Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 73 (23.5.1929)
- Date
- 1929-05-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053825--1038-3056359- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 78 ME STIMME v " Seite 9 Wie groß ist die Aufnahmsfähigkeit Erez Israels? Von W. Jabotinsky Wieviel Juden kann Erez Isral aufnehnfen? — dies iet wohl die Grundfrage -des heutigen Zionismus. Nehmen wir einmal an, das Land hätte bloß die Kapazität einer, halben oder einer ganzen Million Emigranten und hätte für eine weitere Zuwanderung keinen «ökonomischen Raum» —dann müßten wir wohl alle «Achad- Haamisten* werden; denn eine halbe Million Juden in Erez Israel sind keine Mehrheit und bedeuten bestenfalls eine Art geistigen Trostes für das jüdische Volk, keineswegs aber eine reale Hilfe in seiner schweren ökonomischen Notlage. Ziehen wir jene jüdischen Massen in Betracht, die unter einem militanten Antisemitismus —: ökonomisch und politisch — zu leiden haben, so sind es in Osteuropa allein etwa sieben oder acht Millionen Menschen, deren Zustand wir erst dann wesentlich erleichtern können, wenn wir mindestens die Hälfte dieser jüdischen MiHionenmasse «evakuieren». Erst dann würde sich die Lage der Juden in Osteuropa einigermaßen «normalisieren». Die «Evakuierung» von nur einer Million Juden von Osteuropa nach Erez Israel würde dort ökonomisch fast gar nichts bedeuten. Diese Frage hat wohl jederzeit das Interesse der Zionisten hervorgerufen, obgleich man feststellen muß, daß sie ihr gerne ausweiohen. Und sie tun dies aus dem Grunde, w*eil sie immer wieder Gelegenheit haben, eine betrübende Rechnung über die Kostspieligkeit der jüdischen Kolonisation, über die teueren Bodenpreise, über die Schwierigkeit, einen Boden zu erwerben, aufzustellen. .Der begeistertste Zionist fühlt sich da plötzlich etwas beengt und ist froh, wenn er über diese unerfreulichen Dinge weniger reden und nachdenken muß. Diese betrübende Rechnung weist jedoch einen wesentlichen Fehler auf. Es ist ein schwerer Rechenfehler, wenn man die Kapazität Erez Israels nach der Größe des Bodens beurteilt. Die wirkliche Aufnahmsfähigkeit eines Landes hängt nicht von seiner Größe, seinem «natürlichen Reichtum» ab,, sondern in erster Linie von zwei anderen entscheidenden Faktoren: 1. Der Weltmarkt. Es müßte, festgestellt werden, welche Absatzfähigkeit die Erzeugnisse Palästinas auf dem Weltmärkte besitzen. 2. Das Menschenmaterial. Wenn die. Bewohner eines Lahdes energisch, .klug und unternehmungslustig sindyvso bedeutet diese menschliche Tatsache Weit' mehr als der «natürliche Reiöhtüm» an Kohle, Eisen und freiem Boden. Diese Ueberlegungen kommen mir immer wieder nach jedem Besuch, den ich in der Tel-Aviver Ausstellung mache. Noch vor wenigen Jahren galt es als ein unumstößliches Axiom, daß Erez Israel für industrielle Unternehmungen nicht in Betracht kommt* Die Ausstellung in Tel-Aviv bewies genau das Gegenteil. Palästina hat unter den ungünstigsten politischen und ökonomischen Bedingungen eine ungeahnte industrielle Entwicklung genommen — wie würde diese Entwicklung erst aussehen, wenn die Zeit und unser eigener Wille diese Hindernisse aus dem Wege räumen würden. Der größte «natürliche Reichtum» eines Landes ist die Rasse seiner Bewohner. Manchester bleibt Manchester, obwohl die Baumwolle, die hier verarbeitet wird,, nicht in Manchester, sondern in Aegypten wächst. Italien ist führend in der AutomobilIndustrie, obgleich Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen das Land kein Eisen hat. Das Rohmaterial kann immer aus dem Auslande importiert werden — die Energie aber, die menschliche Schaffenskraft, muß im Lande selbst vorhanden sein, wenn es sich auf dem internationalen Weltmarkt bewähren soll*., Ich will damit nicht gegen die Landwirtschaft Stellung nehmen.: Sie ist in Erez Israel ebenso wichtig wie schwer. Sie ist kostspielig, aber ihre Kostspieligkeit entspricht ihrem inneren Werte, ihrer großen Bedeutung für die Entwicklung des Jischuw. Allein die Landwirtschaft, und wenn sie auch noch so intensiv betrieben wird, hat letzten Endes ihre natürlichen Grenzen am Boden des Landes. Die Industrie aber ist ihrem Wesen nach unabhängig vom Boden und von seinen Schätzen. Hat ein Land natürliche Reichtümer — gut, hat es keine, gebt wohl'die industrielle Entwicklung etwas schwerer —, die Hauptsache ist und bleibt der Mensch und seine schöpferische Energie. Ich kenne alle Einwendungen, die gegen meinen Industrie-Optimismus erhoben werden können, zur Genüge. Die Ausstellung bedeutet einen restlosen Beweis dafür, daß Erez Israel 'über große industrielle Möglichkeiten verfügt und daß der Jude ein erstklassiger Industriearbeiter ist. Und dies ist erst der Anfang . .. Die wahre Lösung der Frage, wie groß die Autfnahmsfähigkeit Erez Israels ist,1 lautet: Kaufet Palästina- Produkte! „judenreinen“ Kurorte der Oesterreich Wir veröffentlichen nachstehend zum Beginn der Sommersaison die diesjährige schwarze Liste der antisemitisch verseuchten, «judenreinen» Kurorte, Sommerfrischen* Hotels, Pensionen usw. Oesterreichs, vor denen, wir das jüdische Publikum nachdrücklichst warnen. Wenn auch eine ganze Reihe von Gaststätten, die noch im vorigen Jahr als antisemitisch bezeichnet .werden mußten, heute-sei es durch Besitzerwechsel,. sei es aus anderen Gründen — nicht mehr juäehfeindlich eingestellt sind, so darf andererseits doch nicht verschwiegen werden, daß diese Liste um eine nicht unbedeutende Anzahl neuer Namen «bereichert» werden mußte, ohne daß wir diese widerliche Materie vollständig erschöpfen könnten. Unsere Leser würden der jüdischen Oeffentlichkeit einen Dienst leisten, wenn sie uns nach Beendigung ihrer Erholungsreise ihre Erfahrungen zu dem leidigen Kapitel «Antisemitismus in der Sommerfrische» mitteilen würden. Nichts wäre Uns lieber, als wenn wir künftighin überhaupt nicht mehr gezwungen wären, eine solche «Schwarze Liste» zu führen; nach Lage der Dinge wird dieser Tag aber wohl noch lange auf sich warten lassen. 1. Kurorte und Sommerfrischen, die antisemitischen Charakter haben: Afritzersee '(Kärnten); Agathendorf, Post Hirt [(Kärnten); Aggsbach-Markt Wachau, Niederösterreich; Aigen im Ennstal (Oberösterreich); Anger [(Gern. Stoißberg); Efferding (Öberpsterreich); Ernniersdorf an der Donau, Wachau (Niederösterreich); Frankenmarkt (Oberösterreich); Freistadt (Oberösterreich); Fügen im Zillertal; Gobelsburg am Kamp ^Oesterreich); Guttau bei Kefermarkt [(Oberösterreich)’; Hansberg, Post St. Johann im, Mühlkreis (Oberösterreich); Hopfgarten (Tirol); Kötschach im Gailtal (Kärnten); Krems a. d. Donäu; Mank (Niederösterreich); Mattighofen (Oberösterreich); Mattsee [(Salzburg); Möllbrücke (Kärnten^.; Murait (Steiermark); Neuhofen an der Krems (Oberösterreich); Neumarkt am Wallersee (Oesterreich); Nußdorf am Attersee (Oesterreich); Oberlängenfeld im Oetztal (Tirol); Obermühl (Oberösterreich); Obervillach (Kärnten); Oetztal (Kärnten); Pöllau (Oststeiermark); Pürgg (Steiermark); Reichenthal, Mühlviertel (Oberösterreich); Scheiblingskirchen a. d. Aspangbahn (Niederösterreich); Schladming (Obersteiermark); Schönberg am Kamp (Niederösterreich); Schörfling am Attersee (Oberösterreich); Seeham b. Mattsee (Oesterreich); Seekirchen (Oesterreich); St. Jakob, Pillersee (Tirol); St. Johann im Pongau (Oesterreich); St. Margarethen (Kärnten); St. Veit Mühlviertel (Oberösterreich); Tamsweg (Lungau, Oesterreich); Trofaiach (Oesterreich); Tiirnitz (Oesterreich); Volderbad bei Hall; Wald in Oberpinsgau («Israeliten ausgeschlossen»); Wartberg a. d. Krems (Oberösterreich); Weißensee (Kärnten); Weyr a. d. Enns (Oesterreich); Wölkersdorf a. d. Ostbahn (Oesterreich); gjbbsitz (Niederösterreich); Zillertal (Tirol). 2. Judenfeindliche Hotels und Pensionen und ausgesprochen «christliche Häuser». Alt-Aussee (Steiermark): Haus. Edlauer; Neue Post Goisern [(Oberösterreich): Hotel Post. Hall (Tirol): Gasthof Goldener Engel. Hinterbrühl [(Niederösterreich): Pension Hauptstraße 120. Judenstein, ob. Hall .(Tirol): Pension Wälsung. Krumpendorf (Wörthersee, Kärnten): Villa Streicher. Lambach (Oberösterreich): Hotel Menschik. Maria- Wörth (Wörthersee, Kärnten): Hotel Post (Bes. Josef Ibonig), Marienbad; Villa Waldschlössel (Bes. J[ Lahgendörfer), lehnt polnisch-jüdischen Besuch ab, Micheldorf (Oberösterreich): Pension Haindl. Mieders' (Tirol): Gasthaus «Alte Post». Neuhaus (Oberösterreich): Gasthof Ernst. Scharnstein im Almtal (Oberösterreich): Pension Herrnstraß. Schruns (Vorarlberg); Gasthof zum Löwen; Gasthof zur. Taube, Seefeld L(Kärnten) : Hotel Fritz Werther. Spital am Pyhrn [(Oberösterreich)a Gasthof «Zur : Post»; Villa Schwarzenberg. St Georgen: «Bauern-; Löckher». Traunkirchen: Hotel am Stein. Vorderstoder: Steinerwirt. Walchensee bei Kufstein [(Tirol); Gasthof Kramerwirt. Waldbach a. d. Lainitz (Steiermark) 5 Pension Langenecker. Wallern b. : Schallerbach [(Oberösterreich): Gasthof Eberstalier. Weyregg am Attersee [(Oberösterreich): Lehrerheim. Zell a. See? Villa Olga; Villa Schmittental. Zürs am Arlberg: Hotel Zürser Hof. 3. Wo Hakenkreuzler verkehren. Braunau am Inn [(Oberösterreich): Hotel und Caf6 «Post». Colle Isarco (Gossensaß, am Brenner): Holzers Hotel-Pension. Eisenkappel (Kärnten): Wirtschaft Domnig. Klagenfurt (Kärnten): Cafl Lerch, Heuplatz. Krieglach: Hauptstraße 40, Roseggers Waldheimat; Gasthof und Cafö «Zur alten Post». Kufstein (Tirol): Gasthof «Bad Kienberg-Klamm». Puchberg am Schneeberg (Niederösterreich): Gasthaus «Zum grünen Baum». Salzburg: Gasthaus «Zur Pflaume», Pfeifergasse 5. Schwarzach-St. Veit ](im Pongau): Hotel «Zur Post». St. Valentin a. d. Heide [(Obervintschgau): Gasthof «Zur Ortlerspitze». Völkermarkt (Kärnten): Gasthaus «Tigerwirt», Hauptplatz; Kauduths Weinstube, Hauptplatz; Franz Gianischtitgs Wwe., Münzgasse, Altbürgerliches Gasthaus; Gast- und Kaffeehaus «Zum Rößl», Hauptplatz; Gast- und Kaffeehaus «Alte Post», Hauptplatz/ «Goldener Löwe», Hauptplatz. Der Kampf der jüdischen Gemeinden Protest gegen die Verletzung der Autonomie in Rumänien Bukarest 56 jüdische Gemiekitien Altotunaniehs haben beim K ui tu srnin j stemiim durch den iVertÄand' der jüdischen Gemeinden feierlichen Protest erhoben! gegen die Absicht der Regierung, ihre Autonomie eirtzmschränke« und Vertrauensmännern der, Regierung die Aufsicht ii/ber die Gemeinden zu übertragen. Das Ausgiaibenbudget der Bukarester Jüdischen Gemeinde betrug dim Jahre 1928 mehr als 27 Millionen Lei. In den Jahren 1921 bis .1928 hat die Gemeinde insgesamt 143 Millionen Lei aus,gegeben. Fast die Hälfte der Gesamtausgaben wird für Schulen, (in,ge fährt ein Drittel für soziale Institutionen verwendet. Die Beiträge der Gemeindemitglieder sind freiwillig, eine Zwangäbesteueritng wird erst nach Inkrafttreten des neuen' Kultusgesetzes einige führt wenden können. Der staatliche Beitrag für die Budapester jüdische Gemeinde Im Finanzausschuß des ungarischen Abgeoiidnetenliäuses hat der Abgeordnete Paul .Sander an den Finianz- ' minister das Ersuchen gerichtet, den israelitischen Kultusgemeinden die Erhöhung einer JO Prozent übersteigende« Kultussteuer zu bewilligen. Ln der Begründung führte Piaul Sander aus*, daß die Bester Kudtusgemeiude mit einem D efizit von jährlich 400.000 Pengö arbeite und genötigt wäre, die Verhängung des Zwangsausgieichsvesffährens beim Gerächt zu beantragen, wen« die erhöhte SteuereinihöbtuiQg nicht bewilligt wenden sollte. Außerdem werde die Kidfcusgemeinde genötigt sein, die Erhaltung ihrer Spitäler* in denen mehr als 70 Prozent Christe«.gepflegt werden, sowie ihre Schollen dem Staate izu iibergeben. In seiner Antwort erklärte der Finanzmimster sich bereit, die erhöhte Steuereinihebüng fallweise zu bewillige«,. Paul Sandor hat ferner erwirkt, daß der s taiat Jiicihe Beitrag für die israelitische L’ehrerbildiungsanstalt in diesem Jabre ,um 20.000 P.enlgö erhöht wiurde.;! Einstein und die Berliner Stadtväter Nachdem bekanntlich Professor Einstein, in einem Schreiben an den Magistrat Berlin, den Verzicht auf sein Ehrengeschenk ausgesprochen hafte,, wurde in der letzte« Magistratssrtzicng der Fall noch einmal dtakshgesprocbeh und der Beschluß gefaßt, daß der Oberbürgermeister Böß und Stadtrat Zangemeister mit Professor, Einstein kt Verbindung treten sahen, um ihn zu einer Zurücknahme ider Ablehnung zu bewegen. Einstein, hat aber, wie Ider UUsteiy-Drenst erfährt, Öäs : Grundstück in Caputh, das der Magistrat Berlin ihm zart Verfügung stellen woÄte, jetzt flür eigene Recttmtng gekauft und damit die unerfreuliche Affäre des Gdburtstaigsgeschertkes der Stadt Berlin fün den 50jährige« weTtberfibmten Gelehrten und eine Blamage der. Berliner Stadtväter beendet. - . Lord Melchett fördert die Talmud-Thora Lord Melchett Übernahm das Präsidium einer Kampagne zur Aufbringung eines Baufomds für die Talmud Thora tn London. Er. spendete bereits 500 Pfund an diesen Foods, welcher zur Errichtung eines eigenen. Hauses deff. Tafeniud Thora dient. Lard Melchett erklärte an einen WüirzKch rtbge- ,halten«« Sitzung des Komitees, ec erachte die Arbeit der Talmud Thora als üür die Pflege des jüdischen Lebens überaus wichtig; die Unterstützung dieser Schuten an der: ganoen Wett sei notwendig, um die heramwachsenide jüdische Jugend dom Glauben, den- Traditionen unsere«- Väter au-erhalte«.