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Die Stimme · 1929-04-25 · Heft 69-70 (25.4.1929) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 69-70 (25.4.1929)
Date
1929-04-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 69/70 DIE STIMME Seile 9 Wasser verwendet werden, das am Vortage nach Sonnenwtergang, jedoch vor Anbruch der Nacht, geschöpft wurde ntd in einem kühlen Raum «übemächtigt» hat, damit es am nächsten Morgen von kühler Temperatur sei Wasser, das am Tage des Backens geschöpft wurde, ist für die Erzeugung so« Mazzot unbrauchbar. Zur Zeit der Sonnenwende nämlich, in solchem womöglich Chomez befinden könnte, wurden die rend der Nacht das Quellen-, Fluß- und Brunnenwasser unter der Erde wärmen. Solch ein warmes, am Tage des Backens geschöpftes Wasser könnte womöglich den Mazzottelg schnell ziem Sauerwerden bringen. Nachdem am Brunnen das erste Wasser abgeschöpft und weggeschüttet wurde, da sich In solchem womöglich Chamer befinden könnte, wurden <fie tnftgebrachten Gefäße mit Wasser gefüllt und bei jeder Füllung «leschem mazzat mizwah», d. h. bestimmt für mazzat mizwah, gerufen. Manche sehen darauf, daß genau 22 Gefäße, entsprechend der Zahl der hebräischen Buchstaben, mit denen die Torah geschrieben ist, mit «majim schelanu» gefüllt werden. Die nun vollen Gefäße wurden mit weißem Linnen bedeckt, damit unterwegs nichts in das Wasser komme. Die Last der Mizwah, die mit Wasser gefüllten Kannen und Krüge, trug nun jeder selber. Freudestrahlend und unter Gesang zog non die Gruppe vom Brunnen und begab sich in den Raum, wo das Wasser sorgsam behütet «übernächtigen» und am folgenden Morgen seinem Zwecke zugeführt werden soIL Als am nächsten Tage, dem Rüsttage des Pessachfestes, der Chomez weggeräumt und unter Jubel der Jugend verbrannt war, das Haus sauber in Reinheit und Schönheit erstrahlte, schritt man, nachdem die Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte, nach der Mittagsstunde zur freudigen Handlung — zum Backen der Mazzat mizwah. Auch das Pessachlamm durfte über Anordnung der Bibel erst in den Nachmittagsstunden des Rüsttages des Pessachfestes geschlachtet werden. In froher, gehobener Stimmung, zogen nun die Hausväter in den Raum, wo die Mazzat mizwah gebacken werden soll. Die ganze Arbeit wurde von den Beteiligten selbst ausgeführt Unter Absingung des «Halle!» (Psalm 113—118) wurde die Arbeit begonnen und bis nach Beendigung derselben dreimal Hallel in weihevoller, froher Weise wiederholt. Die in Jerusalem zu Pessach versammelte Menge wurde in drei Gruppen zur Schlachtung des Pessachlammes vorgelassen. Bei jeder dieser drei Gruppen sangen die Leviten im Heiligtume — also zusammen auch dreimal — den Hallet. Die Arbeit wurde in von einander getrennte Gruppen geteilt Eine Gruppe besorgte das Vermischen des Mehles mit Wasser zur sogenannten «Mein», eine andere knetete die cMeirb zu Teig, die dritte walkte die Teigstücke in Mazzaform, die vierte trug die rohen Mazzat zum sogenannten Schieber, d. L zu demjenigen, der, am Ofen sitzend, die rohe Mazza auf der hölzernen Schaufel empfing, in den Ofen ichob und sie dann, nachdem sie gebacken war, in den in seiner Nähe stehenden Korb warf. Beim Aufgießen des Wassers auf das Mehl, beim Rädeln sowie «Pedawen» zum Ofen, halfen auch erwachsene Talmudjünger. So oft ein «Podawer» eine rohe Mazzat zum Ofen trug, rief er, um den «Schieber» zum Empfange der Mazzat bereit zu machen, laut die Worte: MITTELMEER¬ RUNDFAHRTEN „SITMAR“ ORIENT-REISEN ITALIEN — SIZILIEN — AEGYPTEN — PALAE- STINA — SYRIEN — ZYPERN — TUERKEI — GRIECHENLAND — FRANKREICH EXPRESSLSN1E NACH AEGYPTEN UND PALAESTINA „N. G. I.“ SPANIEN-REISEN GENUA — NEAPEL — GIBRALTAR — DURCH¬ QUERUNG SPANIENS — BARCELONA — MAR¬ SEILLE — GENUA NACH NORD-, SÜD- UND ZENTRAL-AMERIKA MIT DEN MODERNSTEN R1ESEN-LUXU8- DAMIPiFERN DER «N. G. I.» Navigazlone Generale Itaüana «Sitmar», Wien.!., Kärntnerring 18. «a mizwah in owjen (ofen) aran». Bei jeder Handlung wurde stets der Spruch: «leschem mazzat mizwah» laut wiederholt. Ich war damals ein kleiner, kaum zehnjähriger Talmudjünger, bat, daß man auch mich der Mizwah teilhaftig werden lasse und auch mir eine Arbeit zuweise. Nachdem ich bewiesen, daß mir die diesbezüglichen rituellen Vorschriften geläufig sind, erlaubte man mir zu meiner nicht geringen Freude, rohe Mazzos zum Schieber zu tragen. Es war ein eigenartiger, erhebender Anblick, die zumeist graubärtigen, ehrwürdigen, gelehrten Juden, mit ihren vor Anstrengung geröteten, freudestrahlenden Gesichtern bei der groben manuellen Arbeit zu sehen. Ich sah sie wieder, die freigewordenen, aus der Knechtschaft fliehenden Ahnen, wie sie einst in Eile ihre Mazzat bucken, bevor der Teig zu gären begann. Die gebackenen Mazzot wurden aufgeteiit. Behutsam wickelte man sie in weiße Lir.nen oder in rohes, nicht satiniertes Papier. Unter gegenseitigen Segenswünschen schied man voneinander. Wie eine Siegestrophäe trug jeder, stolz und freudestrahlend, sein Bündel Mazzot mizwah nachhause. Nun harrt das noch warme, duftende Backwerk der baldigen Erfüllung seiner Bestimmung. Bald wird es als Mazzat mizwah den Festtisch der nationalen Befreiung beherrschen. Gericht über Judas Von I. Opatoschu In der Karwoche zogen die Bergt)atrern aus der Gegend von Zakopane m die Stadt Unaufhörlich rollten die kleinen, hohen Wägelchen talwärts, durchschnitten die blauen Tatrawände und schimmerten weiß im Sonnenlicht Die Bengibauem ln ihren hohen Stiefeln und langen, Mauen Röcken schritten mit Weiibern und Kindern fürbaß; ihre Knotenstöcke hälften auf dem Gestein der Pfade. «Heuf vor einem Jahr, Kinder», begann ein alter, bärtiger Bauer, «hätte der Oesterreicher die Prozession nicht erlaubt». «Voriges Jalhr haben wir doch den „Judas” auch hl den Fluß geworfen!» «Aber insgeheim I» Die Bengpfade, die ztrr Stadt führten, ringelten und wenden sich niederwärts, und aus dem Tal, in dem die Stadt lag, kam ihnen die alte, zwertürmige Kirche immer näher. Die Sonne stieg höher, die Berge warfen das Licht zurück. Geblümte, faib-ige Haarbänder, bunte Tücher schimmerten im jungen, sonnigen Frühlingsmorgen. ln der Kleinstadt gab es Gedränge und Getriebe. Ganze Dörfer, Bauern und Bäuerinnen, standen auf 4@tn Marktplatz und an den Straßenecken. Die Kirchengtocken schwangen leise; Alf und Jung schwieg, kniete nieder und schlug das Kreuz. Irgendwo tönte trauriger Gesang von Frauenstimmen. Neue fielen ein, und je stärker der Glockenklang wurde, der die Luft erschütterte ttnd wie ferner Donner in den Bergen hallte, desto trauriger stieg der Gesang über die verrauften Bauernköpfe in die Höhe. Mütter, Großväter Weiten Kinder und Enkefl auf den Armen und erwarteten ungeduldig den Beginn der Prozession. Ein mißgestalteter Greis, der wie eine mrt Schimmel überzogene Pagode aussah, stand kl dem Kreise von Bauern und erzählte von einen! «Judas», der einmal mitten aas der Prozession gesprungen und, mH ciMtt Bfe* verschwunden wk (Nachdruck verboten.) «Die alte Migotzka, die Hexe, die im Moor wohnte, hatte damals ihre Hand im Spiel, und im Zorn packte das Volk die Hexe, legte auf dem Marktplatz Feuer an und sah zu, wie die Verfluchte briet.» Die Bauern ringsum beleckten sich die Münder, bedauerten, daß sie nicht in jener alten, guten Zeit gelebt hatten, und entdeckten mit einem Male, daß die Prozession bereits begonnen hafte. Zwei Bauern eröffneten den Zug; sie trugen eine ausgestopfte Puppe mit einem roten, geirngelten Bart aus Werg, eine Pelzmütze auf dem Kopf und einen Atlaskaftan um den Leib. Eine Schildwache von jungen Burschen, die mit Dreschflegeln bewaffnet waren, trennte wie eine Mauer die Puppe von der Menge. Die Masse rückte und schob langsam vorwärts; die Ungeduld erwachte und von allen Seiten ließen sich Stimmen hören: «Großvater, heb’ mich höher!» «Ich sehe gar nichts!» «Wo ist der „Judas”?» «He, Leute, dreht den Gottseibeiuns mit dem Gesicht den Kindern zu!» «Aber, er hat ja zwei Gesichter!», tönte eine Stimme mit häßlichem Lachen. «Daß ihr euch nicht verschaut, Weiber!» «Die Stefka hat sich versohaut und einen Weinen Teufel mit Hörnern zur Welt gebracht!» Eine alte Bäuerin bekreuzigte sich unaufhörlich: «Ich beschwöre dich, „Judas”, mit des Herrn Jesu fünf Wunden, mit den drei Nägeln, die seine Hände und Füße durchbohrt haben, nimm nicht fort mit deinem Tod die Milch der Kühe, die Ernte des Feldes, nimm fort mit deinem Tod alle Plage, Fluch und Verwünschung, daß der Mensch nicht mehr leide!» Die Luft erfüllte ungeheures Getöse. Der Lärm kam von allen Enden der Stadt, fiel dumpf auf die verschwitzten Körper und lag m den Ohren wie Pfropfenknall. Hinter gesicherten Türen «nd verschlagenen Läden Mfien die ethefce» hundert Juden, weiche eert undenklichen Zeiten in der Kleinstadt wohnten. Durch RHzeo und Spalten blickten sie auf den Markt. Und so oft vom Geschrei und Geheul die Läden zitterten, da zitterten auch die Juden, als trieben sie im Sturm auf Wogen; Angst im Herzen, sagten sie mit ihren Kindern Psalmen her. Die Juden wußten, daß es gefährlich war, am «heiligen Mittwoch» sich auf der Straße zu zeigen und fürchteten, die Bergbauern könnten diesmal Rache nehmen für die vielen Jahre, da der «Oesterreicher» das Fest nicht hatte abhalten lassen. Die Prozession machte beim Gerichtsgebäude halt. Der Haufe brüllte: «Wählt einen Richter!» «Einen Staatsanwalt!» «Wir wählen den Herrn Apotheker!» «Nur einen, den man nicht erst bei der Zunge ziehen muß!» «Da ist er schon!» «Ruhe! Ruhe!» «Er spricht schon!» Auf dem Balkon des Gerichtsgebäuides stand ein sechs Fuß hoher Mann, die Hände aufs Balkongeländer gestützt, und so ein wenig nach vorwärts gegen die Menge geneigt. Seine Stimme, die anfänglich Im Getöse und Getümmel unterging, wurde stärker, klingender, und drang wie Glockenton über den Marktplatz: «. . . Brüder! Als unser Herr Jesus mit den Aposteln das Abendmahl in der Dachkammer eines Wasserträgers nahm, da saß unter ihnen auch Judas. Unser Herr Jesus reichte den Aposteln seinen Becher zum Trinken und sagte ihnen, sie tränken damit sein Blut, das um der Menschen Sünde willen fließen soll, wie es im Evangelium des heiligen Markus geschrieben steht. Aber Judas — dabei deutete der Redner auf die Puppe mit dein roten Bart —, der schreckliche Luzifer, der häßliche, einäugige Gnom, hatte schon damals unseren Herrn Jesum um dreißig Silberlinge verkauft! Brüder! Seht euch doch das Gefrieß an: der blutigrote Bart, das finstere, böse Auge, —: und schaut man dem Schwindler in die Augen, so sieht man nicht ein Gesicht, sondern zwei, und weiß nicht mehr recht, über wen man Gericht halten soll. Also, hochverehrter Richter, du hast gehört, was ich angeführt habe; wenn du überzeugt bist, daß Judas, die Mißgeburt, ein Schwindler ist und ein Mörder, kein gewöhnlicher Mörder, sondern der schlimmstte Mörder in der ganzen Welt, so muß die schwerste Strafe gegen ihn erkannt werden; sogar die Todesstrafe ist nicht genug.» Die Luft erzitterte vom blutrünstigen Aufschrei der Bauern; vorwärts wogte der Haufe: «Tod dem Judas!» «Tod dem Judas!» Niemand hörte mehr dem Urteüsspruch des «Richters» zu, der ihn verlegen, mit offenem Mund, herplapperte; seine Worte fielen wie in einen luftleeren Raum. «Was stehen wir noch?» «Was gaffen wir?» «Schleppt Judas zum Kirchturm!» «Wo sind die Stadtjüdlein?» «Sie haben sich versteckt!» «Einer muß an den Pajes*) aufgehängi werden!» Der Haufe warf sich rernlswärts und bog zum Haus des Notars ein. Stöcke donnerten gegen die versperrten jüdischen Läden und in musend Augen tanzte der Teufel, der einen lebenden Juden suchte. Der Notar erschien am offenen Fenster. «Herr Notar, der zum Tode verurteilte Judas wM noch rasch sein Testament machen!» «Bitte, bitte, meine Herren!» Die Puppe wurde auf den Boden gestellt, das Gesicht zum Notar gewendet. Ein Bursche schlich heran, legte sein Ohr an die Mütze der Puppe und sprang lachend zurück, «Was hat er dir zugeflüstert, Janek?» «Man soll sich seiner erbarmen und ihm die dreißig Silberlinge aus der Hand nehmen!» «Hält er sie denn noch immer in der Hand?» *) Schläfe nlocken. Goethe als Sedergast... Goethe ist öfter als Antisemit zitiert worden. Daß er aber schon in der Jugend angenehme Eindrücke von den in dem berühmten Judenviertel Frankfurts wohnenden Juden gehabt hat, beweist die folgende Aufzeichnung, die sich In «Dichtung und Wahrheit» findet: «Indessen bfietoen sie (die Juden) doch das auserwählte Volk Gottes und gingen, wie es nun mochte gekommen sein, zum Andenken der ältesten Zeiten umher. Außerdem waren sie ja auch Menschen, tätig, gefällig, und selbst dem Eigensinn, womit eie an ihren Gebräuchen hingen», konnte man seine Achtung nicht versagen. Ueberdies waren die Mädchen hübsch und mochten es wohl leiden, wenn ein Christenknabe, firnen am Sabbat auf dem Fischerfekie begegnend, sich freundlich tu*d aufmerksam bewies. Aeußerst neugierig war ich daher, ihre Zeremonien kennenzulamen. Ich üeö nicht ab, bis ich ihre Schule öfters besucht, einer Beschnekkmg, einer Hochzeit baigewohnt und von dem Sederabend mir ein Bild gemacht batte. Ueberall war ich woM auf genommen, gut bewirtet und zur Wiedakehr eingeladen, denn e« waren Personen von EbAufi, <fie midi entweder btaführtea oder empfahl

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