Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 71 (9.5.1929)
- Date
- 1929-05-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Kr. TI DIE STIMME " Seife 9 Wem Unglück beschieden.. Von Scholom Alejchem — Wenn Minen einmal, hören Sie, ein Unglück üeschieden ist, kommt’s Ihnen bis in’s Haus gelaufen, Sie können achtzehn Köpfe haben — Sie werden’s nicht verhüten. Ich bin, wie Sie mich da sehen, ein ruhiger Mensch, ein stiller. Ich renne nicht, ich laufe nicht, ich liebe nicht Ehrenämter, ich flüchte, wenn ich soll Vorsteher im Bethaus werden, Ehrenbeista-nd bei einer Beschneidung, Erwählter am Fest der Thora, und dies und das und dergleichen. Kurz, muß so eine Geschichte passieren: Bei uns im Städtchen starb einer, Menasche Bauer, ein einfacher Mensch, konnte kaum beten, seinen Namen nicht buchstabieren, nicht lesen, nicht schreiben, aber ein ehrlicher Mensch, ordentlich bis da ’naus, sein Wort war ein Wort, fremdes Geld ihm ein Heiligtum, und sparsam, sparsamI — hätte sich für einen Groschen beide Augen ausreißen lassen; das ganze Leben gesammelt, gesammelt, gesammelt — und mitten drin ... gestorben. Als Menasche gestorben war, kommt man zu mir gegangen und sagt zu mir: Also, indem nun Menasche gestorben wär’ und ein paar hübsche Groschen zurückgelassen hätte und Forderungen und Häusliohkeitt und Grundstücke und dies und das und dergleichen . . . item, indem niemand da war’, der die Geschäfte führen sollte, die Kinder wären noch klein, vier Jungens und ein Mädl, und sie selbst, die Witwe, ein Weiib, ergo möchte ich den Hausherren machen, an Vaters statt, den Vormund heißt das. Da sträube ich mich doch wohl mit Händen und Füßen dagegen: Was taugt mir das: Vormund? Wozu brauche ich das? Da ging’s los: Sie sind bei uns der einzige in der Stadt. Was schadet!« Ihnen? Sie sind der Vormund, und sie, die Witwe, wird.die Vormünderin sein! . . . Bettle ich: . Habt Erbarmen, was wollt ihr von mir? Da fingen sie doch wohl wieder einmal an: Und wie kann man nur so,' •, und wo bleibt denn die Menschlichkeit und ein göttlich Gebot ist’s doch auch und dies und das und dergleichen ... Kurz, ich konnt’s nicht abschlagen. Und als ich nun mit Gottes Hilfe ein Vormund geworden war, ging; ich vor allen Dingen erst einmal daran, eine Rechnung zu machen, was sie an Geld haben, die armen Würmer; ich, habe zusammengehoit, wo nur was an Besitztumzu holen war, ein Häuschen, einen Laden, ein Pferd, ein Rind, ein dies, ein das und dergleichen — alles habe ich zu Geld gemacht . . . Nicht so leicht, stellen. Sie sich vor, ist das gegangen, denn Menascilre — er ruhe in Frieden — war ein Mann im Wohlstand, der sich nach allen Seiten gesichert und verankert hatte.. Wie hoch man ihn auch abschätzte — er -hatte mehr .. Doch eine Rechnung, das gab’s bei ihm nicht; er war; (er mög’s mir vergeben), ein Mensch ohne Feder; alle-! mal stellte sich eine neue Forderung heraus . . . war über die ganze Welt auseinandergesteckt, von jedem hatte er Geld zu kriegen ... da mußte ich, verstehen Sie mich, das alles im Kopfe haben, zusammennehmen, zu Geld machen; was blieb mir anders übrig? . .. Und alles ganz allein; denn sie, die Vormünderin meine ich, ist eine Frau, die bloß von ihren Kochtöpfen weiß, aber sonst nicht von hier bis dahin, sogar eine seht ehrliche Frau, aber ein frommes Schaf, keine blasse Ahnung, was ein -guter Wechsel ist, was ein schlechter Wechsel ist, was dies ist, was das ist und was dergleichen! .. . Kurz, ich habe die paar Taler zusammengebracht, eine nette runde Summe ... Aber Kinderahen brauchen ein Hemdühen, ein Schühchen, ein dies, ein das und das und dergleichen. Nun, und essen? Man wird so lange essen, bis man alles aufgegessen hat, und was nachher? . .. Fing ich also an, hin und her zu denken: was macht man mit dem Geld? Ein Geschäft? Wer soll’s führen, wenn sie, die Vormünderin meine ich, leider Gottes ein Schaf ist und die Kinderchen doch bloß Kinderchen . . . Verleihen? Es jemandem auf Prozente weggeben? — Wenn der nun aber Bankrott macht, wer ist dann Schuld? Der Vormund! — Da habe ich miFs überlegt: Was braucht’s ein besseres Geschäft, als eben mein Geschäft? Wie? Und was braucht’s eine größere Vertrauensperson als eben mich? Wie? Ich habe gottlob Überall Kredit, auf allen Märkten, und einen Ruf habe ich, solange ich lebe, will ich kehlen schlimmeren haben; ist’s nicljt tausendmal richtiger, daß ich die paar Taler bei mir in meinen Kram mit hineinschusterte, wie? Kurz, ich habe das ganze Geld bei mir in mein Geschäft mit hineingesteckt, und ich hab’s nicht üibel angebracht, sogar, heißt das, ganz und gar nicht übel ,, Bjoß ein Ding war schlecht, die Spesen! Ich war ein zweifacher Spesenmacher geworden, zwei Familien unberufen! . . . Von mir und meiner Familie, unbe- . rufen, spreche ich nicht erst. . . Nun, und sie, die Witwe meine ich* braucht auch, und die armen Waisen brauchen auch — das ist keine KleinigkeithBeschuhen und bekleiden, in’s Ciheder geben, den Schreibelehrer zahlen. Und dann mal eine Fahrt, eine Näscherei, ein dies, ein das und dergleichen — man kann ja nicht anders. Was werden die Leute sagen? Ein schlechter Vormund — hat das Geld weggenommen und geizt den Waisen einen Groschen für Zuckerzeug . . . Aber: daß ich mich abschinde, den Kopf voller Sorgen habe, nach Ware herumfahre, ein Buch mit Schulden auf mir drückt und Aerger und Plage — das kümmert die Leute nichtl Menasche vergeb’s mir, war ein ganz roher Mensch, aber ein ehrlicher Mensch wenigstens; und Kinder ließ er zurück — daß sich Gott erbarm’l — Einer ist taub, ein armer, niedergedrückter Bursche, den habe ich Handwerker werden lassen . . . Der andere ist schlicht und einfach ein Idiot, aber ein stiller, belästigt niemanden und braucht nichts . .. Der dritte ließ sich als Kind sogar recht gut an, aber als er größer wurde — wo irgendein übler Herumtreiber, das war sein Kumpan, und er wurde ein Liederjahn, daß man behütet und bewahrt soll werden! ... Er hat so lange miniert, spektakelt, gearbeitet, gediest, gedast und dergleichen, daß ich ihm schließlich habe einige Rubel geben müssen und: — glückliche Reise nach Amerika I Schon als Kind hatte es ihn nach Amerika gezogen. Und so waren wir ihn los geworden .. . Und das Mädchen habe ich verheiratet,.fast tausend Rubel Mitgift gegeben, eine Aussteuer, eine Hochzeit mit ■ Musikanten ausgerichtet, mit dies und das und der- : gleichen, alles wie sich’s gehört, fast wie bei einer eigenen Tochter. Was sonst? Kann man denn anders? Was, du lieber Himmel, wenn sie einen Vater leider Gottes, nicht haben, und sie, die Witwe meine ich, ein armes Schaf ist, wer wird sich um sie den Kopf zerbrechen, wenn nicht ich? .. . Dummkopf! Narr, der du bist! — pflegte meine Alte oft zu mir zu sagen — du PFADFINDERBUND „ZI RENU“_ Dienstag;, den 14. Mai, findet int Vereinsheim, Bennoplatz la, ein großes . Jugendmeeting statt Tagesordnung:' yftax &cfnc&ttewi Was wir wollen! £usti£s Unsere Sommerfahrten (mit Lichtbildern) Eintritt frei! Beginn */«8 Uhr hast’s nötig, dich für fremde Kinder zugrunde zu richten 1 Du wi-rsfs ja schert, wie man dir danken wird ... So sagte sie immer zu mir, und richtig: man dankt mir mit Steinen, und mit was für Steinen noch! Da werden Sie gleich hören, was ich für ein Päckchen auf dem Buckel hab’. Ich bin sttärker als Eisen, daß ich’« aushalte ... Also, von allen Kindern, die Menasche selig zurückgelassen hat, gibt’s einen, der Kleinste von allen, der heißt Daniltschik — das ist Ihnen gottlob, ein gelungenes Kerlchen, ein wahrer Schatz, ein Daniltsohiklein von Gott gesandt Schon als kleines Kind war das die reinste Strafe Gottes und fertig. Er konnte sich’s mit fünf Jahren wahrhaftig leisten, seine Mutter mit einem Stiefelschaft rechts und links um die Ohren zu schlagen, und gerade auch am Sabbat, am Morgen vor dem Beten! Was Daniltschik ihr antat, kann, man gar nicht erzählen; wo sie ein bißchen Schmuck hatte, das stahl er ihr fort, einen Ring, ein Ohrgehänge, eine Perlenschnur, ein Seidentuch, ein Lämpchen, ein Messerchen, eine alte Brille, ein dies, ein das und dergleichen — alles war ein Fressen für ihn, alles trug er aus dem Hause fort, verkaufte es und gab’s aus für Zuckerzeug und Nüsse und Melonen und guten Tabak für sich und seine Kumpane; Sie können sich vorstellen, nette Kumpane! Herumtreiber, Diebe, Saufbolde — der Teufel weiß, wo er sie erwischte! Was er hatte, gab er diesen Brüdern weg: ein paar neue Stiefel, einen Hut, was er gerade auf dem Leibe trug . . . «Daniltschik, was tust diu denn? Bin paar neue Stiefel, die gibst du einfach weg!» . . . «Spuck drauf!» — sagt er — «der arme Kerl ging barfuß» . . . Was sagen Sie zu diesem Philantropen?! Von Geld rede ich gar nicht erst: wo er einen Groschen erwischte, der wanderte zu seinen Kumpanen. Daniltschik, um Gottes willen, was tust du nur? «Spuck drauf!» — sagt er — «die haben auch eine Seele, müssen auch essen» . . . Wie gefällt Ihnen so ein Philosoph? Und meinen Sie etwa ein dummer Junge, oder behüte kein hübsches Kind? — Ein durchtriebener, ein hübscher Junge, gesund und fröhlich, ein Sänger und Tänzer, bloß so ein Blut, so’n sündiges, zu allen Teufeln! ... Was haben wir mit ihm nicht alles angestellt! Es im Guten probiert, es im Bösen probiert; ihn drei Tage und drei Nächte allein in einer Kammer eingesperrt gehalten, ihn mit einem Riemen geprügelt, über ihm ein gutes spanisches Roh? von drei Rubeln zerbrochen — mein eigenes Sfazierrohr . . . Alles sprang an ihm ab, wie eine Erbse an der Wand! Haben ihn zu einem Handwerker in die Lehre gegeben, aus 1 ihm einen Uhrmacher, einen Goldschmied, einen Tischler machen wollen, einen Musikanten, einen Schmied, ein dies, ein das und dergleichen. — Unmöglich! Er will nicht arbeiten und wenn du ihn vierteilst! Was wird aus dir werden, Daniltschik! — «Ein freier Vogel» sagt er und lacht noch dazu ... «Ein freier Vogel — sagte ich — ein Zuchthäusler, ein Dieb wird aus Dir werden —» «Spuck drauf!» versetzt er und wendet sich weg und verschwindet. Kurz, wir haben auf ihn gespuckt, ließen ihn aufwachsen wie er wollte, und er wuchs heran: ein Goldsohn, was sollen Sie da grübeln! Das heißt: zu stehlen hörte er auf, es gab da schon beinahe nichts mehr für ihn. Bloß einfach die Aufführung und — der Aufzug: ein rotes Hemd über den Hosen mit einem Paar großer Stiefel, die Haare ließ er sich lang wachsen, wie ein Diakon, die Visage ratzekahl rasieren; ein nettes Früchtchen! ... An mich wagte er sich nie heran. Wenn er was brauchte, schoß er durch sie, durch die Mutter meine ich; und die Mutter ist so ein Schaf, daß sie ihn auch noch lieb hat, den teueren Sündenfürbitter; ihr-ist alles recht. Einmal komme ich raus in den, Laden, ich gucke hin — mein Mann ist da, er wartet auf mich. — Willkommen auch, ein Gast, Daniltschik, sage ich, was hört man Gutes? — Ich bin hergekommen — meint er — und wollte Ihnen sagen, daß ich heirate. — Glück und Segen, sage ich, zur guten Stunde! Wen heiratest diu denn? — Assne, meint er. — Was für eine Assne? — Unsere Assne — versetzt er — die bei uns in Stellung war. — Alle meine bösen Träume! — sage ich — eine Dienstmagd willst du heiraten? — Spuck drauf! — versetzt er — ein Dienstmädchen ist wohl kein Mensch? — Ach, sage ich,’traurig ist’s deiner Mutter! So bist du wohl gekommen, -heißt das, mich zur Hochzeit zu laden? — — Nein! — spricht er — ich -bin zti Ihnen wegen Kleider hergekomimen, wegen einer Ausstattung zur Hochzeit. Wir halben ausgerechnet, ich und Assne, daß wir’s so -brauchen: für mich einen Anzug aus .Tuch und einen aus Zwillich für den Sommer, und Hemden ein Dutzend und ein halbes Dutzend Oberhemden, und für Assne Kattun für ein Kleid und eins aus Wolle, und Leinen, ein ganzes Stück, für Hemden, Morosows Leinen, und Pelz für ein Cape, und Schäle zwei, und ein halbes Dutzend Taschentücher tmd ein bißchen dies und ein bißchen das und dergleichen; — Und weiter nichts? — sage ich und kann kaum an mich halten, daß ich nicht herauslache. — Und weiter nichts — versetzt er.- Kurz, da habe ich mich doch nicht mehr halten können; ich platzte mit einem Male so heraus, daß ich' fast vom Stuhl fiel, und von mir angesteckt, fingen alte meine Angestellten an; die Wände schütterten, der ganze Laden wollte einstürzen! Wie ich mich ordentlich satt gelacht habe, wende ich mich an meinen schönen Bräutigam: — Sag’ mir doch, ich bitte dich, Daniltschik mein Herze, hast du vielleicht einen großen Anteil bei mir. ins Geschäft mit eingelegt, daß du mit so einer Liste zu mir kommst? — Ich weiß nicht — spricht er zu mir — ich weiß nicht akkurat, wie viel auf meinen Teil kommt; aber so weit das Geld, das von meinem Vater geblieben ist, — wenn man das Geld in fünf Teile teilte, da wird’s wohl für meine Hochzeitskleider langen und wird auch was, denk’ ic-h, übrig bleiben für nachher. Wie er diese Worte ausgeredet hatte, das war, als hätte mich jemand mit der Pistole ins Herz geschossen. Nicht genug, daß ich mir eine arme .Witwe mit fünf Kindern aufgebürdet habe, jedes versorgt und verheiratet und verdiest und verdast und dergleichen, am Ende wächst so ein Stromer mir zur Last heran und macht mir Anspielungen auf Anteile gar?! . . . Kurz, was ta-ugt’s, ich habe alles gegeben, was er wollte. Was soll ich mich da mit einem grünen Jungen abgeben? . . . Meinen Sie, daß ich ihn damit schon los geworden war? Warten Sie ab, da werden Sie ersf was hören. (Schluß folgt.) Der Stolz der Nationen In einem Eifenbahnabtcil ftritten ein Stodritalicner und ein Kerndeutfcher über die Höhe ihrer Kulturen. „Dante, Giordano Bruno, Michelangelo, Lionardo da Vinci“, fagte der eine; „Luther, Kant, Goethe, Wagner“ — der andere. Sie erhitzten fich dabei fo fehr, daß fie beinahe übereinander herfielen. Die Bruft vom ganzen Stolz der Nation gefchwellt, fpielte der Italiener endlich feinen letzten Trumpf aus. — „Eure Kultur“, fagte er, „in allen Ehren, aber eines müßt ihr uns laßen: wir hatten doch fchon eine Schriftfprache und eine Literatur, als ihr noch in Bärenfelle gekleidet durch die Wälder liefet.“ Der Kerndeutfche lächelte höhnifch: „Da irren Sie (ich. Ihr liefet noch in Bärenfellen durch die Wälder, als wir fchon eine Schriftfprache und eine Literatur befaßen. Ich bin nämlich I f r a e 1 i t.“ * . „Damit können Sie mir nicht kommen,“ fagte der Sto’dtitaliener, „ich bin nämlich auch Ifraelit.“