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Die Stimme · 1929-04-25 · Heft 69-70 (25.4.1929) · page 10

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 69-70 (25.4.1929)
Date
1929-04-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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nir: snwu: Nr. 69/70 cw?oocxioooooocoeas«cö Kondniatiiyng Die Wiener dolkerel bringt auch heuer Pessaril-Roscilfirmllcll In allen ihren Filialen zum Verkauf. — Bit Ptssacfe- Koschermllch Wird in ihren Meiereien in Niederösterreich unfer streng ritueller Aufsicht der von Sr. Bhrw. Herrn Rabbiner Or. M. Rosenmann bestellten religiös vorlöBlldien Organen D’rPJTPÖ erzeugt. Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe, respektive mit einer Schleife versehen mit dem Aufdruck noa btt nun abn Wien, 15. April 1929 WIENER MOLKEREI «Da hält er sie ja», ein Bursche zog deutend den anderen am Arm, «schau’ nur her!» Der Bauernbursche riß sich ängstlich los, denn er wußte nicht, warum die Umstehenden lachten. In seiner Verlegenheit gaffte er den Notar an, der da« Testament vorlas: «Ich, Judas, bin ein altes, schwaches Männlein, ein armseliges Geschöpf . . . Ihr könnt mich erschlagen und ertränken, mehr als dreißig Silberlinge werdet ihr bestimmt nicht erben . . . Denkt aber daran, daß meine Lippen auch teuer sein sollen: Sie haben Jesus geküßt . . .» «Genug!» «Genug!» x «Laßt ihn nicht lästern!» «Stopft ihm das Maul!» «Wir wollen nichts mehr hören I» ^Ertränkt ihn ohne Testament!» Ein Bauer, der ein weißes Chorhemd über dem Rock trug, erhob ein vergoldetes Kruzifix, an dem Jesus hing, Nägel durch Hände und Füße getrieben, den Kopf auf die Brust gesenkt. Hinter Jesus schleppte sich «Judas» mit seinem roten, geringelten Bart, dem verbundenen Auge, und flüsterte seinem Bruder zu: «Warum schweigst du, Jesus?» «Was soll ich sagen?» «Das fragst du, Jesus? Du hast dich doch zum Opfer gebracht um der Menschen Sünden willen! Was hast du erreicht? Sieh’ hin auf den wilden Haufen, der einen lebenden Juden als Opfer sucht! Da er ihn nicht bekommen kann, hat er mich, deine- Bruder, al« Popanz ausgestopft, wie Kinder eine '"tippe ausstopfen, und sättigt so das Tier in sich! Du weinst, Jesus?» Der Haufe ließ «Judas» seine Klage nicht zu Ende bringen, er wurde von seinem «Bruder» fortgerissen. Alle Augen blickten auf den Kirchturm. In einem viereckigen, scheibenlosen Fenster stand «Judas», das Auge war verbunden, der rote Bart wirr und schütter. Der Atlaskaftan war verdrückt und blinkte in der Sonne. So stand er eine Zeitlang: dann schäumten Stimmen empor und Judas begann seinen Flug; wie ein Sandsack fiel er auf das Pflaster Mit Stöcken und Flegelwarf jlch der Häufe auf «Judas» und schlug lange, unbarmherzig auf ihn los. Erst als vom Gesicht nichts mehr zu erkennen war, stillte sieh die Wut der Bauern; sie überließen den unförmigen Balg den Kindern und sahen vergnügt zu, wie sie ihn zum Flusse schleppten (Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz.) tniimmmmmmmmmmmmmmmmmuirnn»* I Pessach im alten Judenghetto Mährens Von Dr. Max Hrdlitschka, Brünn ln dem soeben im Jüdischen Buch* und und Kunstverlag Brünn, erschienenen, prachtvoll ausgestatteten Sammelwerk «Die Juden und Judemgemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart», dessen eingehende Würdigung wir uns Vorbehalten, veröffentlicht Dr. Max Hrdlitschka eine die Sitten und Gebräuche des vormärzHchen mährischen Judenghettos behandelnde gründliche Arbeit, der wir das nachstehende Kapitel entnehmen. In der Reihe der Feste ist das erste das Pessachfest. Schon eine, bisweilen zwei Wochen früher wurden alle möglichen Vorbereitungen getroffen. Die Vorkehrungen wegen Beschaffung des Mazzothmehles waren schon früher erforderlich. Gewöhnlich sechs Wochen vor Pessach fand im Gemeindehause die Mazzothmehllieferung auf Grund einer öffentlichen Ausschreibung statt; aus dem vom Meistbietenden erzielten Betrage wurden den armen Leuten Mazzoth unentgeltlich beschafft, Fleischzettel und Weinanweisungen für die Armen ausgestellt, so daß auch sie ohne Kummer die Feiertage erwarten konnten. Früher, als es noch keine Maschinen für das Fertigstellen gab, buken sich die einzelnen ihre Mazzoth zu Hause selbst Alle Mädchen wurden aufgefordert, mitzuhelfen; die Mazzoth fielen gewöhnlich dick aus, wenngleich das Kneten des Teiges mit aller Vorsicht erfolgte. Auch nach dem Aufkommen der Maschinen buken sich die frommen Juden aus selbst gesammeltem, zur Reifezeit nicht naß gewordenem und mit einer Handmühle vermahlenem Weizen die Mazzoth, besonders jene für die beiden Sederabende „Schemiremazzoth“. Hiemit war aber erst die Hälfte der häuslichen Vorbereitungen für das Pessacbfest getan, die andere Hälfte bestand darin, alles Gesäuerte im Hause aufzusuchen und fortzuschaffen. Der Anteil des Hauevaters an dieser Hausumwälzung beschränkte sioh auf das Durchsuchen aller Winkel des Hauses nach Chomez (Chomez batteln). Es wurde ein Federwisch genommen und ein alter Kochlöffel verwendet, auf welchem die Brotbrocken und Brotkrumen gekehrt wurden. Das Ganze wurde mit einem Fetzen umwunden und am nächsten Tage jungen Burschen oder dem Gemeindediener übergeben, wer eben den Chomez einsammelte und verbrannte. Hatte der Hausherr ein Geschäft, in dem Chomez zum Verkauf gelangte, mußte er das Geschäftslager für die Pessachzeit an einen Nichtjuden verkaufen, dem er die Schlüssel übergab. Hierauf kam das Haus an die Reihe. Fchränke und Tische wurden gescheuert, alle Fächer und Schubladen umgestürzt, ausgeklopft und ai egewaschen, das Geschirr, sollte es benützt werden, mußte gekaschert werden, eventuell schafft o inan für die Festzeit das sonst benützte Geschirr in eine Bodenkammer beiseite, schloß diese ab und nahm das für die Pessachtage bestimmte Geschirr in Verwendung oder man kaufte neues Geschirr Es gab sogar wohlhabende Familien, die sich für die Pessach tage im ersten Stockwerke ein eigenes Zimmer mit Küche frei hielten, die sonst das ganze Jahr hindurch unbenützt blieben. Reges Leben herrschte gewöhnlich Erew Pessach in der Judengasse. Es kamen Töpfer und Glaser, auch Pfeifenhändler; denn es war Gepflogenheit, sich eine neue Tabakspfeife für die Feiertage anzuschaffen. Es wurden auch Zitronen, Apfelsinen und gekochte Eier feilgeboten. Das Fasten der Erstgeborenen ZIONISTISCHER JUGENDVERBAND 3ugendfc®m%ewt des Wienern Jf&dtiactken &esan&s~ weveinea Montag, den 29. April 1929, 8 Uhr abends, im Industrie* hans, I., Schwarzenbergplatz 4 Karten von S 1*— bis S 3.— im Keren Kajemeth-Büro, 1., Kärntnerstraße 28, erhältlich bzw. die Dispens von demselben durch Teilnahme an einer gebotenen Mahlzeit, die nach Beendigung des Studiums eines Talmudtraktates erfolgte, hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Ueber all diesen Vorbereitungen war der erste Sederabend herangerückt. Nachdem es sich hier um eine noch immer bestehende Feier handelt, deren Gebräuche bis zum heutigen Tag eingehalten werden, erscheint es wohl nicht nötig, den Verlauf des Festabends näher zu beschreiben. Es wäre nur zu erwähnen, daß sich der Hausherr die Sterbegewänder (Kittel und Kittelhäubel) anlegte. Am Abend des letzten Pessachtages pflegte die Jugend einen Popanz, den „chomezigen Borchu“, anzufertigen und herumzu tragen. Bei Beginn des Maariwgebetes warf sie ihn zerrissen in einen Wassertümpel oder verbrannte ihn unter Johlen. Die Zeit der Sefirahzählung, die vom Abend des zweiten Feiertages an, durch 7 Wochen einsetzte, wurde als Trauerzeit betrachtet und, den 33. Tag dieser Zählung (18. Ijar) und der in dieser Zeit fallenden Neumondtage ausgenommen, unterblieben alle Festlichkeiten und Unterhaltungen. OOCXXXXKXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX) Unverlangte Manuskripte, denen kein Tlckporto beiliegt, werden nicht znriiekgesendet Der Pessach des Rabbi Levi Jizchak... Aus der Welt der Chassidim Von Chajlm Bloch. Die Erlösung Man weiß, mit welcher Bedachtsamkeit der Rabbi von Berdytschow sich zum Empfang des Pessachlestes zu rüsten pflegte. Wohl empfing er alle Festtage hi großer Feierlichkeit, Weihe und Freude. Aber an den beiden Nächten des Pessachfestes sah man buchstäblich, wie er sich von Stufe zu Stufe hob und von Aufstieg zu Aufstieg in Heiligkeit wuchs. Alljährlich, wenn der Monat Nissan, der jüdische Frühlingsmonat, kam, war er von Wonne erfüllt. «Am Nissan sind wir erlöst worden, am Nissan werden wir erlöst werden» — lautet ein Ausspruch unserer Weisen; er hoffte und seine Seele atmete Sehnsucht und Fröhlichkeit. Einige Tage vor Pessach ging er ln den Gassen der Stadt und sah sich das Treiben der Leute an. — Er jubelte beim Anblick, wie die Frauen und Kinder mit Mühe und Songfalt zum Empfang de« Pessachs rüsteten und arbeiteten, die Holzgeräte scheuerten, die Küchen säuberten und die Leuchter putzten. Im Entzücken sprach er: «Es sei der Wille des Allmächtigen, daß die Enget, welche durch das Kalken, Scheuem, Waschen und Putzen beschaffen werden, vor Oott treten und Fürsprecher werden, daß Israel ehebaldigst erlöst werde!» Der Trunkenbold. Rabbi Levi Jizchak hatte einst den Seder der ersten Pessachnacht nach allen geheimen Weisungen verrichtet. Nach der Feier erfüllte ihn ein Gedanke, er habe, wie nie zuvor, alle Kawanot, auf die er seinen Sinn richtete, vollkommen erfaßt. Da hörte er eine Stimme: «Levi Jizchakl Du rühmst dich deines Seder? Schau, der Seder Chajims, des Wasserträgers, ist viel schöner, glanzvoller als der deinige.» Der Rabbi erbebte und fragte Hausleute und Schüler: «Kennt jemand von euch Ghajim, den Wasserträger?» Da sagte einer: «Ich kenne ihn wohl! Er ist ein großer Trunkenbold.» Darauf sprach der Rabbi: «Rufet ihn herbei!» Lange mußten sie umherlaufen, um sein Wohnhaus zu finden. Sie klopften an die Tür. Ghajims Weib kam heraus und fragte: «Ihr braucht meinen Mann? Er schlummert in tiefer Trunkenheit.» Die Ghassidim gingen in die Stube, rüttelten ihn auf und trugen ihn auf ihren Schultern zum Rabbi. Der ließ ihn in seine Nähe sich setzen und sprach zu ihm: «Rabbi Ghajim, mein Herz, habt ihr am Sabbat „Knechte waren wir in Aegypten” gesagt?» Er antwortete: «Jawohl!» «Habt ihr den Chomez verbrannt? Ghajim dachte eine Weile naoh, als wollte er sich entsinnen, und sprach: «Ich habe vergessen, ihn zu verbrennen und entsinne mich, er liegt noch auf dem Balken.» Weiter fragte der Rabbi: «Habt ihr den Seder abgehalten?» Ghajim erwiderte: «Rabbi, ich will euch die Wahrheit sagen: «Ich weiß von je, daß es verboten ist, Branntwein zu trinken an den acht Tagen des Pessachfestes, und da trank ich heute am Morgen des Branntweines so viel, daß ich genug habe für alle acht Tage. Dann wurde loh sehr milde und schlief ein. Da weckte mich meine Frau und sagte: «Warum hältst du nicht den Seder, wie alle Juden, und wie es unsere Väter und Väter-Väter getan haben?» Ich erwiderte ihr: «Was willst du von mir? Bin ich doch ein Unwissender und der Sohn eines Unwissenden und ich verstehe nichts. Nur das eine weiß ich: die alten Juden, unsere Ahnen, waren bei den Zigeunern gefangen und wir haben einen Allmächtigen, der hat sie in die Freiheit hinausgeführt. Und nun sind wir wieder gefangen, aber ich weiß es, Gott wird uns wieder in die Freiheit führen! Ich sah den Tisch mit den Mazzot, Wein und Eiern und allerlei Speisen und da aß ich die Mazzot mit den Eiern und trank den Wein Dann überfiel mich die Müdigkeit, legte mich hin und schlummerte ein.» Nun befahl der Rabbi: «Führt ihn nach Hause!» Zu seinen Ghassidim aber sprach er: «Schau-t, wfe teuer seine Rede im Himmel war, so er sie aufrichtig und in Reinheit gesprochen hatte.» Der leere Galawagen Als der berühmte Rabbi Akiba Egcr zufammen mit Rabbi Jakob Lilla zum eritenmal in Warfchau ankamen, um fich an der dort tagenden Rabbinerkonferenz zu beteiligen, war der größte Teil der Gemeinde draußen vor dem Stadttore, um die zwei Größen würdig zu empfangen. Als der Galawagen in die Stadt einfuhr, waren die Straßen von Mcnlchen angefüllt. In glühender Begeiferung fpannte die Menge die Pferde aus, um den Wagen durch die Straßen zu tragen. Rabbi Akiba dachte: »Diele Ehrung gilt felbftvcrftändlidt Rabbi Jakob.“ Da machte er (kh leife und unbemerkt aus dem Wagen und tauchte unter der Menge unter, ja half fogar, den Wagen tragen. Im gewaltigen Gedränge blieb diefes unbeachtet. Rabbi Jakob dachte: „Die Menge will den großen Akiba ehren, wie komme ich dazu, teil an diefer Ehrung zu haben?“ So (lieg er zur andetn Seite de« Wagena hinab, jubelte mit der Menge und trug mit. Erft am Hotel angeUngt, merkten die Leute, daß der Wafton leer was.

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