Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 72 (16.5.1929)
- Date
- 1929-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. n DIE BI'BBIfc Sette* Theodor Herzl und die jüdischen Grubenarbeiter von Boryslaw Auseinandersetzung mit Baron Gutman« — Die Ausbeuter und die Ausgebeuteten« Ein unbekannter Herzlbrief Es war gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, als die jüdischen Grubenarbeiter des Drohobycher Petroleumreviers — ungefähr dreitausend an Zahl — die der gali zischen Rohölindustrie, die sich um jene Zeit in den ersten Stadien ihrer Entwicklung befand, durch viele Jahre schwere, gefahrvolle Pionierdienste geleistet haben, plötzlich, mit „Ukasu des antisemitischen Grubendirektors Schumski, aus ihren Arbeitsplätzen verdrängt und durch polnische und ruthenische Arbeiter ersetzt wurden. Die Rohölquellen des Drohobycher Reviers, die bekanntlich von zwei armen Boryslawer Juden entdeckt wurden, befanden sich damals im Besitze der Wiener Länderbank, deren Hauptaktionäre um jene Zeit die jüdischen Barone Rothschild und von Gu tman waren. Diese jüdischen Barone hatten nichts Eiligeres zu tun, als den polnischen Antisemiten Schumski zu ihrem bevollmächtigten Generaldirektor für das ganze Naphthagebiet zu ernennen, der es sich nach seinem Dienstantritt zur Aufgabe gemacht hat, die „Judendomäne“ Boryslaw von den jüdischen Arbeitern zu säubern. Ungefähr dreitausend jüdische Grubenarbeiter, die Pioniere der galizischen Rohölindustrie, wurden eines schönen Tages auf die Straße geworfen und dem elenden Hungertode preisgegeben. Die hilflose, unorganisierte jüdische Arbeitermasse wandte sich in ihrer Verzweiflung an jüdische Notabein in Lemberg und Wien, schickte Deputationen zu den jüdischen Baronen Rothschild und Gutman, richtete unzählige Jammerpetitionen an die verschiedensten Stellen — aber ihr Flehen und Hilferufen blieben immer ungehört. Die jüdischen Barone konnten den Mut nicht aufbringen, sich vor ihrem christlichen Generaldirektor zu den armen jüdischen Arbeitern zu bekennen und der „Ukas“ des Pan Schumski blieb daher in Kraft. Da fiel es dem Boryslawer Grubenarbeiter Friedmann, der gegenwärtig in New York lebt, ein, das Leid dieser hilflosen jüdischen Arbeitermassen Theodor Herzl zu klagen, dem Manne, dessen erlösender Ruf um jene Zeit zum erstenmal erscholl und gleich bis in die entlegensten Armenhütten der jüdischen Massen drang. Es war nach dem ersten Zionistenkongreß, der wie ein geheimnisvolles messianisches Zeichen plötzlich durch die ganze jüdische Welt zu leuchten anfing. Ueberall bildeten sich zionistische Vereine und Gruppen, deren Mitglieder sich bereit hielten, dem Rufe des Dr. Herzl zu folgen. Auch unter den jüdischen Grubenarbeitern Boryslaws waren zahlreiche Chowewe Zion, die der von Herzl geschaffenen Bewegung innerlich sehr nahestanden, und sie entsandten daher ihren Führer Friedmann, nach Wien, um Dr. Herzl die Grüße und die Huldigung der Boryslawer jüdischen Arbeiter zu überbringen und ihm zugleich ihr Schicksal zu klagen. Theodor Herzl versprach dem jüdischen Arbeiterdelegierten, sich , für die berechtigten Forderungen der jüdischen Arbeitermassen energisch einzusetzen. In seiner ersten Unterredung mit Friedmann, den Herzl in der Redaktion der „Welt“ empfing, erklärte er: „Ich werde das an den jüdischen Arbeitern verübte Ünrecht nicht dulden. Wir werden einen Plan ausarbeiten und den hilflosen jüdischen Arbeitern helfen. Auf jeden Fall werde ich dafür sorgen, daß man über die Not der jüdischen Arbeiter nicht zur Tagesordnung übergehen wird." Tatsächlich erschien nach kurzer Zeit ein aufsehenerregender Artikel in der „Neuen Freien Presse“, in dem die Verzweiflung der jüdischen Grubenarbeiter geschildert und das an ihnen begangene Unrecht gebrandmarkt wurde. Im österreichischen Reichsrät brachte dann der sozialistische Abgeordnete Ignatz Daszynski eine Interpellation an die Regie- Nur diese Schwedenklitige macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke rung ein und das Ministerium des Innern sah sich veranlaßt, eine Kommission nach Boryslaw zu entsenden, um die Angelegenheit zu untersuchen. Das Problem der dreitausend jüdischen Grubenarbeiter* die von dem antisemitischen Beauftragten der jüdischen Barone brotlos gemacht wurden, stand plötzlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Einige Zeit, nachdem Friedmann Wien verließ, erhielt er von Herzl nachstehenden Brief, der aus den. bisherigen Herzl-Publikationen nicht bekannt war: Wien, den 7. VH. 1898» Sehr geehrter Herr! ,Wie ich schon vor einigen Tagen nach Boryslaw schrieb, hat die Sache der Erdwachsarbeiter meine volle Aufmerksamkeit. Die nächste Hilfe, die ich für Sie suchen will, ist die, daß ich der hiesigen Israelitischen Allianz die Angelegenheit dringend nahelege. Ich werde zu diesem Zweck Herrn D, v. Gutmann seiireiben. Dazu kommt noch, daß die sioh bildende Jugend die geistigen Güter des deutschen Volkes in sich aufnimmt, ohne gieichizeiitiig auch das jüdische Schaffen, und unseren Anteil an der aiHmensohliohen Kultur zu erfassen. Sie wlhd daher zwangsläufig zur Verherrlichung alles Fremdnationalen und ®ur Geringschätzung: des eigenen Volkes veranlaßt. Nun tnuß aber auch geklärt werden, weshalb die Re-! siU'ltatc des •Religionsunterrichtes so fcläigliöh sind, obwohl wir im Verhältnis zu den früheren Jahren viel bessere Lehrer an den jüdischen Mittelschulen wie an den Volks-, schulen haben. Die Gründe dieses Mißerfolges sind mannigfach: zum Teil sind sie grundsätzlicher Natur und unabänderlich, zum Teil nur sekundärer Art, durch unser eigenes Verschulden entstanden, daher reparabel. — Schon die Bezeichnung «Religionsjunternicht» ist eine Falschmeldung, die vom christlichen Religionsunterricht schablonenhaft auf unseren Judentums-Unterricht, der das jüdische Wissen, diie jüdische Geschichte, das gesamte jüdische Leben umfaßt, übertragen wurde. Ist doch die Aufgabe des kabholfsohen Katecheten eine viel leichtere als die des jüdischen Reftigionsiehrers. FKir das christliche Kind bedeutet die Schule eine harmonische Fortsetzung, eine Erweiterung und Vertiefung des Famillenleibens. lau Hause werden alle katholischen Festtage gefeiert, das Kind wird schon im vorschufpfllohtigen After in die Kirche geführt, die mythischen und geschichtlichen Gestalten seiner Religion und Nation sind Ihm schon vom Haus aus bekannt. Der Katechet braucht nicht das Kind in eine neue Sprache einzufübren, auch nicht die Geschichte und Literatur seines Voikes zu lehren, denn das besorgen schon im ausreichenden Maße die Fachlehrer. Und so kann der Katechet das ziemlich eng umschriebene Lehrziel, wie Geschichte der Religion, Dogmen, Bräuche u. a. m. in den zwei Wochen* stunden erreichen. Wie anders jedoch der jüdische Religionslehreri Schon um die Schuljugend zur aktiven Anteilnahme am Gottesdienst toezw, zum Gebet zu Bause zu befähigen, muß er sie in eine Ihr ganz fremde, antike klassische Sprache mit eigenen Scfcrtfrfezeichen einführen. Soft die Schuljugend mit den ewigen Schätzen des jüdischen Geistes aus seiner Urquelle vertraut gemacht werden, so muß der Redigionslehrer sie in den Urtext der Bibel einführen, also einen Unterricht in einer antiken, klassischen Literatur erteilen. — Da bei uns Juden die Institution des Mittlers zwischen Gott und Menschen perhorreszdert wird und jedes Individuum im Gebet direkt mit Gott In Verbindung tritt, so muß der Lethrer die Kinder auch in dta Liturgie einftitireiu — Soll ferner in der Jugend der jüdische Enthusiasmus geweckt und. gepflegt werden, so muß der Lehrer sie in die biblische und nachöiblisöhe Geschichte ehufiühren. Und da die mehr ate dreitausendjäbrige jüdische Historie zum großen Teil Geistes geschickte dars teilt, so muß auch Literaturgeschichte getrieben werden. All das ist nicht mehr Religionsunterricht im landläufigen Sinne, es ist Judent« rasunter rieht mit all seinen Zweigen, die aus dem 4000 Jahre alten Baumstamme emporragen. Und darum ist . auch die Mission . des . Judentumslehrers, genannt Religionsdehrer, recht schwer. Nun kommt aber noch dazu eine andere Erschwerung: Für den; Religionsunterricht sind nur 2 Stunden, auf der Unterstufe sogar nur 1 Stunde, in der Woche anberaumt. Das Schuljahr hat mir 42 Wochen* daher 84 ReHgionsstunden. Zieht man jedoch die chrtstticben, jüdischen und Staatsfeiertage sowie noch andere schulfreie Tage ab, so verbleiben kaum 64 Stunden im Jahre, da aber auch die Schulstunde bloß 50 Minuten hat und auch von diesen mindestens 5 Minuten durch Klassenbucheintragungen u. s. w. verloren gehen, so sind es bloß 48, auf der Unterstufe nur 24 Vollstunden im Jahre, die dem Lehrer für eh» Klasse von etwa 20—35 Schülern zur Verfügung stehen! Auch der bestqualtürierte ' Lehrer kann in dieser winzigen Stundenzahl tm Judentumsunterricht, wie ich ihn früher skizziert hübe, einen nur sehr geringen Erfolg erzielen. Wenn jedoch auch dieser minimale Erfolg trotz des guten Lehrermaterlaies nicht erreicht wird, so ls( die« die Folge zweier Ursachen, die wir selbst wi vecantwooten haben. $Btq zweiter- Artikel fofefJ LLOYD RIESTMO DIREKTE LINIE TRIEST-IAVFA UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag 8 Uhr abends. Fahftdauer unter Berührung von Brindisi bloß ö1/, Tage Fahrpreise: I. KI. Lst. 22.-.-. II. Kl. Lst. 15.-.-, III. KL Lst. 6.—.— inklusive Kabine und Verpflegung. Eine Fahrt Triest—Jaffa—Haifa und zurfick kostet ln der III. Klasse Inklusive Kabine und Verpflegung bloß österr. Sch. 345.—. Für Gesellschaftsreisen besondere Ermäßigung! Auskünfte: Lloyd Triestino. Wien, 1., Kärntnerring 6 Telephon U 46-0-53, U 46-0-54, U 46-0-55. ■ Was die Israelitische Allianz thun wird, weiß ich noch nicht. Jedenfalls aber werde ich auf dem Congreß in Basel Ihren Fall zur Sprache bringen und die ganze Welt aufmerksam machen. Bis dahin kann ich Sie leider nur bitten, sich in Geduld zu fassen. Hochachtungsvoll Ihr ergebener Th. Herzl. Schicken Sie mir eine eigene Petition, die als Notruf an den Congreß adressiert sein solL Friedmann kam dann ein zweitesmal nach Wien und wurde von Herzl dem Baron Gutmann vorgestellt. Der Baron empfing sie im Beisein des Präsidiums der Israelitischen Allianz und anderer jüdischen Notabein im Bureau der Allianz. Er war sichtlich entrüstet über die „jüdische Unzufriedenheit“, die Herzl, der, „Träumer, und Feuilletonist“, geschürt und wollte sich anfänglich zu keinerlei Konzessionen an die brotlos gewordenen jüdischen Arbeiter verstehen. Herzl aber ließ sich von dem übelgelaunten Baron nicht beirren. „Wißt Ihr, meine Herren“ — wandte er, sich an die versammelten Notabein — „wen Ihr, in Boryslaw dem Elend und dem Hungertod preisgegeben habt? Es sind die besten Elemente des jüdischen Volkes. Ja, die besten und ehrlichsten Elemente, die unser Volk’ besitzt. Diese dreitausend jüdischen Grubenarbeiter, sind das stärkste und überzeugendste Argument, mit dem wir unseren antisemitischen Feinden im Parlament, in der Presse und in den öffentlichen Hetzversammlungen entgegentreten können. Diese dreitausend jüdischen Grubenarbeiter, sind ein hinlänglich klarer Beweis, daß wir kein Volk von Wucherern und Ausbeutern sind. Spricht man von jüdischen Ausbeutern“ r— setzte Herzl fort, indem er die .Versammelten scharf ins Auge faßte — „so denkt man in erster. Reihe an die Gutmanns und Rothschilds, ist aber, von jüdischer Produktivität und ehrlicher. Arbeit die Rede, so zieht man als Beispiel die jüdisehen Grubenarbeiter Boryslaws heran. Diese; jüdischen Arbeiter, meine Herren, dürft. Ihr, nicht hungern lassen. Ihr müsset das Unrecht gutmachen, das an diesen Opfern des blinden Antisemitismus, die die Ausgebeuteten für die' Ausbeuter verantwortlich macht, begangen; wurde...“ Diese Szene — erzählt F r i e d m a n n in; einer New Yorker jiddischen Zeitung — war, von mächtiger Eindruckskraft. Die versammelten Notabein waren von Herzls Worten zu tiefst erschüttert. Baron Gutmann versprach, eine Aktion zugunsten der brotlos gewordenen jüdischen Arbeiter zu unternehmen und ihnen die Auswanderung nach Amerika, wo sie sich ein neues Heim schaffen wollten, zu ermöglichen.; Eine Wiederbeschäftigung der entlassenen jüdischen Grubenarbeiter lehnte er jedoch mit Rücksicht auf die antisemitische Gesinnung seines Direktors ab... Herzl versuchte, die jüdischen Grubenarbeiter von der Auswanderung nach Amerika! abzuhalten. „Der Jude“ — sagte er zu Friedmann — „bezahlt einen allzu hohen Preis für die Freiheit und das Brot, die er in dem materialistischen Amerika bekommt. Er bezahlt sie mit seiner Seele...“ Für die jüdischen Arbeiter, die von ihrem Arbeitsplatz verjagt wurden, gab es aber damals keinen anderen Ausweg mehr. Sie verließen fast alle Boryslaw und wanderten nach Amerika, Kanada usw. aus. Die Pariser Universität hat Prof. Albert Einstein die Würde eines Doktor, honoris causa verliehen. Die gleiche Ehrung wurde dem polnischen Staatspräsidenten Prof. Moscicki i5U$§Jty