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Die Stimme · 1929-05-16 · Heft 72 (16.5.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 72 (16.5.1929)
Date
1929-05-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 72 Der Weg des jüdischen Menschen vom Dorf in die Großstadt Untersuchungen über die jüdische Siedlung der letzten 100 Jahre. — Der Zug nach dem Westen. — Fortschreitende Pröduktivierung Von Dr. Leo Goidhammer. Unsere Gesdhichtstorscher haben sioh noch nicht davon überzeugen lassen, daß die Entwicklungstendenzen eines jeden Volkes und damit auch des jüdischen durch den ökonomischen Faktor entscheidend beeinflußt werden (womit keineswegs gesagt sein soll, daß die geistigen, kulturellen, rechtlichen oder demographischen Faktoren keine oder auch nur eine nebensächliche Rolle spielen). Es ist daher auch kehl Wunder, daß die Arbeiten ökonomisch-statistischer Natur auf jüdischem Gebiete so selten sind und daß sich allgemein die Ansicht breit gemacht hat, die Geschichte der Juden sei entweder bloß eine Geschichte des jüdischen Geistes oder der jüdischen Leiden. Das Jüdisch-wissenschaftliche Institut in Wilna, welches bisher eme Reihe von wertvollen Arbeiten auf dem Gebiete der jüdischen Sprachwissenschaft und jüdischen Folklore publiziert hat, erwirbt sich nunmehr durch die Veröffentlichung der «Schriften für 0 e ko n om i k und Statjstik, I. Band» unter der Redaktion des bekannten jüdischen Wirtschaftswissenschaftlers Jakob Lesczinsky ein unvergängliches Verdienst. Wenn auch von den mehr als dreißig Arbeiten, die zusammen fast 35 Druckbogen umfassen, nicht alle gleichwertig sind, so wird doch niemand, der sich mit Fragen jüdischer Oekonomik beschäftigt, dieses Werk unbeachtet lassen können. Die umfassendste Arbeit des Bandes ist die von Jakob Lesczinsky, deren Ergebnisse im Nachfolgenden in Kürze wiedergegeben werden sollen, weil sie eine Reihe von wertvollen Aufklärungen über die Wirtschaftsentwfiöklung des jüdischen Volkes bieten und weil sie überdies Anregungen geben, die vielleicht auf fruchtbaren Boden fallen und eine Anzahl von ergänzenden Arbeiten hervorrufen werden. Die Arbeit Lesczinskys zerfällt in zwei Teile. Im ersten, kürzeren wird dlie za h 1 e n m ä ß i g e Entwicklung des jüdischen Volkes in den Jahren 1825—1925, sowie die Siedlungsform in dieser Zeitperiode dangest eilt. Lesoziinsky errechnet, daß sich' die Zahl der Juden im Jahre 1925 auf ca. 15 Millionen belief, und daß sie daher gegenüber 1825 sich auf das fünffache erhöht hat. Während dm Jahre 1825 von dem Weltjadenfum 0.3% in Amerika lebten, betrug die-Zahl, der Juden in Amerika im Jahie 1925 bereits 2 9.5% des Judentums der ganzen Welt; außerdem konstatiert der Autor, daß sich" das Zentrum der Judenhedt anhaltend aus den osteuropäischen Staaten nach dem Westen versohiebt. Im Jahre 1880 konnte man in 0 s t eu>r opa noch 85.7% aller Juden antreffen, während im Jahre 1925 dortselbst bloß 5 1.5% wohnten. Die Siedlungsform in den früheren Jahrzehnten war eine solche, daß das jüdische Element in den Dörfern und Kleinstädten anzutreffen war, allmählich aber beginnt sich die Tendenz durchzusetzen, daß das Judentum in die großen und schließlich in die größten Städte übersiedelt. In den 14 Städten der ganzen Welt mit mehr als 1 Million Einwohner (in all diesen Städten lebten .1925 ca. 38 Millionen Menschen) hielten sich im selben Jahre 3^ Millionen Juden auf. Das ist mehr als ein Fünftel der gesamten Judenheit fler Welt. Nimmt man jene Städte hinzu, die in den einlelnen Ländern als Großstädte angesehen werden könnten, io leben heute bereits in all diesen Großstädten mehr als Ired Viertel der gesamten Judenheit. Daher muß man heute das jüdische Volk als ein Großstad.te lern ent kat exochen bezeichnen. Im zweiten Teil seiner Arbeit sucht Lesczinsky an Hand eines ungemeän reichhaltigen Ziffernmaterdales die soziale und wirtschaftliche Umschichtung der Judenheot innerhalb der letzten 100 Jahre darzulegen. Wir wollen mit dem Autor nicht darüber rechten, ob die ihm für die ersten Jahrzehnte des behandelten Zeitraumes zugänglichen Daten ausreichen, um die wohl allgemein verbreitete aber nicht unbedingt gültige Behauptung zu erweisen, daß die Juden bis gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts fast eine einzige Klasse bildeten. Wir glauben vielmehr, und glauben in den bisherigen sowjetischen Publikationen eine gewisse Unterstützung unserer Ansicht zu finden, daß ein gründliches Studium der In den Archiven noch ungeboben ruhenden statistischen Schätze die gegenteilige Ansicht erweisen könnte. Aber das Ziffemmaterial, welches Lesczinsky für die letzten Jahrzehnte beibringt, ist erschöpfend genug, um die Schlüsse, die daraus vom Autor gezogen werden, zu stützen, ln den früheren Jahrzehnten bildeten nach Lesczinsky die Juden einen einzigen Stand, der die Vermittlerrolle zwischen den Höfen des Großgrundbesitzers und denen des Bauern spielte. Der Jude war in dieser Zeit der Pächter, der Schänker und Kleinhändler; 80% aller berufstätigen Juden waren in diesen Kategorien beschäftigt, die eine heute fast unfaßbare geistige und wirtschaftliche Enge bewirkten, bitterste Not und dauernde wirtschaftliche Krisen lierworriefen, starke Binnenwanderung, aber auch ttarke Bestrebungen zur Pröduktivierung des jüdischen Lebens zur Folge hatten. Wie immer früher die BerulsverteUuitg gewesen sein mag, — heute sind, das steht fest, bereits ungefähr 50% aller Juden in produktiven Berufen tätig. Ihre Zahl hat sich nach den Angaben des Autors gegenüber früheren Zeiten 3—4mal vergrößert. Inder Landwirtschaft sind ungefähr 500.000 Juden tätig; von ihrer Lohnarbeit als Handwerker, Arbeiter und Angestellte leben heute ca. 4 MMlionen Juden, und zwar in den europäischen Ländern ca. 2 Millionen und 22 Millionen in Nordamerika. Noch immer aber läßt sich die für die Zukunft wenig erfreuliche Erscheinung beobachten, daß die Juden hauptsächlich in der Manufaktur, und nicht in den Fabriksindustien tätig sind. So sind in der Metall-, Textil- und Bauindustrie 2 — 3mal weniger Juden als Nichtjuden beschäftigt, dagegen in der Bekleid a n g s Industrie 5 m al mehr Juden als die Nichtluden; -60—70% aMer jüdischen Proletarier arbeiten als Handwerker, <Üe dem unmittelbaren Konsum dienen. Die Angestellten machen-35 —36% aller jlüdiscihen Proletarier aus. Landiwirtisöhaftfiche Arbeiter sind mit Ausnahme der im Verhältnis zur Gesamtjudenheit sehr geringen Zahl in Palästina, sonst fast nirgends bei den Juden vorhanden. Die Feststellungen,' weiche Lesczinsky macht, sind von größter Wichtigkeit für jede jüdische soziale Arbeit. Sie lassen erkennen, wo der Hebel anzusetzen ist, u-m Schwächen in der gesamten Wirtschaftsstruktur der Juden zu beseitigen, um günstige Phänomene in den Zionistiseftes Sandes- ^onMeefüeVstetweMi Donnerstag, den 23, xal 1929, präzise 8 Uhr abends, ' C«fd& Excel§U»r, I., Rotenturmstr. 24 Vortragsabend Referenten: Ing. Josef Mährer: „Die österreichische . Sozialdemokratie, undwir*? - ... , . (Eine Auseinandersetzung über die Äbfallbewegung unserer Jugend). Xfäohster Vortragsabend: Donnerstag, den 6. Juni, 8 Uhr Cafe Excelsior L, Rotenturmstr 24. Referent Ing. Schechet: „Die Trumpeldörjugendbewegung**. .. i ' i ■ ... . Wirtischatftstendenzen der Judien durch entsprechende 'Förderung zu ‘ intensiviere^.' Auch mit aiteingebüngerten Meinungen, die bereits 'zu Vorurteilen . wurden, räumen die Ergebnisse der Lesczinskyschen Untersuchung auf, vor a/llem mit der Meinung, daß die Juden in den produktiven Berufen der modernen Wirtschaft nicht vertreten seien. Wir'sehen kn Gegenteil die Tendenz zu immer stärkerer Pröduktivierung. Alle diese Erscheinungen sind auch für die praktische jüdische Wirtschaftspolitik in Organisationen und Gemeinden überaus beachtenswert. jüdische Kandidaten für das englische Parlament . Aus London meldet I. T, A.: Innerhalb aller' drei englifchcn Parteien kandidiert eine beträchtliche Zahl Juden in das Unterhaus. Von den konfervativen jüdilchen Kandidaten find zu nennen der Unterftaatsfekretär beim Schatzamt, M. A. Samuel, der Unterftaatsfekretär für das Luftfahrtwefcn Sir Philip Salloon, Samuel Samuel, Sir Walter D. Frece, Major J. B. Brulel-Cohen und Major Ifidor Salomon, die bereits dem jetzigen Unterhaus angchören, fowie die Herren S. Gluckftein, L. H. Gluckftein, Samuel H. J. Solomon und Bloch, die neu kandidieren. Von den jüdifchen Kandidaten der Arbeiterpartei find zu nennen der frühere Arbeitsminifter Shinwell und Colonel Day, die dem jetzigen Parlament angehören, und die neu Kandidierenden C. E. Spero, L. Spero, G. R. Strauß, J. H. Baum und M. Marcus. Auf dem Programm der liberalen Partei kandidieren außer den bisherigen Parlamentsmitgliedern P. A. Harris, E. A. Strauß und Major Hore-Belifha noch Sir Samuel, Major H. L. Nathan, L. B. Franklin, L. Frecdman, M. J. Landa, H. B. Mackower, C. Picciotto, S. Teff, Philip Guedalla, Marcus Lipton, W. E. Baron, Oberftlcutnant C. Waley-Cohen, S. Philips, R. G. Liverman und S. I. Cohen. Fünf Tage sollst du arbeiten ... New York. Die Bewegung für die Fünftagearbeitswoche, für die bekanntlich der Weltverband der Schomre-Schabbos eintritt, da sie die beste Gewähr für die Sabbathbeobachtung bietet, hat in Amerika einen großen Erfolg zu verzeichnen. Im gesamten Baugewerbe, in welchem in New York 150.000 und in den Vereinigten Staaten 650:000 Arbeiter beschäftigt findtritt am 24. August die Fünftagearbeitswoche in Kraft.; Von der hebräischen Universität in Jerusalem Die Hebräische Universität hat soeben ein Jahrbuch für das Jahr 5688/89 veröffentlicht, das eine Uebersicht über die Entwicklung der Universitätsinstitute sowie über die finanzielle Lage der Universität in dem Berichtsjahr enthält. Der Bericht gibt u. a. folgende Einzelheiten: Das Budget hat sich von 40.243 Pfund im Jahre 5687 auf 51.653 Pfund’im Jahre 5689 erhöht. Das größte Budget weist das Judaistische Institut auf, dessen Ausgaben mehr als 8000 Pfund pro Jahr betragen. Einen ebenso großen Betrag erforderte die National Bibliothek. — Die H a u p t e i n n a h m e n der Universität stammen aus den Vereinigten Staaten, die ihren Anteil am Budget von 16.000 Pfund im Jahre 5687. auf 30.737 Pfund im Berichtsjahre» erhöhen konnten. * An der Universität fand aus Anlaß der Anwesenheit des Professors an der Genfer Universität-und Leiters des Instituts Jean Jacques Rousseau Edouard Cläpar ede eine von jüdischen Gelehrten und zahlreichen früheren Schülern des Gastes besuchte Versammlung statt. In den Ansprachen wurde Claparede als großer Gelehrter und warmherziger Menschenfreund gefeiert. In seiner Dankrede führte Prof. Clapärede, aus, er hege große Bewunderung für das jüdische Regenerationswerk, das er zu studieren Gelegenheit gehabt hat. Die Rollen seien jetzt vertauscht, nunmehr könnte die Schweiz von Palästina den Willen zur Regeneration sowie Begeisterung und Energie lernen. Waad Leum! und Agudah protestieren gemeinsam in Aachen der Klagemauer Jerufalem. Im Hinblick auf die letzten Ereigniffe an,'der Klagemauer,; wo die betenden Juden von Moflemiten mit Steinen bew'orfen wurden und der jüdifche Kultusbearnte fchwer verletzt wurde, Hielten der Waad Leumi, die Oberrabbiner und die Führer der Agudah eine gemeinfame Beratung ab, '.in dfer befchloffen wurde, der Regierung ein Memorandum' zu überreichen, in welchem gegen die Unfichcrheit der Andacht an der Klagemauer proteftiert und die'Regierung aufgefordert wird, folche Maßnahmen zü treffen, die eine Bedrohung, der betenden Jud$n ausfchlicßen... Rumänisches Judentum und Jevvish Agency ' Bukareft. Die rumänifche Jewifh-Agenoy-Kommiffion überg|ab den jüdilchen Gemeinden ein Memorandum, io welchem auf die Bedeutung der Erweiterung der Jewifh Agency hingewiefen' wird. Altrumänien erhält zwei, Beffarabien,' die Bukowina und Transfylvanien erhalten je einen Vertreter im Agency-Rat. Die Gemeinden werden aufgefordert, die Initiative ziir Einberufung eines K o n g r e f f e s der rumätiifchen Juden unter Beteiligung der Keren-Häjeffod-Komitees zwecks Wahl der rumänilchen Agency-Vertreter zu ergreifen. Bolschewistische Erziehungsarbeit gegen den Antisemitismus Moskau. Im Zuge der Kampagne zur Bekärapfung des Antifcnvitismus find dieler Tage die erften ioo „Pioniere“, d. f. Zöglinge kommuniilifdier S ch u l e n, aus Moskau zum Befuche der jüdilchen Kolonien in Weißrußland, der Krim und der Ukraine abgereift;, wo fie jüdifchcs Leben und jüdifche Arbeit kennen lernen follen. Die „Pioniere" führen Gefchcnke für die jüdifchen Koloniftenkinder mit fich. * Odeffa. Die oberfte Schulbehörde Odeffas hat einen der Leiter der. Odeilaer technifchen Kurfe „Uftanowska“, den Lehrer Wosniak, entlaßen, weil er die jüdifchen Schüler fortgefetzt antifemitifch befchimpft hat. Weltverband ffir jüdischen Selbstschutz Paris. Schalom Schwarzbart und Advokat Eberfin haben einen Aufruf zur Schaffung eines Welcverbandes für jüdifchen Selbftfchutz gegen Pogrome veröffentlicht. In dem Aufruf wird an die Schrecken der Pogromjahre 1919 und 19ZO erinnert und betont, daß die Auffaffung, es könnte eine folche Epoche nicht wiederkehren, falfch fei. Man muffe für alle Fälle gerüftet fein. Auflösung der letzten Chaluz-Kolonie in Rußland Die Kolonie „M i f ch m a r" auf der Krim, die letzte der Chaluzim-Kolonien in Roßland, wurde von den eigenen Mitgliedern a u f g e 1 ö ft, weil die Sowjetverwaltung fie zwingen wollte, auch Nichtchaluzira in die Kolonie aufzunehmen. Die Mifchmar-Chaluzim erfuchten die Zentralregierung um die Erlaubnis, nach Paläftina auswandern zu dürfen. Chajes-Realgymnasium, II., Castellezgasse 35 Anmeldungen in die erfte bis achte Klaffe täglich tw&hca U und 1 Uhr in der Dircktionskanzlei.

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