Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 69-70 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME Seit« T3 Nr, 69/70 Die Marannen in Portugal werden Juden Aus Lissabon wird gemeldet: Eine Abordnung der Organisation katholischer Frauen Portugals erschien beim Gouverneur von Bragairaa und ersuchte Um, der neugebildeten jüdischen Gemeinde die offizielle Anerkennung zu versagen und Are Organisation zu verbieten. Als Begründung gaben die katholischen Frauen an, daß die Juden Freimaurer sind. Der Gouverneur wies das an ihn gestellte Ansinnen zurück und forderte die katholischen Frauen auf, die jüdische Religion als gleichberechtigt zu respektieren. Er informierte über diesen Zwischenfall (Me jüdische Gemeinde. Die Rückkehr der portugiesischen Marannen zum Judentum schreitet fort. Die Marannen- Gemeinde hTBraganza ist in ständigem Wachsen begriffen. In der neuerbauten Synagoge finden täglich Gottesdienste statt. Die Marannen von M i r a n d a und Dovotrvo haben ebenfalls beschlossen, den offiziellen Uebertritt zum Judentum zu vollziehen. Der palästinensische Chefsekretär über die jüdische Landwirtschaft Triest, 16. AprM. Ein Mitarbeiter der J. T. A. hatte in Triest Gelegenheit, mit dem Chefsekretär und stellvertretenden Oberkouwnissär der Palästina-Regierung, H. C. Luke, der sich auf dem Wege nach London befand, über die Lage in Palästina zu sprechen. Herr Luke erklärte, die Juden in Palästina seien tief verwurzelt mit dem Bo den. Es wäre zu wünschen, daß die jüdischen Kolonisten unabhängig von Organisationen, Herren auf ihrem eigenen Boden sein würden; jede Familie, oder auch eine Familiengruppe, sollte über eigenes Land und eigene Häuser verfügen. Eine solche Wirtschaftsreform würde eine Krise hintanhalten, wie sie durch die unproportionierte Einwanderung von Personen ohne Mittel verursacht worden war. Ich bin überzeugt, fuhr Luke fort, daß das jüdische Volk der Landarbeit physisch vollkommen gewachsen ist Während meiner häufigen Reisen durch die Kolonien habe ich fdsisteiled jkönrien,, daß, eine heue Ge n e r at i 6n i m E n tstehen begriffen ist, die sich kräftig entwickelt. Die Palästina-Regierung, schloß Herr Luke, wind ihr Aeußerstes tun, um die ihr aus dem Mandat erwachsenden Pflichten voll zu erfüllen, Synagogen für die Arbeitersiedlungen Am 14. April wurde in der Arbeitersiedlung Schehunat Borochow bei Tel Aviv der Grundstein für die Errichtung einer Synagoge gelegt. Die Siedlung, die nach dem verstorbenen Arbeiterpionier Borochow benannt wurde, ist von Mitgliedern der Arbeiterpartei «Achduth Haawodah» gegründet worden und gilt infolge ihres Aufbaues und ihrer Statuten als «sozialistische Republik*. Der Antrag, eine Synagoge zu errichten, ging von einer Gruppe von älteren Einwohnern der Siedlung, Eltern der Siedler, aus, die mit in der Siedlung wohnen. Eine Befragung aller Siedler über den Antrag ergab eine überwiegende Mehrheit für die Errichtung einer Synagoge, so daß man an die Vorarbeiten gehen konnte. Der Boden für die Synagoge wurde vom Keren Kajemeih zur Verfügung gestellt, während eine Reihe von Baumaterialien von privater Seite gespendet wurden. Tausendjährige Judengeschichte in Bayern Die älteste bayrische Urkunde über Ansied hang voa Juden stammt aus dem Jahre 906. Die Juden sind also schon länger m Bayern ansässig als Wenden und Siaven, die eine» Teil der Bevölkerung von Ostframken ausmachen und sich dort erst im II. und 12. Jahrhundert amgesledeit habe«, das Zentrum des Volkswesens, in dem sich alles abspieHe, Die Ejze. ' In einem kteinen gatizischen Städtchen lebte ein beschäftigungsloser Mefaimed (Kindetriehrer), der sich kte berufsmäßiger «Ratgeber» schlecht und recht fortbrachte. Er Hatte eine ausgebreitete Klientel und ein reichhaltiges Sortiment an EJzes kt drei Preislagen: billige, bessere und erstklassige. Einst kam in seine Sprechstunde der reichste Jude des Städtchens, ein geiziger und pfiffiger Mann, der eine erstklassige Ejze verlangte, ohne jedoch mehr als für eine drittlalaesige bezahlen au woHen. Der Meksned dachte eine Weäe nach und erteilte hierauf seinem schlauen KRenten folgenden ebenso ntftzKefren wie billigen Rat: «Wen» Sie* — sagte der Ratgeber — «vor der MMMzrtt Ihre Hände zum Segenspruch waschen, so heben Sie sie um Gotteawitten nicht in die Höhe, denn es könnten Ihnen efoi paar Wassertropfen in den Aeond rinnen — was soebt unangenehm ist S O E B E N E RSCHIEN SCHALOM ASCH <£eöeret5 Uücfefeebr ROMAN Ein Schicksal aus den Schwitzhollen New Yorks Kart. S 5*— Leinen S 8'— Der Weg des Chaim Lederer, den Schalom Asch uns mit seiner großen Könnerschaft der Menschenseele aufseigt, führt weit über den Einzelfäll hinaus in das vielumstrittene Gebiet der sozialen Frage überhaupt und des Problems vom menschlichen Glück. An die ewige Menschheitsfrage: Können die Menschen glücklich werden? rührt ein Dichter von höchster Begnadung. ZU BEZIEHEN DURCH ALLE BUCHHANDLUNGEN I R. LÖWIT VERLAG, WIEN, L, FLEISCHMARKT 1 Der sibirische Battistini Einer wahren Begebenheit nacherzählt von K G. Fried Der Vorhang im Theater zu. Irkutsk fiel zum letztenmal über Massenets reizend sentimentaler Oper «Werther». Durch den rauschenden Applaus tönte immer wieder der Ruf: «pravo Seraccini!» Ich 'hat|e, schon viele ' schöne Bäritonstiifrmen gehört, docli selten eine so bezaubernde wie die, deren Besitzer von den Beifallstürmen>; und. Zurufen immer wieder vor den Vorhang gezwungen wurde. «Wir müssen gehen, Sinaida Jewsejewna wartet auf uns mit dem Abendessen» ■— die Stimme meines Irkutsker Gastfreundes riß mich aus der Träumerei, in die das wundervolle Organ des Sängers mich versetzt hatte. * «Nun, wie gefällt Ihnen unser sibirischer Battistini?» — wandte sich Sinaida Jewsejewna, die Frau meines liebenswürdigen Gastfreundes, an mich, als wir an dem geschmackvoll gedeckten, wohlbestellten Tische saßen. «Der sibirische Battistini?» — wiederholte ich, noch immer in das goldene Netz der Träume verstrickt, welches die zauberhafte Stimme um mich geworfen hatte. «Diesen Namen haben Seraccini unsere Opernenthusiasten und Musikkritiker gegeben» — erklärte mir mein Freund. «Er übertreibt nicht!» — erwiderte ich — «Ich habe Battistini selbst im «Werther* gehört, wo er eine seiner Glanzrollen hat, und ich muß gestehen,, daß Ihr Seraccini neben ihm in Ehren bestehen kann.» «Das soll wohl heißen, daß wir hier in Sibirien doch musikalischen Geschmack haben?» — warf die Frau des Hauses ein. «Daran habe ich nie gezweifelt, Sinaida Jewsejewna. Doch sagen Sie mir, wer ist dieser Seraccini?» «Ein Verbrecher» — antwortete mein Gastgeber. «Ein politischer?» «Ein Kriminalverbrecher.» «Wie?...» «Ein Kriminal Verbrecher»— wiederholte der Hausherr kurz. «Und wo ist er früher aufgetreten?» «Früher war er nicht bei der Bühne.» «Wo hat er seine Gesangsstudien gemacht?» «Hm... im Kerker von Alexandrowsk.» «Unmöglich! Ich begreife nicht... Wer ist der Mann?» «Ein Jude aus einer Kleinstadt. Seraccini ist sein Theatername... Doch das kann er selbst Ihnen viel besser erzählen. Morgen ist Sonntag, da speist Seraccini bei uns. Da können Sie ihn kennen lernen und er wird Ihnen seine Lebensgeschichte erzählen.» * Am nächsten Tag saß ich nach dem Essen mit Seraccini im Rauchzimmer und mit einer gewissen Behutsamkeit, aber offenherzig, erzählte er mir von seiner Vergangenheit: «Ich war ein Opfer unseres Fanatismus» — be-* gann Ljew Ossipowitsch mit bitterem Lächeln sein« Geschichte und setzte nach einer Pause fort: «Kennen Sie die Kreisstadt Sieradz in Kongreßpolen? Dort bin ich geboren. Dort verlor ich meine " Eltern, als ich1 kaum acht Jahre alt war. Dort besuchte ich zusammen mit den anderen jüdischen Waisenkindern die jüdische Talmud-Tora-Schule, litt Hunger, ging barfuß und in Lumpen, war bleich und mager... Und dort war ich zwei Jahre Vorbeter., Chasan in der großen Synagoge. Das Vorbeteramt übernahm ich nach dem langjährigen Stadtchasan Reb Berisch (er ruhe in Frieden), bei dem ich länger als zehn Jahre im Chor gesungen hatte. Ihm verdankte ich die schönsten, die glücklichsten Jugendjahre. Reb Berisch hatte mich ganz in sein Haus genommen und er und seine Frau liebten mich wie ein eigenes Kind. Ihre einzige Tochter Chanele war mir wie eine Schwester, In den Chor des Chasan trat ich als Sopran ein; doch die Zeit flog rasch dahin — ich wuchs heran: aus dem Sopran wurde ein Bariton und ich der erste Chorsänger des Chasan von Sieradz. Eines Tages rief mich Reb Berisch in sein Zimmer, sah mich eine Weile schweigend an und begann: «Hör an, Leibusch! Du bist, Gott sei geklagt, ein Waisenkind, verlassen wie ein Stein. Ich bin schon über die Siebzig, meine Kräfte schwinden, die Stimme will nicht mehr gehorchen, die Füße tragen mich kaum, wenn ich vor dem Altar stehe. Ich* fühle, bald; werde ich aus dieser Welt abberufen werden. Urifl meine gute Alte wird Witwe bleiben, Chanele eine arme Waise. Da wäre es wohl am besten, du heiratest Chanele. Geld habe ich keines, aber eine Mitgift kann ich dir geben... Hier ist ein Brief vom Gemeindevorstand, der besagt, daß du Stadtchasan werden sollst, sobald du Chanele geheiratet hast Bist du einverstanden?» Ich war es von ganzem Herzen; hing ich doch an der alten Frau meines Ziehwaters, die mir wie eine Mutter war, und liebte Chanele innig. Schweigend streckte ich Reb Berisch die Hand entgegen ... Noch am selben Abend wurde die Verlobung gefeiert und einen Monat später gab es Hochzeit Ich wurde Stadtchasan. Reb Berisch hatte noch die Freude, seinen Schwiegersohn zum erstenmal als Vorbeter singen zu hören; wenige Tage nachher verschied er still und zufrieden. Sieradz war entzückt über den neuen Vorbeter und die ganze Stadt dem jungen Paare herzlich zugetan. Nur zwei Menschen in der Stadt waren mir und meinem Glück gram. Der Chorsänger Chaim Baß und der Gemeindediener Zemach. Chaim Baß, der schon bei Reb Berisch im Chor sang und dann bei mir blieb, als ich das Vorbeteramt übernahm, hatte lange ein Auge auf Chanele und auf das Vorbeteramt gehabt und da ich sie heiratete und f^tan wurde,