Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 74 (30.5.1929)
- Date
- 1929-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE STIMME Seite S Nr. 74 Um die Erlösung der Klagemauer.. Ein unbekanntes Kapitel jüdischer Geschichte . Von A. A. Frledmann Durch die bedauerlichen. Klagemauervorfälle der jüngsten Zeit, die mit beschämender Regelmäßigkeit wiederkehren, hat das Klagemauerproblem wieder an Aktualität gewonnen. wir bringen im nachfolgenden aus der Feder des bekannten hebräischen Schriftstellers A. A. Friedmann eine Darstellung der unmittelbar vor Kriegsausbruch eingesetzten Bemühungen privater jüdischer Kreise um die Erlösung der Klagemauer.^. .. j- Jahrelang stand ich in einem engen geschafftj liehen und gesellschaftlichen Kontakt mit dem ■berühmten jüdischen Zuckermagnaten Lew Brodski in Kiew, der wegen seiner restlosen Hingabe an die Interessen des unterdrückten russischen Judentums, dem er ein großzügiger, aufopferungsvoller Freund war, außerordentlich berühmt war. Es war um die Zeit, als ich von der russischen Regierung gezwungen wurde, das Erscheinen der hebräischen Tageszeitung „Hazofeh“, die ich vom Jahre 1902 bis 1906 in Warschau herausgab, einzustellen. Ich ging damals nach Kiew und beschloß, meinen Einfluß auf den Kiewer „Zuckermagnaten“ geltend zu machen und ihn für die Palästinaarbeit zu gewinnen. B r o d s k i stand bislang der zionistischen Arbeit völlig fremd gegenüber. Die antizionistische Gesinnung war bei den Brodkis gleichsam Familienerbgut — und es schien daher wenig aussichtlich, ihn kurzerhand bekehren zu wollen. Ich schlug daher eine religiöse Note an, die ihm wegen seiner traditionell-religiösen Erziehung vertrauter sein mußte, und machte ihm den Vorschlag, daß er die Klagemauer erlösen soll, das heißt, daß er den vor der Klagemauer befindlichen Platz und die benachbarten Araberhütten abkaufen und an. deren Stelle einen Park anlegen soll, der dem jüdischen Volke zum nationalen Geschenk gemacht werden sollte. Dieses Projekt habe ich im Jahre 1911 in einem Memorandum ausführlich dargelegt, das auf Brodski einen außerordentlichen Eindruck gemacht hat. Er war von dem Plan begeistert und gab mir das feierliche Versprechen, die Klagemauer zu erlösen und iioeh manches andere in Erez Israel zu unternehmen. Brodski präliminierte für diesen Zweck eine Summe von 200.000 Francs und stellte seine Reise nach Erez Israel -d&itr die nächste Zeit in Aussicht. Inzwischen mußte er nach Basel abreisen und traf unterwegs mit Zangwill zusammen, der ihn für seine territorialistischen Pläne zu gewinnen trachtete. Zangwill „bewies“ Brodski,-daß Erez Israel ein totes Land sei und machte'3Brodski zum Vorsitzenden der „Ito“ an Stelle'Mandel- Stamms. So unterblieb dann Brodkis Reise nach lEr<ez Israel. 1 Im Jahre 1913 versuchte der verstorbene Thg. Schokin für denselben Plan einen anderen. jüdischen Zückermagnaten, den Kiewer Fabrikanten Heilperin zu gewinnen. Bald waren Gerüchte in der ganzen Stadt verbreitet, daß „Heilperin die Klagemauer bereits erlöst habe“. Die Sache bekam da einen etwas sensationellen Beigeschmack. Heilperin bestand unbedingt darauf, daß ihm ein Kauf kontrakt auf die Klagemauer eingehändigt werde und daß diese in. sein privates Eigentum, nicht in das des jüdischen Volkes übergehen solle. Dies war natürlich völlig unmöglich. Levontin, der sich in Erez Israel um die Sache bemühte, berichtete uns über die absolute Aussichstlosigkeit der Heilperinschen Konzeption. Der Kiewer Magnat war, aber für eine andere Konzeption nicht zu haben — und daran mußte dieser großartige Plan scheitern... Noch mitten im Weltkriege machte bekanntlich die türkische Regierung durch Kemal Pascha den palästinensischen Juden den Vorschlag, die Klagemauer, & h. die sie umgebenden Plätze und Gebäuden um den Betrag von 360.000 Francs abzukaufen. Leider fand dieser Vorschlag damals in unseren Reihen kein Verständnis, obgleich das Geld hiefür zweifellos auch in jener traurigen Zeit zu haben war... Wie soll man sich da aber über die gleichgültige Beziehung der Mandatarmacht zu dieser Frage wundern, wenn wir Juden selbst nichts dazu tun, um das alte Klagemauerproblem ein für allemal zu lösen! Mit Protesten allein, werden wir wohl sehr wenig ausreichen. Es kommt auf die Tat an — und die müßte nun endlich erfolgen... Unser “ _ zu Und der lautstarke HotferpmmophoR Kassapreis S 65*—oder Anzahlung S IO*— und 12 Räten ä S 5-80 mit eingebautem Plattenbehälter für 8 bis 10 Schallplatten u. einer doppelseitigen Schlagerplatte. — Große Auswahl in jüdischen und hebräischen Aufnahmen. Musikhaus Exzelsior Inhaber: Richard Herzog Wien, I., Adlergasse 5. Telephon R 23-4-9Ö Wien, II., Kl. Pfarrgasse 28. Telephon A 41-6-24 Unser unbekannter Soldat... Von W. Jabotinsky Es ist die Phantasie eines Mannes, den ich immer; für phantasie u n begabt hielt . . . Sie stammt von! van F r i e s 1 a n d und erweckt zunächst das Gefühl,! daß wir es hier mit einem Vorschlag zu tun haben, jjder fremde, unjüdische Sitten nachzuahmen empfiehlt’: Gleich den anderen Völkern, die ihren «unbekannten Soldaten» ein Denkmal gesetzt, sollen wir Juden den namenlosen jüdischen Soldaten auf dem Boden Erez Israels ehren. Man entgegnete van Friediand mit den bekannten Einwendungen. Erstens war "die Zahl der jüdischen Truppen, die in Erez Israel ‘gekämpft, leider und die der Gefallenen Gott s*ei Dank, zu klein, als daß wir sie in der Weise ifeiern könnten. Zweitens wird diese Soldatenehrung als eine Art von «Militarismus» abgelehnt werden und drittens ist ja die Ehrung des unbekannten Soldaten überhaupt eine iremde, unjüdische Sitte, deren Nachahmung als unschicklich bezeichnet werden muß.; Aber van Friesland hatte mit seinem Vorschlag \vohl etwas anderes im Sinn, als die Nachahmung einer fremden Sitte. An sich betrachtet, ist ja die Idee vom unbekannten Soldaten von erhabener Schönheit. Sie ist die demokratische Form des Opfersymbols. Bis zum letzten Krieg pflegte man nur dem «König», dem Führer, ein Monument zu errichten. Er, der König, wurde als der Retter des Vaterlandes gefeiert. Der Soldat aber, der namenlose Mann aus dem Volke, mußte sich bescheiden mit dem Tod allein begnügen. Zum ersten Male haben sich jetzt die Völker auf den Namenlosen begonnen, auf den Soldaten, dem aUein die. Freiheit des ^Vaterlandes zu danken ist. ... . Erhabener und schöner ist jedoch der Gedanke van F r i e s 1 a n d s. Es soll gar kein Denkmal für einen der jüdischen Soldaten sein, die an der Palästinafront gefallen sind. Van Friesland denkt an ein Monument für den unbekannten Juden überhaupt, für jenen jüdischen Namenlosen, der so völilg unbekannt geblieben ist, daß wir nicht einmal den Ort kennen, an dem er gefallen, noch die Uniform, die er in jenem Augenblick trug. Wir wollen auch gar nicht daran gehen, alte Gräber zu öffnen und die Toten in ihrer wohlverdienten Ruhe zu stören. Es erscheint uns ohne Wichtigkeit, ob unterhalb des Denkmals die Ueberreste einer Leiche sich befinden oder nicht. Es erscheint uns ohne Wichtigkeit festzustellen, ob der Unbekannte für die Türkei oder gegen die Deutschen gekämpft, wessen Vaterland er gerettet und welches er zerstört hat. Gerade hierin muß sich der tiefe Sinn, die Heiligkeit und die Tragik jenes Denkmals aussprechen: Hier ruht ein Mensch, ein Jude, der an allen Fronten geschossen hat und geschossen wurde, allüberall, unter allen Fahnen, und der unter allen Fahnen gegen seine eigenen Brüder, Juden wie er, kämpfen mußte. Und vielleicht ereilte ihn selbst der Tod aus der Hand eines Bruders, eines Juden . . . Hier ruht er, das Opfer dieser furchtbaren, beispiellosen Absurdität, das Opfer eines Zustandes, in dem ein heimatloses Volk lebt, von Feinden umringt und gezwungen, gegen Brüder zu kämpfen . . . Hier ruht er? Aber niemand wird doch eigentlich unter diesem Denkmal ruhen. Gleichwohl, in einem anderen Sinne ruht «er» doch hier. Nicht allein in dem Sinne» daß vermutlich in ganz Erez Israel kein einziger FuöbreH Boden vorhanden Ist, mf dem durch die vielen Jahrtausende ein jüdisches Opfer nicht gefallen wäre. Der unbekannte Jude soll doch bloß Symbol seim Symbol des Menschen, der seine . eigenen Brüder töten muß. Und die Inschrift dieses \ Denkmals müßte lauten2 «Halt ein, Wanderer verweile und besinne dich auf das Geheimnis dieses Monumentes. Es ist einem Juden gewidmet, dem Sohn eines Volkes, das, wo immer es in einen Krieg hineingezogen wird, einen Bruderkrieg zu führen gezwungen ist. Und fühlst du denn nicht, daß dies auch dein eigenes Schicksal ist, daß auch du in jedem Krieg immer nur deine eigenen Brüder tötest, ob du nun als Franzose Deutsche erschlägst oder sonstwie. Der Krieg ist immer Mord unter Brüdern und jeder unbekannte Soldat ist das heilige Qu«*®»;.§frü»pfe \Ä8 •"•fff Opfer einer wahnwitzigen, grausamen Absurdität Und nun haben wir Juden, die Aeltesten dieser Welt, hier, auf diesem heiligsten Boden der Erde, unserer nationalen Tragödie, die zugleich die Tragödie der Menschheit ist, ein Denkmal gesetzt — damit man immer daran denkt und es nie vergißt.. .» Nun, diese Denkmalinschrift wäre wohl etwas zu lang. Aber man kann sich auf Marmor zweifellos kürzer fassen als auf Papier. Und obgleich ich meine Zweifel habe, ob dies alles helfen wird, ob sie wirklich daran denken und es nie vergessen werden — halte ich es doch für wichtig, daß diese große Wahrheit ausgesprochen wird und gerade im Zusammenhänge mit dem unbekannten Juden und der unbekannten Heimat und gerade im heiligen Lande ... Eine Hetzschrift gegen die jüdischen Freimaurer Im Weimarer A1 exander-Duncker-Verlag erschien in Luxusausgabe ein Buch «Die Freimaurerei, ihr Ursprung, ihre Geheimnisse, ihr Wirken» von Gregor Schwartz-Bostunitsch, ehemaligem russischem Hochschullehrer. Es ist eine Hetzschrift gegen die Freimaurerei und vor allem gegen den «jüdischen Einfluß». . in den Freimaurerlogen. Man findet darin Kapitel über, Ritualmord und Blutopfer, über Geheimgesellschaft . der Juden und jüdische Weltherrschaft. Dieses Buch' nimmt .ein jüdischer Freimaurer zum Anlaß, um in der : «Centralvereins-Zeitung» Betrachtungen über die deutsche Freimaurerei anzustellen. Als in Preußen im Laufe des 18. Jahrhunderts die Große Nationalmutterloge zu den drei Weltkugeln und dann die Landesloge der Freimaurer von Deutschland gegründet wurde, ersetzten diese die Bestimmung, daß jeder freie Mann von gutem Ruf der Loge zugeführt werden könne, durch die Bestimmung, daß nur ein freier Christ Mitglied ihrer Logen werden kann. Die dritte Altpreußische Loge, die Große Loge von Preußen, genannt «Royal York zur Freundschaft», ist als humanistische Loge gegründet worden. Ihr halben viele Juden angehört, nur am sogenannten «Inneren Orient» nahmen jüdische Mitglieder der Loge nicht teil, weil dort sich positiv christliche' Anschauungen geltend machten. Pie Großloge 'hat im Laufe des Krieges die Bezeichnung «Royal York» aus aus ihrem Namen gestrichen und ist nach dem Kriege zum christlichen Prinzip übergegangen. Professor Hermann Settegast, der der höchste Würdenträger der Großloge «Royal York zur Freundschaft» war, legte flm 15. September 1889 alte seine Würden nieder, weil er zu der Ueberzeugung gelangt war, daß ehrenvollen und wertvollen Juden, lediglich’ weil sie Juden waren, die Aufnahme in die Logen versagt wurde. Settegast gründete mit einer Anzahl von Freunden eine neue selbständige Großloge, die den Namen «Große Freimaurerloge von Preußen», genannt «Kaiser Friedrich zur Bundestreue», sich beilegte. Seit dem 22. April 1893 gehören zahlreiche Juden, zum Teil in führender Stellung, den Tochteriogen der humanistischen Großlogen in Preußen an. Ein jüdischer Journalist aus der Türkei ausgewiesen, weil er gegen die Verfolgung der Jaden protestierte, Aus Konstantinopel meldet J. T* A.9 Der jüdische Journalist Samuel Halevi, unter der jüdischen Bevölkerung der Balkanländer als Sozialfürsorger bekannt, ist aus der Türkei ausgewiesen und unter militärischer Eskorte an die Grenze gebracht worden, weil er in Artikeln, die er im Auslande veröffentlichte, das System der Judenverfolgung der Türkei gegeißelt und gegen die Zwangsassimilation protestiert hat, Samuel Halevi erklärt, er werde dem Völkerbund ein Memorandum über die Unterdrückung derJÜdiKhen ' Minderheiten, in dec Türkei übenoitlefcv^ *? -c t ■— III■ i Hi I i ,■ l •-*<*!/' * ' ) 3561