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Die Stimme · 1929-05-23 · Heft 73 (23.5.1929) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 73 (23.5.1929)
Date
1929-05-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nf. 78 DI£ STIMME Sette 7 Die Schächtfrage auf dem Inter nationalen Tierschutzkongreß Ohne Antisemitismus geht es eben nicht . » Wie die «Stimme» bereits mitteilen konnte, hat die Frage des jüdisch-rituellen Schächten« in den Verhandlungen des in Wien vom 12. bis 17. Mai abgehaltenen Internationalen Tiersohutzkongresses einen breiten Raum eingenommen. Dieser Frage war ein besonderes Referat des Schlachthofdirektors Dr. Klein (Lennep) gewidmet, der seit Jahren einen bisher erfolglosen Kampf gegen das rituelle Schlachten führt. Wir Juden sind wohl das einzige Volk der Welt, das in einem Altertum, in welchem sonst nirgendwo von einem durch das Reliigionsgesetz gebotenen Tierschutz die Rede war, in seiner schriftlichen und mündlichen Lehre weitgehende Maßregeln zum Tierschutz getroffen hatte. Das hat auch auf dem Kongreß Rabbiner E11 g u t h e r (Delegierter des Vereines für Natur- und Tierschutz in Neisse) in einem interessanten / Referat dargestellt. Es braucht weder gesagt noch bewiesen zu werden, daß «Zaar baale Chajim», «Quälerei lebender Wesen», ein strenges religiöses Verbot der Juden war und ist, und das Gesetz von der Schlachtung der Tiere, deren Fleisch nach dem jüdischen Religionsgesetz für den menschlichen Genuß erlaubt wurde, hat wohl keinen anderen Zweck, als die schonemdste Art der Tötung dieser Tiere vorzuschreiben. Zahllose wissenschaftlich einwandfreie Urteile und Gutachten größter Autoritäten erhärten, daß diese uralte Schächtmethode bis zum heutigen Tage nicht überholt ist und in keinem Falle als Tierquälerei bezeichnet werden darf. Dies bedarf keines Beweises mehr, kann aber vor jedem nicht voreingenommenen Forum bewiesen werden; vor einem tendenziös eingestellten Forum jedoch helfen keine Beweise, insbesondere dann nicht, wenn wissenschaftliche Beweisführung von Haus aus zurückgewiesen wird, wie es vor dem Forum des Wiener Tierschutz-Vereines der Fall zu sein scheint, dessen Präsident Dr. Melkus wiederholt diesen Standpunkt geäußert-hat. Leider hat die Tagung des Internationalen Tierschutz-Kongresses Überhaupt in der Schechita- Frage eine nicht objektive Stellung eingenommen. Bei Gelegenheiten, die es durchaus nicht erforderten, haben Redner sich feindlich und gehässig geäußert. Herr Professor Johannes Ude (Graz), der. über «Alkoholiismus und Tierschutz» sprach, benützte diese Ge- Id^eriheirzu ’eihem'gehässigen Aiisfali. Er wurde in einer halbstündigen Unterredung, welche Rabbiner Dr. Feuchtwang vor Zeugen mit ihm hatte, auf sein Unrecht und auf die Gefährlichkeit seiner Aeußerungen hingewiesen und versprach, etwa publizistischen Mißbrauch oder feindliche Ausbeutung seiner Worte richtig zu stellen. Im Mittelpunkte der Verhandlungen über die Schechitafrage stand der Fitmvortrag des Herrn Dr. Klein: «Sind geschachtete Tiere sofort nach dem Schlachten bewußtlos?» Der vorgeführte Fiten zeigte ■Schlachtungen von Rindern und Hammeln und sollte als Beweis dienen, daß die «rituelle Schlachtung» wegen Tierquälerei zu verwerfen sei. Diese Schlachtungen wurden von feinem des rituellen Schlacktens unkundigen N i c h t j u d e n v o r g e n o m m e n, wie Dr. Klein selbst sagte, mit Schlachtmessern, die nicht von jüdischen Fachmännern geprüft waren, und außerdem wurden die Hammeln stehend geschlachtet. Diese im Film dar-gestellten Schlachtungen können also keinerlei Grundlage ftir irgend ei n Ur teil über die jüdisch-rituelle Schlachtung bilden. Das Würde auch vom Rabbiner Doktor Feuchtwang in seiner sich diem Filmv^rtrag angeschtossenen Rede festges teH t und von Dr. Klein »ichtwi'd erlegt .. Professor Müller aus München führte anschließend an den Vortrag Kleins die neuesten Versuche elektrischer Betäubung vor. Als Einleitung hielt Dr, Müller eine ausgesprochen j-udenfeindliche Rede. Er wiederholte und ergänzte diese Rede teil Kongreß, Es muß öffentlich festgestellt werd«in, daß Prof. Müller seine Ausführungen mit angeblich wissenschaftlichen, kwitur- und religionsgeschichtliichen Bemerkungen verbrämte, die jeder .Wisscnechaftiichkeit Hohn sprachen und Leichtsinnige, oberflächliche Dinge awofeagten. Auf keiner Seite war die böswillige Tendenz so klar wie auf dieser und e® erschien völlig zwecklos, Herrn P.roL Müller, der auf diesem Kongresse seine alten, mehrfach widerlegten,, unwissenschaftlichen Behau p‘tu ngen wiederholte, mit Waffen der Wahrheit uird der W,issehsohaft entgege n zntreten. Der auf deün Kongreß als Delegierter anwesende ScMachthofdiirektor Dr. Basel aus Stettin berichtete, daß sefoe an 73 von jüdtechen Schächtern i#weU geschachteten Tieren gemachten Beobachtungen das Resultat ergaben, daß keine Tierquälerei voriiege. In gleichem Sinne spraoh auch Stadtobertierarzt Doktor Platschek aus Berlin, Beide Redner wurden jedoch von den Kongreßteilnehmern von Haus aus unfreundlich gehört und in so lärmender Weise unterbrochen, daß ihre Ausführungen vollkommen wirkungslos bleiben mußten. Die Wogen der Feindlichkeit gingen immer höher und jeder Versuch einer sachlichen, objektiven Auseinandersetzung war vergeblich. Der Präsident des Kongresses versagte an dieser Stelle und trat aus seiner Reserve heraus, was ihn leider zu Aeußerungen hinriß, die mit der von einem Präsidenten mit Recht zu fordernden Objektivität nicht vereinbar waren. Die Forderung des Kongresses gipfelte darin, jede Schlachtung, einschließlich des Schäehtens, ohne vorhergegairgene Betäubung als Tierquälerei zu verbieten. Als Betäubungsmittel wurden seit langer Zeit verschie- SIEGM. KORNMEHL GE08SFX.EX8CBHAUEBEX Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A17-3-99 u. A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, Abtei^ngen^JürjT^^öjsch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Xulozustellnng kostenlos IX, Berggasse 15 XVIII, Währingerstraße 9? dene Methoden vorgeschlagen, besonders der Bolzenschuß, der von jüdischer Seite aus religionsgesetzlichen Gründen abgelehnt werden muß; in neuester Zeit sind elektrische Betäubungsmethoden versucht worden, deren Effekte noch nicht genügend erprobt sind. Wir Juden sind« weit entfernt, eine mit dem Inhalte des Religionsgesetzes vereinbare, humane Art der Vorbereitung zum Schächten aibzuiebnen. Im Gegenteil: Tierschutz ist uns reli g i ö s e P f 1 i c h t. Verbietet doch unser ReH'gionsgesetz die Jagd: und hat sogar für die humane Tötung von Geflügel seit Jahrtausenden vorigesorgt. -W j r ve r w ah r e n uns aber dagegen, gerade das Schächten .(Schechita) als Tie r quälerei zu beze ichnen und zu verfolgen. Die vom Kongreß beschlossene Resolution geht dahin, zu erwirken, daß jedes Schlachten (Schächten) ohne vorhergehende Betäubung zu verbieten sei. Der französische Delegierte Maitre Lespine hatte eine Resolution vorbereitet, welche die humanste Art der Schlachtung forderte. Sie wurde nicht angenommen, obzwar sie vollkommen genügt hätte. .Der weitaus größere Teil der Kongreßmitglieder hatte sich mit Wucht auf die Schächtfrage geworfen, ohne jede tiefere Ueberlegertheit und Besonnenheit und ohne zu bedenken, daß ein uraltes Gesetz unrechtmäßig angegriffen und eine Religionsgemeinschaft an der Ausübung religiöser Pflicht ohne Grund gehindert werden sollte . . . KAUFT FISCHE bei PFITZNER <& HATZI II. Volkertplutz, Fischhalle (Tel. R 40-2-38) TI, Pilgrarabr licke, Fischhalle (Tel. ß 24-4-23 X. Bei Lichtensteinstraüe 112, Fischhalle (Tel. A 11-2-59) X. Colmnbnsplatz, Fischhalle (Tel. U 47-1-30) Den ganzen Tag in feinstem Olivenöl gebackene heiße Fische Bqaaeqoeeeeaeeoooeoooaeooeoöoooeeeeopa Hinter den grauen Mauern .. Die Not der jüdischen Häftlinge Prof. Dr. K. Kupfer, Strafsedsorgcr in Stein. Die Männerstraf anstatt in Stein hegt in der Nähe der Kultusgemeinde Krems, die heute so Wein und finanziell derart schwach ist, daß sie nioht einmal mehr in der Luise ist, einen Rabbiner tau halten. Wir haben daher auch nicht das Recht, die kleine jüdische Kultusgemeinde vom Krems vor eine «o gewaltige Aufgabe, wie dde Fürsorge für die jüdischen Gefangenen in Stein es ist, zu stehen. Stein gehört menschlich, sozial zw Wien. Die Jüdischen Insassen der Anstalt stammen z-usnefist aus Wien selbst, oder sind Zugewamterte ms Polen, Ungarn, Rumänien, Belgien, Amerika, die nach Wien kamen, um hier Ihr trauriges Handwerk zu (betreiben. Wien, der Mittelpunkt »wischen Ost und Weist, zieht die internationalen Verbrecher mächtig an, und so erklärt sich auch die verhältnismäßig hohe Zahl von ungefähr 70 jüdischen Sträflingen, die Stein beherbergt. Ais Ich am ersten Male afe jüdischer Seelsorger lunkam, war ich weder begehrt noch erschien ich mir dort besonders notwendig. leb erschrak im ersten Awgenbßck nerreaaad •amca-Klelder us n«B ifcttahe Staffrtmhl. Z*Mug aMh lohann laelna Wie«, TI., MarUhilfmtrafte 107, Tel. B 27*2*88 über die gelben Gesichter mit den unheimlichen Augen, aber der von mir geleitete Gottesdienst vollzog sich streng programmatisch. Die Wache, die dort postiert war« schul eine Atmosphäre von eisiger Kälte und gegenseitiger Unnahbarkeit. So vergingen Monate. Die täglichen Wünsche halben diese gefangenen Juden dem katholischen Seelsorger auch weiterhin vorgebracht, der für sie auch die Briefe an ihre Verwandten schrieb und ihnen auch persönlich Trost zuspraoh. Heute wundert es mich nicht mehr. Derselbe Vorgang, daß katholische Priester notgedrungen an Jüdischen frostbodürftägen Kranken, z. B. in den Irrenanstalten, die Seelsorge austibeu, geschieht schon deshalb, well’ein jüdischer Seelsorger fast nie foiflkarmmt. Eines Tages jedoch kam ein jüdischer Gefangener zu mir, völlig verstört und fassungslos. Er starrte mich mit gequälten Augen an und stammelte: «Mein Leben wird einen traurigen Abschluß finden, ich habe nichts, gar nichts zum Anziehen. Meine Kleider sind in der langen Haft zerfallen, eerfetzt. Wie soll ich da in die Freiheit hinauskommen?» Es gelang mir, für ihn das Notwendigste zu schaffen. Die Dankbarkeit des Sträflings war unbeschreiblich. und trotz des im Zuchthause herrschenden strengen Sprechverbotes, ist die Tat innerhalb der Mauern der Anstalt bald allgemein bekannt geworden. Wie die Krähen, die neugierig und wippend hcrangefllogen kommen, schlichen sich jetzt die Jüdischen Gefangenen an rnfich heran. Es kamen Bitten, Wünsche, Jammern der Neuangekommenen, herzzerreißend, mitleiderregend. Ich bekam ihre Briefe und die Briefe ihrer Angehörigen zu lesen, erschütternde Dokumente menschlichen Unglücks ... Einen Brief eines jüdischen Häftlings will ich der jüdischen Oaffentiichikeit übergeben. Er ist einer der letzten, die ich erhielt und stammt von einem. Sträfling, der erst 25 Jahre alt fst . ... Hier seine Worte an mich: «-Schon lange vor meiner Verhaftung wohnte ich in Wien, allein, fern vom Elternhause. Die Mutter tot — der Vater übergab die Familienwohnung meiner einzigen Schwester, die verheiratet ist. Wirtschaftliche Verhältnisse und zum Großteil mein eigener Leichtsinn waren die Ursache meiner Haft. Meine Verwandten, Vater wie Schwester, haben sich von tmfir; losgesagt und. nahmen an meinem künftigen Geschick , keinen Teil, Nun ist am 3, Juli meine Strafe verbüßt.. Ich soll als Gebesserter wieder: ins Leben zurück und ,den Kampf ums Dasein von. neuem aufnebmen. Dies ist mein ehrlicher Wille.' Aber ich bin ein Bettler,—'nein — ein Vagabund. Mein Besitz: ein zer-. rissener, beschmutzter Anzug, ein ebenso defektes Hemd und ein Paar Schuhe, die keiner Reparatur mehr fähig sind. Wohnung oder Geld habe ich nicht Vom Vater verstoßen, von der Schwester vergessen. Was soll ich tun? Die Zeit rückt immer näher und meine Hoffnungen zerrinnen immer mehr. Ich wende mich an Sie, raten Sie mir! Glauben Sie mir, jetzt, da foh alles und alle verloren halbe, weiß ich erst, was ich besessen. Und mein Weg . für die Zukunft soll mit Gottes Hilfe der sein, etwas von dem Verlorenen wieder zu finden . . .! . Andere Briefe, andere Schicksale, Verzweiflung verirrter, trostloser Menschen ... Die jüdische Strafseelsorge und -Fürsorge ist noch’ jung und unbekannt im althergebrachten Gang der Wohltätigkeitsagenden der Kultusgemcinde. Dem-ethischen Empfinden der Jüdischen Seele ist sie allerdings nie fremd gewesen. Seit einigen Jahren versuche ich, von einigen mitfühlenden Freunden unterstützt, dieser eigenartigen Judennot fürsorglich au steuern.’ Diese bescheidene Fürsorge genügt aber nicht. Wir -brauchen die Mithilfe vieler jüdischer Menschenfreunde, brauchen Geld und Mitgefühl aller Gutgesinnten und vor allem die systematische Unterstützung durch die Wiener jüdische Gemeinde. -- , , „Die im Idiom von Moses kläffen ...“ Boykott gegen jüdische Aerzte in Rumänien Da« rumänische chauvinistische Blatt cApararca Natöonarta», da« -einen Boykott gegen jüdische Aerzte propagiert, schreibt in einer seiner letzten Nummern: «Die Ungarn und Juden gehen system&tasdj gegen die Rumänen vor; sie versetzen dem rumänischen NationalempfindetVimm. # wieder neue Hiebe. Der Sache muß em Ende -gesetzt un d -es müssen aus dem Aorztevenhaud sämtliche Mitglieder ausgestoßen werden, die 4m M&om wo st Mosis oder Tubutum kläffen. Sie müssen mach Budapest Otter Pu Mt »41 na vertrieben wenden, Wkt dürfen de weht In unseren Reihen duJden, wir wollen süe boyfeoffteroi, sie zu keinem Konsilium auztehen und mft .«fiesem Mob jeden! Umgang mettem»; , Daß diese pöbeSfcCfte« «InteäftJäöieäte im «neuen» Rumänien ganz offen zim Boykott geg?n jüdische Standesgenoweo, zum wtrtscfiaf^chen Judenpogrom hetzen dürfe©, verdanken sie wohl der eigenartigen Liberaßtät der -Regierung Manäir, der Liberalität gegen den HooHganNsus...

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