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Die Stimme · 1929-05-09 · Heft 71 (9.5.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 71 (9.5.1929)
Date
1929-05-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 71 Undeckbares Defizit Die Budgetierungsmethode der Wiener Kultusgemeinde Von Dr. Leo Goldbammer. Am 29. April 1929 worden die Beratungen über das Budget der Kultusgemeinde für das ja'hr 1929 zu Ende geführt Zusammenfassend kann konstatiert werden, daß die zionistische Partei die einzige ist, die ein lebhaftes Interesse an der Gestaltung der Judengemetnde nimmt und daß sie auch als einzige überhaupt weiß, was sie will. Die Majorität hat sich damit begnügt, den Finanzreferenten ins Feuer zu schicken und im übrigen ln der Generaldebatte Stilschweigen bewahrt. Aber, was der Finanzreferent gesagt hat, muß denn doch festgehalten werden. Zu den einzelnen Ziffern, die von Herrn Doktor Friedmann einer eingehenden Kritik unterzogen wurden, hat Herr Reg.-Rat Dr. Oppenheim nichts anderes zu sagen gewußt, als daß das Ergebnis der Wiener Finanzverwaltung ein bedeutend besseres ist, als zum Beispiel die ungefähr gleich starke jüdische Großgemeinde Berlin aufzuweisen hat. Ziehen wir aber die Ziffern, die der Finanzreferent über Berlin angegeben hat, zum Vergleiche etwas näher heran, so wird sofort War, wie systemlos die Gemeindewirtschaft bei uns ist. Von den Gesamtausgaben der Kultusgemeinde Berlin in der Höhe von zirka 11 Millionen Reichsmark werden ungefähr 1.2 Millionen Reichsmark für das Schulwesen verwendet, das sind zirka 11 Prozent der gesamten Ausgaben. Bei uns werden von insgesamt 5,839.785 Schilling für den gleichen Zweck 391.035 Schilling oder 6.7 Prozent verwendet. Also schon rein äußerlich ergibt sich, daß wir für das Schulwesen relativ kaum die Hälfte von dem ausgelben, was die Gemeinde Berlin verwendet. Aber nicht nur ziffernmäßig ist der Unterschied ein so gewaltiger: Die Gemeinde Berlin besitzt ein vollkommen ausgebildetes Schulwerk, beginnend mit dem Kindergarten und endend mit einer höheren Lehranstalt, die bereits in die Kategorie der Hochschulen gehört; alle diese Schulinstitutionen werden größtenteils von der Gemeinde selbst geführt. In Wien dagegen besitzen wir lediglich eine einzige private Volksschule und eine einzige private Mittelschule. Daraus eigibt sich, daß bei uns das Geld unrationell verwendet wird; denn es wird meistens zu Subventionszwecken ausgegeben und man denkt nicht daran, daß durch eine systematische Verwendung mit disem wenigen Gelde ein Vielfaches dessen geleistet werden könnte, was bis heute zustandegebracht wurde. Mit besonderem Stolz hat Herr Reg.-Rat Dr. Oppenheim darauf hingewiesen, daß die Gemeinde Berlin kaium 15 Prozent der Gesamtausgaben für das Fürsorgewesen verwendet, während wir ungefähr 32 Prozent für die gleiche Post verausgaben. Ziffernmäßig stimmt diese Darlegung wohl, doch der Denkfehler liegt anderswo: während wir nämlich in Wien eine ganz geringe Zahl von geschlossenen Institutionen besitzen und der größte .Teil des für Wohlfahrtszwecke vorgesehenen Betrages für Subventionen der privaten Fürsorge verwendet werden muß, hat Berlin eine Anzahl von der Gemeinde selbst geleiteter und verwalteter Institutionen, so daß die EinzeJuntersttitzung beinahe nicht mehr notwendig erscheint. In beiden also, wn Schulwesen wie in der Fürsorge, zeigt sich gerade durch den Vergleich mit Berlin, daß dort, wo eine Kultusgemeinde von den Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung ausgehend, Institutionen selbst schafft, ihre Erhaltung verhältnismäßig leichter fällt und weit billiger kommt, als die Ueberlassung der kulturellen und sozialen Notwendigkeiten, wobei die in den meisten Fällen unzulängliche Subventionierung in der Gesamtheit riesige Summen verschlingt Die Budgetierung in Berlin, die von dem Bedarf ausgeht und nicht von dem bereits Voihandenen, ohne sich zu fragen, ob nicht em Großteil derselben überflüssig oder reformbedürftig wurde, ist viel richtiger als die Wiener Methode. Das Resultat, welches unsere Gemeinde durch die Art der Geschäftsführung erzielt hat, kommt am deutlichsten in dem von Herrn Dr. Desider Friedmann bereits angeführten «Seelendefizit» zum Ausdruck. Freilich findet Herr Reg.-Rat Dr. Oppenheim nichts, worüber man sich aufregen könnte; denn er stellt fest, die Zahl der Austritte sei konstant und der Grund für diese Austritte liege In der «Liebe» und in der «Karriere»; ’m Übrigen sei die Austrittsbewegung ja nicht mehr eine .Tauibewegung, sondern die Aus tretenden werden konfessionslos. Wir glauben nicht, daß jemals ein Mitglied des Wiener Kuitusvorstandes mit einer solchen Gleichgültigkeit eine das Wiener Judentum bis in das Innerste treffende Angelegenheit behandelt hat. Es ist aber auch nicht richtig, daß die Zahl der Austritte eine konstante ist. Absolut genommen mag es vielleicht stimmen, aber relativ nicht; denn durch das Seelendefizit wird die Zahl der jüdischen Bevölkerung Wiens von Jahr zu Jahr geringer, sie müßte es allerdings auch dann werden, wenn die Zahl der Austritte konstant bfttebe, weil es, wie allgemein bekannt, unter den Juden Wiens heute keinen Geburtenüberschuß und keine Zuwanderung gibt. Wenn freilich, wie es Börseraft Glück getan hat, der interkonfessionellen Anstalt < das Wort geredet wird, so kann natürlich nichts gegen diese zunehmende Abbröcklung im Wiener Judentum vorgekehrt werden. Wird sich die Wiener Kultusgemeinde nicht dazu entschließen, ihr Budget in Hinkunft nicht derart zu erstellen, daß blindlings bei geringen Einahmen Abstriche gemacht und bei höheren Einnahmen unrationell einzelne Posten erhöht werden, wird die Wiener Kultusgemeinde sich nicht vor allem fragen, was im Interesse der jüdischen Bevölkerung geigen ist, ob das Vorhandene zur Befriedigung dieser Bedürfnisse noch dient, ob neue Institutionen notwendig sind, oder Aenderungen an den bereits bestehenden erforderlich erscheinen, so wird das Budget, das in diesem Jahre schon mit einem ziemlich namhaften Defizit abschließt, auch in Zukunft niemals ausbalanziert werden können Bedeutsame Begegnungen und Konferenzen in Erez Israel Die abgelaufenen Pessachtage standen im Zeichen zweier großer politischer Ereignisse, die für die Entwicklung des Jüdischen Aufbauwerkes in Erez Israel von entscheidender Bedeutung sind: das Zusammentreffen des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Prof. We i z m a n n, und des Präsidenten der amerikanischen Jewish-Agency-Kommiesion, Felix M. W a r b u r g, in Jerusalem und die Londoner Jewish Agency-Konferenz der englischen Judenheit. Diese beiden Ereignisse, deren Verlauf man in der ganzen jüdischen Welt mit der größten Aufmerksamkeit beobachtete, bedeuten einen wesentlichen Fortschritt in den Bemühungen der zionistischen Organisation, die geistigen und materiellen Kräfte des gesamten jüdischen Volkes auf den Aufbau der jüdischen Heimstätte zu konzentrieren. Weizmanns Botschaft an das amerikanische Judentum. In der an das amerikanische Judentum gerichteten Botschaft des Präsidenten der zionistischen Weltorganisation, Prof. Weizmann, heißt es u. a.: „Ich wünschte sehr, meine amerikanischen Freunde sähen unser Heimatland so, wie ich es ZionisfiscAes.. JCandes- Donnerstag, den 9. d. M., präz. 8 Uhr abends, Cafl^ Sfllter, I., Schwedenplatz Vortragsabend Referenten: Dr. Z. F. Finkelatein: Das künftige Arbeitsprogramm Dr. Ohalm Tartakower: Die letzten Ereignisse in der hebräischen und kulturellen Bewegung Anschließend Debatte Beginn präzise V«9 Uhr abends N&ohater Vortragsabend: Donnerstag, den 33. d. Jl.» 8 Uhr abends, Caf& Silier, I., Sehiredenplats. Referent Ing. Joeef Mährer: „Die österreiohlsohe Sozialdemokratie und wir" (eine Auseinandersetzung Über die Abfallbewegung unserer Jugend. auf meiner jetzigen Pilgerfahrt sehe. Das hohe Vertrauen in die Produktivität dos Landes basiert auf dem beispiellosen Erfolg der Plantagen und der meisten Industrien. Die Arbeitslosigkeit ist geschwunden, man leistet Ueberstunden. Icherwarte, daß die neue Einwanderungsquote größer sein wird als die letzte. Neben meinen zionistischen Freunden habe ich hier Herrn Felix M. Warburg und seine Freunde angetroffen. Ich sehe ihrer vollen Mitarbeit an dem Aufbau Palästinas entgegen, sobald der zionistische Kongreß die Verfassung der Jewish Agency ratifiziert haben wird. Inzwischen darf nichts das Wachstum des Zionismus aufhalte n.“ Und bei einem Empfang im Arbeiterdorf Nahalal im Emek Jisree! erklärte Prof. Welzmann: „Die im Zusammenhang mit der Jewish Agency-Verfassung bestehenden technischen Probleme werden die Bildung der Agency nicht mehr verhindern. Das jüdische Dorf ist die Basis aller unserer Hoffnungen. Wenn wir die gesamte Judenheit hinter uns haben werden, dann kann der. Erfolg nicht zweifelhaft sein.** Felix Warburg: „Alle Nichtzionisten werden Zionisten werden**. Ebenso zuversichtlich äußerte sich der Präsident des Joint Distribution. Committee und der amerikanischen Jewish Agenoy-Kommission, Herr Felix M. W a r b u r g, der in einer Sitzung des Waad Leumi u. a. folgendes ausführte: \ „Herr Dr. Weizmann hat während seines letzten Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten die Sache der Jewish Agency sehr gefördert. Obwohl die Nichtzionisten an ihren bisherigen sozialen Ansichten festhalten, haben sie dennoch ein tiefes Gefühl für Palästina und das ' jüdische Aufbauwerk gefaßt und sie sind sTch gegenwätig über die Bedeutung der Palästinaarbeit für die Judenheit und für die ganze ‘Welt klar. Sie erwarten von 1 alästina einen geistigen Einfluß auf das Judentum und die Menschheit. Noch *st die Zahl jener Nichtzionisten, die a» Palästina interessiert sind, gering im Verhältnis zur Gesamtjudenheit, ich hoffe aber, daß die innere Schönheit und die hohe Moral Ihrer Arbeit überzeugend auch auf die jetzt noch Fernstehenden wirken wird. Wir werden,“ fuhr Felix M. Warburg fort, „nicht Wächter über Euch sein. Ihr kennt Eure Nöte und Bedürfnisse selber viel besser. Ich bin sicher, daß unser gemeinsames Werk gelingen wird. Ich bin glücklich,“ erklärte weiter Herr Warburg, „eine blühende jüdische Landwirtschaft in Palästina anzutreffen. Der Erfolg der jüdischen Kolonisation in Palästina ist für die gesamte Judenheit von großem Interesse. Jeder, der Palästina besucht, wird von diesem Aufbauwerk beeinflußt. In den nächsten Jahren,“ schloß Felix M. Warburg, „werden sich wohl keine Kandidaten mehr für den nichtzionistischen Teil der Jewish Agency finden, weil inzwischen alle Nichtzionisten Zionisten geworden sein werden.“ Baron Rothschild über die Jewish Agency In einer Unterredung mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur sagte Felix M. Warburg u. a.: „Bevor ich nach Palästina gereist war, bin ich in Cannes mit Baron Edmond de Rothschild und Lord Me 1 che11 zusammengetroffen. Baron de Rothschild bewies ein starkes Interesse für alle Einzelheiten der Lage und der Arbeit in Palästina und gab der Hoffnung Ausdruck, die erweiterte Jewish Agency werde das Werk in Palästina verstärken.“ Marshall Aber die Einigkeit zwischen Zionisten und Nichtzionisten Der Verfassungsentwurf der Jewish Agency fertig* gestellt. Aus New York wird gemeldet: Bei einem in New York abgehaltenen Dinner des United Paleftine Appeal hielt Louis Marfhall, Präfident des American Jewifh Committee und Repräsentant der nichtzioniftifchen Paläftinafreunde in den Vereinigten Staaten, eine bedeutungsvolle Anfprache. Er teilte zunächft mit, daß der Vcrfaffungsentwurf der erweiterten Jewifh Agency bereits fertiggeftellt ift, daß die Jewifh Agency laut diefem Entwürfe aus 200 oder 210 Mitgliedern beftehen werde und daß 44 nichtzioniftifdie Agency-Vertreter aus den Vereinigten Staaten bereits gewählt worden find. Im Verlaufe feiner Anfprache kam Louis Marfhall auf die Zukunft Paläftinas zu fpredien und führte, zu den Zioniilen gewendet, unter höchfter Spannung aller Anwefenden ungefähr aus: Wenn Ihr eine genügende Zahl Juden in Paläftina haben werdet, die die Kraft haben werden, einen jüdifchen Staat zu bilden, fo werdet Ihr den Staat haben. Darum wollen wir unfere Gedanken und Energien auf die Arbeit konzentrieren, und zwar in der Weife, daß wir Paläftina wirtfchaftlich fördern, feiner Entwicklung emporhelfen und die hcbräifche Univerfität fowie alles, was geiftig ift, fördern. Louis Marfhall wandte fich an jene Zioniften, die an der Aufrichtigkeit der Niditzioniften, an dem Aufbau Paläftinas ernftlidt mitzuarbeiten, zweifeln, und erklärte, daß die Niditzioniften in den Pakt betreffend die Erweiterung der Jewifh Agency mit dem vollen Bewußtfcin eingetreten feien, daß der Aufbau Paläftinas eine übermcnfchliche Anftrengung erfordert und fdiließlidt eine rlefige Summe Geldes koften werde. Er appellierte an alle Zioniften, auch wenn die Jewifh Agency iiu Dafein treten wird, die Anftrengungen ihrerfeits nicht im mindeften zu verringern. Erwartet keine Wunder von der Einigkeit twlfchen Zioniften und Niditzioniften, fdiloß er. Diefe Einigkeit bedeutet die Ucbcrnahme fchwerer Arbeit und fchwerer Pflichten für beide Teile. Wenn die Führer der vier Millionen amcrikanifcher Juden einig find und wenn wir Amerikaner die Führer der Judenheit im Auslande neben uns wißen, denn werden wir eine unbefiegbare Armee darftellcn. Redaktionsschluß und Schluß <ter Inseraten- Annahme Dienstag um n Uhr mittags. Später emlangende Einsendungen können keine Aufnahme in die laufende Nummer finden.

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