Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 74 (30.5.1929)
- Date
- 1929-05-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tHE STIMME i%. n ifesifr? i bifltiscüen Organisation haben in den letzten wahren nicht zuletzt infolge der zunehmenden Spaltung unter den zionistischen Parteien gelitten. Ohne Zweifel würden die separatistischen Neigungen der Parteien durch die Bildung der Agency und die damit neu auf tauchenden Fragen weitere Nahrung erhalten. Angesichts der zu erwartenden neuen Kombinationen und Verbindungen wie etwa zionistische und nichtzionistische Arbeiter gegenüber zionistischen und nichtzionistischen Bürgerlichen, zionistischen Orthodoxe und nichtzionistische Orthodoxe gegenüber zionistischen und nichtzionistischen Neologen ist es eine doppelte Pflicht, in der künftigen Agenoy nicht nur für die zionistische Ideologie besorgt zu sein, sondern nicht weniger auch für die zionistische Organisation, für ihre Einheit, ihre Kraft und ihren tatsächlichen Einfluß. Die zionistische Organisation in ihrer Gesamtheit und nicht jede Partei für sich muß der belebende zionistische Geist innerhalb des Apparates der Agency und vor ihren obersten Organen sein. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn sich das Aktionskomitee auf seiner kommenden Sitzung mit diesen Fragen beschäftigen würde. Der „trockene“ Progrotn ln Oesterreich Einiges vom praktischen Wirtschaftsantisemitismus im Bergländerbund. An dieser Stelle wurde schon mehrmals darauf hingewiesen, daß die Wirtschaftspolitik der österreichischen Regierung antisemitisch ist. «Ausschaltung der Juden» ist das Um und Auf aller wirtschaftspolitischen Methoden in diesem Staate, der von programmatisch-antisemitischen Parteien regiert wird. Dasselbe Programm aber beherrscht heute die praktische Wirtschaft in Oesterreich und dafür seien hier einige charakteristische Beispiele angeführt, welche zeigen, daß die Methode des «trockenen Pogroms», die so gern als die der «halbbarbarischen» Ostländer bezeichnet wird, im Bergländerbund genau so systematisch praktiziert wird. Die jüdische Bevölkerung Wiens und der österreichischen Provinz ist in den Wirtschaftszweigen, denen sie vornehmlich angehört, von Tag zu Tag schlechter daran; der österreichische Handel geht, dank einer verfehlten Wirtschaftspolitik von oben her, langsam, aber sicher zugrunde. Die alten Wiener Handelshäuser, die, von Juden begründet, Oesterreich mit der übrigen Welt verbanden, brachen zusammen. Aber auch der Absatz der Industrieproduktivität Oesterreichs, der bisher vom Zwischenhandel besorgt wurde, wird jetzt — unter dem jüngst so beliebt gewordenen Schlagwort der Rationalisierung — von den Produzenten selbst in die Wege geleitet, welche sich zu Verkaufsorganisationen zusammenschließen. Diese Methode, die man in Deutschland schon vor längerer Zeit anzuwenden begann, wird jetzt auch von der Industrie in Wien und insbesondere in der österreichischen Provinz praktiziert. Durch sie hat der Handel schwer zu leiden, die Leidtragenden aber sind hauptsächlich die J u d e n. Nun sollte man glauben, daß in diesen Verkaufsorganisationen erfahrene Handelsleute verwendet würden; dem ist aber nicht so: die Verkaufsbureaus der steirischen Metallindustrie z, B. suchen ihre Angestellten und Vertrauertsleute nur nach dem Gesichtspunkte aus, ob sie — «verläßlich christlicher Gesinnung» sind. Kommentar überflüssig. In W i e n sehen wir ähnliche Erscheinungen, Hier gibt es noch einige Handelsfirmen, die, zum Teile mit der Inlands-, zum Teile mit der Auslandsproduktion verbunden, in größerem Stile arbeiten, besonders auf dem Wege der Detailfilialorganisation. Eine der größte von ihnen ist die J u li u s Mei n 1 A. G. Ihr Gründer und Präsident gibt sich gern als eine Persönlichkeit von europäischem Horizont mit der Devise «Freie Bahn dem schaffenden Geiste und der Tüchtigkeit», Wie dies in der Praxis der Julius Meinl A. G, aussieht, läßt sich daraus erkennen, daß in den letzten Monaten eine nahezu methodische Auswechslung der Beamten und Filialangestcllten in den Unternehmungen der Firma stattgefunden hat; dabei wurde die Firma sozusagen j u d e n r e i n. Für dieses Ergebnis «firmiert» ein hakenkreuzlerisch getaufter Generaldirektor der Gesellschaft. Es ist bekannt, daß heute ein jüdischer Angestellter in der Firma Julius Meinl A. G, nicht Unterkommen kann, ebenso bekannt aber, daß für die Leitung von Filialen der Firma allerhand mehr oder weniger «gutgesinnte» Figuranten, wie monarchistische Offiziere a. D., altösterreichische Beamte oder verbummelte Hakenkreuzstudenten ausersehen werden, getreu der Devise «Frei Bahn dem schaffenden Geiste*. So weit, so gut — Herr Meinl ist sozusagen Einzelunternehmer; auch die übrigen Unternehmungen In Oestereich, — und es sind ihrer nicht wenige — welche heute Juden von einer Anstellung in ihren Handels- oder Industriebetriben ausschließen, arbeiten als einzelne Wirtsehaftsfaktoren. Aber es gibt auch Organisationen des Handels und der Industrie,; welche die kollektiven Erfordernisse und Forderungen der betreffenden Wirtschaftszweige vertreten. Wie es dort aussieht, wurde in diesem Blatte schon geschildert. Wir haben vor fast einem Jahre das famose vertrauliche Zirkular der Wiener Handelskammer an ihre Mitglieder veröffentlicht, welches als Grundlage der Betätigung im Handel die bekannte Formel «Juden hinaus» seinen Mitgliedern empfiehlt und die Einflußnahme der Kammer auf Erteilung von Handels- und Gewerbekonzessionen in antisemitischem Sinne regeln will. Und die Tätigkeit des österreichischen Hauptverbandesfürlndu- 81 r i e ist genugsam bekannt; er wird seit den Tagen der «Erstarkung der Provinzeinflüsse» geradezu diktatorisch von einem Klüngel hakenkreuzlerischer Sekretäre geleitet, die sich aus den katholischen oder deutschnationalen Burschenschaften rekrutieren. Und dafür zahlen die jüdischen Mitglieder des Verbandes ihre Beiträge! Es sei hier nur auf eine im ersten Augenblick geringfügig erscheinende, tatsächlich aber symptomatische Einrichtung im Industriellenverband hingewiesen. Um jungen Menschen, welche die entsprechende fachliche Vorbildung genossen haben, eine praktische Ergänzung für ihre spätere Tätigkeit in der Industrie (als Beamte und Techniker) zu geben, hat der Hauptverband der Industrie die Vermittlung von Volontären an seine Mitglieder, bezw. deren Unternehmungen, Übernommen. Die Volontäre werden den Unternehmungen von einem Komitee zugewiesen, das aus Professoren der betreffenden Schulen (Technik, Exportakademie, technologische Fachschulen), Sekretären des Industriellenverbandes und — Vertretern der berüchtigten Studentenkammer (der Organisation der hakenkrcuzlerischen Hochschülerschaft) besteht. Die Kandidaten Zionistisches SandesmSSSäsSSJmmmmmSSmm& Donnerstag, den 6. Juni 1929, präzise 8 Uhr abends, Im Ccaffdb Mllcsir, i-, Schwedenplatz Vortragsabend Referenten: Pr. Chalm Tartakower: „Die neuesten Ereignisse in der zionistischen und in der hebräischen Kulturbewegung“, Ing. Soheohat: „Die Trumpeldorjugendbewegung“. Anschließend Diskussion. auf solche Volontärstellen müssen sich in der Studentenkammer vorstellen l Höher geht’s nimmer! Man geht jetzt daran, einen ähnlichen Modus für die sogenannten Werkstudenten (Beschaffung von Ferienarbeit für Studenten in Industrie- und Landwirtschaftsunternehmungen nach amerikanischem und deutschem Muster) zu schaffen; und auch hier soll das Hakenkreuz diktieren. Es wird also bei der Heranziehung des technischen und Beamtennachwuchses in den Industriebetrieben in Oesterreich der numerus clausus für Juden, der für das Studium, wenn auch nicht theoretisch, so doch praktisch herrscht, zum Numerusnullus erweitert, d. h. derjudewird von einer fachlichen Betätigung in der Industrie rundweg ausgeschlossen. Und das geschieht ln dem Industriellenverband, der eine stattliche Reihe von jüdischen Mitgliedern hat. Warum schweigen sie dazu? Sind sie wirklich schon so* würdelos? Wir wollen es nicht glauben. Es ist vielmehr anzunehmen, daß sie bloß zu indolent und zu furchtsam sind (wie in dem offenen Heimwehrskandal, wo die Heimwuhrbanden heute, trotz wachsender Verbitterung in den Kreisen der Industriellen und besonders der jüdischen, weiter unterstützt werden, weil man sich einreden läßt, daß eine «nicht subventionierte» Heimwehr gefährlicher werden könnte als eine «subventionierte»). Gegenüber solchem Treiben aber gibt es nur eines: energisches und konsequentes Auftreten. Und das wäre den jüdischen Industriellen entschieden anzuraten. Ein Koilektivaustritt und die Gründung eines eigenen Verbandes wäre eine mutige und sicher wirksame Konsequenz solcher Zustände. S p e c t a t o r. Die franzfleiechen Sozialisten ehren Leon Blum Paris, Der Führer der franzüftleehen SozteHeten Leon Btown ist nun ln die Kammer zurtlckgekdrrt. In einer Sitzung der sozlalistlsctoen Fraktion wurde Blum zm Fraktionsvorsitzenden gewählt, eine Ehrung, die es bisher nicht gegeben hat; diese Würde wurde nun eigene für Leon Blum geschaffen, (J, T. A.) Wichtige Dokumente zum Problem der Klagemauer Die Frage des Status quo Jerusalem. Professo* N’os»s Schorr, der Ober-» rabbiner der Warschauer Großen Synagoge, hat dem Rat der jüdischen Gemeinde von Jerusalem zwei Dokumente übergeben, die für die Frage des Status 3uo an der Klagemauer von großer Bedeutung sind. >as erste Dokument ist eine offizielle Mitteilung des Sekretariats der Palästinaregierung aus dem Jahre 1920, als eben die Zivilverwaltung in Palästina unter Sir Herbert Samuel errichtet worden war, und besagt, daß der Oberkommissär die Entscheidung über die Frage der Trennung der männlichen von den weiblichen Andächtigen an der Klagemauer dem Rabbinat Palästinas überläßt. Das zweite Dokument enthält eine Mitteilung des früheren Gouverneurs von Jerusalem, Sir Ronald Storrs, ebenfalls aus dem Jahre 1920, in der es heißt, daß die Regierung nichts dagegen habe, wenn längs der Klagemauer Stühle zur Benutzung seitens der Betenden aufgestellt werden. Aus diesen beiden Dokumenten ist klar zu ersehen, daß die Errichtung einer Scheidewand und die Aufstellung von Stühlen keinerlei Verletzung des Status quo bedeuten. Bekanntlich haben diese zwei Angelegenheiten in den Jahren 1925 und 1928 zu sehr unliebsamen Zwischenfällen geführt, indem die Moslemlten angeblich in der Verteidigung des Status quo die jüdischen Andächtigen angegriffen haben. Am Versöhnungstage 1925 handelte es sich um Stühle, die zum Ausruhen für betende Greise und Greisinnen aufgestellt wurden; am Versöhnungstage 1928 handelte es sich um die Scheidewand, Die Angelegenheit hat bekanntlich auch den Völkerbund beschäftigt. Neue Friedhofsschändungen in Deutschland? Wie dem Wolffsohen Te!egraphenburcau aus Dessau telegraphiert wird, haben unerkannt gebliebene Täter in der Nacht vom 23, Mai auf dem in einer ziemlich belebten Gegend gelegenen israelitischen Friedhof in Köthen sämtliche Grabdenkmäler' umgeworfen und zertrümmert Selbst schwere Steine rissen die Täter aus der Erde. An die Stelle der Denkmäler legten sie Tierkadaver. Wie der J. T. A, mitgeteilt wird, stimmt der Wolff-Berioht nicht ganz mit den Tatsachen überein. Es scheint sich auch diesmal um einen Dumrmenjuagenstreich zu handeln, für den nach den bisherigen Ermittlungen zehnjährige Kinder in Betracht kommen. Tierkadaver wurden auf die Gräber nicht gelegt, sondern man habe lediglich drinnen am Friedhofezaun einen Huhdekada/ver gefunden, der von draußen hineingeworfen worden war. Ein Progrom gegen Juden in Afghanistan? Die Sowjet-Agentur T. 0, S. meidet, daß in der Stadt Balkh in Afghanistan, 10 Kilometer von Mazar entfernt, tm Zusammenhang mit den dort stattflndeivden Kämpfen zwischen den Anhängern und den Gegnern des Königs Amanulkh ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung stattgefunden hat Soldaten der Amanullah gegnerischen Armee plündere ten und zerstörten sämtliche jüdischen Geschäfte der Stadt und raubten auch die jüdischen Privatwohnungen aus. Die OrWbehörden sollen die Räuber noch unterstützt haben. Die Armee Amanullafos, die am 18. Mal Mazer besetzt hat, trofft! bald di« Stadt Balkh eiivzunehmen und der jüdischen Bevölkerung beistehen su können, Man weiß nicht, ob auch jüdische Tot« zu beklagen sind; Ein ungarischer Stuhlrichter als „Judenreiniger“... Aus Budapest wird uns geschrieben; Der Stuhlriehter von Kunmadaras, einer kleinen ungarischen Stadt, erließ eine Verordnung, laut welcher der Zuzug von Juden nach Kunmadaras verboten sei. Auch diejenigen Juden, die nach Kunmadaras einheiraten, erhalten kein Ansiedlungsrecht. Auf diese Weise soll Kunmadaras allmählich «judenrein» werden, Von jüdischer Seite wurde gegen diese verfassungswidrige Verordnung des Stuhlricnters bei der Regierung Pro»» fest erhoben, Das siebente Dominion Jerusalem, In Palästina hat sich, ähnlich wie In England, eine Seventh Dominion League Society gebildet, di« «leb die Propaganda für di« Umwandlung Palästinas ln das Siebente britisch« Dominion zum Ziele gesetzt hat, An der Spitze der palästinensische!» Seventh Dominion League steht Wladimir JaöoWnsky«