhielt das palästinensische Lan-* desbureau des Keren Hajessod durch Vermittlung des polnischen Keren Hajessod-Bureaus von den Arbeitern der,Fabrik Scheresche wsky in Grodno drei Thora» Rollen zur Verteilung an palästinensische- Siedlungen. Es wurde nunmehr beschlossen, die Thora-Rollen an die Siedlungen Kfar Yehoschua, Moschaw Hacfaassldim (Awodat Israel) und an die Arbeitersiedlung Nescher- Jadjur zu verteilen. Die Uebergabe der Thora-Rollen an die Vertier der genannten Siedlungen hat ln einem feierlichen Akt in Anwesenheit von Vertretern des palästinensischen Oberrabbinats, des polnischen Konsulats und zionistischer Institutionen am 21. Mai in der Onnwa-Syoagoge in Jerusalem stettgefanden«