Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 72 (16.5.1929)
- Date
- 1929-05-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 THE STIMME Nr, 72 Wem Unglück beschieden... Von Scholorit Alejchem ’(SlQß). ' Einen Monat nach der Hochzeit kommt er zu mir gegangen, der feine, junge Mann, ich möchte ihm um Gottes willen gleich zweihundertdreiiundzwanzig Rubel geben. — .Wie kommst du eigentlich auf zweihundertuniddreiundzwanziig Rubel? — frage ich ihn. — So viel betrifft — versetzt er mir ganz kaltblütig — der Preis für den Bierausschank mit Billard. — .Was für einen Bierausschank? Was für ein Billard? — Ich habe — sagt er — ein Geschäft angefangen: ich habe einen kleinen Bierausschank mit Billard übernommen, Assne wird Bier verkaufen und ich wende am Billard stehen und acht geben, wie man drauf spielt; man kann dabei, sagt er, schön sein Geschäft machen. — Ein schönes Geschäft, sage ich zu meinem neuen Geschäftsmann — das paßt sich auch wirklich für dich, so ein Geschäft — ein Ausschank mit Billard. — Spuck drauf! — spricht er — wenn ich bloß von niemandem was anzunehmen brauch’, einmal den Tag ein Stückchen Brot, aber mein eigenes . . . — Mit Vergnügen! sage ich — verkauft euer Bier und spielt auf eurem Billard, was geht das mich an? — Es geht Sie an, sagt er, weil Sie Geld geben müssen, zwethunderturrddreiundzwanzig Rubel. — Was heißt das? Ich muß geben? — sage ich — .von .welchem Gelde möchte ich wissen? — Von meinem Vater seins — versetzt er und verzieht nicht mal eine Miene. Werden Sie miris glauben? Ich hatte die größte Lust, ihn beim Kragen zu nehmen und hinaus zu werfen ans dem Laden zu allen Teufeln! Doch anderseits habe ich mir’s wieder überlegt: mit wem, du lieber Gott, werde ich mich da schmutzig machen? Hol’ ihn der und jener.!. ... — Sage mal, Danütschik — wende ich mich zu ihm — weißt du wenigstens, wieviel von deinem Geld zurückgeblieben ist? — Nein, — .versetzt er — wozu brauch’ ich das zu wissen? Ich .werde' noch Zeit haben, — es üibers Jahr za erfahren, so Gott will, wönn ich ernundzwarczig werde. Da .will ich Ihnen dann Rechenschaft atofohdein „ .« Derweilen geben Sie mir die zweihund^rttmidKfa’eäündziwanzig Rubel, ich will gehen.' Wie ich solche Reden hörte, wurde es mir finster .vor den Augen, Warum, glauben Sie wohl? Nicht etwa deswegen, weil ich, behüte, .vor jemandem Angst habe, denn was habe ich 'Angst zu haben? Ich habe mich wohl m knapp für sie ausgegeben? So lange Zeit eine arme Witwe mit auszuhalten, jedes versorgt und verheiratet und da kommt so ein grüner junge und spricht noch von Rechenschaft fordern! Also kurz, ich haib’s herausgenommen und ihm zweihundertdreiundzwarrzig Rubel gegeben und zu Gott gebetet, daß er mich nun wenigstens in Ruhe läßt . . . Und cs .verging tatsächlich eine ganze Zeit, daß. ich .sein ,.Gesicht nicht anzusehen brauchte! Plötzlich, ich komme einmal nach Hause — aha, er ist, da! . . . Das Herz blieb mir stille stehn, als ich ihn.; sah; aber merken lassen darf man sich sowas nicht, Da stelle ichmich also einfältig und spreche ihn an: — Oh! Ein Gast! .Was ist denn los, Danütschik,! daß man dich gar nicht mehr sieht? Wie geht’s. denn; mit der Gesundheit? Was machen die «Geschäfte»? Die Gesundheit — versetzt er — spuck drauf! aber die «Geschäfte» stehen nicht zu besten. — Gratuliere! denke ich bei mir, —• wünsdh’: bessere Nachrichten zu erleben . 5 . Das riecht wieder nach Geld! . * . — ja, wieso? — sage, ich — es kommt wohl kein Geld ein? — Was für Geld? .Wer spricht von Geld?. Geld, versetzt er, spuck drauf! Ich habe gar keinen Ausschank mehr, ich habe gar kein Billard mehr, ich habe gar keine Frau mehr, sie hat mich schwitzen lassen, Assne, meine ich, aber hol’ sie der Teufel, spuck drauf 1; Ich fahre fort, sagt er, nach Amerika; mein Bruder, ruft mich' schon' lange nach Amerika. Wie ich höre, daß er nach Amerika fährt, fällt mir ein Stein vom Herzen . . . Ich fand mit einem Mal großes Gefallen an ihm . . . Wenn ich mich nicht geschämt hätte, ich wäre ihm um den Hals gefallen . . . — Nach Amerika? — sage ich — immerzu; Amerika, sagt man, ist ein freies Land, die Leute, sagt man, wenden dort glücklich, verdienen Geld haufenweise... Und besonders, wenn man einen Verwandten drüben hat, das ist überhaupt gut ... So bist du also hengeiconwnen, von mir Abschied zu nehmen? Sehr fein 'deinerseits . . . Vergiß wenigstens nicht drüben, ums mal ein Briefchen m schreiben, sl$d ja doch eigene Leute sozusagen . . . Daniel, vretltfchfr tansrt’s bei dir nicht für die Reise? — Da kann ich was beisteuern ... Deswegen — sagt er — bin ich eben hergekommen . . . Dreihundert Rubel muß ich haben. — Dreihundert Rubel? — sage ich — das wird wohl ein bißchen zu viel sein? Ob nicht vielleicht auch anderthalb genug sind? — Was brauchen Sie mit mir zu feilschen? Ich weiß wohl nicht, wenn ich Ihnen sagen würde vierhundert, da werden Sie mir vierhundert auch geben, jawohl, und fünfhundert auch und sechshundert auch.. Aber ich brauche kein Geld. Spuck drauf! Ich-brauche bloß dreihundert Rubel für dre Reise. So versetzt er mir und sieht mir noch in die Augen . . , Dreihundert ... .Wenn ich bloß wüßte, daß es dabei sein Bewenden hat, daß sich damit die Erde verschlossen hat und er endlich aüfhört, allemal zu mir zu kommen, zu diesen und zu dosen und dergleichen. Kurz, ich hab’s ihm gegeben und ihm drei Hundert einen nach dem anderen auf gezählt und noch seinem älteren Bruder ein Geschenk gekauft, — ein ganzes Pfund Tee von Wissotzky und gute Zigaretten Stücker Tausend und etliche Flaschen Karmelwem, und außerdem hat ihm meine Frau eine Ente gebraten und Weißbrote mitgegeben und Apfelsinen und Plagen, meinen Feinden gesagt, und Herzeleid und dies und das und dergleichen auf den Weg miit, und wir haben ihn hinausbegleitet zur Bahn, uns ganz fein verabschiedet von ihm, geküßt, wie mit einem eigenen Kind, Tränen geweint, so mir Gott helfe, ja doch auf meinen Händen XVI. ZIONISTEN¬ KONGRESS Zürich, Juli 1929. KONGRESSPUBLIKATIONEN: 1. Berichte an den XVI. Zionistenkohgrefi: a) Bericht der Zionistischen Exekutive (hebräisch, englisch oder deutsch). . Frs. 3*70 b) Bericht des Keren Hayesod (hebräisch, englisch oder deutsch). . 3*— c) Bericht des Keren Kayemeth Leisrael (hebräisch, englisch oder deutsch). . a 3*— 2. Kongreßzeitung, einziges offizielles Organ des Kongresses, erscheint (in deutscher Sprache) während des Kongresses täglich; - Abonnements in der Schweiz ....... 3*50 „ In den übrigen Ländern .. . ..4*— 3. Stenographisches Protokoll ~ desXVI.Zionistenkongresses (ln deutscher * - ." Sprache), erscheint im September 1929 . ¥ 9*50 Generalabonnement für alle drei Publikationen 16*20 Die Besteller von General-Abonnements erhalten auf die Preise der Gastkarten zum Kongreß 10% Rabatt. Bestellungen sn.d. Bureau d. XVL Zionistenkongresses, Brünn, Lehmstätte 17, Tschechoslovakei; Geldsendungen an den Schweizerischen Bankverein, Zürich, für Rechnung des Bureaus des XVI.. Zionistenkongresses. Die köngreßzeitung und das Kongreßprotokoll sind ein unentbehrliches Hilfsmittel jedes Zionisten, der lückenlose und authentische Information über die gesetzgebende.; Körperschaft des Zionismus wünscht aufgöwachsen, und wirklich ein guter Junge, warum soll ioh’s' leugnen? Er ist bloß ein bißchen, verwildert, aber sonst hat er ein Herz, so ein Jahr will ich haben! Ich will Ihnen die reine Wahrheit satgen, ein bißchen war ich froh, daß er w-egmaefrte, ein Häkchen losgeworden .. . .Und' ein bißchen tat miris leiid; ein junges Kind, ohne Heini ’miid Haus leider Gottes, wer weiß, wohin es ihn verschlägt, und was aus ihm wind' dort, drüben ... Hoffenüicfa schreibt er wenigstens mal... Und vielleicht isfs besser, daß er nicht’schreibt Mag J er dort leben, hundertuh^fünfzig Jahre, und'gtüdkfibh sein! Ich habe zu Gott gebetet für ihn, wie {dr ein eigenes Kind, das dürfen Sie mir glauben ... Also, es waren noch nicht mal zwei Jahre vergangen, seit er sich nach .Amerika aufgemaoht hatte *— öffnet sich da nicht die Tür und kommt nicht irgend ein «Deutscher» herein mit einem hohen Hut, ein schöner Bursche, gesund, breitschultrig und fröhlich und nimmt mich' nicht herum und küßt, mich? . — Was ist denn los? — spricht er — Sie häbeu mich wohl nicht erkannt oder tun Sie bloß, als erkennten sie mich nicht?' — Der Teufel.soll dich nicht holen, DanUtsdhlik, bist du’s? — sage ich wie mit Gelächter, und im Herzen kocht’s in mir wie Feuer. Wann bist, du denn i angekommen, Daniltedwk,.und was,macht du hier?,... — Ah.gekomn:en -.bin Ich;heute, früh—.sagt'er, — und was ich hier mache? Ich' bin, sagt er, zu Ihnen gekommen, um abzurechnen. Wie ich das Wort abrechnen, höre, fühle ich gleich drei Löcher in der -Brust. Was für Rechnungen hat. er Was brauchtest da efiefit noch gar von soweit her 2it bemühen? Du lieber Gott, du wolltest abrechnen, da hättest ja durch die Post schicken können, was mir heFauskommt ... — Was Ihnen herauskommt — sagt er mit einem netten kleinen Gelächter — ich weiß nicht, wem bei wem etwas herauskommt ... ich fürchte sehr, daß von Ihnen etwas herauskommt ... —■ .Wem — sage ich — dir etwas? . . . — Mir, sagt er, und meinen Brüdern und meinen Schwestern, uns allen ... Ich bin eben deswegen extraaus Amerika gekommen, um mit Ihnen für uns alle abzurechnen ... Ich will Rechenschaft über Vaters Geld . . . Was Ihnen kommt, werden Sie sich ahziehen, was uns kommt, werden Sie uns herauszahlen . . j. Und sollte sich’s dabei um eine Kleinigkeit handeln, spuck drauf, wir werden gewiß einig werden, uns, behüte, nicht zanken deswegen . . . Was also machen Sie denn Guts? Was machen die Kinder? Ich habe jedem sein Geschenk miitgebracht ... Mir war’s eine Minute, als sollte ich in Ohnmacht fallen oder einen Stuhl packen und ihm den Schädel einschlagen ... Ich habe mich zu rückgeh alten und ihn gebeten, so Gott will, nach Wochenende zu mir zu kommen, da werden wir abrechnen, und selbst bin ich vom Hause weggefahren, bei Advokaten herumfragen: was tut man, wie wird man dieses üble Päckchen los? ... Die Advokaten aber, weiß der Teufel, ob sie wirklich nichts wissen, oder ob sie bloß tun, als wüßten sie nichts? . . . Der eine sagt, nachdem mehr als zehn Jahre vorüber sind, ist’s verjährt; der andere sagt: Nein, bin ich einmal Vormund, da können hundert Jahre vergehen, ich bin Rechenschaft schuldig . . . Nun frage ich bloß das eine: Wie soll ich Rechenschaft ablegen, wenn ich kein Buch drüber geführt habe und gar keine Rechnung? ... Da meint der Advokat: Dann ist’s wirklich nicht gut . . . «Nicht gut, sage ich, das weiß ich selber. Geben Sie mir lieber einen Rat: was tut man?» ... Da bleiben ihm die Worte weg!... Ich bin aus Eisen, hören Sie, daß ich’s aushalte! Wozu hat das mir getaugt, frage ich Sie, der ganze Disput und die ganzen Kopfschmerzen und das ganze dies und das und dergleichen? Welcher Satan trieb mich, daß ich ein Vormund für fremde Kinder werde? Wärs .nicht tausendmal besser gewesen, wenn ich damals lieber am Fieber krank gelegen oder einen Fuß gebrochen öder sonst irgendein Unglück mich getroffen hätte? Bloß nicht so. ein Päckchen auf den Buckel kriegen, mit einem Vormund, mit einer armen Witwe, mit Waisen, mit einem Daniltschik, mit einer Abrechnung, rriit -(Bes und das und dergleichen.! , Kleine Nachrichten Die arabifehc Zeitung „Me r aa t El S ch e r k“ fchlagt eine Löfung der Parlamentsfrage Paläftinas in der -Weile vor, daß ein arabifches und ein -jüdifches -Parlament gefchaffen werden und daß ein von beiden Parlamenten eingefetzter Ober, ft er Rat in wichtigeren Fragen eritfeheiden foll. *> Wie foeben ' vom Einwanderungsamt mitgeteilt wird, find im Monat Februar ipz? 483 Perfonen, unter ihnen 378 Juden, in Paläftina eingewandert, während 166 Perfonen, unter ihnen 104 Juden, das Land verladen haben. * Der Vorfitzende der Mannheimer jüdifchen Gemeinde, Herr Dr. med. Julius Mofcs, bisher Dozent an der Handelshochfchule, ift vom Badifchen Staatsminifterium zum Profeffar an . der Handelhochfchule ernannt worden. Herr Profeffor Dr. Julius Mofes. fteht feit Jahrzehnten an führender Stelle im jüdifchen fozialen und geiftigen Leben fowic in der zioniftifchen Bewegung. Präfident Hoover ernannte zum Vizchandclsminifter im neuen araerikanifchen Kabinett den bekannten jüdifchen Statiftiker Dr. Julius Klein, der in den letzten acht Jahren Chefdirektor des ftaatlidien Bureaus für . inneren und äußeren Handel der Vereinigten Staaten war. (J. T. A.) * Der Verein der ausländifchen Preffe in Paläftina gabt zu Ehren des Oberkommiffars Sir John Chancellor und Lady Chancellor einen Tee. In feiner Anfprache kündigte Sir Joljn Chancellor an, daß er während feines Aufenthaltes in Europa der Mandatskommiffion des Völkerbundes in Genf Aufklärungen über die Paläftina-Adminiftration geben wird. Das paläftinenfifche Oberfte Gericht hat die Klage eines Juden gegen einen Poftmciftcr, der die Entgegennahme von Telegrammen in hebräifcher Schrift abgelehnt hat, mit der Begründung zurüdsgewiefen, daß zwar Hebräifch eine offizielle Sprache des Landes fei, daß aber die hcbräifchcn Telegramme nur in lateimfeher Schrift cntgcgcngcnömraen werden können. ' * '■ ■ Die, englifche Königin hat bei. Eröffnung qne? Nenbaücs des Elifabcth-Garrett-Anderfon-Höfpitals dem ebenfalls apwefenden berühmten jüdifchen Philanthropen Bernard Baron perfönlich den Dank dafür ausgefprodien, daß er durch feine Schenkung von $000 Pfund die Vollendung des Neubaues ermöglicht hat. mit mir, der Ttftgenicfrte? . . . Doch ich machte mr ein Herz und spreche zu ihm: -m- Abrechnung der Büchsenteerung. Die Gruppen, die noch nicht verrechnet haben, werden hiemit aufgefordert, die Büchsenleerung umgehend zu verrechnen.