Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 69-70 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DTE STIMME Nr. 69/70 Abrechnung mit den „werktätigen“ Israeliten Die Patästinadebatte des Wiener Kultusvorstandes Tn der Budgetdebatte des Kultusvorstamfes', über die die «Stimme» bereits berichtet, erklärtem die Herren Hirschfeld und Moriz («Werktätige Juden») im Gegensatz zu ihren dnei übrigen Klubgenossen, gegen das Palästina-Budget stimmen zu wollen. Ihnen erwiderte Herr Dr. Jakob Ehrlich, dessen Rede wir im nachfolgenden auszugsweise wiedergeben. Ich habe gehofft, daß ich, wenn ich nach Mitternacht zu Wort komme, Gelegenheit haben werde, mich mit einer programmatischen Erklärung der Rechten des Vorstandes auseinanderzusetzen. Bedauerlicherweise hat jedoch bis zu diesem Augenblick keiner der Herren ■>er Union es für notwendig gefunden, in der Budgetdebatte das Wort zu ergreifen, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit den Herren Hirschfeld und Moriz auseinanderzusetzen. Beide Herren sind natürlich, wie sie uns versichern, für Palästina, aber mit «■blutendem Herzen» müssen sie gegen die Palästina-Posten votieren, solange es irgendein Elend gibt, dem ans den Mitteln der Gemeinde nicht abgeholfen werden kann. Die Stellungnahme der Herren erklärt sich nur aus der ganz besonderen Einstellung der österreichischen Sozialdemokratie zum Palästina- Problem, einer Einstellung, die im schroffsten Gegensatz zur ganzen sozialistischen Internationale steht. Ich werde Herrn Hirschfeld die Stellungnahme eines anderen Sozialisten bekanntgeben, dessen Name einen sehr guten Klang hat und der vor kurzem Palästina besucht hat. Es ist dies der belgische Sozialist V ander v e 1 d e, der ein Buch geschrieben hat, «Ein marxistischer Sozialist über Palästina». Er spricht in diesem Buche ungefähr den Gedanken aus, daß die Juden sich nicht einbilden mögen, soziale Arbeit zu leisten, wenn sie Mittel aufbringen zur Linderung des Massenelends in Osteuropa oder in anderen Ländern. Die Arbeit in Palästina, der Wiederaufbau des Landes, sei hingegen eine produktive Fürsorge ersten Ranges. Allerdings, wenn man seine Kenntnisse über Palästina und Judentum lediglich aus der «Arbeiterzeitung» schöpft, wie dies bei unseren «Werktätigen» der Fall zu sein scheint, weiß man von diesen Dingen nichts, und weiß auch nichts davon, daß die Kongresse der Sozialistischen Internationale in Stockholm, Genf und Bern das Proletariat verpflichtet halben, für den Wiederaufbau Palästinas einz-utreten. Herr Hirschfeld hat bewegliche Klage darüber angestammt, daß das Elend sehr groß sei und daß er trotz seiner Liebe für Palästina solange nichts votieren könne, als Mütter ohne genügende Unterstützung die Stiegen in der Seitenstettengasse «hiiHinterwanken». Aber das Elend ist nicht nur groß in der Judengasse, es ist groß in der ganzen Stadt. Täglich kann man in den Zeitungen lesen, daß Personen in ihrer Verzweiflung und Not zum GasschlauJi greifen, daß die Gemeinde Wien gezwungen ist, Unterstützungen einzustelien und daß, wenn auch auf dem Gebiet der Fürsorge Großes geleistet wurde, noch sehr viel zu leisten übrig bleibt. Und doch votiert der Wiener Gemeinderat Buroderttausende von Schillingen für alle möglichen Subventionen-, die mit der Fürsorge nichts zu tun haben, baut Monumente und hat Geld für alle möglichen Zwecke. Aber es hat sich im Wiener Gemeinderat noch kein Ohristüchsozialer, geschweige denn ein Sozialist, unterstanden, das demagogische Argument zu verwenden, daß alle dies>e Zuwendungen verwerflich seien, solange es in des *Stndt Wien Elend gebe, das nicht gelindert werden kann. Mit solchen Argumenten wagt man nur in dieser Körperschaft aufzutreten! Dazu kommt aber auch noch, daß sich Herr Hirschfeld mit der Materie, über die er hier gesprochen hat, gar nicht befaßt hat. Sonst müßte er wissen, daß von dem Betrage, der auf Grund der zwischen meiner Partei lind der Rechten getroffenen Vereinbarung angeblich für Palästina-Zwecke bestimmt ist, 12.000 Schilling liier in Wien für kranke und wandernde C h a 1 u z i m bestimmt sind, somit unter dem Kapitel Fürsorge auch dann verausgabt werden müßten, wenn hierüber nichts vereinbart wäre. Auf den Keren Hajessod entfällt im ganzen ein Betrag von 15.000 Schilling, und da will man uns weismachen, daß die Fürsorge i'm Ä*vgeren Sinn bei dem Millionenbudget der Kultusgemeinde leiden könne, wenn dieser kleine Betrag dem gedachten Zwecke zugeführt wird. Die Herren Hirschfekl und Moriz werden uns mit ihren platonischen Liebesbeteuenungen nicht täuschen. Wir hören immer nur das «Nein» heraus. Wir haben dem Notstand der Gemeinde genügend Rechnung getragen, Indem wir uns damit einverstanden erklärt haben, daß an dem Palästina-Budget, ebenso wie bei anderen Kapiteln, ein Abstrich vorgenommen werde. Wenn Herr Moriz behauptet, er habe uns Zionisten schon einige Tage vor der Sitzung Wipp und klar erklärt, er könne für die Palästina-Poslen nicht stimmen, muß ich öffentlich erklären, daß seine Aeußerung durchaus nicht klipp und klar war. Wir hatten vielmehr alle den Eindruck, daß auch er für die Palästina-Posten stimmen wird, falls w-ir in einen Abstrich eircwilligen. Das heurige Jahr wird die Entscheidung darüber bringen, ob die Jewish Agency erweitert werden soll und die Nichtzionisten sich an der Palästina-Arbeit beteiligen werden. Es ist heute schon eine im Judentum zum Durchbruch gekommene Ueberzeugung, daß der Wiederaufbau Palästinas keine Parteiangelegenheit, sondern Sache des ganzen Volkes ist. Das wäre ein sonderbarer Auftakt der Oesterreichischen Aktion, wenn die Wiener Kultusgemeinde, die seit Jahren diesem Gedanken Rechnung trägt, gerade heuer die Subventionierung des Palästin-a-Werkes aussetzen würde. Es ist selbstverständlich, daß wir auf die getroffene Vereinbarung bestehen, und wir hoffen, daß Sie in Erkenntnis der Größe und Wichtigkeit des Palästina- Werkes für die ganze jüdische Welt freudigen Herzens für diese Post stimmen werden. Eine Botschaft Hoovers über Einstein Große Einstein-Feier des Jüdischen Nationalfonds in New York New York, 17. April. (J. T. A.) Der Jüdische Nationalfonds in Amerika hielt am 16. April, abends, im Metropolitan-Opernhause in New York eine Einstein-Feier aus Anlaß des 50. Geburtstages des Gelehrten ab, die sich zu einem Ereignis von internationaler Bedeutung gestaltete. Großen Eindruck in ganz Amerika machte die Doppelehrung, die der Präsident der Vereinigten Staaten, H o o v e r, Professor Einstein zugedacht hat. Präsident Hoover sandte dem Jüdischen Natiowalifonds das folgende Telegramm, das bei der Feier im Metropolitan-Opernhause zur Verlesung gelangte: «Einstein nimmt einen hohen Rang unter den bedeutendsten Wissenschaftlern aller Zeiten ein, die die Menschheit durch ihre überaus wertvollen Beiträge zu Wissen und Fortschritt bereichert haben.» Auch in der Botschaft, die Präsident Hoover dem zu einer außerordentlichen Session zusammengetretenen Kongreß übersandte, kam er auf die Professor Einstein in Amerika zugedachte Ehrung zu sprechen und führte aus: «Jede wichtige wissenschaftliche Errungenschaft ist ein Schritt vorwärts zu besserem Verstehen und gutem Willen. Es ist sehr angebracht, daß hervorragende Erzieher und andere gemeinnützige Amerikaner Professor Einstein diesen Tribut zahlen.» Es ist ein bisher noch nicht vorgekommener Fall, daß ein Präsident der Vereinigten Staaten in einer liochoffiziellen, für den Kongreß bestimmten Kiundi-' gebung einen ausländischen Gelehrten ehrt. Unter den Huldigungstelegrammen fand ein Telegramm Lord B a 1 f o u r s große Beachtung. Es lautet: «Ich beglückwünsche die Organisatoren der Einstein-Feier zu dieser Ehrung des großen Denkers, der die wissenschaftlichen Begriffe über das Universum so tief und einschneidend umgestaltet hat, daß sein Name durch die Zeitalter hindurch in Erinnerung bleiben wird, als der Name e i ne« d e r G r ö ß t e n, die die reine Erkenntnis um ihrer selbst willen gesucht und gefunden haben.» Es folgten Ansprachen vom Minister des Innern Wilbur, der auch den Präsidenten Hoover vertrat, dem deutschen Botschafter von Prittwltz, dem Bürgermeister von New York, Walker, dem berühmten amerikanisch-jüdischen Philantropen N athan Straus, dem Präsidenten des American fäiedl Qtende? Schmtiel Ben-Hevy Wien JetuMOlem Vermählle JemaJem im tfiesata 5689 Jewish Committee Louis M a r s h a i 1 und anderen jüdischen und nicht jüdischen Persönlichkeiten, sowie Führern der zionistischen Bewegung. Die Reden und Telegramme werden als Buch gebunden und Einstein als Andenken überbraoht werden. Pazifizierung der zionistischen Organisation Von Dr. Chaim Tarfekower. Eine ganze Reihe kleiner und großer Schwierigkeiten stand in den letzten Jahren der zionistischen Bewegung hemmend im Wege. Innere Gegensätze, Fnagen der Ideologie und Taktik, die leider nur allzu oft an dem Wesenskem der Dinge vorübergingert, absorbiertet große geistige Energien, statt sie dem produktiven AufbauiwiMen des Volkes dienstbar zu machen. Und trotzdem kann man jetzt mit innerer Genugtuung feststelien, daß der Gesundungspnozeß der zionistischen Bewegung große, erfreuliche Fortschritte macht. Hier einige Tatsachen: Der Geist der Verwirrung und Entwirrung schuf dm Föderationsschekel (den separaten Schekel dea allgemeinen Zionisten, des Misnache usw.)» Alber bald erwachte der Geist der zionistischen Einheit — und der Föderationsschekel verschwand in die Versenkung. Vor einigen Monaten folgten die zionistischen Landesorganisationen Polens, der Tschechoslowakei, Jugoslawiens usw. einer Einladung der österreichischen Organisation zu einer Konferenz, die die Aufgabe hatte, eine Kooperation dieser Organisationen zu ermöglichen. Diese Konferenz war nicht gut voibereitet, aber instinktiv fand sie das Richtige: sie sprach die Notwendigkeit aus, die innere Einheit der Bewegung zu stänken und die zionistische Disziplin zu vertiefen. . Bei den letzten zwei Sitzungen dies Zionistischen .Aktionskomitees erhielt die Exekutive eine überwältigende Mehrheit, die nicht allen die Frage der Jewish Agency aut Entscheidung brachte, sondern überhaupt der Ausdruck des wiedererwachten Willens zur Disziplin ist, des Bedürfnis, sich hinter die selbstgewählte Leitung zu stetien. In Polen wurde der innere Friede zwischen der zionistischen Mehrheit und den Radikalen hengestetlt. Man entschloß sich da endlich, da® Einigende der Idee hervorzuheiben und das Trennende als unwesentlich zu übersehen, AH diese Erscheinungen sprechen deutlich dafür, daß wir nach langer Irrfahrt endlich wieder den richtigen Weg gefunden haben: das Gefühl der Einheit}, d * * Organisation, den Respekt vor dem Wällen der Mehrheit, b ei ge genseitiger Achtung der verschiedenen Meinungen. Und wir in Oesterreich? Auch hier sehe ich die Anzeichen der Gesundung. Wh beginnen einzusehen, daß die gemeinsame zionistische Arbeit das Entscheidende sei Die Jugend, die sich seit Jahren an der Organisation desinteressiert fühlte, beginnt den Kontakt mit ihr wiederherzusteilen. Eine Reihe von Jiugendgruppan hat sich organisatorisch ln einen «Jugendverband» zusarrnnengeschlosseti, der den Delogiertentag beschicken wird. Dieser Verband sucht esst seinen Weg, aber er sucht ihn ehrlich. Die zionistische Studentenschaft, die seit Jahren in der Organisation nicht zu sehen war, beginnt sich zu regen. Ja, sie bemüht sich redlich!. die innere Kluft — zwischen Mehrheit und radikaler Opposition — zu überbrücken. Der Weltverba nd «Makkabi», der ln den letzten Jahnen sich lediglich mit Turnen und Sportfesten abgab .und an den Zionismus vergaß, befindet sich im Stadium der geistigen Verjüngung. Auch in der «Hakoah» zeigt sich eine Tendenz zur Ztanäsierung. Dieser innere Erneuerungsprozeß der zionistischen Bewegung macht auf den ganzen Linie giute Fortschritte. Viefe Zionisten, die in den letzten Jahren, angewidert von den inneren Kämpfen, sich abseits hielten, beginnen am zu ahnen, daß durch das Abseltsstehen der Bewegung nicht geholfen werden kann. Sie schließen sich zusammen und helfen so der Konsolidierung der zionistischen Bewegung, Auch in Oesterreich wird der Ausgleich zwischen Mehrheit und Radikalen kommen, weil er kommen muß. Hüben und drüben muß eingesehen wenden, daß der Zionismus berufen ist, die FUhnmg de® Judentums zu übernehmen und daß er sein Ziel mir nach Ueberwindung der Inneren Gegensätze und Konflikte erreichen kann. Eisberge auf der Reise nach New York vermeint man unbedingt bei Benützung der sQdflchen Route über Genua, Neapel und Gibraltar» Diese schönste und billigste Route befahren <fce Rteeeo- Luxusdampfer der «Navigazione Generale Itaüam», I., Kärntnerring 18 (Ecke Schwarzenbeigplafag, £