Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 69-70 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12 DIE STIMME Nr» 69/70 fiARRIPI Eino Pessachgeschichte Von David Silberbusch. I. Samstag Erew-Pessach. Die Frommen wie die Frömmsten eilen heute mit Tagesanbruch in das Bethaus, welches sie nach schnell verrichtetem Gebet in größter Hast verlassen. Ehe noch die neunte Morgenstunde vorüber ist, ist die vorschriftsmäßige zweite Sabbatsöuda beendet, und kaum hat man das Tischgebet verrichtet, schreitet man auch schon zur dritten Söuda, welche heute bloß aus Kuchenbrocken besteht. Ist aber diese hastige Stunde vorüber, weiß man nicht recht, was man mit dem Rest des Tages anfangen soll. Wohl legt man sich auch an diesem Tage zum gewöhnlichen Sabbatschläfchen nieder, und manche schlafen auch ganz vergnügt ein, aber es ist lange nicht der Schlaf, welcher sonst nach dem Genuß des köstlichen Scholet so süß und behaglich zu sein pflegt. Und ist ein solcher Erew-Pessach an und für sich lang, so gestaltet er sich diesmal unendlich langwierig für den jungen Gabriel im galizischen Städtchen Zaleszczyki. Auch er Hatte sich schlafen gelegt, aber eine sonderbare Erregung ließ ihn kein Auge schließen. Kaum hatte er wahrgenommen, daß die Hausgenossen eingeschlafen waren, schlich er sich sachte, auf den Zehen, in das angrenzende Zimmer. — Dort befand sich das langersehnte, ihm von den Eltern bereitete Ostergeschenk; dort, am Sofa, gegenüber dem Fenster, lag er, sein seidener Kaftan, den der Schneider gestern ins Haus brachte. Die Eltern meinten, Gabriel soll den neuen, seidenen Kaftan erst abends, am Ausgange des Sabbat und am Eingänge des Pessachfestes anziehen. Dieser Wunsch der Eltern ist ihm heilig. Er wagt es nicht einmal, den Kaftan vor dieser Stunde auch nur zu berühren — bloß sehen möchte er ihn jetzt. Gestern sah er ihn nur so ganz flüchtig . . . Nun steht Gabriel vor dem Sofa und wirft seinem Kaftan prüfende Blicke zu. Aber ach, der Kaftan ist mit dem Unterfutter nach oben zusammengefaltet. Er brennt vor Neugierde das seidene Oberzeug zu sehen. Er verliert die Herrschaft über sich. Schon nähert er sich dem Sofa, er greift mit den Fingern einen Zipfel des Kaftans und legt einen unteren Flügel desselben bloß. Die Sonne läßt ihre Strahlen über das schwarze, glänzende Seidenzeug gleiten. Der Kaftan erscheint nun noch glänzender und schimmernder. Gabriel wird wie von einem Zauber erfaßt. Er hält es nicht länger aus. Er glättet mit vor Freude zitternder Hand das schimmernde Seidenzeug und — wie ein warmes, sanftes Beben durchzuckt es seine Glieder. Gabriel besinnt sich aber bald, schämt sich dieser kindischen Tat, verläßt rasch das Zimmer und begibt sich Wieder auf sein Lager — zufrieden, daß ihn keiner von den Hausgenossen bei diesen Kindereien beobachtet hatte. Als Gabriel nun zu seinem Lager zurückgekehrt war, erinnerte er sich, daß sein Vater ihn, nach dem gestern vor den versammelten «Erstgeborenen» gemachten «Sijum» auf den Talmudtraktat «P’sachim» in ganz eigener Art liebkoste. Dabei aber, um ihn nicht übermütig zu machen, kündigte ihm sein Vater zugleich an, daß er ihn am Feiertag zum Rabbiner führen wolle, um ihn von demselben «verhören» zu lassen. Da wiederholte er auswendig vor sich hin einige Abschnitte aus dem soeben beendigten Traktat. Er will dem Rabbiner, welcher ihn so oft in liebenswürdiger Weise neckte, zeigen, daß er auch etwas weiß ... Im übrigen sei es seine Pflicht, dem Vater für den so schönen, schwarzglänzenden Kaftan eine Gegenfreude zu bereiten . . . Gabriel wird plötzlich in seiner Lernbegierde von einem Lärm, der draußen entstand, gestört. Er verläßt sein Lager und tritt vor das Fenster. Es bietet sich ihm ein eigenartiges Schauspiel: Zwei ihm wohlbekannte Knaben, seine Altersgenossen, ringen miteinander heftig um eine Nuß, die vor sie hinkollert. Die Knaben tragen bereits ihre neuen Feiertagsgewänder. Während sie nun im Ringkampf begriffen sind, schleicht sich rücklings ein dritter Knabe heran, stößt sie um, so daß sie beide zu Boden fallen und er, der dritte, erhascht die Nuß und läuft mit ihr davon. Bald aber erheben sich die beiden Knaben und laufen, vereint und ausgesöhnt dem «Räuber» nach. Gabriel sieht, daß die beiden Knaben ihre Ausgelassenheit mit der Beschmutzung ihrer neuen Gewänder bezahlten. Er ist nun entschlossen, nie mehr sich solchen Knaben zu gesellen. Ist er doch der junge «Lamdan», der einen Seidenkaftan besitzt! Ein Seidenkaftan!!! Die Neugierde erfaßt ihn wieder. Nicht anziehen, aber sehen will er ihn! Und abermals schleicht er sich leise auf den Zehen in das andere Zimmer. Vorsichtig faßt er ihn mit zwei Fingern, mit Daumen und Mittelfinger, an dem Kragen und hebt ihn vom Sofa so, daß er ihn in seiner ganzen Pracht und Schönheit sieht. jedoch reut es ihn bald. Er legt ihn aus der Hand, bemüht, ihn wieder in seine früheren Falten zu bringen, damit ja nicht erkannt würde, daß er ihn berührt hat. Aber es will ihm nicht gelingen und er ärgert sich darüber. Nun fällt es ihm plötzlich ein, da der Kaftan ohnehin ja aus den Falten gebracht sei, daß es gar nicht schaden würde, wenn er denselben auch anzöge. Er wolle ihn bloß für einige Augenblicke anprobieren und gleich wieder ablegen, bevor die Hausgenossen erwachen. Er würde ihn dann wieder so kinlegen, daß es keiner merke. Und schon zieht Gabriel vorsichtig den Kaftan an, knöpft ihn zu, steckt dann seine rechte Hand in eine Tasche, die sich rückwärts befindet, zieht aus derselben einen gestrickten, schwarzen Seidengürtel hervor, welchen er, ernst und würdig, wie ein erwachsener, frommer Jude, um seine Hüfte bindet, wobei er die von der künstlich gebundenen Masche berabhängenden Quasten mit behaglicher Befriedigung glättet. Darauf eilt er an den Spiegel, vor welchem er — da dieser etwas zu hoch hängt — sich auf die Fußspitzen stellen muß. Also steht Gabriel vor dem Spiegel, erfüllt vom Stolze auf sein köstliches, neues Gewand, wobei er sich vergnügt mit beiden Händen seine beiden Sctöäfenlodken kräuselt. Aber da erscholl plötzlich hinter fhm ein lautes Gelächter, welches Ihn fast in Schrecken versetzt Und hn Spiegel tauchten neben seinem Bilde auch die Gesichter seiner Eltern und Geschwister, welch halb angekleMet auf der Schwelle dastehen, auf, und mit hellem Lachen seinem Treiben zuschauen. Gabriel, ganz verlegen, schiokt sich an, den Gürtel rasch aufzulösen und seinen Kaftan abzulegen. Aber als er die Fröhlichkeit der Hausgenossen bemerkt, streckt er sich In seiner ganzen Größe vor ihnen, wie ein tapferer Sieger, stolz auf seine Rüstung. II. Drei Uhr nachmittags. Rüben, Gabriels Vater, begibt sich mit seinem Schwiegersohn Samuel in den Weinkeller Meier Natansohns, und hinter ihnen schreitet Gabriel, mit einer großen, leeren Flasche, feierlich in seinem neuen Festgewande. Mit. ausgesuchter Liebenswürdigkeit bittet Natansohn die Gäste, nachdem er die von Gabriel mitgebrachte Flasche gefüllt hatte, ihm in eine weite Ecike des Kellers zu folgen, wo er sie von einem ganz vorzüglichen Trank kosten lassen will. Indessen bot sich Gabriel ein viel interessanterer Zeitvertreib: Beim Eingang in den Keller war ein kleines Tischchen angebracht, hinter welchem ein etwa lßjähriges Christenmädchen in einem Büchlein eintrug, was an Kunden geborgt wird. Es war Elsa, die Tochter des Gerichtsschreibers % In h a b e r: Richard Herzog I. f Adlergass« s Tal. R-23-4-80 II. v Ki. Pf«rrg. 28 Tal. A-41-6-24 Sprechapparate alle jüdischen und hebräischen Schaliplatten sowie alle modernsten Tanz- und Gesangsschlager In roichator Aas wähl aal Lagert Auch Teilzahlungen! Provinzversand! Sotban neue original-amerikanische Lieferungen eingelangt n D B B Tal Pessach und alle anderen jüdischen und hebräischen Platten sind vorrätig. Johann, der im Hofe seines Vaterhauses wohnt, und sie war Gabriel mehr als eine gute Bekannte, hat doch Elsa seit ihrer frühesten Kindheit mit Judenkindern gespielt, jüdisch gesprochen und sich stets selbst wie ein Judenfeind gefühlt; ist es doch die gleiche Elsa, die gar zu oft bei den Spielen sich vorzugsweise an seiner Seite befand. — Nun steht Gabriel vor seiner Elsa und zeigt ihr seinen neuen Kaftan, den sie, nachdem sie ihm die Flasche abnahm, mit ihren zarten Fingern" streichelt, sichtlich seine Freude teilend. . . Aber schon verlassen Vater und Schwager den KeHer und Gabriel rerwit ihnen nach — ohne auch nur einen Blick auf Elsa zu werfen. * An seinen Besuch in Natansohns Weinkeller dachte Gabriel den ganzen Nachmittag nicht mehr. Doch Abends, als er ln der feierlichen, andächtigen Stille des Gotteshauses im «Achtzehngebet» vertieft dastand, da bemächtigte sich seiner plötzlich eine eigenartige. Unruhe und quälende Gedanken stiegen in fhm auif ... Es ist etwas geschehen, was streng verboten sei . . . Elsa sei keine Jüdin und als sie d'ie nicht bis zawn Halse gefüllte Flasche in die Hand nahm, rüttelte sie deren Inhalt auf . . er, Gabriel, sei ein gelehrter Junge und weiß, daß hier ein Bedenken ln Bezug auf «Nessech» vorliege . . . Elsa sei zwar ein gutes, unschuldiges Mädchen, erhaben über jeden Verdacht, den Wein zum Götzendienst gebraucht zu haben, aber das Gesetz müsse gelten . . . Nach dem Beten müsse er, Gabriel, seinem Vater alles eingestehen ... j Nach dem Abendgebete steht eine Schar von Alters- I genossen um Gabriel, die seinen schönen Kaftan befühlen I und anstaunen. Gabriels Freude aber Ist getrübt. Seine j Seelenruhe ist dahin. Sein Gewissen fühlt sich stark be- S lastet» 1 Daheim ttart Gatu>\ ghicH den anderen Hausgenossen, die «Hagada» laut vor» Er sucht sogar oft lauter als die anderen seine Stimme zu erheben. Es ist die übermäßige Anstrengung, seine Innere Bewegung zu verbergen. Aber es gelingt ihm nicht ganz. Nun erhält aber Gabriel einen letzten Stoß: Als die Türe geöffnet wurde und er gleich den anderen den Propheten Eliohu begrüßen sollte, versagte ihm seine Stimme. Er wurde leichenblaß. Soll doch der Prophet ans dem für Ihn vorbereiteten Weinbecher nippen, und er, der Prophet, wird doch wissen, was vorgefallen sd! * Als Gabriel gegen Morgen erwachte, fand er um seht Bett die besorgten Eltern, die sich nach seinem Befinden erkundigten. Es machte Ihm beinahe Spaß. «Ihm fehlt Ja gar nichts. .» Auch Elsa war schon im Zimmer. Es knisterten unter ihren Zähnen die Mazzetbrocken, mit welchen sie von Gabriels Mutter beschenkt wurde* * Elsa nähert sich schwesterlich seinem Bette. Sie spricht zu ihm jüdisch und fragt nach seinem Befinden: Gabriel betrachtet ihr pausbäckiges Gesicht, ihre üppig entwickelte Gestalt und er schließt die Augen, bis sich Ihre Schritte vom Bette entfernt haben . .. Lassalle und der Genfer Großrabbiner Eine interessante Reminiszenz In den «Genfer Memoiren» erzählt Emil Dreyfus, der bekannte Chronist der Schweizer Juden, folgende persönliche Reminiszenz an Ferdinand Lassalle: Ich war noch jung an Jahren, als ich auf dem Telegraphenbureau hi Genf, wo ich als Kontrolleur arbeitete, Ferdinand Lassalle, der dort oft seine Telegramme aufgab, kennen lernte. Im Jahre 1864 lud mich Lassalle zu einem seiner Vorträge in den Saal «Germania» an der Rue du Rhone rin. Ich erlaubte mir damals, gleich seine erste Phrase zu kritisieren. Er sagte nämlich, daß es die erste Aufgabe sei, die Arbeiter von der verdammten Bedürfnislosigkeit abzubringen. Hierüber entspann sich mit ihm eine eingehende Diskussion. Großraibbiner J. Werthrimer, Professor an der Genfer Universität, schätzte die Persönlichkeit Lassalles sehr hoch, und als ihm am 28. August 1864 die Kunde vom unglücklichen Ausgang des Duells und über das Ende des hoffnungsvollen Mannes erreichte, war er sehr bestürzt. Er lud mich ein, da er wußte, daß ich mit Lassalle bekannt war, ihn zur Gräfin Hatzfeld zu begleiten, um dieser Gönnerin LassaPles seine Dienste als Rabbiner für die Beeidigung Lassalles anzuhieten. Allein die Gräfin Hatzfeld rief uns entgegen: «Lassalle war kein Jude und er soR auch nicht als solcher begraben werden.» Rabbiner Wertheimer antwortete ihr schlagfertig und ruhig: «Regen Ste sich nicht auf, gnädige Frau, wir Juden haschen nicht nach toten Leibern.» Wir,begaben uns auf das Triegraphenbureau und ersuchten die Familie Lassalles, die nötigen Weisungen an das Polizeiamt Genf zu geben. Lassalle wurde hierauf hach Breslau überführt, wo die Beerdigung nach denn Wunsche der Familie auf dem jüdischen Friedhof unter großer Beteiligung und Teilnahme zahlreicher Delegationen des In- und Auslandes stattfand. Der Rabbi mit dem Kreuz ... Der jüdisch-französische Dichter Edmond Fieg berichtet diese wahre Geschichte aus dem Beginn des «großen* Krieges, In einem Vogesendorf brach ein Brand im Lazarett aus, so daß man die Verwundeten herausschaitfen mußte. Wähnend der Räumung des Lazaretts erschien der Großräbfoinar von Lyon, Abraham Bloch, und wurde, da er die gleichmäßige Uniform der Feldgeistlichen trug, von einem Verwundeten für einen katholischen Priester gehalten. Der schwerverletzte Soldat bat den Geistlichen, ihm rin Kreuz zum Küssen zu bringen, Ohne Zögern holte der Rabbiner ein Kreuz herbei, überreichte dem Soldaten das heilige Symbol seines Glaadbenß und verband sich ihm in diesem religiösen Augenblick. Kurz danach tötete eine feindliche Kugel den Rabbiner ... Hiezu schreibt Rudolf Kayser: Beging dieser Rabbiner eine Untreue an seinem eigenen Glauben, trug er ein falsches Gesicht? Er trug das Gesicht wahren Hohenpriestertums, das Gesicht des großen religiösen Menschen, das Gesicht friedlichen Gottesdienstes. Aber er diente trotzdem der Kirche nicht, deren Zeichen er unerwartet in seinen Händen trug; er diente dem Sterbenden und dessen religiösem Verlangen, Entscheidend ist also nicht die Anerkennung und Verehrung des fremden Glaubens, entscheidend ist aflefn die hilfreiche Tat. Sie ist höher, als Toleranz. Toleranz ist nur gesprochene Lehre, ist weiche Ermahnung; die Tat des Rabbiners aber war stumm. Er wollte nicht überreden, woBfce keineswegs duldsam sein. Aber er wollte einem Menschen helfen turod in einer Sprache, die der andere verstand^ In einer einzigen stummen Tat hob er den Unterschied zweier Gemeinschaften auf. Und starb . . . Religionsreform. Die Malereien einer Dorfkirche sind schadhaft geworden und sollen ausgebessert werden. Der damit beauftragte Meister schickt nach Fertigstellung der Arbeit folgende Rechnung: Das Rote Meer von Fliegenschmutz. gereinigt S 4.—i die zehn Gebote verbessert S 2.—, das HöHenfeuer aufgefrischt und dem Teufel neue Hörner aufgesetzt S 5/—, den Himmel vergrößert und einige neue Sterne dazu gemacht S 8.—. Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenannahme Dienstag um 12 Uhr mittags. Später einlangend© Einsendungen können keine Auf nähme In dte laufende Nummer finden.