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Die Stimme · 1929-05-23 · Heft 73 (23.5.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 73 (23.5.1929)
Date
1929-05-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME r 2 ***'"■ .:. Der Afltisernitisms in Sowjetrußland Und wie er bekämpft wird Das Organ der russisch-jüdischen Kolon isationsgesdlschaft, «Die Tribüne», veröffentlicht Dokumente und Mitteilungen, au« denen zu ersehen ist, daß die Sowjetregierung in Daghestan eine ausgesprochen antisemitische Politik gegenüber den 13.000 Juden, die in Daghestan wohnen, betreibt, die zu einer vollständigen Verarmung der Judenschaft geführt bat. .Tausende Bergjuden, die die ersten Cadres des bolschewistischen Heeres in Daghestan gebildet haben, wurden nach der Demobilisierung dermaßen terrorisiert, daß sie aus dem Lande wegziehen und ihr gesamtes Hab und Out zurücklassen mußten. Die wiederholten Anweisungen der zentralen Regierung wegen Unterstützung der Bergjuden in ihrem Aufbau wurden von den Sowjets in Daghestan vollkommen ignoriert Als das Exekutiv- Komitee der Sowjets in Daghestan sich dennoch entschließen mußte, den Bergjuden 500 Desjatin Boden zu Überlassen, wurden die Bewässerungsanlagen dieser Felder durch die lokalen Sowjets zerstört, das Getreide wurde requiriert, so daß die jüdischen Bauern vollkommen ruiniert wurden. * Im Hinblick auf den sich verstärkenden Antisemi tismus hat die Leningrader Filmgesellschaft «S o wkino* mit der Herstellung einer Reihe Filme, die die Bekämpfung des Antisemitismus zum Gegenstände haben, begonnen. Die Filme werden besonders in Arbeiterklubs gezeigt und von aufklärenden Referaten eingeleitet. -* .Wie Konrzet mitteilt, werden, ähnlich wie bei der großen Metallfabrik in Kertsch, auch bei den Fabriken des Kreises Charkow junge Juden aus den Kreisen der Deklassierten in.großerZah<l angesteHt werden. Bei der im Bau befindlichen Schuhfabrik werden mehrere hundert jüdische Schuster dauernde Beschäftigung finden. Die .Textilfabriken in Komarowke und Woltschansk haben 150 deklassierte junge Juden angestellt, An den Baukursen in Kamenetz-Podotek wurden 320 junge Juden neu aufgenommen. Mehr als 1000 deklassierte Juden wurden in den Zuckerfabriken der Gegend von Charkow und Poltawa eingestellt 2400 Juden wunden für Schwerarbeit nach verschiedenen Städten der Ukraine geschickt. * Im Erdgeschoß der Moskauer Chorsynagoge, in Welchem das Archiv untergebracht ist, brach ein Feuer aus, das große und wichtige Teile des Archivs, Bei den Juden des nahen Orients Reisebilder von B. R, U e s k ü b. Eine jetzt jugoslawische Stadt. Der türkische Stempel aber ist noch nicht verwischt. Besonders in jenem Teil der Stadt, der auf dem jenseitigen Vardarufer liegt. Ueber eine altertümliche Brücke führt der Weg. Schon befindet man sich im orientalischem Straßen- und Basargetriebe. Die Fez-Kopfbedeckung ist fast obligat. Unter den dortigen Kaufleuten sind viele Juden. Die Geschäftsschilder tragen neben den serbischen und türkischen auch hebräische Aufschriften. Die Sprache der Juden ist ausschließlich spaniolisch im Hausgebrauch, wie ja überhaupt die serbischen eingeborenen Juden alle Spaniolen sind. Von einem spezifisch jüdisch-religiösen Leben kann man nicht sprechen. Vielleicht kommt das daher, daß es in Serbien überhaupt keinen Antisemitismus gibt Sofia. Die bulgarische Hauptstadt beherbergt eine ansehnliche Judengemeinde. Sie ist ebenfalls sephardisch, hat aber die Eigenheit, daß sie durchwegs national, ja man kann sagen durchwegs zionistisch gesinnt ist. Die Sofioter Juden und auch Gemeinden des übrigen Bulgarien haben ein selbständiges jüdisches Schulwesen, in dem die hebräische Sprache eine dominierende Rolle einnimmt. Neben dem Beruf der Kaufmannschaft sind Juden in fast allen anderen Berufen tätig und genießen großes Ansehen. Konstantinopel. Schon die ersten Stunden meines Aufenthaltes zeigten die augenblickliche Situation der türkischen Juden, deren «Politik» ja in den letzten Jahren bei der allgemeinen jüdischen Presse die entsprechende Beurteilung gefunden hat. Sie glaubten, wie in Ungarn, durch vollständige Entsagung ihrer Judenrechte oder ihrer Rechte als Juden Gnade und Anerkennung zu finden und sind trotzdem Menschen zweiten Staatsbörgergrades. Ein junger Mann zeigt mir «geheim» •sein Makkabi-Abzeichen, das zu tragen verboten ist, und gleichzeitig in seiner Brieftasche das Abbild Kenia! Paschas, den er zu lieben vorgibt. Nur die Bene Brith-Loge ist noch erlaubt, aber sie blüht im Verborgenen. Das Reisen von Juden aus einer Stadt in die andere innerhalb ihres heißgeliebten Vaterlandes ist ah eine Sondererlaubnis gebunden. Außer der großen sephardisch-jüdischen Gemeinde, die ein eigenes spaniolisches Blatt herausgibt, das nebst hebräischen Büchern im jüdischen Schuhmacherladen zu haben ist, gibt es hier naturgemäß eine sehr bedeutende aschkenasische Gemeinde von seit Jahrzehnten schon und nach der BolschewikenherrctaNnfter Dofcamsnte «ott großem gasdtlcftHicS&i $N€tf, vernichtete. Der Kriminalkommissar als Ritualmordhetzer Der Clief der Kriminal-Mi!« von Chossawisriowsk in Daghestan, Maxim AJdamow, wände zu einem Jahr Gefängnis wegen RitaaJmordhetee verurteilt. In Somi, Ukraine, haben Antisemiten auf der Galerie des Theaters den 14jährigen jüdischen Lehrling Jakob Sarakin, nachdem sie ihn antfsermitfsch beschimpft haben, Ins Parkett hinuntergeschleudert. Der Knabe starb nach drei Tagen an den Folgen der erlittenen Verletzungen. Das „Rauschgift der Religion“ Auf dem Allrussischen Rätekongreß kam bekanntlich Rykow in seinem Bericht auf die Lage der Religion in Sowjetrußland zu sprechen, in dem er u. a. behauptete: Allen Bürgern wind die Freiheit des Glaubensbekenntnisses sowie die Freiheit der antireligiösen Propaganda zuerkannt. Die Bekämpfung des Rauschgiftes der Religion kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie mit der Entfaltung der Massenkräfte und der Umgestaltung der kulturellen Lebensart verbunden ist. Dann werden wir auch die Möglichkeiten haben, solche Ueberbleiibsel des Zarenregknes zu überwinden, wie zum Beispiel den Antisemitismus, dessen Auswirkungen sich leider auch jetzt noch mitunter bemerkbar machen. Jüdische Fragen auf dem nächsten Kongreß der Völkerbundligen In den letzten Tagen dieses Monates tritt der Kongreß der Union der VÖlikerlbundiigen in Madrid zusammen, der sich mit einer Reihe von Fragen beschäftigen wird, welche für die Judenheit von großer Bedeutung sind. Vor allem wird der Kongreß die Frage behandeln, wie der Völkerbund rat Petitionen der nationalen Minderheiten zu erledigen hat. Das «Comitee des Delegations juifs» hat dem Dreierkomitee des Völkerbundes ein Memorandum überreicht, in welcher Form Beschwerden und Petitionen von nationalen Minderheiten zu erledigen wären, welches die Billigung dieses Dreierkomitees gefunden hat. Der Kongreß der Union der Völkerbundligen bat schon wiederholt auf diesem Gebiete mit Erfolg eingegriffen und es ist daher zu erwarten, daß er auch diesmal den Anregungen der jüdischen Delegation den entsprechenden Nachdruck verleihen wird. Die jüdische Vötkerbundliga für Bulgarien hat dem Schaft vermehrten Russeneinwanderung. Aber nd gibt es hier — in der internationalen Stadt — auch Juden aller übrigen Länder und Sprachen. Smyrna. Auch hier ist eine vorherrschend spaniolische Gemeinde. Das Armen-Juden-Viertel wurde von dem vor mehreren Jahren inszenierten Brande verschont, so daß die große, alte Synagoge erhalten geblieben ist. Aber die jüdischen Kaufleute, die im Europäer-Hafenviertel ihre Läden und auch schon Wohnungen hatten, büßten ihr ganzes Hab und Gut durch diesen Kriegsbrand ein. Es gibt hier eine kleine russischjüdische Gemeinde. Als ich mit dem Dampfer von Konstantinopel nach dieser herrlich gelegenen Stadt fuhr und aus Mangel an Gesellschaft vor mich allerlei Melodien, darunter jene der «Hatikwah», hinspfiff, da eilten ganz entzückt zwei junge Menschen herbei und gaben sich als begeisterte Zionisten oder, wie sie sich alle hier nennen: Makkabisten zu erkennen und ließen von diesem Moment von der früheren Gesellschaft ganz ab. Sie sehnten sich sehr nach jüdischem Leben, doch sei dies augenblicklich mehr als gefährlich. Aleppo. Endlich im wirklichen Orient angelangt. Die Abschaffung des Fez, der türkischen Schrift und endlich auch der verhüllten Frau in der modernen Türkei hat den äußeren Eindruck, den man sonst von dem Sultanland hatte, stark beeinflußt, und zwar unangenehm, und hat das Leben unnatürlich gemacht. Vielleicht, nach Generationen, werden die Köpfe der Türken an den Hut gewöhnt sein, die Frauen an die schleierlose Tracht. Aber, in Aleppo, angelangt, da fühlt man den Orient; das Leben der Menschen ist mit der Tracht im Einklang, denn die Tracht der Menschen ist ja die Konsequenz der Lebensbedingungen. Hier tragen auch die Juden und Christen alle den Fez. Ein einheitliches Gepräge, das mit dem übrigen Treiben und Wirken der Menschen im Stadtbild harmoniert. Mein Ankunftstag war der Purimtag. In der Synagoge, die sephardisch ist, ist eine eigenartige Gebetordnung. Jeder hat seine «Rolle Esther», zum Teil auf Leder geschrieben. Alle sagen die Megiliah gemeinsam. Den Abend verbrachte ich in einem arabisch-jüdischen Haus. Die Muttersprache dieser Familie ist arabisch. Der Vater spricht noch hebräisch. Die Kinder französisch, manche, die im Auslande waren, auch englisch und portugiesisch: Also ein Sprachenbabel in der eigenen Familie. Aber sonst geht es hier patriarchalisch zu. Der Hausherr in arabischer Tracht, mit weißem Bart, ist ein würdiger Vorstand der zahlreichen Familie, die sich zum Festmahl vollzählig eingefunden hat. Die Juden Aleppos, zirka 25.000 Seelen — 10 Prozent der Bevölkerung —, feiern dieses Purimfest durch zweitägige Arbeitsruhe. Alle jüdischen Geschäfte sind, wie an jedem Sabbath, gesperrt; es gibt überhaupt in der ganzen Gemeinde Nr. 73 ... ... ■ .■■hmi.iih..-ii«<ii. i Jk Kongreß dos Material über die Verfolgungen der Juden im Jemen vorgelegt, über welche wir in unserem Blatte bereits ausführlich berichtet haben. Die Union der Völkefbundligeft hat bereits Erhebungen Über die Richtigkeit dieses Materials gepflogen und diesen Punkt auf die Tagesordnung des Kongresses gesetzt. Angesichts zweier so wichtiger Verhandtungsgegenstämde erscheint es außerordentlich bedauerlich, daß bei dieser Beratung der Union die jüdische Völkerbundliga Oesterreichs nicht teilnehmen kann. (Zum ersten Male ist die jüdische Völkerbundliga Oesterreichs nicht in der Lage, an einem Kongreß tefizunehmen.) Die argentinische Völ ke r b u nd 1 i,ga hat — offenbar Über Intervention der dortigen jüdischen Bevölkerung — beim Sekretariat der Union der Völkerbundligen den Antrag überreicht, die Union möge sich an den Völkerbumdrat mit dem Vorschlag wenden, Palästina zum souveränen Staat zu erklären. Es ist dies zum ersten Mal, daß eine so bedeutende Körperschaft, die im allgemeinen politischen Leben eine hervorragende Rolle spielt, sich mit dem Aufbauwerk in Palästina zu beschäftigen haben wird. Der Präsident des zionistischen Aktionskomitees, Leo Motzkin, hat daher die jüdische Vötkenbundliga für Palästina aufgefordert, unter allen Umständen an diesem Kongreß teilzunehmen. Die Redaktion der «Stimme* hat dafür Sorge getragen, den Lesern über den genauen Verlauf der interessanten Tagung einen eigenen, ausführlichen Bericht erstatten m können. Baron James de Rothschild wirbt für die Jewish Agency Baron James de Rothschild, der sich zurzeit in Paris befindet, nimmt aktiven Anteil an den Unterhandlungen Über die Vertretung des französischen Judentums in der Jewish Agency, deren konstituierende Sitzung am 15. August in Zürich stattfinden sol-L Beschlüsse des amerikanischen Misrachl Die Konvention des amerikanischen Misrachj, die soeben in New York stattgefunden hat, bewilligte 38.000 Dollar für Propaganda und Administration, darunter eine Zuwendung von 3000 Dollar für die Jugendorganisation «Hamisrachi Hazair». Herr Gedaliah Bublik wurde zum Präsidenten wiedergewählt. Vizepräsidenten sind Rabbi Wolf Gold und Rabbi Elias Inselbuch. Rabbi Mayer Berlin, der Präsident des Welt- Misrachi, wurde zum Ehrenpräsidenten des amerikanischen Misrachi gewählt. (Ita.) nur gezählte Juden, die den Sabbath entweihen. Ihre Gemeinde unterhält noch ein Beth-Din, das noch die meisten Rechtsfälie innerhalb der ansässigen Juden entscheidet. Daß dieses Beth-Din seine Macht auch dazu mißbrauchte, um über die neu entstandene Bene-Brith-Loge den Cherem zu legen, sei nur nebenbei erwähnt. Die Juden Aleppos haben eine fabelhafte alte Synagoge, die auf Grund vorhandener Inschriften fast 2000 Jahre alt ist. Zwei große Säle — ohne Bänke etc. — und zwei Höfe bieten vielen Tausenden Platz. Dieser Tempel birgt ein Heiligtum, in das man nur ohne Schuhbekleidung eintreten darf, denn dort soll der Prophet Eli geweilt haben. Ferner einen Kether Thora, in dem in goldenen Buchstaben die ganze Thora eingeschrieben ist. Für dieses Kleinod wurden der Gemeinde schon große Beträge geboten, um es auch nur abzuphotographieren, aber sie lassen es nicht zu. Ferner eine Thorahüüe aus Silber, die prachtvoll den ganzen Bau dieser Synagoge eingezeichnet hat. Ferner ist eine Stelle an der Wand mit zwei kleinen Oeffnungen, aus denen vor zirka 60 bis 80 Jahren, als «Feinde» eingedrungen waren, angeblich zwei Giftschlangen hervorkamen und die Fremden vertrieben haben sollen. Tatsächlich ist, daß noch heute an dieser Stelle der arabische Bürgermeister Aleppos ein Sühngebet einmal im Jahre verrichtet. Im Hof ist ein Tabernakel aus einem Stein von fünf Meter Länge und zwei Meter Breite aus urdenklichen Zeiten. Mit Recht sind die Juden auf diese Synagoge stolz. Damaskus. Die einst blühende alte Judengemeinde ist stark in ihrer Bedeutung gesunken. Allerdings gibt es noch heute eine ansehnliche Anzahl von Juden, die sich mit jüdischer Wissenschaft beschäftigen, aber ihr Einfluß ist sehr gering. Es ist interessant, daß sowohl in Aleppo, als auch hier in Damaskus, wo es eine geschlossene jüdische Siedlung gibt, wo sie sich als Juden wirklich ausleben können, das neu entstandene Erez Israel fast überhaupt keinen moralischen und praktischen Einfluß ausübte. Trotz der Nähe Palästinas, trotz der wirtschaftlich gedrückten Lage in Syrien, trotz der vollkommenen Verwandtschaft mit dem palästinensisch-jüdischen Leben — sind doch die syrischen Juden eigentlich nie «außer Land* gewesen — haben diese Juden nichts von dem neuen Hauch der Zeit, von dem neuen Leben des heiligen Landes gespürt, leben dahin, ohne Kenntnis davon zu nehmen, auch dann nicht, wenn sie Einladungen erhalten, zu Purim nach Tel-Aviv zu kommen oder zur Messe. Es ist dies auf das orientalisch-träge Beharrungsvermögen zurückzuführen. Damaskus, einst ein wirkliches Zentrum jüdischen Leben«, nimmt an dem neuen Geschehen innerhalb des Weltjudentums fast gar keinen direkten Anteil. Vielleicht wird auch hier bald die Erkenntnis kommen, daß auch die Damascener Juden nur einen TeH der Qesamthcit darstellen. (Schluß folgt.).

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