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Die Stimme · 1929-05-23 · Heft 73 (23.5.1929) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 73 (23.5.1929)
Date
1929-05-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 78 DIE STIMME Seife« Lord Oliphant und der Rabbi von Sadagora Um Rande ... Von Mogro o«al«ollem des Professor Ude . . . Zum 100. Geburtstag eines christlichen Chowew Zion Jerusalem, Mal 1929. Von einer hiesigen Gruppe alter Chowewe Zion geht die Anregung aus, den hunderdsten Geburtstag einer merkwürdigen, edlen Persönlichkeit zu feiern, eines der ersten christlichen Zionsfreunde, Lord Lawrence Oliphant. Lord Oliphant wurde im Jahre 1829 in Südafrika als Sohn eines reichen englischen Kaufmannes geboren, der ihn für die politische Laufbahn bestimmte. Aber die Politik allein konnte seinen unruhigen Geist niemals befriedigen. Er bereiste mehrere Male die Welt, trieb sich in den verschiedenen Judenghettos herum, studierte die Kabbalah aus alten hebräischen Quellen, unterhielt sogar längere Zeit eine herzliche Freundschaft mit dem alten Rabbi von Sadagora, den er des öfteren in entscheidenden Fragen zu Rate zog, gab sich aber gleichzeitig mit großer Intensität ökonomischen und historischen Studien hin und war alles in allem ein Original: ein tief schürfender Mystiker, den es in die reale Wettpolitik trieb und aus ihr wieder zurück an die Urquellen des Geistes, des «großen Geheimnisses . . .» Glühende Liebe verband diesen Mann mit dem Judentum, dem «heiligen Volke», das er erst im späten Mannesalter kennen lernte. Es war im Jahre 1877, .während des russisch-türkischen Krieges. Lord 01 -iphant erkannte, daß die russischen Vernichtungspläne gegen die Türkei, die Eroberung Konstantinopels und der Dardanellen eine große Gefahr für die englische Weltmachtstellung und für den europäischen Frieden bedeuten. Er war um jene Zeit einer der einflußreichsten politischen Ratgeber der englischen Regierung und er sprach zum ersten Male von der Notwendigkeit einer ökonomischen und politischen Stärkung der Türkei durch eine großzügige jüdische Kolonisierung Palästinas. Er ging selbst im Jahre 1880 nach Palästina, bereiste das ganze! .and und legte seine Eindrücke in einem Buche nieder, das den Namen führt: «Das Land Gileads.» Gleichzeitig legte er der englischen Regierung einen detaillierten Plan vor, nach welchem in Palästina eine autonome jüdische Heimstätte geschaffen werden sollte. Bevor aber die englische Regierung zu dem Projekte Oliphats Stellung nehmen konnte, brachen in Rußland nach der Ermordung des Zaren Alexander iim Jahre 1881 die entsetzlichen Judenpogrome aus, die eine Massenfluoht der russischen Juden aus der zaristischen Hölle bewirkten. Die galizischen Grenzorte .wurden von russisch-jüdischen Flüchtlingen geradezu Uberschwemimt, die einem furchtbaren' Elend preisgegeben waren. Lord Oliphant organisierte in England eine große Hilfsaktion für die heimatlosen russischen Juden und fuhr selbst nach Galizien, um die Lage y ■inm II II nmw n i tnmn Die Ausbeutung des Toten Meeres Jerusalem, 15. Mai. Der gewöhnlich gut unterrichtete Londoner Korrespondent des Kairoer Blattes «Acbram» kabelt seinem Blatt, Lord Lytton, der Vorsitzende der Gesellschaft zur Ausbeutung des Toten Meeres, wer^ in Kürze nach Palästina abreisen. Er habe erklärt, die Arbeiten würden sofort beginnen, zunächst zur Versorgung der Orientmärkte, danach werde die Gesellschaft das Problem der Belieferung der europäischen Märkte mit ihren Produkten, doch vor allem mit Kali, prüfen. Dr. Jakob Bernstein Cahan gestorben ln Jekate rinoslaw verstarb Dr.Bemstein-Cogan, einer der Organisatoren des Zionismus in Rußland. Mit Dr. Bernstein-Cahan, der am 12. Mai in Jekaterinoslaw gestorben ist, verschwindet eine führende Persönlichkeit dea russischen Judentums der letzten Jahrzehnte. Geboren 1850 in Kiscliinew, gehörte er mit Pinsker und Lilienblum der Chirevve-Zion-Bewegung an. Nach dem Erscheinen des «Judenstaates» schloß er sich Herzl an und war der erste bevollmächtigte Vertreter des politischen Zionismus in Rußland. In den Jahren 1897 bis 1901. war er Präsident der zionistischen Organisation, gehörte dem großen A. C. seit dessen Begründung und in den Jahren 1905 bis 1907 dem engeren A. C. an. Nach dem Pogrom in Kischinew übersiedelte Bernstein nach Charkow, wo er der jüdischen Kooperativbewegung besonderes Interesse entgegenbrachte. In den Jahren 1907 bis 1910 betätigte er sich in Palästina als praktischer Arzt in Galil und Petach Tikwah. Bei Ausbruch der Revolution in Rußland gab er die Initiative zur ersten allrussischen Konferenz der Zionisten, die im Jahre 1917 unter seinem Vorsitz in Petersburg stattgefunden hat. Bald finden wir Bernstein in den vordersten Reihen der zionistischen Führer in Bessarabien. Als solcher der jüdischen Flüchtlinge an Ort und Stelle ztf studieren. Damals besuchte ec zum ersten Male den greisen Sadagorer Z a d d i k, Rabbi Abraham Jakob Friedimann, mit dem er seinen Plan einer jüdischen Kolonisierung Palästinas besprach und den er für die Chibath Zion-Bewegung gewann. Er schrieb auch um dieselbe Zeit einen offenen Brief an den berühmten hebräischen Schriftsteller Perez Smolensky, dem Herausgeber der in Wien erschienenen Zeitschrift «Hasohachar», und forderte ihn auf, Propaganda für eine Besiedlung Palästinas durch die heimatlos gewordenen russischen Juden zu machen. Inzwischen aber organisierte er eine großzügige, rasche Hilfsaktion zugunsten der russisch-jüdischen Flüchtlinge -und seinen Bemühungen gelang es, tausende heimatloser russischer Juden nach Amerika hinüberzu bringen. Er selbst wanderte in Begleitung des Dichters der «Hatiikwah», Naftali Herz Imber, den er in Konstantinopel kennen gelernt und zu seinem Sekretär und Reisebegleiter gemacht hat, nach Palästina aus und kaufte sich in Haifa an, wo er die ersten jüdischen Kolonisten, die gar oft in Not gerieten, mit Geld und Interventionen bei der türkischen Regierung unterstützte. In Haifa schrieb er auch sein bekanntes Buch «Haifa», in dem er seine Erlebnisse in Palästina schilderte. In h a b e r: Richard Herzog Adlergasse 5 Tal. R-23- 4-90 13., Kl. Pferrg. 38 Tel. A-41-6-24 alle jüdischen und hebräischen Schallplatten sowie alle modernsten Tanz- und Gesangsschlager in reichster Aaswahl anf Lager! Auch Teilzahlungen 1 Provinzversand! soeben neue original-amerikanische Lieferungen eingelangt konzentriert er auch die ganze jüdische Wiederaufbauarbeit in seiner Hand. Später betätigte er sich auch an den Arbeiten der Pariser Delegation der jüdischen Nationalräte und an der Hilfskonferenz der Juden. Trotz des vorgerückten Alters nimmt er regen Anteil an den zionistischen Kongressen in Karlsbad und übersiedelte im Jahre 1924 nach Palästina. Leider fand er hier nicht die entsprechende Würdigung und zog allzubald verbittert als leitender Arzt zu den jüdischen Kolonien in die Krim. Das neue Geschlecht Palästinas hatte scheinbar nicht das richtige Verständnis für diesen ruhelosen Geist des ewigen Kämpfers und Wanderers.... Ueberfall jüdischer Kommunisten auf eine Synagoge in Galizien Aus Lemberg wird uns geschrieben: In dem Städtchen U s t r z y k i - D o l n e in der Nähe von Sambor drang abends ein Trupp jüdischer Kommunisten in das städtische Bet- und Lehrhaus ein und veranstalteten einen regelrechten Pogrom. Die Bachurim wurden blutig geschlagen und hinausgeworfen, die Inneneinrichtung wurde zerstört. Die .Thorarollen wurden auf den Boden geworfen und zerrissen. Aus den Bücherschränken wurden die religiösen Bücher herausgeholt, zerrissen- und angezündet. Um den Scheiterhaufen herum standen die Kommunisten, sangen die Internationale und schlossen mit den Rufen: «Nieder mit der Religion, nieder mit der Sklaverei, es lebe die Freiheit!» Hernach wurden Tische und Bänke zerhackt und die Fensterscheiben eingesohiagen. Am Morgen darauf versammelte der Rabbiner die Gemeinde in dem zerstörten Lehr- und Bethaus und veranstaltete eine Tramerfeier. Ferner wurde ein Gemeindefasttag abgehalten. In ganz Galizien herrscht große Erbitterung gegen die kommunistischen Schänder. Der Gemeindevorsitzende erhielt einen Djphbrief, in dem ihm der Tod angedroht wird, weil er sich an der Trauerzeremonie in der Synagoge beteiligt hat. Die Polizei hat eine Untersuchung eingeleitet. Io der tragischen Posse des österreichischen Lebens speit Herr Professor Ude aus Graz, katholischer Priester und Moraltheologe, die Rolle des fanatischen Glaubensritters, eine dankbare Savonarolle, die ihm geradezu auf den durchgeistigten Asfcetenleib geschrieben zu sein scheint. Herr Ude hat die Allüren eines Kirchenstars, der es sich dann und wann auch leisten darf, seinen Glaubens- und Parteikomparsen einige Verlegenheiten zu bereiten. Sie haben ihm gerne sein religiöses Credo gelassen, um ihrerseits, den Kreditgeschäften n-achgehen zu können, haben ihn gleichsam in der höheren «Sphäre der reinen Gottesidee» interniert, um sich -ungestört des schmutzigen Erdenwattens in diesem «Jammertal» freuen zu können . . . So ist Professor Ude ein glühender Eiferer vor dem Herrn geworden — vor dem jungen — dessen göttliche Huld er sich offenbar durch wütende Ausfälle gegen den alten Gott der Juden sichern wrM. Auf dem letztens in Summl-Stpümpje h Wien I. Jldlcpöasseö ECKGESCHÄFT Wien abgeh alten en internationalen Tierschutakongreß, über den wir an anderer Stelle ausführlich berichten, deklamierte Herr Ude das alte Lied von der Nächstenliebe, in deren Namen die katholische Kirche jahrhundertelang den Nächste n-mord an den Verkündern der Menschenliebe, den Jude rr„ vollziehen ließ — und zur Tierliebe übergehend, wetterte Herr Ude gegen den Gott der Juden, den er mit den Worten abtat: «Ein Gott, der den Juden das rituelle Schächten gebot, ist kein Gott mehr.» Nun dürfte es dem sonst gut akkreditierten Jehovah auf eine Anerkennung durch den Professor aus Graz vermutlich nicht ankommen. Er soll ja schon des öfteren mit allerhand Gegnern fertig geworden sein iuind konnte es letztens sogar mit dem schneidigen Hohenizollern-Wachtmeister Wilhelm und dem Schliachtenvertierer Ludendorff aufnehimen. Daß aber der Intematkmiale Tiersehutzkongneß, der ja, mach den Versicherungen des Kongreßprognamms, ziu sachlicher Beratung zusammengetreten ist, diesen priesterlichen Unsinnsexzeß ohne Widerspruch hinmaihm, dürfte -doch den Grad seiner «Objektivität» in dem utwer- tneidlichen Judenpuinkt, die übrigens auch bei der Behandlung der Sohächtfrage zutage trat, genügend kennzeichnen ... Strafe wegen Umgehung des Gesetzesbruches in Ungarn. Es gibt doch eine Gerechtigkeit in Ungarn! Man erfährt dies aus einer Anklage, die die Budapest er Staatsanwaltschaft endlich gegen einen gefährlichen Fälscher erhoben hat — womit natürlich keiner der aristokratischen Frankenfälscher gemeint sein kann, sondern nur der jüdische Student Andor Daw i d, der der Fälschung des Rcügion&vermerkes auf seinem Unfversitätsindex beschuldigt wird. Der jüdische Student versuchtev das Gesetz des ungarischen Staates zu umgehen — nämlich das Gesetz des Numerus clausus — und sich auf «ungesetzlichem» Wege, durch Umfälschiuing des mosaischen in das evangelische Religionsbekenntnis, die Möglichkeit des Lernens zu «erschleichen». Er wird nun die Strenge der -ungarische^Justiz zu fühlen bekommen. Denn daß die ungarische Regierung . durch Einführung des Numerus clausus einen Bruch dies Staatsgrundgesetzes, das allen ungarischem Staatsbürgern die volle bürgerliche Gleichiberechtigung gewährleistet, begangen -hat -r— das dürfte die ungarische Justiz noch irgendwie zu rechtfertigen wissen. Daß aber ein jüdischer Student den auf ihn zugeschuittenen amtlichen Gesetzesbmch zu umgaben wagt, das soll er der ungarischen «Gerechtigkeit»: büßen . . . Antisemiten mosaischer Professäon . .. Daß es Deutsche mosaischer Konfession gibt, wußte man schon. Daß es aber auch Antisemiten mosaischer Profession gibt, daß es Leute gibt, die uns, des politischen Geschäftes wegen-, immer wieder ihrer gewiß nicht unverdächtigen Sympathie versichern* dies lehren die letztens häufig wiiederkehrenden Liebesbete u-erutngen der österreichischen HeimwehrfühTer. Es vergeht fast keine Woche, in der uns nicht feierlich versichert wird, daß die Heimwehr «eigentlich» gegen den Antisemitismus sei, daß sie gegen die böden-.und also anständigen Israeliten nichts ein-zuwemden habe,, daß sie bloß die «'gewissen Elemente» auszurotten gedenke und dergleichen Geschwätz .mehr. Dieser schon bis zum Uebendnuß auCigewärmte Kohl wurde letztens — da der Redner Graf von der Lille heißt— als Blum ent kohl neuerlich aufgetragen. In einer .Versammlung im Militänkaslno behandelte der Redner das Problem des Rassenkampfes, über das er zunächst die wohlbekannten Gemeinplätze wiederholte, um es sich dann «nicht nehmen zu fassen», seht «Ehrenwort zu geben», daß P f m i e m e r kein Antisemit sei und daß er in der bekannten Rede von der «stanken Falust» und dem «judenreinen Geist» die Judenfrage überhaupt nicht berührt habe. Es ist ja zweifellos sehr rührend,

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