Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 71 (9.5.1929)
- Date
- 1929-05-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 71 nrc eTnntr UHC> E llUHiB» Seite S ttrtmekh* 0.000$ SPANGENSCHUHE atfe Lack und feinfarbigen Kalbledern, in vielen eoteöokenden Modellen mit niederen und hohen Absätzen. HtlfevstM Auch STRUMPFE nur von Ein Herzl-Tempel in Budapest Der Baal Schein und der Juden* bischof Ein chassidische Legende Aus Frankfurt wird uns geichrieben: Am 30. April fand hier die Uraufführung von Arnold Zweigs Schaufpiel „Die Umkehr", das bei Publikum und Kritik Harke innere Anteilnahme auslöftc, Halt. Arnold Zweig hat hier den Verfuch unternommen, eine chaffidifche Legende zu dramatifteren, zu melodramatiiieren. Sie zieht als Schaufpiel mit Träumen, Erfdieinungen, Mono* logen und Muük einher. Kein Menfch entflieht feinen Ahnen. Auch der Fürftbifdiof Johannes von Brixen (Mitte des 18. Jahrhunderts) ift feinen Vorfahren verhaftet. Jude war er, wurde abtrünnig, eifert als Bifchof gegen die Juden mit dem Fanatismus des Apoftaten. An jedem Ofterfonntag läßt er einen verbrennen oder köpfen. Es ift zu verliehen, daß er böfe Träume hat. Die Ahnen tauchen in ihm auf und klagen an. Aber auch die Juden von Brixen haben böfe Träume. Der Rabbi Ifrael ben Eliefer lieht nächtlich Vorfahren auf dem Scheiterhaufen, lieht den ruchlofen Bifchof-Juden im Ornat. Der Rabbi wird zum Vollllreckcr und Wortführer der geiftigen Kräfte, die den Bifchof zur Umkehr zwingen. Ollern. Das Juden-Edikt ift angefchlagen. Der Rabbi läßt lieh als Opfer verhaften, litzt im Keller des bifchöflichen Palaftcs. Den Bifchof treibts dem Rabbi zu. Im Dunkel des Verließes liehen die beiden einander gegenüber. Der Bifchof wird zurückbekehrt. Die Väter, die Väter! Er war Jude, Jude ift er wieder. Der Bifchof hält die Ofterpredigt. Er bekennt fich vor allem Volke als großer Sünder, denn es mangle ihm der Liebe. Und Gehe: ein Jude kommt und rührt ihn an. Der Bifchof erblaßt: die Ahnen, die Ahnen. Er fitzt im gotifdien Gemach, verquält von feinen Taten. Er will fühnen. Aber der als Richter angerufene Kardinal erläßt den Spruch: Gehe mit diefem Pilgcrftab als Unbekannter in die Welt. Es gefchieht alfo. Dem Volke wird gefagt, der Bifchof fei geftorben. An den Sarg tritt eine Abordnung der Juden und kündet die Botfchaft der Verzeihung. Die Juden mit hohen iFriedcnswortcn am Sarge des Totgeglaubten, der Bifchof davor, in Vermummung, den Pilgcrftab in der Hand, hört die Botfchaft, die an ihn gerichtet ift. Der Kardinal, benommen von der fanften Gewalt und Größe jüdifcher Satzung, blickt in das nie erlebte Bild: Die Szene ift dichterifch bedeutend. Wenn Arnold Zweig fie erdacht, fei iie ihm gutgefchrieben, gehört -fie den Chaffidim, fo hat er fie edel geformt. Zweigs Thefc vom Vätererbe befteht nicht in diefem Falle und in Millionen anderen zu Recht. Im Blut des Bifchofs von Brixen raunen die jüdifchcn Ahnen und lailen ihn nicht, er kehrt denn um. Für Zweig ift die Umkehr, die Entfeftelung aus dem Irrtum,; der: .Weg zur fittlichen Freiheit. Den Stoff zu feinem Renegatncdrama hat Arnold Zweig aus den Chaffidifchen Gefchichten Martin Bubers entnommen und der dort erzählten geheimnisvollen Begegnung des Baalfchem mit dem blutdürftigen Bifchof, der an jedem Ofterforutag einen Juden opfert, die eigene Deutung gegeben, es fei dicfei große Bifchof der abtrünnige Wilnaer Jude Jochanan ben Meir, der fidi dann zum Fürftbifdiof Johannes von Brixen gewandelt hat und auf folch fanatifche Weife feiner unüberwindlicher, ewig mahnenden und rufenden Ahnen Herr zu werden fuchte. Und es bedurfte nur der Begegnung mit dem großen Rabbi ans Podohen, und er von Gcfichten gemarterte, fchlaflos dem Wahnfinn nahe Renegat kehrt um und unterwirft fich, crlöft, aufs neue dem alten Gcfetz Das Schächtproblem in aller Welt Aus Warschau wird gemeldet: Das beim Warschauer Magistrat eingesetzte Schächtkomitee, dem u. a. auch die jüdischen Stadträte Dr. Bychowski und Elenberg angehören, hielt eine Sitzung ab, in der der folgende Vorschlag auf der Tagesordnung stand: „In Zukunft darf in Warschau nur nach dem Zahlenverhältnis der jüdischen Bevölkerung Vieh geschachtet werden“. Die jüdischen Kommissionsmitglieder wandten sich energisch gegen diesen Vorschlag. * Die von den Schäehtgegnern in Connecticut (Amerika) eingebrachte Bill wegen Verbotes der Schächtung ohne vorangegangene Betäubung, hat eine so starke Opposition erweckt, daß die Antragsteller es vorgezogen haben, die Bill sofort zurückzuziehen. Die orthodoxe Rabbinerschaft des Staates unter Führung von Rabbi Isaac C. Hurwitz in Hartford hat sich mit größter Entschiedenheit gegen die Behandlung des Antrages durch das Parlament gewandt. * Der Lichtensteinsche Landtag hat den Antrag, das Schächten nach jüdischen Ritus zu verbieten, mit 11 gegen 4 Stimmen abgelehnt. Die Frage unterliegt nunmehr verfassungsgemäß der Entscheidung durch eiue Volksabstimmung. Eine Koscher-BiU in Amerika Die gesetzgebende Körperschaft des Staates Minnesota hat eine Kescher-Bill, wie sie hn Staate NfcwVork schpn besteht, angenommen. Danach wird jeder Geschäftsmann, der rituell verbotene Nahrungsmittel als «koscher» anbiotet, oder au seinem Schild unberechtigterweise das Wort «koscher» führt, mit Gefängnis bestraft. Anläßlich der Feier des 2 jjährigen Todestages . Theodor H e r z 1 s befchloß die Budapefter Ifraelitifdie Kultusgemeixtde, ein jüdifches Kulturhaus zu .errichten, das dem Andenken des großen Sohnes der Budapefter jüdifchen Gemeinde gewidmet fein foll. Eigentlich heißt er noch der große Tabaktempel, aber dieser bizarre Name könnte mit Fug und Recht auf den Namen Herzl-Tempel umgewechselt werden, d©r damit zu den populärsten Synagogen „ der Welt zählen würde. In diesem Tempel hat die empfindsame Seele des Knaben Theodor Herzl die religiöse Weihe erhalten. Auf diesem Almemor feierte er seine Barmizwah., Hier leistete er den Treuschwur seinem Volke, den er, mehr als irgend einer, eingelöst hat, „mit'dem ganzen Herzen, mit der ganzen Seele, mit dem ganzen Vermögen“. Noch mehr! In dem Hatise, neben dem linken Flügel der Synagoge, wurde er geboren. Das Haus ist längst niedergerissen worden. Der Baugrund gehört der Gemeinde. Hier wird sich das Kulturpalais der Pester Israelitischen Gemeinde erheben. Im Hintertrakt, die Front gegen die Sip-ucoa (Pfeiffergasse), wo sich jetzt das große Gebäude des Gemeindehauses befindet, stand damals die Gemeindeschule, in welcher Theodor Herzl und Max Nordau die Grundlagen ihrer jüdischen Erziehung erhalten haben. Schräg gegenüber stand das Geburtshaus Nordaus. Welch ein historischer Boden! Auf diesem einen Grundstück der Gemeinde erhoben sich die drei Säulen der jüdischen Erziehung Theodor Herzls, Vaterhaus, Tempel und Schule! Nordaus Vater hingegen war streng orthodox und führte den kleinen Simoha in die Orczysche oder in die polnische Synagoge. Die Klassenbücher aus der Zeit der Lehrjahre Herzls und Nordaus befinden sich, noch in Reih und Glied stehend, in der Schule und sind sofort zur Stelle, wenn sie gewünscht werden. Es hat noch nie jemand danach gefragt! Max Nordau oder, wie er damals hieß, Simon Südfeld, besuchte die erste Klasse im Jahre 1855, Herzl im Jahre 1866. In Nordaus Zeiten war die Schule noch deutsch. Das Klassenbuch Herzls ist schon ungarisch geführt und er figuriert als Herzl Tivadar. Nordau ist in drückender Armut auf ge wachsen, seine Kleidung war ärmlich bis zur Lächerlichkeit. Herzl wuchs im Treibhauee mütterlicher Zärtlichkeit, in der gesunden Atmosphäre von Wohlhabenheit empor. Seine Mutter, eine gefeierte Schönheit, war eine ungemein ästhetische Seele, sie kleidete ihn wie einen kleinen Prinzen. Ein Prinz im Exil, das ist ja das merkwtirdg gleichlautende Urteil vieler, die Herzl von Jugend auf kannten, Sein Mitschüler Josef Schrecker schrieb mir über ihn: „Das ganze Wesen Theodore verriet eine Distinktion, die ihn nicht allein aus der großen Schar seiner Mitschüler scharf hervorhob,'sondern auch den Lehrkörper nötigte, in ihm eine Ausnahmserscheinung zu würdigen. ' Theodor war ein. Knabe von seltener Schönheit; noch heute sehe ioh ihfi mit seinem, wie eine Kamee so fein geschnittenen Gesicht, mit seinen großen, ausdrucksvollen Augen, lebendig vor mir stehen und unvergeßlich bleibt mir die anmutige Mischung von Bescheidenheit und Vornehmheit, die in seinem Wesen lag. Er war der besto Kamerad, den es je gab, und schon im zarten Kindesalter ein ebenso intellektueller als instinktiver Beschützer der Schwachen. Ich kann nicht sagen, daß ich an dem Knaben Herzl solche Erscheinungen wahrgenommen hätte, die in ihm den späteren begeisterten Kämpfer für den selbständigen jüdischen Staat ahnen ließen, aber daß er schon als Knabe alle Merkmale künftiger Größe an sich trug, das haben schon seine kleinen Mitschüler empfunden, die zu ihm in Liebe und Verehrung emporblickten.“ Nordau hatte einen schlechten Start. In der, ersten Klasse gehört er gar nicht zu den besten. Er hat da bloß in hebräisch Lesen und Bibelübersetzung, die er hei seinem Vater, dem großen Hebräer, schon in der Wiege gehört hatte, die beste Note. Hebräisch und Bibel aber waren nicht die stärkste Seite Herzls, der ja auch selbst erzählt: „Meine früheste Erinnerung an diese Schule besteht in Prügeln, die ich erhielt, weil ich die Einzelheiten des Auszuges aus Aegypten nicht wußte. Gegenwärtig möchten mich viele Schulmeister prügeln, weil ich mich zuviel an jenen Auszug aus Aegypten erinnere.“ Hingegen erhielt Nordau von seinem Vater eine gründliche hebräische Ausbildung. Das hebräische Akrostichon auf dem Grabstein seines Vaters hat der damals 23jährige Nordau selbst verfaßt... Di6 Jury, welcher die Ausführung des Baues des jüdischen Kulturhauses anvertraut ist, hat eich bereits konstituiert. Die Erbauung des Kulturhauses fällt mit der Feier; des 25. Todestages Theodor Herzls zusammen, zu welchem in allen Ländern der Welt bereits jetzt Vorbereitungen getroffen werden. Die Grundsteinlegung zum Kulturhause auf solch historischem Boden könnte sich zu einem Feste der. Judenheit der ganzen Welt gestalten. Vorläufig besteht die Idee, den Tribut der Pietät für Herzl mit einer einfachen Gedenktafel zu quittieren. Es wäre aber empfehlenswert, in dem „Ungarisch-Jüdischen Museum“, welches in das Kulturhaus übersiedeln wird, ein Herzl-Nordau- Zimmer zu etablieren und eine eifrige Sammlung aller erreichbaren Reliquien der zwei größten Söhne des Budapester Judentums zu beginnen. Der erste Satz in den zionistischen Schriften Herzls lautet: „Ich hin 1860 in Budapest geboron, nähe der Synagoge, in der mich der. Rabbi jüngst mit den strengsten Worten anklagte, weil ich — wirklich und wahrhaftig — weil ich für die Juden mehr Ehre und Freiheit, als sie gegenwärtig genießen, zu erlangen versuche.“ War dieses schlechte Zeugnis in einem der ewigen Bücher des Judentums unbedingt notwendig? Wäre es nicht an der Zeit, dieses Zeugnis zu verbessern? Ein Schrift auf diesem Wege ist bereits geschehen. * B, S, /