Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 73 (23.5.1929)
- Date
- 1929-05-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Setter DIE STIMME «f. 78 Jüdische Schul- und Erziehungsprobleme in Wien Von Prof, Moses Rath ii. Diese Ursachen sind: 1. DSt falsche Methode. Die angewandte Methode des mechanischen, geisttötenden Lesens unverstandener, zusammenhangloser Wörter oder Sätze bedeutet eine Quälerei für Lehrer* und Schüler und ist zur Erfolglosigkeit verurteilt. Aber auch die mechanische Uebersetzung aus dem Gebetbuch oder Pentateuch ohne Kenntnis der Sprache ist zur völligen Unfruchtbarkeit verurteilt. Seit Jahren fordern wir hier eine Reform durch Belebung des Hebräischunterrichtes und es bedurfte erst einer Studienreise des amtsführenden Inspektors nach Berlin, um sich dort von der Richtigkeit der Methode des Hebräischlernens zu überzeugen. Aber auch jetzt noch wird nur tastend halbe Arbeit gemacht. Solange aber nach dieser Richtung nicht ganz und restlos umgelernt wird, kann der Lehrer auch bei intensiver Arbeit nichts erzielen. 2. Die Passivität des Schulamtes und des Inspektorates. Die Tätigkeit des Inspektorates darf sich nicht darin erschöpfen, daß einmal im Jahre der Stundenplan gemacht und jede Schule von einem der sechs Inspektoren einmal im Jahre inspiziert wird. Das Inspektorat müßte mit dem Lehrkörper dauernd beraten, methodische und didaktische Normen aufstellen, den Arbeitsunterricht auch in dieser Disziplin zur Geltung bringen, Schulgemeinden ins Leben rufen, jüdische Elternvereinigungen begründen und so mit den Eltern in Kontakt stehen, um auch auf sie selbst erzieherisch zu wirken und von ihnen Anregungen und Wünsche entgegenzunehmen. Aber auch unsere Unterrichtskommission, der jüdische Stadtschulrat, steht nicht auf der Höhe ihrer Aufgaben. Sie wird vom Obmann nur zwei- bis dreimal im Jahre einberufen, zwecks Verteilung von Subventionen usw. — wenn wir aber sachliche Arbeit fordern, eine Enquete von Schulmännern anregen u. dgl., dann fällt alles einfach unter den Tisch Und nun entsteht wohl die Frage: Worin liegt also die Lösung des jüdischen Erziehungsproblems? Darauf gibt es nur eine Antwort: Schaffung von jüdischen Kindergärten, jüdischen fakultativen Schulen und jüdischen Ergänzungsschulen? Wir haben gehört, wieviel jüdische Kinder, in den westlichen Bezirken Wiens und' rder Peripherie der Stadt, katholische Kindergärten besuchen und daß jüdische Kinder sogar an katholischen Prozessionen teilnehm e n. Bedarf es erst einer Erläuterung, was dies, namentlich in diesem zarten Kindesalter, bedeutet? Aber auch in den sozialdemokratischen, gut geleiteten Kindergärten atmet ein saudischer Geist. Darum ver- 1 an ge icb v or all e m: Jüdische Kindergärten. Im jüdischen Montessöri-Kindergarten würden unsere Jüngsten von jüdischen, bestens qualifizierten Kindergärtnerinnen, deren es eine ganze Anzahl in Wien gibt, in jüdischem Geiste erzogen werden* Das nächste ist die jüdische fakultative V o 11achule. Ich sage fakultative, weil ich mir im klaren bin, daß von einer Zwangsschule keine Rede sein kann, erstens, weil nicht alle Eltern und auch nicht der überwiegende Teil ihre Kinder in die jüdische Schule schicken würden, und zweitens, weil wir auf keinen Fall auf unser Recht, die öffentlichen Simultanschulen zu besuchen, verzichten können und wollen. Die jüdische Schule ist nur für diejenigen Eltern gedacht, die aus religiösen, traditionellen und nationalen Gründen ihre Kinder dem katholisch-germanischen Ideenkreis entziehen möchten. Dadurch erledigen sich von selbst alle Befürchtungen wegen Numerus clausus und Verzichtleistung auf die staatliche und kommunale Schule. Die jüdische Vollschule muß selbstverständlich in erzieherischer Hinsicht den höchsten Anforderungen der modernen Pädagogik voll und unbedingt entsprechen. Die jüdische Vollschule soll ihre Zöglinge vom Kindergarten bis zur Reifeprüfung nicht nur mit dem Geist des Judentums innig vertraut machen, sondern soll ihnen gleichzeitig alle Disziplinen der modernen Schulbildung in vollendeter Form vermitteln. Hier können wir wohl von Berlin lernen. Nebst 15 jüdischen Kindergärten, 7 jüdischen Volksschulen, die von 1300 Knaben und Mädchen besucht werden, gibt es in Berlin 4 jüdische Mittelschulen: ein Gymnasium der Gemeinde, eine Mädchenmittelschule der Gemeinde, ein von der Synagogengemeinde «Adas Isroel* erhaltenes Realgymnasium für Knaben und ein Lyzeum für Mädchen? insgesamt wurden die 4 Mittelschulen im Jahre 1.928 von 943 Schülern besucht. Ferner hat Berlin: 6 (!) jüdische Lehrlingsheime, 3 (!) Lehrerbildungsanstalten, 3 Rabbinerseminare (die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, das Hildesheimer-Seminar und die von Dr. Heller geleitete Lehranstalt) und eine jüdische Akademie der Wissenschaften, die jungen Gelehrten und Forschern Gehälter bezw. Stipendien gewährt,damit sie sich wissenschaftlich betätigen können. Die Jüdische Gemeinde schreitet jetzt zum! Bau eines Tempels mit einem Volkshause. Nicht nur die Zionisten und Konservativen, sondern auch die liberalen Führer in Berlin sprechen stets mit Stolz über das dortige jüdische Schulwerk. Aber auch in anderen Ländern, vor allem in Polen, dann Mähren, Slowakei, Ungarn, Rumänien usw. gibt es Volks¬ und Mittelschulen der jüdischen Gemeinden. Ja, sogar untere Schwestergemeinde in Graz mit nur 2000 Seelen hat tine eigene jüdische Vo 1 k s s c h ul e m i t Oeffentlichkcitsrecht, die von 9 5 Prozent der »chulpflichtigen Kinder besucht wird. I NttsrdieGroßgemeinde Wien mit mehr als 200.000 Juden, die Zweitgrößte in Europa und drittgrößte der Welt, hat bis auf den heutigen Tag keine einzige Volksschule (die jüdische Volksschule «Talmud-Thora» in der Malzgasse, zweifellos ein großes Aktivum, ist von einem privaten orthodoxen Verein begründet und wird auch von diesem erhalten), keine Mittelschule, kein Lehrerseminar, kein Lehrlingsheim begründet oder auch nur übernommen. Nun haben wir Zionisten unter Führung des unvergeßlichen Oberrabbiners Dr. Chajes das Fundament eines jüdischen Schulwerkes gelegt: Ein Netz von hebräischen Schulen, Kindergärten, dann das hebräische Pädagogium, für das die Gemeinde in den 12 Jahren seines Bestandes nicht einen einzigen Groschen hergegeben hat, das jüdische Religionslehrerseminar, welches im vergangenen Jahre geschlossen wurde, und das jüdische Realgymnasium. Letzteres ist eine mustergültige, vom Stadtschulrat bestens anerkannte Mittelschule mit Oeffentlichkeitsrecht und Reifeprüfung, unter sehr bewährter Leitung, mit 290 Schülern (davon 80 Mädchen). Die Schule erfüllt jene Aufgaben, von welchen ich früher gesprochen habe, und könnte noch ihre Leistung intensivieren und ausbauen, wenn — ja, wenn — die Kultusgemeinde ihre Pflicht tun würde. Darum ergeht unser Ruf an die verantwortlichen Stellen der jüdischen Gemeinde: Besinnt Euch! Gebetder Jugend die jüdische fakultative Volks- und Mittelschule! Solange wir aber diese entbehren müssen, müssen wir ein Hilfsmittel in Anwendung bringen, welches wenigstens zum Teil, bezüglich des Judentumsunterrichtes, die fehlende jüdische Volischule ersetzen kann. Ich meine den Ergänzungsunterricht. Die Bibelschule muß hebräisiert und intensiviert werden. Die bestehenden Sprach- und Bibelschulen und Talmud-Thoras müssen von der Gemeinde so dotiert werden, daß der Unterricht ganz unentgeltlich erteilt werden könne. Neue hebräische Zentralbibelschulen müssen in den judenreichen Bezirken eröffnet werden, kleinere an der Peripherie, sonst gehen uns die jüdischen Kinder, eine ganze jüdische Generation, verloren! Ich bin überzeugt, daß für ein erzieherisch hochstehendes fakultatives jüdisches Schulwerk auf Grund der Verfassung und des Friedensvertrages Mittel vom Bund und von der Gemeinde zu erlangen sein werden. Ich verlange nicht die Schaffung eines ganzen Schulwerkes auf einmal, aber es muß wenigstens das Fundament des großen Werkes gelegt werden. Es muß der Bestand des Jüdischen Realgymnasiums gesichert, es müssen jüdische Volksschulen und' hebräische Zentralbibelschulen im II. und XX. Bezirk geschaffen werden. Es darf nicht Vorkommen, daß — wie dies in der «Prater- Talmud-Thora» in der Wolmutstraße zu unserer Beschämung geschieht — 150 Kinder in-vier Abteilungen zu je zwei bis drei Stunden täglich in einem dunklen Kellerlokal ohne Licht und Sonne lernen... Die jüdische Gemeinde muß sich ihrer Verpflichtung gegenüber der heranwachsenden jüdischen Generation in letzter Stunde endlich bev/ußt v/erden, sonst geht unsere Jugend, die Zukunft und der Stolz unseres Volkes, einer völligen Entjudung entgegen... Alexander von Humboldt an den Herausgeber der „Hazefirah“ Zum 25. Todestage Chaim Selig Slonimskis Der Nestor der/ jüdischen Gelehrten von Ruf, Ch'aim Selig S1 o n i m s k i, schied vor 25 Jahren hochbetagt aus dem Leben. Er war ein Autodidakt -und Führer der Masikilim, der ein gründliches jüdisches Wissen mit umfassender, allgemeiner Bildung vereinigte. Bereits als Achtzehnjähriger begann er aus den profanem Werken jiddischer Gelehrter der vormendelsohmschem Periode Astronomie und Mathematik sich anzuidgtnen. Bald genügten ihm diese veralteten Quellen nicht mehr und dr suchte zunächst eich die Kenntnisse einer modernen Fremdsprache zu erwerben'. Ein Freund gab ihm deutsche Bücher, die er mit erstaunlichem. Fleiß studierte. Mit 25 Jahren schrieb er in hebräische»/ Sprache sein erstes astronomisches Wenk, dem ein Jahr später, seine berühmte Schrift über die Kometen folgte. Kurz hintereinander erschien eine ganze Reihe von Schriften über Physik und Astronomie, die von der wißbegierigen, aber außer dem Hebräischen keiner Sprache mächtigen jüdischen Jugend mit wahrem Heißhunger gelesen wurde. Während seines langjährigen Berliner Aufenthaltes stand er mit den erleuchtetsten Geistern in regem Gedankenaustausch. Alexander v. Humboldt, der Fürst der Wissenschaft, schätzte ihn sehr und stellte ihn dem König vor. Kurz vor dem Hingang dieses Universalgenies übersetzte Sionimslki zu dessen 88. Geburtstag (1857) den «Kosmos» ins Hebräische und verfaßte, ebenfalls hebräisch, eine Biographie des Forschers. Humboldt dankte ihm in nachtstehendean Schreiben: Alexander v, Humboldt an Chaim Selig Slonimski Verehrtester Herr Slonimskil Ich bin tief in Ihrer Schuld durah so lange Verzögerung des Dankes für eine Ehre, die Ew. Wohlgeb. min so wohlwollend beredet haben. Der hebräischen Literatur leider nicht mächtig, aber von früher Jugend am mit den edelsten Ihrer Glaubensgenossen innig vertraut, ein lebhafter und dauernder Verfechter der ahnen gebührenden und immer noch so vielfach entzogenen Rechte, bin ich nicht gleichgültig gegen die Ehre, die Sie mir erwiesen haben. Das Zeugnis eines tiefen orientalischen Sprachkenner^ des so mannigfaltig ausgebitdetem, vortrefflichen Dr, Michael Sachs, kann eine solche Auszeichnung nur erhöhen. 'Es ist für den biographischen Belobten fast eine Beruhigung, der Ursprache fremd gegenüber zu stehen. Es würde mir ©ine Freude sein, Herrn Slonimski, falb er nicht schon mach Warschau zurückgekehrt ist, fiter Sn Berlin bei mir empfangen zu können, um Ihnen den Ausdruck inniger Hochachtung mündlich zu erneuern, der Ihren schönen früheren wissenschaftlichen Bestrebungen gebührt. Ew. Wohlgeboren gehorsamster Alexander von Humboldt. Für das Judentum hatte Slonimski noch besondere Bedeutung durch die Begründung und Herausgabe der anfangs in Berlin als Wochenschrift erscheinenden Zeitschrift «Hazefinah», die er später als Tageszeitung in Warschau bis zu seinem Tode mit seinem Schwiegersohn Sokolow leitete. Sein Hauptverdienst liegt auf dem Gebiete wissenschaftlicher Aufklärung in einem bis dahin dunklen Bezirk. Tausende, die später auf westeuropäischen Universitäten sich eine regelrechte Bildung aneigneten, haben die erste Anregung zum naturwissenschaftlichen Denken durch Slonimski erhalten. J. L. Perez in Briefen und Reden Im Verlage von B. Kletzkin, Warschau, erschienen kürzlich die gesammelten Briefe und Reden Perez’, herausgegeben von Nachman Meisel. Aus dieser Sammlung bringen wir nachstehende Bruchstücke: «Das Volk und nicht der Staat ist die neue Parole... Schwache, unterdrückte Völker erwachen und nehmen einen Kampf auf gegen den Staat für ihre Sprache und ihre Eigenart. Und wir, die Schwächsten, stellten uns auch in diese Reihen! Der Staat soll nicht mehr die Volkskultur verfälschen, nicht vernichten Eigenart und Individualität. Dies ist der Schlachtruf der Masse...» <>- * «... Unsere jüdische Sprache ist jung. Die Kultur jedoch, aus der sie hervorging, ist alt und reich. Das Volk, der Schöpfer dieser Kultur, ist das älteste Volk der Welt! Wir sind eine Rasse, eine Familie aus reinem Blut! Reines Blut bedeutet^ Religionseinheit, einheitliche Weltanschauung. Hiedurch erscheint die jüdische Literatur als ein Glied einer Kette und muß behandelt werden als ein Moment der ewig jüdischen Kultur...» i «Und deswegen will die jüdische Literatur jüdisch bleiben. Sie muß es sein, nicht nur bezüglich der Sprache, der äußeren Form, der Worte. Sie muß auch jüdisch im Inhalt sein, in der Seele, in der Problematik! Sie muß aufhören mit der Nachahmung Europas. Sie muß aufleben und erklingen als urwüchsiges jüdisches Wort. Die Renaissance muß aus dem Geiste der Bibel und der Propheten hervorkommen!» * «Zwei Elemente spielten die wichtigste Rolle in der Entwicklung der jiddischen Sprache: die jüdische Frau und die chassidische Bewegung. Für die jüdische Frau war das Jiddische nie der „Jargon“, sondern stets die jüdische Sprache... Der Chassidismus als wirkliche Volksbewegung konnte naturgemäß nur in der jiddischen Sprache und im jüdischen Volke, seine tiefsten Wurzeln schlagen. Die Sprache, mit welcher man zum Volke kam, mußte allen verständlich sein und verständlich konnte lediglich das Jiddische sein.» * «Manche leugnen die Existenz einer nationalen Individualität und behaupten, daß es nur Klassen gebe. Wenn ein Volk seinen eigenartigen Geist ausstrahlt, für seine Ideale kämpft und leidet: ist dies nicht der beste Beweis für die Existenz einer nationalen Persönlichkeit? Unsere Vergangenheit bestimmt unsere Zukunft und so wurden wir eine geschlossene nationale Individualität unter den Völkern der Welt. Für uns ist übrigens die Nationalität nicht das Endziel unserer Entwicklung, sondern lediglich ein Weg zur großen Mensch heitszukunft...» In und „über“ Jerusalem Aus Berlin wird uns gemeldet: In einer Veranstal« innig der jüdischen Frauen-Arb eitsgemeinsclraf t ftil Palästina sprach jüngst die Präsidentin der Hadassahi Irma Lind he im aus New York. Als sie von den leuchtenden Augen der Jungen Menschen im alten Lande sprach, von dem Idealismus, der Kraft und dem Arbeitswillen, die dort alle beseelen, die am Aufbau Palästinas mitarbeiten, da spürte man die ganze Liebe und Begeisterung dieser Frau für den zionistischen Gedamkea Nach Frau Lindiheim ließ Ministerialdirektor Badt eine lebendige Beschreibung seiner Zeppelinfahrt nach Palästina folgen. Gerade zur rechten Zeit, zum Purimfest, traf der «Himmelsfisch» im gelobten Lande ein, und in das Jauchzen und Feiern der Menge mischte sich die Freude über die Ankunft des stolzen Luftschiffes. .Wie das Purim- und Frühlingsfest von unten aussuh, berichtete S. G r o n e m a n n. Er entwarf ein buntes Bild von der festlich geschmückten Stadl Tel Aviv, die, vor zwanzig Jahren gegründet, jetzt 45.000 Einwohner zählt und zur Festzeit 30.000 Gäste beherbergt. Drei Tage lang feiert das ganze Land ein Fest der Freude und Hoffnung. Triumiphzüge werden von Kinderfesten und sportlichen Wettspielen abgelöst; abends Maskenbälle veranstaltet wie bei uns zur Fastnachtszeit. Dann zieht in die wunderbare Stadt wieder die gleichmäßige Ruhe ernster Arbeit und Schaffensfreude ein. Dr. Arnold Brod-Garten Fü|r den Dr, Arnold Brod-Garten sind durch Herrn Dr. Walter W-emqr weitere S 171.—eingegiangen. Bür diesen Garten sind somit 64 Bäume bereits gestiftet woatden. Hl