Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 74 (30.5.1929)
- Date
- 1929-05-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 74 DIE STIMME Sette 7 Antisemitische Grausamkeiten in Marokko vor einem Jahrhundert Im Lichte der gegenwärtigen Ereignisse, die Nordafrifca betreffen oder dort stattfInden, wo nach weit mehr als einem Jahrhundert von List und Gegen Hst, Intrigen, Diplomatenkunst und offenen Feindseligkeiten die marokkanische Frage noch immer eine Frage geblieben ist, wirft der folgende Brief ein Interessantes Licht auf die Ereignisse,, die noch nicht beendet sind. Um die Vorgänge, auf die sich der nachfolgende Brief bezieht, klar zu machen, ist es notwendig, kurz die historischen Begebenheiten, die zu ihnen führten, anzugeben. Im Jahre 1844 nahm Abd el Kader, der Häuptling der Stämme, die im Innern von Marokko 'herumstreifen, wie es kürzlich Abd el Krim getan, die Bestimmung Frankreichs Übel, seinen Einfluß und steine Kontrolle in den barbarischen Staaten festzusetzen. Er glaubte fest an die Lehre «Marokko den Mauren». Sein Glaube drückte sich in der Form häufiger Ueberfäl-Ie über die algerische Grenze gegen die dortigen französischen Siedlungen aus. Er wurde von den Franzosen verfolgt und besiegt. Aber er war einer, von denen, die niemals die Hoffnung auf geben, und es gelang ihm, die maurische Bevölkerung zu entflammen und die Einwilligung des Sultans Abd el Rhaman zu einer offiziellen Zustimmung zu seinen Ueberfätlen zu erlangen. Als Folge davon drang im Mai 1844 eine große Truppe maurischer Reiter über die Grenze und griff die Franzosen an; Da die Erklärung, die von den Häuptlingen dafür verlangt wurde, unbefriedigend war und der fanatische Enthusiasmus der Mohammedaner mehr und mehr erregt wurde, verlangten die Franzosen Genugtuung durch Waffengewalt. Eine französische Schwadron nahm demgemäß Stellung an der Küste von Marokko und bombardierte am 15. August den wichtigsten und reichen Hafen von Mogador, während eine englische Flotte im Hafen kreuzte. Während dieses Bombardements, das fünf Tage dauerte, und der damit verbundenen Verwirrung und Panik, ereigneten sich die in dem beigefügten Briefe beschriebenen, für' die Juden tragisoben Ereignisse. Diese Erzählung hat für uns Juden eine ganz besondere Bedeutung, da sie wieder eine Erscheinung der Tatsache ist, daß unser Volk immer gezwungen worden ist, die Rolle der Prügelknaben zwischen kämpfenden Mächten in allen Zeitaltern und in der ganzen Welt zu spielen. * < Auszug aus einem Brief von William Willshire, britischer Vizekonsul in Mogador, datiert vom 28. September 1844, an Juda Guedalla, London: «Am ersten Tage des Bombardements, gleich, zwei Stunden nach seinem Beginn, war der Teil der Stadt, der für den Aufenthalt der Juden besonders abgeteilt ist, sofort der Schauplatz von Gewalttat und Raub, was sogar die Leute begingen, die dazu bestellt waren, um den Juden Schutz zu gewähren. Dies wurde mir genau erzählt von einem Mauren, den ich am ersten Nachmittag des Angriffes gesandt hatte, um mir über den Zustand der Stadt und ihrer Bewohner Nachricht zu bringen, und der mir weiter berichtete, daß die Judenstadt vollständig vernichtet, die Warenlager verwüstet, Läden und Märkte vollständig geplündert seien. Was den Bewohnern einzeln zugestoßen sei, konnte er nicht erzählen; aber wir konnten es uns wohl aus der vorhergehenden Kenntnis der Sitten und Neigungen der barbarischen Stämme des Landes denken: Demnach und nach dem, was ich später erfuhr, scheinen sehr viele geflohen zu sein aus Verzweiflung über die sohreck liehe Behandlung, die sie von den Kabylen zu erleiden hatten, als diese kamen, um die Stadt zu berauben und zu plündern. Aber ach, sie scheinen aus dem Lande und von den Hügeln vor der schlechten Behandlung nur geflohen zu sein, um eine womöglich noch zehnmal schlimmere ziu erleiden, und die, die wegen Älter und Krankheit zurüokbleFben mußten, wurden entweder sofort getötet oder müßten seitdem vor Hunger gestorben sein. Am zweiten Tage des Bombardements wurden die Häuser und Lager der zwei bedeutendsten Kauft eute, die mir benachbart sind, angegriffen; plötzlich ertönten schreckliche Schreie und Rufe von hundert Stimmen, die sofortigen Einlaß forderten. Ich konnte die Drohungen der Kabylen, jeden zu morden und zu töten, wenn die Türen nicht sofort geöffnet würden, hören. Die Schreie und Rufe der unglücklichen Hausgenossen waren fürchterlich und die Flüche der Mauren waren schrecklich. Ein plötzliches Aufhören dieser Szene wurde durch einen Sohrei erreicht, der von draußen kam, daß die Franzosen kämen; diie Kabylen flohen aus der Stadt und nahmen auf ihren Mauleseln, Pferden usw. ihre Beute mit. Während ihrer Abwesenheit besuchte Mr. Y, L., der mit seiner Familie und vielen anderen Zuflucht in Mr. Joseph Elmalehs Haus genommen hatte, Mr. Luoas, einen meiner Schreiber, um zu erfahren, wie es uns während der Plünderung der Stadt ergangen sei. Er war ln der größten Verzweiflung und erzählte, daß zwei seiner Kinder verloren oder getötet wären und jeder der Juden und Jüdinnen aufs barbarischeste und gröbste beleidigt, fast nackt ausgezogen und alles dessen, was sie besaßen, beraubt worden wären; und seine eigene Erscheinung, die mit einem Stück Packleinwand bedeckt war, legte von der Mißhandlung Zeugnis ab. Aber noch hatten diese armen Dulder nicht den bitteren Kelch bis zur Neige getrunken — die Ungeheuer kehrten um 4 Uhr nachmittags zurück und besuchten sie wieder, dieselben schrecklichen Szenen wiederholten sich und die Hausgenossen erlitten zum zweitenmal fast unerhörte Gewalttaten. Um der Wut des Pöbels zu entgehen, flohen sie aus ihren Häusern und liefen schreiend und rufend aus der Stadt, um Zuflucht im Dorfe Leerbek zu suchen, das eine Meile entfernt ist, wo sie wiederum Mißhandlungen ausgesetzt waren, und Männer, Frauen und Kinder der wenigen Kleider, die sie auf ihrem Leibe hatten, entblößt wurden. Es scheint mir kaum notwendig, in dieser widerlichen Angelegenheit noch mehr Ereignisse, die sich so ähnlich sind, anzuführen, um die Qualen der Juden und ihre Bitten um Teilnahme und Mitleid zu kennzeichnen. Wenn man sich daran erinnert, daß nicht nur Mogador der Schauplatz brutaler Gewalttätigkeiten gewesen ist, sondren daß auch höchstwahrscheinlich die Juden der Hauptstadt von Marokko und zahlreicher anderer Orte gleicher Behandlung ausgesetzt waren, und daß die wenigen, die dem sofortigen Elend oder Tod entwichen sein mögen, diesem jetzt ins Gesicht starren, «o wird niemand den letzteren eine Unterstützung versagen wollen,. wenn es in seiner Macht $teht. Gott allein kennt den vollen Umfang der Gewalttaten Und Morde, die an den Juden begangen wurden, »-——■ ..n 1 Zionistisches' ’ für Oesterreich Donnerstag, den 30. Mal 1929, um %8 Uhr abends, im Festsaaie des Hotels Continental, II., Taborstraße 4, Thema: „Die Zionistische Organisation, die Schöpferin der Heimstätte für das jüdische Volk in Erez Israel“. Sprechen werden Vertreter aller zionistischen Gruppen Oesterreichs, und zwar: Dr. Leo Goldhammer, Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Oesterreich. Dr. Deslder Friedmann, Präsident des Klubs der Zionistischen Mandatare der Israelitischen Kultusgemeinde. Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Israelitischen Kultüsgemeinde. Prof. Moses Rath, Kultusvorsteher. Dr. Norbert Hoffmann, Zionisten-Revisionisten. Dr. Martha Hoffmann, Hitachduth. Dr. Mendel Rosenberger, Misrachi. Mendel Singer; Poale Zion. JUDEN, ERSCHEINET IN MASSEN! denn die mit ihrem Leben davongekommen waren, mußten nun in einem Zustande äußerster Not und Elend 1m Lande herumwandern;» * Fast hundert Jahre sind seit diesem schicksalsschweren August 1844 verstrichen. In dem Auf und Ab des menschlichen Dramas sind sich viele wechselnde Ereignisse auf der nqrdafrikanischen Bühne gefolgt. Doch noch heute finden wir England und Spanien sich mit feindlichen,, argwöhnischen Augen betrachten, während jeder gierige Blicke auf die Küste Marokkos wirft, dessen unfruchtbare, unfreundliche Felsen noch immer die Schätze im Innern, bewachen und immer noch in ihren Befestigungen (jenen kühnen und unermüdlichen Stämmen einen. Unterschlupf gewähren, deren fanatischer Patriotismus Immer eine Schranke für den besitzerischen Ergeiz Frankreichs und Spaniens bilden wird. 1 R, L. Für eine Erneuerung der amerikanischen zionistischen Organisation Schwere Anklagen Arlosorotts gegen die zionistischen Führer in Amerika New York, 23. Mal (J. T. A.) Im Mittelpunkt der Erörterung innerhalb der amerikanischen zionistischen Kreise und der Presse steht eine von dem bekannten Führer der zionistischen Arbeitspartei Hitächduth und Mitglied des A. C. Dr. Ghaim Arlosoroff verfaßte und vom Bureau, der Hitachduth herausgegebene Broschüre, in der in der Form eines Berichtes Arjosoroffs an Dr. Felix Rosenblüth, Mitglied der Zionistischen Exekutive, über die Lage im amerikanischen Zionismus scharfe Angriffe gegen ,jiie Administration der amerikanischen Zionistischen Organisation gerichtet werden. Arlosoroff bezeichnet die amerikanische zionistische Administration als unzuverlässig und charakterlos und wirft ihr vor, daß eie in ihrer heutigen Form den Bestand der zionistischen Bewegung gefährdet, besonders jetzt, wo die Jewish Agency ihre Vollendung erfährt Arlosoroff kommt zu dom Schluß, daß eine einschneidende Umorganisation unter Mitwirkung der Zionistischen WeltextekutWe ein Oebot der Stunde sei. Er teilt mit, daß er die Angelegenheit mit Doktor Weizmann erörtert habe, der nur erklärt hat, er sei eingeweiht, aber sich jeder weiteren Aeußerung enthielt. Dr. Arlosoroff schlägt vor, daß die Zionistische Exekutive oder das Aktionskomitee eine mit autoritativer Vollmacht ausgestattete Delegation zu der bevorstehenden Konvention ddr amerikanischen Zionistischen Organisation entsenden softe, die für eine Reorganisation eintreten solle. Die Delegation soll die Schaffung eines besonderen Fonds zur Durchführung der Reorganisation und für die Einleitung einer Kulturpropaganda unter der Jugend sowie die Einrichtung eines Unterrichtssystems für eine dreijährige Periode fordern. Nathan der Schöne (Anläßlich des Todes Nathan Löwensteins) Sein Vater war Aufklämngsrabblner deutscher Observanz, er wurde Erzpole mosaischer Konfession und seine Söhne segeln bereits im Gewässer der allein seligmachenden Internationale — der völligen Entjudung entgegen ... Drei Geschlechter und drei Epochen jüdischen Lebens, Dem Großvater war die Religion der Lebenssinn und das Deutschtum Atrappe, dem Sohn war Religion unentrinnbares Schicksal und das Polentum heilige Mission eines mosaischen Ueberpatrioten — den Enkeln wird wohl das Judentum zum blaßen Schimmer überflüssiger Kindheitserinnerungen . . . Allenfalls war Nathan Löwenstein eine Individualität. Schon in der Jugend umstrahlte ihn die Tradition des polnischen Aufstandes und der von Mickiewicz geprägte Typus des Jankel, der sein Polentum unter den Klängen des «Jeszcze Polska» hinausschmettert, war sein Idol. So ward er zum treuen Diener des Polentums und blieb es in allen Lebenslagen: Al$ einer der Fahnenträger der «Ojczyna» in Lemberg mit Goldmann, Aschkenazy und all den anderen überlauten Vorkämpfern eines Polentums, das die Juden mit einer Hand im politischen Kampfe für eigene Zwecke ausspielte und mit der anderen Hand rücksichtslos entrechtete — und dann als Abgeordneter, der den polnischen Scblachzizen Helfersdienste leistete, deren Folgen im Feuerrot der jüdischen Blutopfer Drohobyczs aufblitzten. Ein Liebkind der Hofkreise, die mit der Assimilationspolitik der polnischen «Stanczyki» liebäugelten und ein nobles Faktotum der Herren Dzieduszycki, Abrahamowicz und Bobrzynski, auf das sie sich jederzeit verlassen konnten. So ward dieser Judenstämmllng zur ehernen Mauer, die den Ansturm auferstehender Judenmassen Polens aufzuhalten versuchte. Daß der schöne Nathan allzu rauh vom Pater Stojalowski an sein Judentum erinnert wurde, gehörte wohl zum Schicksal eines polnischen Ghettojuden, Die anderen hielten diese Mauer für einen Fels und dies kam wohl unwillkürlich in dem Adelstitel «Opoka» (Fels) zum Ausdruck, — wir aber, wir Jungen, wußten es schon damals, daß auch diesen Fels gar bald der Sturm jüdischer Rennaissance niederreißen wird. Adolf Stand, Zipper, Gabel; Thon und all die anderen jungen jüdischen Volksführer taten das ihrige dazu. So verblieb um Löwenstein, dem Idol jüdischer Damen und polnischer Schlachzizen, lediglich der Reiz einer charmanten Persönlichkeit und die Wehmut einer Sklavenseele, die zu spät ihrer eigentlichen Rolle eines Prellbockes fremder Gewalten bewußt wind. Der Pogrom in Lemberg bekehrte mit einem Ruck seinen Weggenossen Äschkenazy. Im Prozeß Steiger stieg auch in Löwenstein ein dunkles Ahnen verfehlten Strebens. Es war schon zu spät. Er brachte nicht mehr den Mut auf zu einem amrichtigen Bekenntnis . . . Tobias Aschkenazy kam zu uns zurück und büßte es mit einem gebrochenen Herzen. Eine Legion Gleichgesinnter, suchte in der Tauf« die Lösung und Erlösung, der schöne Natltan blieb derselbe. Und so lebte er nur als Schatten einstiger Größe und starb, ein einsamer Fels, seinem Adelstitel treu ... Da« auferstandene Polen räumte so ziemlich mit seinen jüdischen Helfershelfern auf. Und die auferstandenen Judenmassen kehrten sich von solchen «Volksführern» mit Ungestüm ab. Er war ein Rihetor von glänzender Form, ein Schöngeist und Grandseigneur und ein Adeliger obendrein. Doch sein Adel versank mit dem alten Oesterreich und sein Polentum mit dem auferstandenen Polen. Sang- und klanglos ging er von dannen. Keinen Kaddiöch wird man sagen. Es war nur eine irrende Welle im Meere der jüdischen Geschicke . . . Z. F. Finkelstcin. Das Sommersemester der hebräischem Universität Das Sodtme(semester der Hebräischen Universität begann am 12. Mai Prof. S. Klein, der seit dem Studienjahr 1926/27 beurlaubt war, übernimmt wieder den Lehrstuhl für Palästina-Kunde. Prof. I. Obermann vom Jüdischen Institut für Religionswissenschaften in New York wird im kommenden Semeßter zwei Vorlesungen j hatten: «Die Mystik der Bibel» und «Geistige. Beziehungen zwischen Judentum und Islam*!* - s i r 9931^503