Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 69-70 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr, 69/70 DIE STIMME Seite 3 Die Jewish Agency und das polnische Judentum Aus Warschau meldet J. T.-A.: Ende April wird die Zionistische Weltex>ekutive in London in einer speziellen Sitzung über die Frage zu entscheiden haben, welcher Modus bei der Wahl der zwölf Vertreter der Juden Posems für den nichtzionistischen Teil der Jewfch Agency anzuwenden sei. Es liegen folgende Projekte vor: Einberufung einer Konferenz der jüdischen Mandatare in den Stadträten und den jüdischen Gemeinden Polens sowie der Vertreter sozialwirtschaftlicher Institutionen und Gesellschaften, Einberufung eines Pro-Pa Iästina-Kon,gresses, dessen Delegierte aus allgemeinen Wahlen hervorgehen sollen. Einberufung einer Konferenz von nur Ratsmitgliedem der jüdischen Gemeinden, endlich Einberufung einer Rayjnikonferenz zur Wahl von Bevollmächtigtem die aus ihrer Mitte die zwölf polnischen Agemcy- Mitglieder zu wählen haben werden. Rom gegen die Palästina- Reise eines Erzbischofs Aus London wird gemeldet: Aus Lambeth Palace, dem Sitze des Erzbischofs von Ca rate r'bury, des Oberhauptes der anglikanischen Kirohe, wird offiziell erklärt, daß der Grund, weshalb der Erzbischof die geplante Reise nach Palästina im letzten Augenblick auf gegeben hat, darin liege, daß Morgan, der den Erzbischof nach Palästina eingeladen hat, unerwarteterweise durch die Arbeiten der Reparationskommission in Paris zurückgehalten wird. «Daily Telegraph» knüpft an diese Erklärung einen Kommentar, in dem auf eine Erklärung vatikanischer Kreise und Aeußerungen der katholischen Presse Italiens hingewiesen wird, ans denen hervorgeht, daß der V a t ik a n und Mussolini V o r- LLOYD TRIESTINO DIREKTE LINIE TRIEST-IAFVA UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag 8 Uhr abends. Fahftdauer unter Berührung von Brindisi bloß 5‘/, Tage Fahrpreise: I. Kl.Lat.22. -. -. 11. KI.Lst.15.-.-, HL Kl. Lst. 5.--.— inklusive Kabine und Verpflegung. Eine Fahrt Triest—Jaffa-Haifa und zurück kostet In der III. Klasse inklusive Kabine und Verpflegung bloß österr. Sch. 345 —. Für Gesellschaftsreisen besondere Ermäßigung! Auskünfte: Lloyd Ttiestino, Wien. I., Kä ninerring 6 Telephon U 46-0-B3, U 46-0-54. U 46-0-55. □; Stellungen beim Londoner Foreign Office erhoben haben, in denen auseinandergesetzt wurde, daß ein Besuch des Primas der anglikanischen Kirche in Jerusalem im gegenwärtigen Augenblick ungelegen sei. Man hätte — dies war der römischen Presse zu entnehmen — im Hinblick auf die intimeren Beziehungen der anglikanischen zur orthodoxen Kirche diesem Besuch eine besondere Bedeutung beimessen können. Der Jerusalemer lateinische Patriarch sei sehr besorgt gewesen, daß — was seit der Reformation zum ersten Male geschehen wäre — ein protestantischer Oberhirt die Heilige Stadt besuche. Der Zionismus muß wieder die integrale Bewegung des jüdischen Werkta ges sein Das Erbe Theodor Herzls nach 25 Jahren Von Dr. Leo Goldhammer In der Eröffnungssitzung des Zionistischen Delegiertentages für Oesterreich hielt der Präsident des Landeskomitees, Dr. Leo Goldhammer, eine Ansprache, die wir nachfolgend mit einigen Kürzungen wiedergeben. Eine politische Partei bedarf keiner äußeren Anlässe von Daten, um Rückschau zu halten; denn Rückschau ist für sie geradezu tägliche, stündliche Notwendigkeit. Wenn wir dennoch die 25. Wiederkehr des Todestages Theodor Herzls zum Anlaß solcher Rückschau nehmen, so geschieht es vornehmlich deshalb, weil dieses Datum für unsere Bewegung wirklich einschneidende Bedeutung hatte. Theodor Herzl hatte in acht kurzen Jahren eine politische Konzeption zu verwirklichen gesucht, die unerhört neu war. Niemals zuvor war der Versuch gemacht worden, ein Volksproblem von solch komplizierter Art zu einer formal politischen Lösung zu bringen. Herzl sah vor sich eine dissoziierte Masse und unternahm es, dieser Masse den Willen zu einer Volkswerdung aufzuzwängen. Das Movens für solches Ziel war für ihn die tatsächlich gegebene J u d e n n o t, der abnormale Zustand in der wirtschaftlichen und sozialen Gliederung der Judenmasse, verstärkt durch die Unmöglichkeit, diesem Zustande in der dauernden Existenz als Minderheit ein Ende zu setzen. Es galt nun für ihn dieses in jeder Hinsicht dissoziierte Element zu einer einheitlichen Bewegung zu bringen, der er Richtung gab durch den Hinweis auf den Boden, richtiger: durch den Hinweis auf den durch die Tradition als eigengehörig gefühlten Boden, auf das Land Erez Israel. Allein die Durchführung dieser gewaltigen Konzeption, an die H e r z 1 eine geradezu tragisch große Energie verwendete, war in der rein formalen Art, wie sie entworfen war, nicht möglich. Die Gründe lagen darin, daß die Voraussetzungen für den von Herzl visionär geschauten Massenaufbruch nicht gegeben waren. Denn die dissoziierte, durch die abnormalen wirtschaftlichen und. sozialen Verhältnisse zermürbte Volksmasse war einer elementar wirkenden Willensbildung noch nicht fähig, und mußte erst dazu erzogen werden. Als Herzl starb, schien es, daß seine große staatspolitische Vision nie ein reelles Gegenbild erhalten wird. Doch was geschah? In kaum 15 Jahren wurden durch eine Arbeit, die Herzls geradezu unumstößliche theoretische Formel verwendete, Vorbedingungen geschaffen, welche das Herzische Ziel der Verwirklichung näher brachten. Die Balfour-Üeklaration des Jahres 1917 hatte die politische Konzeption Herzls wieder aufgenommen. Dazu aber konnten die Initiatoren dieser Deklaration nur durch das kommen, was sie augenfällig sahen: Die bereits oeJaUtai* Arbeit in Palästina und die nach außen sehr wirksame Verbindung des zionistischen Gedankens mit dem gesamten Judenleben. Der moderne Zionismus beruht nämlich nicht bloß auf dem a b s t r a k t e n V o 1 k s w 111 e n, er besitzt vielmehr eine gewissermaßen aus dem täglichen Leben der Juden in den Galuthländern heraus geschaffene Basis, auf der sich der Volkswille und auch da nur in einer gewissen Richtung, entfalten kann. Diese Richtung ist in dem Programm festgelegt: Die Schaffung einer souveränen jüdischen Majorität in Palästina, die in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht normal gegliedert ist, so daß die Gewähr für eine dauernde eigene Existenz ge- Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen geben erscheint. Diese objektive, unseren Willen in seiner Richtung bestimmende Basis ist die Judennot. Zionismus beruht daher wie jede andere soziale Bewegung, auf einer Synthese von materiellen und geistigen Faktoren. Die Konsequenz aus dieser Einstellung ist, daß es nur einen Willen eines Volkes gibt und daß man daher die Interessen des Volkes nicht trennen kann in solchq, die sich auf die Galuth und solche, die sich auf Erez-Israel beziehen. Die Beschränkung des Zionismus auf reine Palästinaarbeit würde naturnotwendig die Kapitulation desselben auf allen Gebieten jüdischen Galuthlebens bedeuten, ebenso wie die ausschließliche Galuthbetätigung ohne Hinsicht auf Palästina reinste Sysiphusarbeit wäre. Zur Zeit der Balfour-Deklaration vvaren Herzls letzte Worte in «Altneuland»: «Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen» so in Geltung, wie nie vorher. Tatsächlich hätten wir unter den denkbar günstigsten gesamtpolitischen Verhältnissen nur richtig zu wollen gebraucht und das große, visionär geschaute Ziel Herzls wäre zu verwirklichen gewesen. Wenn dies nicht geschah, so gab es dafür Gründe, die außer uns und in uns selbst lagen. Die Herzische Konzeption und die bisherige zionistische Arbeit basierte auf der Grundlage einer ganz bestimmten Dissoziation, in der es doch eine große, ziemlich homogene Judenmasse im Osten gab. Die 100 Millionen Rubel, welche wenige Tage nach der Balfour-Deklaration von der jüdischen Bevölkerung von Petersburg aufgebracht wurde und wenige Wochen nachher nichts mehr wert waren, sie sind vielleicht das symbolische Zeichen für den Prozeß, der sich weiter in der Judenheit Osteuropas entwickelt hätte. Die Zertrümmerung »Europas paralysierte wenigstens vorübergehend fWo'J die materielle, und die Willenskraft des Judentums. Mit diesen Umständen mag es zürn Teil zusammen* hängen, daß in uns Zionisten selbst die Kraft zur Durchsetzung unserer Ziele abgeschwächt wurde. Aber zum anderen Teile lag es wohl darin, daß wir zu wenig neue Menschen hatten. Was wir erreichten, ward von Menschen früherer zionistischer Generation, die lange gearbeitet, gekämpft und gelitten hatten, durchgesetzt. Aber wir bekamen nicht genügend junge, die Organisation erneuernde Kräfte, und so sehen wir denn seit Jahren eine fortwährende Schwächung im Gefüge unserer Bewegung, seit Jahren ein Schwinden unserer Autorität im jüdischen Leben, seit Jahren eine überstarke Abkehr der in unseren Reihen noch vorhanden gewesenen Jugend. Unsere fortwährenden Bemühungen, die Organisationsform zu finden, die unserem uns gesteckten Ziele und unseren notwendigen Arbeiten entspricht, sind bisher fruchtlos geblieben. Wir haben es uns im Laufe der letzten Jahre, insbesondere seitdem mit einer stärkeren Einwanderung nach Erez Israel die Bedürfnisse des Landes immer größer geworden sind, abgewöhnt, auf jene sozusagen täglichen Notwendigkeiten zu achten, ohne deren Erfüllung ein Gelingen des Palästinaaufbauwerkes unmöglich ist. Aus Angst, Sympathiker unserer Bewegung zu verstimmen, werden prinzipielle geistige Auseinandersetzungen zwischen uns und anderen Gruppen sorgfältig vermieden. Wir haben es verlernt, uns immer wieder zu fragen, was zur Durchsetzung unseres Zieles notwendig ist und ob das von uns Unternommene zum Endziel führt. Dazu kommt, daß wir uns zu unserem Unheil die Gewohnheit der anderen Parteien zu eigen gemacht haben, den Kampf gegen etwar, statt für etwas zu führen. Die Art unserer ganzen Propagandatätigkeit in den letzten Jahren wurde uns ausschließlich von unseren Gegnern diktiert, denn wir haben uns bloß mit ihren Forderungen beschäftigt und diese zu bekämpfen gesucht. Hierin liegt auch einer der Gründe, weshalb wir zu wenig junge Menschen haben. Die jüdische Jugend kann sich nur für einen Kampf begeistern, der ihre Phantasie anregt. Diese fehlt heute der zionistischen Betätigung. Die Einengung auf den «reinen Palästinimus» hat uns wohl eine Auslese der besten und opferfreudigsten Jugend ' gebracht, aber wie jede Auslese zu schwach, um die großen Opfer zu rechtfertigen. Ich habe mich bei der Schilderung der Verhältnisse im Zionismus vor 25 Jahren und heute an dem von Lassalle aufgestellten Grundsatz gehalten: «Alle große politische Aktion besteht in dem Aussprechen dessen, was ist. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Bemänteln dessen, was ist.» Das gewiß nicht allzu ermutigende Bild, welches von mir gezeichnet wurde, entspricht in seinen Hauptlinien dem zionistischen Leben in allen Ländern. Was wir dazu tun können, um diese Situation zu ändern, erscheint mir in der Lösung zu liegen: Der Zionismus muß von neuem die integrale Bewegung des jüdischen Werktages werden, dann wird er die Kraft, die Jugend haben, die er braucht. Der Streit zwischen jüdischen Kolonisten und Beduinen in Chedera Nach einer Meldung aus Jerusalem hat die Regierung nunmehr die Entscheidung über die Beeitzverhältnisse betreffs der sogenannten Math-Böden bei Chedera getroffen. Danach sollen die Beduinen 500 Dunam Boden, den sie in den letzten Jahren in Pacht gehabt haben, zur weiteren Kultivierung erhalten, während den jüdischen Kolonisten von diesen Böden nur noch 300 Dunam verbleiben. (Ueber den Besitz der Infiath-Bödan besteht seit langem ein Streit »zwischen einem Bediuinenstamm und den jüdischen Kolonisten von Chedera. Die Beduinen haben wiederholt die jüdischen Kolonisten während der Arbeit angriffen. Die Regierung hatte, um den Zusammenstößen ein Ende zu machen, die Verfügung getroffen, daß der strittige Boden bis zur Klarstellung der Besitzverhältnisse von beiden Parteien nicht bearbeitet werden dürfe. Nunmehr hat die Regierung eine Entscheidung getroffen, die wohl von den jüdischen Kolonisten, die verbriefte Rechte auf diese Böden haben, nicht unangefochten bleiben wird.) Chaluzim vor dem russischen Revolutionstribunal Moskau. Gegen die Leiter der ehemaligen Chatuzim- Kommirne «Sangen» (Aehren) in der Nähe von Moskau, Goldibeng und Genossen wurde eine Untersuchung wegen angeblicher konterrevolutionärer Betätigung und Sabotage edngeleitet. Der Ghaluz Briskln wurde zu dreijähriger Verbannung nach Sibirien verurteilt. (Ita.) Christen für jüdische Aufbauarbeit Aus Neuseeland wird dem Gemeinschaftlichen Hilfskomitee Ort-Ose-Emigdirect mitoeteilt, daß die einflußreiche christliche Gesellschaft «Christa Deppion Ecclesia» eine Sammelaktion zu Gunsten des jüdischen Wiederaufbauwerkes in Osteuropa durchführt und auch schon einen größeren Geldbetrag übersandt hat.