Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 69-70 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 69/70 o(E STIMME Sette 7 PF.SSACHRLÄTTER DER SINGENDE ZADDIK AM SEDER Von Josef Pate!» Budapest Bei der dritten Mahlzeit des Sabbate, ln der geheimnisvollen Abenddämmerung, da die Htonmel®- Zisternen si^h öffnen und auf die reinen Seelen wundersame Visionen sich ergießen, sprach einst der Lutrttner Zaddik zu seinen um ihn sitzenden Getreuen; — Im Lande der Magyaren ist ein großes Licht entbrannt, ein blendend leuchtender Stern, dessen Glanz aus den reinen Tagen der Schöpfung stammt... Und am nächsten Tag machten sich schon zwei seiner Anhänger auf, den verborgenen Stern aufzusuchen. Lange irrten sie im Lande umher, bis sie endlich erfuhren, daß das Licht, nach dem sie sich sehnen, in Nagy-Kallo strahlt. Sie setzten ihre Wanderung fort und kamen am Tage vor dem Pessachfeste in der kleinen Stadt an. Ate sie sich dem Hofe des Rabbi näherten, drangen Oesang und Musik an ihre Ohren. Sie kamen näher und da erkannten sie auch schon den Text des Liedes: «Ais Israel aus Aegypten zog, Haus Jakobs von dem fremden Volke»... — Es ist dies ein Pessachipealm, — dachten die .Wanderchassidim und traten in den Hof. Da« Haus des Rabbi war außer Rand und Band. Der Kalioer Zaddik buk seine Mazzos (österbrote) zuhause. Draußen im Hofe, der mit Scheiterlholz gefüllt war, w-usch der greise Talmud ist Reb Chajim Nachman die Geschirre. Der Toraschreiber Reb Gheskel, dessen langen, schwarzen Bart der Mehilstaub weiß gefärbt, knetete den Teig. Um den langen Tisch standen die angesehensten Mitglieder der Gemeinde, und walkten und rollten mit gebeugtem Rücken den zugeteilten Teig aus. Kleine Knaben mit langen Schläfenlooken trugen die Mazzos zum «Stoppler» und von hier trugen sie die Jungen behende zum Ofen, wo in einem Hemde mit weiten Aermeln, mit einem weißen Käppchen am Kopfe der Rabbi selbst saß. Das vom Ofen herau»brechende Gtühlicht' beleuchtete das flammende Antlitz und die große, weiße Stirn des Zaddik, an der sch im mernde Sc!'weiß tropfen perlten. Das Lärmen und Summen wurde durch den andächtigen Gesang der Bäcker übertönt, der auf An eifern des Zaddik immer lauter und immer feuriger wurde. In einer Ecke begleiteten drei jüdische Musikanten das Lied mit Gelige, Flöte und Cimbel ... Die fremden Chastidlm blieben staunend an der Schwelle stehen. Solches Mazzosbatken hatten sie noch nirgends gesehen. Rab Chajim Nachman, der mit fieberhafter Emsigkeit die Geschirre abrieb, bemerkte die zwei Fremden erst nach einigen Minuten. Da trocknete er sich rasch die rechte Hand und streckte sie zum Gruße den Fremden entgegen. — Schalom! Von wo seid Uhr? — Aus Lublin. — Wohin wollet Ihr? — Wir wollen den Pessach hier bei dem Rabbi verbringen. — Wann ginget Ihr vom Hause weg? Die Fremden unterbrachen ungeduldig die Fragen. Sie hätten schon gerne den Zaddik gesehen, wegen dessen sie den langen Weg gemacht, — Wo ist jetzt Buer Rabbi? — fragten sie. Der alte Chajim Nachmann wies mit seinem Zeigefinger auf den beim Öfen sitzenden Mann, der eben mit seinem weiten Hemdärmel den Schweiß von der Stirn wischte. — Der trägt ja fremde Kleider? — sagt überrascht der eine Chassid. — Das ist kein fremdes Kleid, ungarische Tracht ist es, -— antwortet der alte Chajim Nachman stolz . . . Inzwischen hatte man vom Kneten des einen Teiges bis zu dem des anderen die Arbeit für einige Minuten unterbrochen. Die Getreuen umringten den Zaddik und auf die Rhythmen des Psalmes begannen alle zu tanzen. Ate das Mazzosbacken zu Ende war, erhob sich der Zaddik, trocknete sich den Schweiß von der Stirne, wusch sein Gesicht und ging hinaus. Er ging durch den Gartenweg gegen die Wiesen. Draußen blühten schon die Bäume und die Sonnenstrahlen schimmerten durch dichtes Lauib auf die große Wiese. Die Stille der sonnigen “ F^ilhTmtg^luft ward nur durch den Vogelsang und die SchaliTtei eines Hirtenknaben durchzittert . . . Der Hirtenknabe machte sich auf den Heimweg und, seine Schalmei blasend, nahte er dem Rabbi. Der Zaddik winkte Ihn zu sich. — Blase mir nochmals das Lied, mein Kind, bat er ihn. Der Knabe wiederholte ergriffen die Weise. Der Zaddik horchte verzückt. Dann sagte er, dem Knaben tief ln die Augen schauend: — Ein heiliges Lied tet das, mein Sohn, dem Hohen Hede gleich, blase es noch einmal * Der kleine Knabe — als hätte Ihn der scharfe Btiok des Rabbi verwirrt — versuchte vergebens seine Schalmei. Als ob der Ton in ihr stecken geblieben wäre. Wiederholt begann er die Weise von Neuem» — vergeben«. Es ging nicht . . . — So gib sie her, sagte der Zaddik, nahm dem Knaben die Schalmei ab und blies das Lied ... E« dämmerte. Der Rabbi gab dem betrübten Knaben die Schalmei zurück und ging der Synagoge zu . . . Das Abendfestgebet sang der Zaddik nach der Schalmeienwelse de« kleinen Hirtenknaben und wie er vor dem Betpult sang, summten die Oiäublgen alle da« Lied mit, die Seele aller ward von der neuen Melodie erfüllt und die ringsherum flackernden Kerzenlichter bewegten ihre Flammenköpfe gleichsam nach dem Rhythmus des neuen Liedes . . . Als die Nacht angebrochen war, die «Nacht der Wache», im der sich alle schädlichen Dämonen verbergen und nur die Seele Elljahus zwischen den Häusern Israels umgeht, glänzte das Haus des Heilige« in Kallo ln wundervoller Festesreinheit. Auf dem Tische, wo am Nachmittag noch die harten Walikhölzer den dünnen Teig geschlagen, breitete sich ein schneeweißes Limnentuch aus und ln der Mitte strahlte der zwölfarmiige Leuchter, das Antlitz des Zaddik beleuchtend, der oben auf dem Ehrenplatz ln weißem Festkleide saß. auf weißen Kissen seitwärts lehnend . . « Die Chassidim aus Lublin warteten ungeduldig, wann sie "schon von den Lippen des Zaddik tiefsinnige Toraworte oder katoalistische Geheimnisse hören würden, jedoch vergebens. Die Sedernacht war fast zu Ende und sie hörten noch immer nichts anderes, ad« Lieder und Gesänge . . . — Hieher sind wir umsonst gekommen— dachten die Lubliner und erwarteten auch kein Wunder mehr; Es schlug eben zwölf Uihr, als der Kalloer Zaddik zu jenem Gebete gelangte, bei dem die Türen der. Häuser Israels sich öffnen, daß sie den eintretenden Geist Elljahus empfangen* Der Zaddik erhob sich und öffnete selbst die auf die Gasse gehende Türe. » -. Gesegnet sei, .der da kommet in Gottes Namen: Kaum war der Gruß des Zaddik verklungen, als zum Erstaunen der Festgäste ein sonderbarer, hagerer, alter Bauer in weißem, haarigem Kittel, mit einem Hirtenstock in der Hand, in das Zimmer trat. Starr, mit in sich versunkenen Augen, tat er einige Schritte vorwärts. — Gesegnet sei, der da kommet im Namen Gotteei „Und wenn Dein Sohn Dich einst fragt. . öle Haggadah — ein jüdisches Volksbuch Von Hof rat Professor Dr. S. Frankfurter Im «Jüd. Museum» (PI., Malzgasse 16, Sa.» So. von 11—13 Uhr) tat derzeit aus Anlaß des Pessach- Festes eine kleine Sonderschau von Gegenständen, die sich auf diese Feier beziehen, zueammengestellt. Solche temporäre Ausstellungen sollen ln Zukunft fallweise, besonders hm Anschluß an dde Feste und nationalen Gedenktage geboten werden. In meiner Schrift «Das altjiüdische Erziehung«- und Untorrlc'htswesen im Lichte moderner Bestrebungen» (3* und 4. verbesserte Auflage Wien, 1m Verlage von R. Löwit, 1910) habe iah darauf hin gewiesen, daß die seit Corvenius stets betonte Notwendigkeit der Anschaulichkeit des Unterrichtes ein das ganze altjüdische Unterriohtsweseu durchziehender Grundafcz tet. Wenn auch von eigentlichem Anchauungsuntorriclvt nicht die Rode «ein kann — Anschauungsmittel sind ihfjen nicht fremd — so betonen doch die Rabbiner mehrfach die Notwendigkeit, den Unterricht so sinnfällig und anschaulich als möglich Ml machen. Schon die Bibel deutet das an- Ddp bekannten Stellen («Wenn Dich Dein Sohn fragen wird, was bedeutet» u. a.) werden so aufgefaßt, daß die Belehrung Über [Feste und ihre Symbole zeitlich mit den Festen verbunden und stets geknüpft werden an die Anschauung der Dinge. Ein geradezu klassisches Beispiel däflür Ist die Pessach Haggadah, die mit «Erzählung für die beiden ersten Festabende des Pessachfcstes» nicht ausreichend bezeichnet wird. Denn die eigentliche Erzählung bildet den geringsten Heine kennzeichnet das Buoh mit den Worten: -■fine seltsame Mischung von Sage« der iWahren, Wunder- ^geschichte.n aus Aegypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern.» In einem kleinen Ausschnitt gibt es ein gutes Bild von der Lehr- und Denkweise des Talmud. Im wesentlichen hat ja die Pessach-Haggadah in der Zelt, da der Talmud abgeschlossen war, ihre heutige Gestalt erhalten und ihrem Zwecke entsprechend ist 4k' nicht nur volkstümlich gehalten, sondern ist §a* auch ein Volksbuch geworden und geblieben. Es soll der Belehrung des Volkes und namentlich der Kindci Jone«, 1 sie nicht mit mit den Gebräuchen des Festes und ihrer Bedeutung, sondern auch mit den unvergänglichen Grundgedanken de« Festes der Befreiung vertraut machen. Im Vordergründe steht die Belehrung der Kinder, und zwar nicht nur der reiferen, die schon fragen können, sondern auch der zarten, die es noch nicht verstehen. Den« die religiöse Unterweisung ist die HauptverpfHchtung der Eltern. Dazu gehören der Unterricht in den Lehren und Vorschriften der Torah, die Angaben über Bedeutung der Zeremonien und Aufklärung über die Geschichte des Volkes- «Und schärfe sie, die Lehren und die Gebote, einileinen Kindern.» «Und wenn Dein Sohn Dich einst fragt, was bedeutet dies, so sage ihm, mit starker Hand hat uns der Ewige aus Aegypten geführt, aus dem Hause der Sklaven.» «Und mache sie bekannt Deinen Kindern und Enkeln». «Und Du sollst es Deinem Sohn erzählen». «Und die Kinder» die nicht verstehen, sollen hören und lernen den Ewigen, euren Gott, zu fürchten alio Tage, die Ihr auf der Erde lebet». «'Und wenn Dich mongen Dein Sohn fragt, was bedeuten diese Zeugnisse, die Gesetze und die Rechte, die der Ewige, unser Gott, Euch beföhle« hat, so sage Ihm: Der Ewige, unser Gott, hat uns die Ausübung aller Gesetze befohlen, damit es uns alle Tage gut gehe». Daher wird bei der Festfeier, Seder (d. h* Ordnung, Reihenfolge, nämlich der Zeremonien) genannt, von dem Kinde durch die bekannten vier Fragen dem Vater die Gelegenheit zur Antwort gegeben und auch sonst wird die Aufmerksamkeit, auch der Kleinsten, geweckt und durch altrtibllcbe Bräuche festouhalten gesucht. Ee soM hier nicht Über das Fest selbst gesprochen werden, es mag nur daran erinnert werden, daß, wie es selbst Jn der Geschichte des jüdischen Volkes seine Begründung hat, es auch mit den Schicksalen des Volkes im Laufe der Jahrtausende innig verwachsen Ist. Daher möge« die; in der Haggadah enthaltenen Grundgedanken hervorgehoben werden. Der eine besagt: «Und das stand unseren Vätern bei und uns, daß nicht einer allein sich gegen uns erhob, um uns zu vernichten, sondern zu allen Zelten hat men sich gegen um erhoben, um lins m vernichten, und der HeWfc, gelobt sei er, hat «na «ns Ihrer Hand gerettet». Und der andere: «Zu allen Zelten muß Jedermann sloh betraebteu» «*• wäre er selbst «iia Aegypten gezogen, denn es heißt! und sage es einstens Deinem Söhhe: Deshalb hat ::s£fC mir der Ewige so getan, als ich aus Aegypten zog; nicht unsere Väter allein hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst, sondern auch uns mit ihnen usw.». Sind das nicht ewig wahre und durch die Leidensgeschichte bezeugte Gedanken, die auch der modernste Jude empfinden kann. — Wie viel Trost in seinen Leiden hat das jüdische Volk aus Ihnen ge-, schöpft und wie hoch steht der Gedanke der Freiheit nicht nur für das ganze Volk, sondern auch für jeden einzelnen! Schon daraus begreift man, daß die Pessach- Haggadah so volkstümlich geworden ist. Wenn sie auch schon frült in den Umgangssprachen bearbeitet und verbreitet worden ist, tet doch das hebräische Original ein Lieblingsibuch de« Volkes geblieben. Schön früh begann man es mit Bildern und Ornamenten zu versehen. «Die Zahl der illustrierten Haggadafh-.Hand||bsehriften ist nicht genau bekannt.» Allenti [. /'( halben finden sie sich in den Bibliotheken und Sammlung ) ge«, nicht wenige von ihnen sind berühmt geworden. Einig« sind ln neuerer Zeit in prachtvollen Ausgaben veröffentlicht worden, wie die Haggadah von Sarajevo von D. H. Mütter und Jul. Schlosser, Wien, 1898, und die Danmstädter von Br. Italiener, Leipzig, 1927. Die Doktorfrage, ob es eine jiddische Kunst gibt, soll Wer nicht erörtert werden. Eines mag bemerkt werden: Wenn, wie dies oft geschieht, als Grund dafür, daß die Juden keine Kunst hatten, auf das biblische Verbot: Du sollst Dir kein Bild machen n. s. w. bingewiesen wird, so wird dabei übersehen, daß nach traditioneller Auffassung | dies nur von der Plastik, namentlich von der Skulptur, , Rundbild und Hotyrellef, gilt, daß aber Malerei und Graphik F|c'h, nicht verpönt waren, wie ja auch Zteelierkunst, Gold- und S!!berschmiedekunst Ihre Pflege fanden. Wie die Haggadah waren alle Utensilien für die FbsN abende Gegenstand künstlerischer und kunstgewerblicher Betätigung und so kam ins jüdische Haus, nicht nur der Reiche«, sondern auch der Armen ln gewissem Sinne ein künstlerischer Zug. Welche« Wert es für die Schulung der Sinne und die Belebung der Anschaulichkeit, namentlich der Jugend, batte, begreift man leicht. Deshalb ist der Besuoh de« Jüdischen Museums so feto* reich, wett er nicht wur Dinge keimen lehrt, die heute viele« fremd geworden sind, sondern nach der künstlerisch«« Seite manchen Aufschluß gewährt.