Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 73 (23.5.1929)
- Date
- 1929-05-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 im stvmme Nt. 78 Tr och im Werchola, der Engel von Proskurow... Zehn Jahre nach dem furchtbaren Judenpogrom Von Ch. Rubtastefti, Bern. ((Aus <mGirren Erinnerungen.) keinen Winkel ließen wir aus dem Auge, aber den Schlüssel fanden wir nicht.» In kochender Wut ließ der König seine weisen Ratgeber versammeln, teilte ihnen den Vorfall mit und bat sie um ihr Einverständnis, alle Juden des Landes zu verweisen. Alle stimmten sie bei. Noch am selben Tage wurde in den Straßen Venedigs unter Pauken und Trompeten der Befehl von König und Rat verkündet, daß in wenigen Tagen alle Juden das Land zu verlassen hätten. Wer nach dem Termine im Lande gefunden würde, sei dem Tode verfallen. Aller unbewegliche Besitz der Juden müsse im Lande bleiben. (Schluß folgt.) Offener Brief An den «rituellen» Freidenker Herrn Wilhelm Hirschfeld in Wie n. Sie berichtigten im Wochcnblatte «Die Stimme» vom 9. Mai 1. J., es sei unwahr, daß Sie Obmann des Freidenkerbundes waren. Sie können aber selbst mit Hilfe des Berichtigungs- Paragraphen darüber nicht hinwegkommen, daß Sie bei der letzten Generalversammlung der Freidenker-Ortsgruppe Josefstadt als Obmann des Wahllcomitees den Wahlvorschlag für die Leitung dieser Gruppe bestimmten und der Generalversammlung zur Annahme vorlegten, mithin ein leitendes Mitglied dieser Gruppe waren. Sie können aber auch nicht berichtigen, daß Sie erst zwei Monate nach dieser Generalversammlung, schon als gewählter Kultusvorsteher, sich aus der Mitgliederliste der Freidenker streichen ließen. Gleichgültig, welche Charge Sie bei den Freidenkern hatten, Tatsache ist, daß Sie sich als einflußreiches und zahlendes Mitglied des Freidenkerbundes auf die Liste der Kandidaten für den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde setzen ließen. Sie waren, Herr Kultusvorsteher, ein sehr vorsichtiger Freidenker und Glaubensgenosse, Sie wollten sich’s mit den Freidenkern nicht verderben, aber auch nicht mit den Wählern; den efsteren verheimlichten Sie die Kandidatur, den Wählern aber besonders streng — die Freidenkerzugehörigkert. Sie können aber auch nicht behaupten, daß Ihre Kandidatur mit den Satzungen des Freidenkerbttndes vereinbar war. Sie müssen zugeben, daß selbst nach Tarnower Moralbegriffen — der Ort dürfte Ihnen ja sehr bekannt sein —, die Art, wie Sie, durch Ueberlistung der jüdischen Kultuswähler, zu dem Mandat kamen, als unlautere bezeichnet werden kann. Wenn Sie nun, trotzdem Ihnen vor der breitesten jüdischen Oeffentlichkeit zugerufen wurde: «Sie haben die Wähler überlistet und hintergangen», dennoch den Mut nicht haben, die Konsequenzen zu ziehen, dann wollen Sie schon bei den Ihnen nahestehenden Freidenkerkreisen, die auf reine Gangart im politischen Leben achten, anfragen, welche Qualifizierung Ihnen zukömmt... M. H o r o w i t z, ein Kultuswähler, der für Sie nicht gestimmt hätte, wenn Sie aufrichtig Farbe bekannt hätten. Der Neger-Ger beim Beizer Zaddik In London lebt ein reicher Jude aus Galizien, namens Abraham W'inkknann, der vor 30 Jahren seine «Position» als Viefohüter aiutgtab, um nach England ausz-urwandern. In seinen herrlichen Appartements träumte der Millionär oft von d-en weiten grünen Fluren seiner Heimat, wo er seine Jugend zusammen mit seinem Freund, dem christlichen Hirtervburschen, an der Seite von grasenden Kühen und hüpfenden Kälbern verbrachte, und er faßte den Beschluß, seinen Jugendfreund zu sich kommen zu lassen. Luikaschinskä war sprachlos, als er einen Brief vom Ausland in die Hände bekam. Der Dorfedhreiber konnte mit großer Mühe dieses Dokument entziffern, und bald wußte die ganze Umgebung, daß der Jude Albramek in London MiMionär geworden und Lufkasohinski zu sich eingeladen batte. So (kam der Hirt in die Weltstadt und erfüllte bei Windmann die Pflichten eines Verwalters. Er gewöhnte sich an alle jüdischen Sitten und Bräuche, die im Hanse seines Freundes streng beobachtet . wurden, beschloß Jude zu werden, und nach einigen Wochen feierte man bei Wimlmann einen «Briss» des Wawrzyniec Luktaschinsiki, der nunmehr Israel Glüaksmann 'Meß. Inzwischen hatte er sich mit einem Neger namens Mac Clayton «befreundet und erzähäte ihm immer wieder voo den schönen jüdischen Festen und Sitten. In der Gesellschaft von Whitechapelcr Juden, .in denen der Neger verkehrte, lernte er im raschen Jaziztcmpo Jiddisch. Lukascliinsiki-Glücksmann gab Ihm nun den Rat, sich von einem heiligen Rafbbi Ln Galizien zum Juden machen zu lassen und Mac sammelte Pennies, bis er die Reise nach Galizien «unternehmen «konnte. Man kann sich leicht den Schreck vors teilen, den die In Tafliß und Tcffflin gehüllten Juden imi Beizer Beth- Hamidrasch bekamen, als auf «einmal ein Neger in ihrer Mitte erschien und den Zaddik sprechen wollte. Dort aber muflte er erfahren, daß in Beiz die Formalitäten nicht durch«»führt werden könnten, und daß er sich an das Ralbbinat in Lemberg wenden müsse. «Was gedenken Sie «nun zu machen?» fragten Ihn dlie Umstehenden. «Ganz einfach,» sang Max sein Ngg-er-Jiddisch, «ich «bleibe so lange hier, bis mich der heijtjge Rebbe selbst zum Juden «macht, denn in Lemberg b# «man mir nicht fromm genug ...» Zu aber Zeiten gab’ cs Ghr.isten, die steh der bedrückten Juden an nahmen und für das Judentum c Intraten. Unter ihnen ist der Name des Trochim Wercihoflä in der jüdischen Oedifentlicbkclt Icfder immer noch zu wenig bekannt ... . . Zum zehnten Male jä'hrt sich der Tag, an dem die Petljura-Armee in der. zu traurigem Ruhm gelangten Stadt Proskurow eine «sohöhita» im vollsten Sinne des Wortes veranstaltete, einen Pogrom, >n dem über fünfoeihnbundert Juden ermordet und weit mehr noch schwer verwundet wurden. Der Schiwanzbartprozeß hat, da die Verteidigung auf die Zeugenaussagen aus Proskurow verzichtete, der Oeffentlichkeit nicht alles enthüllt, was an jenem unseligen Tage gcsdhaih. Wer nicht selbst jene schweren -Stunden miterlöbt, wird gar nicht begreifen können, wiie es kommen konnte, daß in wenigen* Stunden eine ganze Jüdische Gemeinde niedergeanetedt wurde. Schauriges Grausen erfaßt einen bei der Erinnerung an jene Sdhreckenstage . . . Zwei Erinnerungen halben sich mir besonders eindringlich cingeprägt: das große Grab auf dem Friedhof in Prosikurow, In dem Über tanteend ungfücHdlche Opfer gemeinsam begraben sind und das die Juden Prosfcurows «kewer kkkiscfh hasdhem» nennen und auf der anderen Seite das Bild des verstorbenen edlen Christen Trochim Werchola. Es sei hier in einigen Strichen der Lebens- und Leidensweg dieses Mannes gezeichnet, der, bis zum Pogrom von Pros/kurow den Juden ein unbekannter ukra«inischer Voflikssohuflehrer, von diesem Zeitpunkte an von ihnen gedieht und verehrt wurde,' weil er als Einziger unter eigener Lebensgefahr für sie eingetreten war Als am fünfzehnten Februar 1919 der Pogrom tobte, «der von Ataman Semosenko auf höheren Befehl organisiert worden war, war Trochfrn Werchola von Proskurow abwesend. Dde wilden Heid&maiken metzelten innerhalb weniger Stunden den größten Teil der «Bolschewisten», darunter Säuglinge und Greise, nieder. Noch in derselben Nacht erfuhr Werchola von den Greueltaten, fuhr schon in aller ,Frühe in« die blutgetränkten jüdischen Gassen und veranlaßt e unverzüglich die Einberufung des Stadfrates, damit «dlie Schuldigen zur Rechenschaft gezogen würden. Die PogTomhdden Ataman Setn-cseniko mvd sein Helfershelfer Kiwertsohulk, ehemaliger Poliizeidirelktor und berüchtigter Antisemit, erschienen persönlich za dieser Sitzung, um sich zu verantworten. Semosenko verteidigte sich, indem er erklärte, die Bolschewisten hätten in Proskurow einen Aufstand inszenieren und die Macht an sich’ reißen wollen, und nur Dank seiner tapferen Soldaten sei es gelungen, diesen Anschlag abzuwehren und die Schuldigen zu bestrafen. In großer Erregung erwiderte «Shm WerchOlaj die Vorgänge des gestrigen Tages seien ein Schandfleck für die Ukraine. «Mir kämpft gegen die Bolschewiken» so rief er, sich gegen Serooseniko wendend, «waren etwa auch die jüdischen Säuglinge und Greise Bolschewiken? Und sind nicht auch unter den Ukrainern Bolschewiken vorhanden^» Mit großer M/iHhe und dank der Unterstützung der übrigen Stadträte gelang es Werchola, von Semosenko die Aufhebung des verschärften Belagerungszustandes über Pros/kurow zu erzwingen. Seine, Hauiptsorge war, daß1 kein weiteres Blut vergossen und diie jüdischen Opfer ohne Zwischenfälle begraben werden 'konnten. Endlich erließ Wercthola ein Manifest an die Stadt, in dem er die jüdische Bevölkerung beruhigte, den ukrainischen Soldaten verbot, sic/h nach 6 Uhr abends auf den Gassen zu zeigen, und jede Plünderung unter Tdoesstrafe stellte. Die Folge war, daß Werchola verhaltet und noch am selben Tage zum Tode verurteilt wurde. Man hatte ihn schon zur Richtstätte geführt, als die Stadträte und die übrigen ukrainischen Organisationen die Gefahr, die ihrem geliebten Weröhola drohte, erfuhren und alles einsetzten, um sein Leben zu retten. Die Furcht vor einem Bauernaufstand, der bei der großen Popularität Wercholas die Folge seiner Hinrichtung hätte sein müssen, bestimmte Semosenko, von seinem Vorhaben albzustehen und das Todesurteil unvodllstreckt zu lassen. Kaum dem Tode entronnen, ließ sich Werchola auch durch neue Drohungen nicht abschreoken, urfd erließ ehr zweites beruhigendes Manifest an die Bevölkerung. Die überlebenden Juden, die sich in Kellern und Schlupfwinkeln versteckt hatten, wagten sich aui die Nachricht von der Befreiung Werchplav wieder an das Tageslicht hervor. Wercholas Einfluß aber wuchs, Ms er endlich zum Vorsitzenden des Stadtrates gewählt wurde und cs Ihm als solchen gelang, die Versetzung Semosenko® zu erwirken. Seinem Eingreifen ist es auch zu verdanken, daß sich In den benachbarten 'Städtchen Felschtin und Jarmo'Uuefcz, durch die Semosenko, auf neue Judenmassakers sinnend, mit. seinen Soldaten zog, die blutigen Ereignisse von Proskurow nicht wiederholten. Als im Jahre 1920 die Bolschewiken Proskurow endgültig «besetzten, floh, Wcerchola nach Lemberg, wo er »Ich als gewöhnlicher «Fabrik saribeiter unter großen Entbehrungen durohzuibringen bemühte, Ais nach Amerika, Palästina und. anderen Ländern auswattdernde Juden ihm auf ihrer Durchreise durch' Lemberg ihre Unterstützung anboten, lehnte er dies mit Tränen in den Augen ab. Auch einer jüdischen Einladung, nach Amerika zu kommen, leistete er keine Folge. Ein-, sam und in großer Not verbrachte Werchola so einige Jahre in Lemiberg, bis er im Jahre 1924 vor Entbehrung: und Ueberanstrengung in der Fabrik zusammenbrach und wenige Tage später starb. Wir Jiiden aus Prosöourow, die tnir in der ganzen Weit zerstreut sind, und diejenigen, die noch dort geblieben sind, wir gedenken, wenn wir uns an all jene unschuldigen Opfer, die auf so grausame Art ihr Leben verloren, erinnern, in tiefer «Liebe auch des edlen und unvergeßlichen Werchola, der als einziger in lener schweren Zeit sein «Lehen einsetzte, um der jüdischen Bevölkerung zu helfen. Krankenfürsorge in der jüdischen Gemeinde Eine jüdische Aerzteversammlung. Auf Einladung des Kuratoriums der «Sozialen Hilfsgemeinschaft Anitta Müller» sprach am! 21. d. M. Dr. Isidor K1 a b e r über die Krankenfürsorge der jüdischen Gemeinde, wie sie derzeit ist und wie sie bei entsprechender Organisierung sein könnte. Er betonte, daß eine rechtliche Verpflichtung zur Krankenfürsorge vom seiten der Kultusgemeinde nicht bestehe und keine Behörde das Recht habe, Kranke an die Kultusgemeinde zu weisen, wie dies manchmal geschehe. Die Kultusgemeinde hält es aber für ihre moralische Pflicht, sich der jüdischen Kranken anzunehmen. Redner schildert die Einrichtungen des jüdischen Spitals und des Versorgungs- und Siechenhauses, das bald eine Erweiterung erfahren soll. Das Kinderamhulator i u m, das leider immer noch nicht zu einem Spital ausgebaut werden konnte, sei ebenso unzureichend wie die geringe Bettenanzahl für mittellose Kranke im Spital ein fortwährendes Uebel für Aerzte sei, die ihre Patienten im Interesse derselben gerne einem jüdischen Spital überantworten wollten. Nicht nach Oesterreich zuständige Kranke können fast nie in öffentlichen Anstalten unter g.eb r a c ht werden, da Polen, Ungarn und Rumänien an Oesterreich keine Spitalskosten bezahlen, die ausländischen Juden aber größtenteils aus diesen Staaten stammen, wenn sie oft auch schon Jahrzehnte in Wien wohnen. Außer diesen Anstalten der Kultusgemeinde gibt es aber eine Reihe von Vereinen, die sich mit Krankenunterstützung befassen. Frauenvereine, Wohltätigkeitsvereine verschiedenster Art und vor allem die Chewra Kadischa, die für Heilbehelfe, Medikamente und Spitalskosten Beträge verteilen; leider geschieht alles ohne vertrauensärztliche Ueberprüfung. Redner fordert den Zusammenschluß all dieser Vereine, die Bestellung eines Vertrauensarztes mit den Befugnissen eines Chefarztes einer Krankenkasse, uni Gelder wirklich nur für die dringendsten Fälle bereit zu stellen. In den Bezirken wären Vertrauensärzte zu ernennen, die dann au« die Zentrale Anträge zu stellen hätten. Der Kurverband, der auch heute schon Ersprießliches leistet, wäre entsprechend dem System einzugliedern. Selbstverständlich müßte man vor allem prophylaktisch arbeiten, Sommerheime und Ferienaktionen der Jugend weitaus mehr fördern als bisher. In der Diskussion sprach vor allem Herr Prof, Z a pfp ertf für die Reorganisation im Sinne Dr, Klebers; er betonte, daSt die nach Wien zuständigen Kranken unbedingt durch die Gemeinde Wien zu versorgen seien. Herr Doz. Dr, S tri so wer verlangt die Schaffung eines Krankenfo n ds für nicht nach Oesterreich zuständige Kranke int Rahmen der Fürsorge. Der. städtische Arzt Dr. Reicheaifeld schildert die Organisation der städtischen Krankenfürsorge und betont die selbstverständliche Pflicht der städtischen Armenärzte, sich auch der jüdischen Kranken anzunehmen, selbst wenn sie nicht in Wien heimatberechtigt sind, Dr. Bluds aus Kowno sprach über die «Ose» {Ge* Seilschaft für Gesundheitsschutz unter den Juden) in Rußland, Lettland, Deutschland und England und betont die Wichtigkeit der Schaffung einer ähnlichen Institution in Wien im Interesse. der armen jüdischen Bevölkerung. Es wurde folgende Resolution beschlossen: «Die in den Kultusvorstand gewählten Aerzte werden auf gefordert, dahin zu wirken, daß 1. ein Zusammenschluß aller Krankenvereine erfolge; 2, dta für Krankenunterstützung, Anschaffung vöfl Heiibehelfen und Rezepten aufgewendeten Geidmittel dürfen nur nach vertrauensärztlicher Ueberprüfung ausgezahlt werden; 3. es ist ein System von Vertrauensärzten in den Bezirken zu schaffen; 4. es ist ein eigener Fonds für Spital»- ■ kostenbeiträge zu schaffen.»