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Die Stimme · 1929-05-16 · Heft 72 (16.5.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 72 (16.5.1929)
Date
1929-05-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite g ~ Nr. 7a il Icfem iogenMmteR BeMenptetz seine» Banden vortrompetet: Wir werden mit starker Faust dem judenreinen Geist, den die Feinde der Heim wehren fürchten, zum Srege verhelfen. Dafür haben sie die Ehre, den Banden« führet R a b s t, der, wie gerrchtsordmmgsmäßig festgestellt, in Deutschland, da er noch Hauptmann war (seit er in Oesterreich ist, hat er es zum Major gebracht), an der Ermordung von Liebknecht und Rosa Luxemburg aktiv beteiligt war, jeden Sonntag seine Möndervisage spazierenführen zu sehen. Für ihr mehr als schwer verdientes Steuergeld — die Wirtschaftspolitik der auf antisemitischem Programm stehenden österreichischen Regierung drängt das produktiv jüdische Wirtschaftselement systematisch zurück, pauperterert sie und beschwert sich dann über die «unproduktive Wirtschaftstätigkeit» — haben die Juden Wiens und Oesterreichs stets die Ehre, ebenso überall dort draufzuzahlen, wo der politische Kampf leidenschaftlich aufflackert, wie dort, wo er durch Kompromisse der Parteien gedämpft wird. Da der politische Kampf eine produktive Wirtschaftspolitik in Oesterreich verhindert, die mit der Konzeption eines Ausbaues Wiens zu einem europäischen Transitfcanidetezentrum möglich wäre, sind die Juden, die im Handel als Unternehmer und Arbeiter am stärksten tätig sind, der leidende Teil. Wenn aber eine Lockerung des Mieterschutzes erfolgt, dann werden die Mittel- Wohnungen und die Oeschäftslokale — jene Mieträume, welche der Handelsstand, also ein großer Teil der Juden innehat — durch die Ermöglichung der sogenannten freien Vereinbarung geradezu v o g e 1 f r e i und die jüdische Bevölkerung wird, vor allem in Wien, neu belastet Steuern zählen dürfen die 250.000 Juden Oesterreichs, die für die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse sage und schreibe achthundert Schilling jährlich als Beitrag vom Staate erhalten, die ihre sozialen und kulturellen Fürsorgeinstituttonen in den Kuitusgememden ohne Zuschüsse der Stadtgemcitrden erhalten müssen, obwohl die Verfassung (gemäß dem m sie angenommenen diesbezüglichen Bestimmungen des Friedensvertrages von St. Germain) die Subventionen von Staat und Gemeinden für die religiösen, kulturellen und sozialen Bedürfnisse aller Bekenntnisse und Nationen, die in Oesterreich wohnen, vorschreibt Steuern zahlen dürfen die 250.000 Juden Oesterreichs, damit die Ordnuogsmaßnahmen für allsonntägliche Banden auf m är sehe gedeckt werden, die Oesterreich in der ganzen Welt als das Land des B o lschewismusderStraße und der unproduktiven Arbeit, als vollständig kreditunwürdiges Land stigmatisiert haben. Daran ändern auch die Sonntagslügen nichts, welche die Bandenführer ihren Leuten Vorreden und durch eine gefällige Presse (die schmierigste der Welt, welche u. a. die antisemitischen Hetzreden der Heimwehrbandenführer glatt unterschlägt) weiterverbreiten lassen: daß nämlich für eine «starke Hand» in Oesterreich das Ausland Geld haben werde. Das ist eine dreiste Lüge. Von den Staaten, welche an einer Bandendiktatur in Oesterreich Interesse hätten, wird kein Geld einfließen, weil sie keines haben; dort aber, wo Geld für Oesterreich zu holen ist, wird es ein vom Bandenterior unsicher gemachter Staat nie erhalten. Angesichts der geschilderten Verhältnisse haben MW l\U WSSBSSSSSSSSSSSSBSSSSL. Kl'.S. ■!. 1B L 1111 U.J-1 S Jüdische Schul- und Erziehungsprobleme in Wien Von Prof« Moses Rath ln der Budgetdebatte der Wiener Kultusgemeimde hielt Prof. M. Rath ein grundlegendes Referat über die Probleme der jüdischen Erziehung in Wien, das wir nachstehend im Auszug wieder«eben. Das zur Debatte stehende Kapitel «Unterricht» ist im öudgetprllimlniare — abzüglich des Betrages von S 25.00& welchen die Gemeinde Wien uns refumdiert — mal S 380.000 'bedacht, d. h. die Kultusgemeinde gibt für die jüdische Erziehung von 4000 für den Kindergarten reifen, 4—6jährigen Kindern, 12.000 Volks- und Hauptschul- Modern, «00 Mittelschülern, zirka 2000 gewerblichen und kaufmännischen Lehrlingen, zusammen zirka 24.000 Knaben und Mädchen nur 6 260.000 jährlich aus. ln Verhältnis- Ziffern ausgedrüdkt heißt es*- S 1.40 per Kopf der jüdischen Bevölkerung, öeaiw. S 11.50 per Kopf der gesamten Schuljugend. S 280.000.— sind nur 4£% des gesamten SechsmUttonehbudgets. Die jüdische Gemeinde hi Berlin hingegen aribt von Ihrem zehn Millionen Mark betragenden Budget \2% für Unterricht aus, abo relativ fast das Dreifache, abaokti das Siebenfache von dem, was wir dafür »swerfen. Das Unterrichtsbudget der jüdischen Genxdode ta {Warschau macht 17%, in Budapest 14%, in FtaoMfeft «• Main fast 20% des Gesamttoudgets aus. Oder iu anderen VertiäUntazlHern ausgedrückt: Für Unterricht gibt unsere Gemeinde xuir eki Siebentel Ihres Fürsoigeetats, nur ein Viertel des Kultusbudgets, nur e&* Viertel des 'RothschÜdspitalsetats aus. Bür die 249900 jüdischen Kinder und Jugerul-Hchen gibt die Gemeinde kttes in allem nur soviel aus, -wieviel der Zuschuß zur Bedeckung des Defdädtes des nur mit 160 Betten bele*^n Spital«« beträgt ... Die große Medi|| * ". mk PUMP Groß* Auswahl v<ms27 in Reptllledersohuhen LMTIANSKY Direkt In der Fabrik |m VII., Kaiserstraße 4© stook wir Juden Oesterreichs alle Ursache, die Entwicklung der Dinge in unserem Staate mit dem denkbar stärksten Mißtrauen zu verfolgen. Der Bolschewismus der Straße verschlingt Unsummen von Volksvermögen, bedroht die Sicherheit der Bürger und ajfceit auf die Untcrwühlung der Staatsordnung hin. Die Heimwehren sind, wenn es auch immer wieder geleugnet wird, eine reaktionär-antisemitische Unordnungszelle; bei ihnen sammelt sich alles, was gegen die republikanische Demokratie eingestellt ist und mit dem «judenreinen Gehst» agitatorische Spekulation betreibt; allen AWeugnungen zum Trotz sei festgestellt, die Propaganda der Helmwehren operiert mit dem Pogrom, Und dafür, daß dieser Pogrom ausbriöht, wenn es in den «politischen» Intentionen der mit aller Gewalt zur Macht strebenden Bandenorganteatoren liegt, ist gesorgt; es sind sogar schon «Operationspläne» vorbereitet! Dieses Element der Unordnung wird vom österreichischen Industriellen verband mehr als ausreichend subventioniert aus Beiträgen, die in sehr respektabler Höhe auch den jüdischen Industriellenabgepreßt werden. Der neue Bundeskanzler, Herr S t r e e r u w 11 z, als Wirtechaftspolitiker wie als staatspolitischer Faktor eine Null, ist der Exponent desselben Industrieilenvcrbandes, dessen rechter Flügel die Heimwehrpolitik mit aller Macht halten will, auch (ja sogar vor allem) gegen die parlamentarische D e m o k r a t i e; Die Wirtschaftspolitik in Oesterreich wird weiter von den extrem agrarischen und extrem hochindustriellen Teilen der Wirtschaft, die weitaus nicht ihre wichtigsten sind, beeinflußt, und die Juden haben daher keine Aenderung des wirtschaftlichen Kurses zu erwarten. Wie der «Schutz der Juden» durch die Sozialdemokratie, den sich die Juden so gern einreden lassen, beschaffen ist, das lehren die Ko-nnpromißverhandlungen über die Mietenreform. So ergibt sich für die Judenschaft Oesterreichs heute eine wichtige Aufgabe: Ra 1 liierung allerKräftezurAbwehr derDinge, die ihre wirtschaftliche und sogar ihre physische Existenz bedrohen! In diese Aulgabe fällt: eine zielbewußte, nicht nach links und nicht nach rechts äugelnde jüdische Politik, eine Stärkung aller orf anU a tot lachen Ansätze in Wirtschaft und Leben, intensive Arbeit für die Erlangung und Sicherung aller verfassungsmäßig vorgesehenen Kollektivrechte. Die Zionisten waren stets und Überall der aktive und der weitblickende Teil der Judenhett. Sie haben auch hier in Oesterreich die Aufgabe, rechtzeitig zu sagen, was ist, und führend voranzugehen, wo es heißt, vorzubauen und vofasukehren. Und wir sagen, was ist, nicht nur den Juden Oesterreichs, sondern der ganzen europäischen Welt. Denn iihr Wunsch, den politischen Frieden gegen jeden Bolschewismus von rechts und von lhtks zu erhalten, ist auch unser, der Juden, Wunsch, — in unserem und Hl Oesterreichs vitalstem Interesse. S p c c t a t o r. Das offizielle deutsche Nachrichten-Büro gegen „Kaftan und Polenrock“ Wie men aus deutfehen Blättern erfährt, hat lieh in letzter Zeit das offiziöfe und von der deutfehen Regierung fubventionierte Wolfffche Telegraphenbureau einen Sonderdieoft beigelegt, in welchem antüemitifche Hetzpropaganda betrieben wird. So meldete diefer „T-Sonderdienft“ beifpielsweife, daß eine Reihe von Ausländern ihre Einbürgerung in Preußen beantragt und daß Bayern und Württemberg dagegen Elnfpruch erhoben hätten: „Leider beantragen die Auslchüfte des Reichsrates, diele Bedenken für unbegründet zu erklären, und die Vollverfammlung befcbloß in dielero Sinne, Io daß wir io Kürze die neuen Freunde im Kaftan oder Polenrock als Mitbürger begrüßen können. Mit Recht wird in einem Berliner Blatt darauf hingewiefen, daß diele örtlichen Menfchen den Deutfehen das ohnehin zu knappe Brot wegnehmen, und wenn fic für ihre Tätigkeit, die ftcherlich keine Kulturwerte fchafft, keinen günfligen Boden in Deutfchland finden, frifdb aufgcbügelt als Preußen weiter nach Werten ziehen, wo fie den deutfehen Namen in Mißkredit bringen.“ Es ergibt lieh alfo der merkwürdige Fall, daß eine amtliche Nachriehtenftelle gegen einen Reidhsratsbcfchluß polemilieret Audi fonft weift diefer Sondcrdienft Fälle rechtsradikaler Propaganda auf. Die Leitung des Wolff-Bureaus macht für fidi geltend, daß es lieh hier um ein rein gefondertes Unternehmen handle. Wie läppifch diefe Ausrede ift, geht aus dem Umftand hervor, daß man die Herkunft der Nachrichten zu vertufdien fucht. Am Kopfe der Nachriehtcnblätter fteht nämlich „Eigentum von Wolffs Tclcgraphen-Bureau“, darunter aber folgt: „Als Sondcrdienft oder Privattelegramm Ihrer Zeitung, nicht als W. T. B.-Nachrichten zu behandeln!“ Den Zeitungen wird alfo auferlegt, die Quelle diefer völkifch-deutfchnationalen Propagandanachrichten zu verdunkeln. Man darf erwarten, daß die deutfehen Reichsbehörden die entfprcchenden Maßnahmen gegen diefen frechen Unfug treffen werden. Predigten in den ifraclitifchen Gemeindetempeln. Samstag, den iS. Mai, werden bei dem um 8.30 Uhr beginnenden Morgengottesdienftc in den Gemeinde tempeln XVIII., Schopcnhauerftraße 39 (Rabbiner Dr. D. Feuchtwang) und XXI., Holzmeiftergaffe 12 (Rabbiner Dr. M. Rofcnmann) exegetifdbe Vortrage abgehalten. Schon diese Verhältnis-Ziffern leigen ein -beredtes Zeugnis dafür ab, wie unzulänglich die Leistung der Gemeinde agil diesem vom Gesichtspunkte des Fortbestandes der Gemeinde wichtigsten Gebiete ist. Und nun zum eigentlichen Thema: Das Kapitel Unterricht 'kann ki drei Teile gegliedert werden: 1.) Der an den Volks-, Haupt- und Mittelschulen erteilte obligate Religionsunterricht 2.) Die privaten Lehranstalten. 3.) Die hebräischen Spracb- und Bibelschulen (oder der E rgänzuu gs u nt e rricht). Der SeJigionfsunt«rricht: In Wien lehren 18 MÜttetscMehrer 360 Stunden wöchentlich, 41 Volks- und Hauptschullehrer 800 Stunden, außerdem werden von einer weiteren Anzahl von ehrern an privaten Schulen 203 Stunden wöchentlich gegeben, zusammen sind es mehr als 70, durchwegs gut, zum Teil hervorragend qualifizierte Lehrkräfte mit 1350 Stunden in der Woche. — Die Kwltusgeweinde erhält ein eigenes Schulamt mit einem Amtsleiter, ein Inspektorat, an deren Spitze ein Mann steht, von dem wir wohl sagen müssen, daß seine Bmstetiong zu den Problemen des Judentums und so auch zu dem der jüdischen Erziehung von der unserigen entfernt ist, wie Ost und West, der aher unbestritten großes pädagogisches Wissen und Können besitzt; ihm zur Seite stehen zwei Schulmänner als Subinspektoren, außerdem sind drei Getnetaderabbiner mit der Inspektion an den Mittelschulen betraut. — Der Bund wendet jährlich mehr als S 100.000_für die Religionslehrer an den Mittelschulen auf, die Gemeinde Wien S 105.000.—, die K-ultuägemednde S 166.000.—, die privaten Schulen S 30.000.—, zusammen kostet der obligate Religionsunterricht S 400.000.— 4m Jahre. Man sollte nun glauben, daß dieser Aufwand an Kräften, Zeit und Mitteln wenigstens jenes Ergebnis zeitigen werde, welches den MinfmaJisten, die den Lehrplan und die an «loh widerspruchsvollen Instruktionen verfaßt haben, vorgesetowebt hatte, von unseren weit höher gesteckten Anforderungen schon gar nicht zu reden. leb entdecke nichts Neues, wenn ich die leider notorische und unbestrittene Tatsache konstatiere, daß das Resultat des öffentlichen. Reügionst Unterrichtes, wenn auch nioht deich Null Ist — ich möchte mich nicht einer Uebertrelbung schuldig machen —, so doch nur wenige Striche darüber hJnausgeht. Die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel und beziehen sich auf jene 1000—<1300 Schulkinder, welche in den Talmud-» Thora-, Bibel- oder hebräischen Sprach sc hu 1 en .einen mehr oder weniger intensiven Ergäuzungsuntorricht ge-, nießen. Alle übrigen 1 7.000 Volks-, Haupt- und Mittelschüler wachsen in einer nirgends sonst gekannten ^Am-Haarazut» heran, verlassen die Haupt- oder Mittelschule, ohne hebräisch geläufig lesen zu können (diese meine Wahrnehmung ist wohl allen Vätern bekannt, wird aber auch von hervorragenden Schulmännern, wie Prof. Dr. Rosenfeld und Prof. Doktor Tsohiaßny in ihren Broschüren über den Religionsunterricht bestätigt), ohne einen auch nur leichten Bibeltext oder ein Gäbet mit Verständnis lesen und übersetzen zu können, ohne Kenntnis der Liturgik und der Bräuche. Die Fälle, da ein Junge am Friedhof oder kn Tempel das Kaddi$cb-Gebet aus dom mit lateinischen Buchstaben yorgedrockten Text hewnterliost, häufen sich immer mehr. Aber auch das Resultat des Geschichtsunterrichtes fot ln der Regel nicht befriedigend. Kaum eklige bedeutende Namen und Tatsachen bfelben kn Gedächtnis, von einer zusammenhängenden Kenntnis auch nur einiger Epochen unserer fast 4000jährigen Geschichte, von der Erziehung und Festigung des Gefühls der Zusammen-, gebörlgkett, geschweige denn vom Erleben der jftdi-i sehen Geschichte, kann keine Rode seht. Und so wächst unsere Jugend heran, ohne Kenntnis des Judentums, seiner Geschichte, Sprach« uu<d Literatur, seines Religlousgesetees und Ideengehaltes, ohne Verhältnis zur Vergangenheit und ohne Kontakt . »1* der Gegenwart des eigenen VoJken,

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