Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 71 (9.5.1929)
- Date
- 1929-05-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 71 DIE STIMME Seite 7 Die Reise des Papstes nach Jerusalem Wie das Parifer Journal berichtet, werde das Ziel der erden Reife des Papftes außerhalb des vatikanifchcn Staates Jerufalem fein. Pius XI. wolle damit der Welt zeigen, weldi großes Intereffe man den heiligen Stätten Paläftinaj fchenken muffe. Es scheint schon heute, nach der Ratiiftzienrng des Vertrages zwischen Mussolini und dem Vatikan, sicher zu sein, daß eine neue Aktivität des Katholizismus sich geltend macht und daß Palästina zu denjenigen Ländern gehört, in denen sich der neue Feldzug der römischen Kirche abspielen wird. Die Unterstellung der katholischen Kirche Palästinas unter den Apostolischen Delegierten in Aegypten läßt sich in ihrer Bedeutung noch schwer abschätzen. Um so bemerkenswerter aber ist ein Vorgang, der im ganzen britischen Weltreich die Aufmerksamkeit auf das Problem Vatikan-Palästina gelenkt hat, die Tatsache nämlich, daß der angekündigte Besuch des anglikanischen Erzbischofs von Cantenbury m Palästina in letzter Stunde abgesagt wurde, weil der katholische Patriarch von Palästina, Kardinal Barlassina, diese Reise als unerwünscht bezeichnet hat Man brachte nämlich die Reise des hohen englischen Kirohenfürsten in Verbindung mit den seit langer Zeit schwebenden Vorbesprechungen über eine Annäherung der anglikanischen mit der griechischorthodoxen Kirche, was naturgemäß in vatikanischen Kreisen keine besonderen Sympathien auslösen konnte; weniger verständlich bleibt, warum England es für opportun hielt, die Reise eines englischen Kirchenfürsten in ein unter britischem Mandat stehendes Land abzusagen. Seit dem Tage, da die englischen Truppen Jerusalem eroberten und den Juden das Recht zusicherten, in Palästina eine nationale Heimstätte m errichten, ist die gegnerische Stellung des Vatikans zur ganzen Nachkriegsentwicklung von Palästina klar und häufig genug geäußert worden. Vorübergehend schien eine Entspannung einzutreten, als der Papst den Präsidenten der Zionistischen Organisation, Sokolow, empfing und zu ihm die Worte sprach: «Wir werden gute Nachbarn in Palästina sein.» Bald aber protestierte Kardinal Gasparri in einem Memorandum an den Völkerbund gegen die Absicht, den Juden in Palästina eine privilegierte Stellung einzuräumen oder die Rechte der christlichen Konfessionen nicht genügend zu schützen. Der Völkerbund kam aber zur Erkenntnis, daß von beiden nicht die Rede sein könne. Nun bezog der Vatikan eine neue Front, indem er die Frage der Heiligen Stätten zur Debatte stellte, ein Problem, das bis heute ungelöst blieb. Sicher ist, daß die römische Kirche diese Frage heute wieder aufs Tapet bringen wird, und daß sie dabei auf die Unterstützung der katholischen Mächte, vor allem Italiens, rechnen darf. Und ebenso sicher, daß die Palästinareise des Papstes mit der Erörterung dieses komplizierten Problems Zusammenhänge alte lM Adltrflan* 5 Tal. R-23-4-S0 I«., K*. Pfttrrg. 98 Tat. A-41* 8-2 4 Inhaber: Richard Herzog \v ■, jüdischen und hebräischen Schallplatten sowie alle modernsten Tanz- und Gesangsschlager ■ ln reiehator Auswahl am Laga? Auch Teilzahlungen! ovinzversand! i Soaban neia orfftnal-srnerlkafllschs Lieferungen tingelangt J Wie der Urgroßvater Henry Bergsons die Juden von Pogromkosaken loskaufte ... 3 Goldrubel für einem lebenden, 1 Silberrubel für einem toten Juden Es geschah am 4. November 1794, als däe große russische Arme« des Zarengenerals Suwarow den vom polnischen Nationalhelden Kosciuszko geführten Aufstand mit Feuer und Schiwert unterdrückte. Ein furchtbares Schlachten verwüstete die Reiben der polnischen Frelhentkäimpier, wobei auch die jüdische Abteilung des heldenhaften Judendbersten Berek josselewicz fast gänzlich aufgerieben wurde. Die russischen Kosakenhorden begnügten sich aber nicht damit» den militärischen Aufstand kn Blute zu ertränken, sondern stürzten sich auf die friedliche Zivilbevölkerung, gegen die sie in der grausamsten Welse wüteten. Es ging ein Morden und Plündern durch die'jüdischen Vorstädte Warschaus, das insbesondere in Prag» ungeheure Dimensionen annahm. Mitten in dem furchtbaren Judenscldachten ließ der vornehmste Jude Pragas, Reb Schmuei Zbitkower, der Urgroßvater des berühmten Pariser Philosophen Henry Dergson, im Lager dier russischen Kosaken verkünden, daß er söch entschlossen habe, '"die jüdi.seben EInwohner der SU dt um. bares Gold loszukaufen. Er war efln berühmter, einflußreicher Mann, Heereslieferant der russischen Regierung und er konnte füglich damit rechne«/ daß seinem .Worte die gebührende Beachtung zuteil werden wird, Dle Kosaken Welten eine Beratung ab und ließen stich hernach von dem Pragaer «Hofjuden» konkrete Vorschläge Prof. Adolf Weißmann Auf einer Vortragsreife, die ihn im Aufträge der Hebräifchen Univerfität nach Paläftina geführt hatte, ftarb bekanntlich in Haifa an einem Hirnfchlag der Berliner Mofikkritiker Adolf Weißmann im Alter von jj Jahren. Seine Besetzung fand Mittwoch, den 24. April, in Haifa fUtt. Vom Berge Karmel herab zog der Trauerzug zum hebräifchcn Technikum, wo Profcilor David Schorr, der bekannte jüdlfche Komponift und Mußkpädagoge, von feinem Freunde in he* bräifdier Sprache Abfchicd nahm. Am offenen Grab« fprachen noch Profefior Dr. Cbaim Weizmann und der Maler Her: mann Struck. Prof. Weißmann hat gerade begonnen, lieh der jüdifchcji Mu&k zuzuwenden, der er anfangs mit einer gewiffen Skepfis gegenübergeftanden hatte. Auch nach außen hin fing er an, für diefe« junge Gebiet Zeugnis abzulegcn, wofür auch der Vortrag über „Moderne jüdifche Mufik" fymptomatifeh war, Uber den die „Stimme" jüngft berichtete. Wa« er für das Judentum in der Mußk als ebarakteriftiieh anfah, die Doppelneigung zum Geizigen und zum Virtuofcntum, das klingt faft wie eine Selbftdharakteriftik. In ihm war de? Hang zum Intellektuellen, zur Skepfis, zur Ironie mit unterbreiten. Darauf erfolgte eine neuerliche Verkündigung Reb Schmiuels, daß er den Kosaken für jeden lebenden Juden, den sie ihm ins Haus liefern, drei Rube 1 in G01 d, für jeden erschlagenen Juden aber, den er auf seine Kosten beerdigen lassen wolle, einen Hubel in Silber zahle. Diese Worte Reb Sohmuels taten sogleich ihre Wirkung. D4e Kosaiken unterbrachen ihr mörderisches Tun und die jüdische Bevölkerung konnte beruhigt aufatmen. Reb Schmuel bekam an lenen Tagen viele Hunderte lebender Juden ins Haus geliefert, für die er einen großen Sack voller Goldrubel verausgabte. Von dem zweiten Preisvorschlag aber (1 Silberrubel für einen erschlagenen Juden) machten die Kosaken wenig Gebrauch und verzichteten, um des schönen Preises wflllen, auf die weitere Erschlagung von Juden, die ihnen der russische General an diesem Tage zur «freien Verfügung» Itislieferte ... # Diesem edlen jüdischen Mann hat Nahum Sokolow in einer geistreichen' Monographie, die Im Jubiläumsbuoh des «Hajnt» erschien, ein würdiges Denkmal gesetzt. Wir entnehmen dieser Monographie, daß Reb Scbmuel Zbitkower, der Meyer Amsehel Rothschild Polens, ein Vater des berühmten Berek Somnonheig, Großvater der ersten Bergsons, die In Polen zu Ruhm und Reichtum gelangten, und Urgroßvater des. Pariser jüdischen Philosophen und Nobelpreisträgers Henry..Bergson war. heißer Liebe zum Artiftifchcn, zum Neuen und Originellen aufs lebendigfte vereint. Die Merkmale feines Judentums waren evident. * Die Verwaltung der hebräischen Universität Jerusalem hat zum Andenken au Professor Adolf Welßmanu eine Stiftung geschaffen, die der Förderung des Studiums palästinensischer und orientalischer Musik dienen soll. Juden im Obersten Staatsgerioht der Tschechoslowakei Für die dritte Funktionsperiode des Obersten StaatagerlcJitshofes in der Tschechoslowakei wurden sechs jüdische Mitglied er. ernannt: Dr. A. Rath-Preßburg, Dr. Josef nick-Prag, Dr. Emil Meißner-Deutsoh Brod, Eh1. M. Mandel-Pilsen, Dr. M. Eckstein-Pilsen, Dr. H. Simger-Praig. Ifraclitifdwr Jugendgottcsdicnft. Samstag, den n. Mai, um 3 Uhr nachmittags findet der Jvgcndgottcsdicnft für die ifraelitifdic Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirksfynagogen (tat. Josef Boksenbaum Am 27. April ftarb hier plötzlich Direktor JofA Bokfenbaum, ein treuer, hingebungsvoller Gefinnungsgenoffe, ein opferfreudiger Helfer und Mitarbeiter der zioniftifchen Organifation, ein Freund und Förderer zahlreicher kultureller und fozialer Inftitutionen des Wiener Judentums. Der. Verblichene genoß befonders in den oftjüdifchcn Krcifen Wiens herzlichfte Sympathien, die in der großen Zahl der Trauergäftc, die fich an feiner Bahre einfanden, deutlich zum Ausdruck kamen. Namens des Zioniftifchen Landeskomitees und der Keren- Hajeffod-Kommiffion für Oefterrcich hielt Dr. Löwenherz dem Dahingefchiedenen einen tiefempfundenen, ergreifenden Nachruf, in dem er den Werdegang des Verdorbenen, feine tiefe Volksverbundenheit und feine werktätige Treue in eindrucksvollen Worten fchilderte. Jofcf Bokfcnbaum kam aus der Sphäre der naturnahen jüdifdien Volkstümlichkeit in das lärmende, verworrene Großftadtlebcn, wo er in angefehener fozialer Stellung wirkte. Aber er ließ fich diefen braufenden Großftadtlärm nicht imponieren. Er blieb fein ganzes Leben lang der volkstümliche, volksliebende jüdifche Mcnfch, der in zahlreichen Volksverfammlungen die jüdifdien Mafien durch die Treuherzigkeit feines Wefens, feinen Mutterwitz, feinen ehrlichen Enthufiasmus mitzureißen verftand und für die Ideale des Judentums zu gewinnen. Nach Dr. Löwenherz fprachen namens des jüdifdien Vereines „Nord-Oft" Obmann H e dl t, der die Vcrdienfte des Verblichenen um die jüdifche foziale Arbeit würdigte, namens der Verfidierungsgefcllfdiaft „Phönix", deren Filialdirektor der Verblichene war, Generaldirektor Berliner, ferner die Herren Singer, Meifels u. a. Ein jüdisches Monumentalhaus in Jerusalem Jerusalem. Dreizehn Vertreter großer jüdischer Organisationen und Institutionen legten den Grundstein zum Hause des Jüdischen Nationalfonds in Jerusalem, das als ein Monumentalgebäude gedacht ist und später wahrscheinlich die zionistischen Hauptbüros beherbergen wird. M. M. Ussisohkin hielt an die zahlreiche Festversamlnug eine tief bewegte Ansprache, in der er der .Hoffnung auf die nationale Einheit aller Teile Israels im Zeichen Palästinas Ausdruck gab. Die arabischen Bauarbeiten an ‘ der Klageniauer eingestellt Jerusalem. Oberrabbiner Kook hat bei dem Distriktsgouverneur von Jerusalem dagegen Protest erhoben, daß die Moslemiten fortdauernd an der Klagemauer Bauarbeiten durchführen und dadurch den Statur quo stören. Der Distriktsgouverneur verfügte, daß die Bauarbeiten an der Klagemauer sofort eingestellt werden. Wieviel jüdische Bauern gibt es in der Welt? In'der New Yorker Zeitschrift «JewiMh Tribüne» stellt Dr. Hermann Frank fest, daß rund 681.000 Juden in der Welt in der Landwirtschaft tätig sind und insgesamt 3,700.000 Acker Boden bearbeiten. Die landwirtschaftliche Bevölkerung zählt in Rußland 250.000, in Polen 150.000, in Amerika 105.000, in Rumänien 50.000, in der Tschechoslowakei 45.000, in Palästina 35.000, in Argentinien 25.000 Seelen. Bäderkonzession in Tiberias Oberkommifiär Chancellor hat foeben die Konzeffion betreffend die Tiberxas-Thermen unterzeichnet. Die Konzeffion lautet auf die Namen Suprasky, Gefundheit und Richter Rofenblatt, die über 50 Prozent der Aktien der neugegründeten Bädergefellfchaft verfügen, während 10 Prozent den Arabern Soleiman Naffif und Amin Rizek, früheren Eigentümern der Bäder, gehören. Die Konzeffion wurde für 40 Jahre erteilt. Maidemonstration zionistischer Sozialisten An der großen Maidemonstration der Wiener Arbeiterschaft nahm auch ein ziemlich starker Zug zionistischsozialistischer Gruppen teil, der bei dem spalierstehenden Publikum und besonders bei den an der Universftätsrämpe versammelten sozialistischen Studenten lautes Beifallsklatschen hervorrief. Der Zug wurde eröffnet durch zwei Radfahrer der «©rith Hamfschmar», denen der Bund in schöner, gleicher Traofot folgte. Dann kam die Gruppe des «Zopfoe owed», dessen rote Fahne, die ein blaues'Dreieck enthielt, mit dem Buchstaben Ajin (Atid-Zukunft) ein farbenprächtiges Bild hot. Dann folgten der Haschomer, Hechafuz, J. S. A. J., Poale Zion und «Cordonla» (Hitachduth). Dieser Zug, etwa In der Stärke von 300 Mann gab mH seinex Teilnahme an der Maifeier so der Solidarität der Zionistischen Arbeiterschaft, die ja in Erez Israel auch den 1, Mai festlich begeht, mit der Arbeiterschaft Wiens Ausdruck. Druckfohlerbericlitigung , In den in der Pessach-Nummer der «Stimme» erschienenen Ausatz unseres geschätzten Mitarbeiters, des Herrn Hofrates Prof. Dr. S. Frankfurter, haben sich einige sinnstörende Druckfehler eingeschlicheri, die wir nachstehend berichtigen. Auf Spalte 1, Zeile 4 von oben, sollte es richtig heißen: «Cornelius». Zeile 9: «Anschauungsmittel sind ihm nicht fremd».' Zeile 15: «Belehrung über die Feste». Zeile 22: «Sagen der V 0 r f a h r e n». Zeile 28: «ist sie...», ebenso Zeile 29. Spalte 2, Zeile 12, von oben: «deinen Kindern*. Spalte 3, Zeile 1: «es heißt: „und.«."». Zeile 15: cHaggadah-Handschriften». Zeile 30: «Hoch relief».