Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 68 (18.4.1929)
- Date
- 1929-04-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 68 DIE STIMME Sefte9 Als die Firma Ein Romankapitel Er war stets voller Songen. Der Gedanke an den Sohn, der irgendwo m der Unteren Stadt, wo der Alte nie gewesen war, erfüllte ihn mit Angst. Er fürchtete immer, daß Sam etwas zustoßen, daß er blutüberströmt auf einer Bahre heimgeibracht werden, oder daß jemand in den Laden gestürzt kommen könnte, mm ihm mitzuteilen, der Junge sei tot. So oft Sam spät heim kam und ein fremdes Gesicht im Laden auftauchte, preßte sich das Herz des Alfen zusammen und entsetzliche Angst ü/berkam ihn. Verlangte dann der Fremde Tabak oder ein Paket Zigaretten, so atmete der alte Mann erleichtert auf und wischte sich den kalten Schiweiß von der Stirne. So verging die Zeit. Der Vater wurde immer verschlossener, der Sohn immer herrischer. Nun begönnerte er bereits den Vater, diesen armen Narren, der nicht wußte, was das Leben, was die Zivilisation war. Sprach er mit ihm, so klang seine Stimme tauf, herablassend), fast verächtlich. Jacobs schwieg. In seinem Herzen jedoch tobte ein Sturm, eine Kleinigkeit hätte genügt, ihn zum Ausbruch zu bringen. Und dann . . . Der Vater eines Juden muß für den Sohin ein zweiter Gott sein, Macht haben über dessen Leben und Tod. Sam aber war ein Nichts. .War ein Stück Unrat, das der Wind verweht. Die Mutter sagte nichts. Stritten Vater und Sohn, so verhielt sie sich schweigend, bis der Streif zu arg wurde Kdann nahm sie den alten Jacobs beim Arm und brachte ihn stumm zu Bett. Nur einmal, als Sam gar zu frech gegen den Vater gewesen, hatten ihre Augen gelodert; sie war auf den Sohn zugetreten und hatte ihm mit aller Kraft ins Gesicht geschlagen. Dann freilich war sie in einen hysterischen Weinkrampf verfallen und man hatte den Arzt holen müssen. Von da an blieb sie immer ruhig; nur ihre Augen waren tnaurig, und manchmal, wenn die beiden Männer gar zu heftig stritten, wischte sie sich.hastig mit der Schürze die Augen. Nun wurde die Straße belebter; die Arbeiter kamen heim. Einige betraten den Laden und plauderten einen Augenblick mit dem alten Jacobs. Sie behandelten ihn voller Achtung; es kam häufig vor, daß er zwischen Neuankömmlingen, die sich vor den Gerichten fürchteten, Streitigkeiten schlichtete. Die Abendzeitungen waren schon heraus und die Leute sprachen über die neuesten Nachrichten, Sam kam. Der Vater bemerkte, daß der Bursche sorgenvoll dreinsah, und fragte sich, was wohl geschehen sei. Sam jedoch ging in die Küche und blieb dort. Der Laden wurde still. Die Menschen aßen zu Abend, die Straße war verödet. Die Driiokkarren waren verschwunden, nur der Unrat lag auf dem Pflaster. Jacobs schloß seinen Laden, zündete die kleine Lampe an, blieb einen Augenblick versonnen stehen, die Hand im Bart vergraben, und ging dann langsam in die Küche. Der Tisch war gedeckt. Die Frau schüttete das . Essen aus dem Topf in eine große Schüssel. Jacobs stand eine Weile stumm im Türrahmen. Die Küche war immer dunkel; durch das blinde Fenster sah man die Feuerleitern zu dem kleinen Stückchen Himmel aufragen, das zwischen den Dächern der Mietskaserne sichtbar war. Sam saß, eine Zigarette rauchend, am Fenster. Er sah klein und bekümmert aus; Jacobs wäre gern zu ihm getreten, hätte ihn gern bei der Hand genommen, mit ihm gesprochen, den Grund seiner Traurigkeit erfahren. Sie waren Vater und Sohn und sollten Freunde sein. Aber etwas trennte die beiden, etwas hatte zwischen ihnen eine Mauer errichtet. Sam hätte über diese Mauer klettern können, der Vater nicht; der war zu alt und zu würdevoll. Nein, nicht zu würdevoll, aber war er nicht der Vater? Mußte nicht der Sohn zuerst zu ihm kommen? Hatte er darauf nicht ein Recht? Der alte Mann trat zum Ausguß, wusch sich die Hände, betete einen Augenblick Ln der Ecke, den Kopf gen'Jerusalem gewandt, sieh verneigend. Dann setzte er sich an den Tisch. «Komm essen, Sammy», sprach Frau Jacobs. «Etwas Suppe wird dir gut tun.» Sain gab keine'Antwort. Er hob den Kopf, sah den Vater an, als wollte er etwas sagen, senkte von neuem das Haupt. Amerikanisiert sich Wien wirklich? Diese Frage, die nnmer wieder der Oeffentlichkeit gestellt wird, kann heute auch von den heftigsten Gegnern dieser Amerikanisiemng nicht mehr verneint werden. Wenn diese auch mit Recht alte Kulturgüter verteidigen, so kann doch kein vernünftiger, denkender Mensch die Tatsache übersehen, daß das junge Amerika auf dem Gebiete der Industrie unübertroffen ist und daß es sich allmählich Europa erobern muß. Alle Errungenschaften der Neuzeit stellen sich in den Dienst einer Fabrikation wie die der Manisohewitz Matzos. Vorn Mehl bis zur Verpackung ist alles aufs feinste und gesündeste bereitet. Mehr als 3 Millionen Juden kaufen die Produkte der größten Matzosfabrik der Welt, kaufen die Manischewitz Matzos, Gries, Farvel und ihr neuestes Erzeugnis, die Manisohewitz Crackers. verkrachte . . . von Nathan Asch Vielleicht war der große Augenblick gekommen, vielleicht hatte der Sohn seine Fehler eingesehen und kehrte nun tum Vater zurück. Das Herz des alten Mannes begann stärker zu pochen. Vielleicht war nun dennoch der längst ersehnte Augenblick gekommen. Der Junge war befangen. Man mußte iihn ermutigen. Freundlich gegen ihn sein, ein wenig nachigeben. Er durfte vor sich keine Manmonwand sehen, sondern den Vater, der ihn liebte. «Komm essen, Sammy», sagte der alte Mann heiter. «Komm, du bist gewiß hungrig.» «Vater», entgegnete Sam, «ich' möchte mit dir sprechen.» Endlich, endlich kommt es. Man muß nur warten können. Eines Tages geschieht es dann doch. «Was ist es, mein Sohn?» Sammy blickte ihn an. «Ich glaube, du hast recht, Vater», sagte er. «Ich glaube, du hast recht.» Hatte er recht? Er hatte ja immer gewußt, daß er recht hatte. Hatte nur darauf gewartet, daß der Sohn es von selbst einsah. «Du hast recht, Vater. Es lohnt sich nicht. Ich ertrage es nicht. Es ist gemein.» OQOQQQOOQQOeOOOOQOQQOQeOOOOOOOOOOOOQOO KAUFT FISCHE bei PHTZNER HATZI II. Yolkertplatz, Fischhalle Cfe). R 40-2-38) YI. Pilgrambrücke, PischhalleTTel. B 24-4-23 X. Bei Lichtensteinstraße 112, Fischhalle (Tel. A 11-2-59) X. Colnmbnsplatz, Fischhalle (Tel. U 47-1-30) Den ganzen Tag ln feinstem Olivenöl gebackene heiße Fische 00000000000060060660000606086000000008 In Jacobs Herzen leuchtete die Sonne. Mein Gott, wie gut, wie gut waren solche Augenblicke! Wie gut, wie schön war alles. «Vater», fuhr Sam fort, «die Firma hat heute Bankrott gemacht.» Der alte Jacobs verstand ihn nicht. Was sagte Sam? Die Firma hat Bankrott gemacht? Bankrott? «Was willst du damit sagen?» fragte er. «Bankrott?» «Ja, sie ist in Konkurs gegangen», erwiderte Sani und senkte die Augen, als wäre es seine Schuld, daß die Firma Bankrott gemacht hatte. «Alles ist aus.» Der alte Jacobs verstand noch immer nicht. Konnte es nicht begreifen, Bankrott? «Ehrliche Menschen machen nicht Bankrott», sagte er. Sam wußte nicht, wie er es erklären, wie er dem Vater begreiflich machen sollte, daß Leute Bankrott machen können, daß es nicbt seine Schuld war; er war ja nur ein Angestellter der Firma, der Bankrott bedeutete für ihn nur den Verlust seiner Stelle. Aber wie Pessach-Sensation erhalten Sie Ihren Hut gebügelt und geputzt €B*afiS be,m Einkauf eines neuen Hutes — Im altbekannten Huthaus SO BEL, II., Glockengasea 10 Billige Preise! Billige Preisei sollte er das erklären? Was wußte denn der Vater von derartigen Dingen? Der Vater war ein alter Mann, der nur die Alte Welt kannte, den die Neue Welt unberührt gelassen, den sie nichts gelehrt, den sie nicht verändert hatte. Und nun der Bankrott. «Begreifst du nicht, Vater? Es war ein Irrtum, jemand hat sich geirrt.» «Ehrliche Menschen machen nicht Bankrott», wiederholte Jacobs. Seine Stimme klang hart. Er wußte nicht, was er denken solle, wußte nur, daß hier Vorsicht geboten war. Er fühlte, daß er am Rand eines furchtbaren Abgrundes stand. Sein Sohn gehörte zu einer bankrotten Firma. Menschen machen Bankrott, wenn sie ihre Schulden nicht bezahlen oder aber etwas zurücklhalten wollen, das nicht ihnen gehört. War sein Sohn so? War sein Sohn ein . . .? Er ließ das Essen unberührt stehen, erhob sich, legte die Hände auf den Rücken und schritt im Zimmer auf und ab. Die Frau, den unvermeidlichen Streit ahnend, setzte sich auf einen Sessel bei der Tür und wischte sich verstohlen mit der Schürze die Augen. Der alte Jacobs ging auf und ab. Was wollte der Sohn jetzt noch von ihm? Er hatte Bankrott gemacht, sein Soihn war ein Bankrotteur. Ein Mensch, dem die anderen Menschen ausweichen wie einem Aussätzigen. Was wollte er denn noch? Welche anderen Welten wollte er noch zerstören? «Vater», sprach Sam, «ich will nicht mehr ins Geschäft gehen. Will bei dir bleiben und lernen. Möchte sein wie du.» Er konnte dem Vater seine Gefühle, seinen Ekel vor dem Ganzen nicht erklären. Der alte Jacobs schritt noch immer in der Küche auf und ab. Seine Hände hielten sich fest, als suchten Der jüdische Finanzmann Zwei Anekdoten Als Baron James Rothschild einst bei Napoleon XU. h» Fontainebleau eingeladen war, machte der Kaiser persönlich den Cicerone und fragte ihn dann, was ihm in dem Schloß am meisten aulgefallen wäre. «Am meisten ist mir aufgefallen», sagte der Baron, «daß ich da bin». * Der bekannte Berliner Bankier Fiirstenbcrg wurde von der Sowjetregierung zu einem Studienbesuch nach Rußland eingeladen. Seine Freunde erkundigten sich, ob er der Aufforderung Folge leisten werde. «Nein», meinte Fürstenberg, «ich werde nicht Hinsehen. Ich kann auch leben, ohne gehängt zu werden». Leopold Sei teer. sie beieinander Hilfe. Der Sohn wollte nicht mehr arbeiten. Er wollte lernen. Wollte werden wie der Vater, der sein ganzes Leben dem Wissen weihte. Er wollte ... «Du Dieb!» schrie er. Die Frau schluchzte lauter und lauter. Die Tränen würgten sic in der Kehle. Sie wagte nicht, aufzublieken, fürchtete sich vor dem, was sie sehen würde. Der alte Jacobs stand vor seinem Sohn und sah ihn mit furchtbaren Augen an. «Du Dieb! Du willst im Gesetz lesen, du, der im Scihmutz gewatet hat! Du willst lernen. Du willst mit deinen Diebshänden das Heilige Buch berühren. Du..» Sam erschrak. So etwas hatte er noch nie erlebt. Er hatte geglaubt, daß der Vater sich über seinen Ent- Stchluiß freuen, glücklich sein, ihn mit .Tränen der Verzeihung küssen würde. Und jetzt . . . «Hinaus!» schrie der alte Jacobs. «Hinaus aus meinem Haus. Du bist tot. Der Fluch Gottes treffe dich. Ich habe keinen Sohn. Ich habe keinen Sohn.» Er packte Sam beim Kragen, zerrte ihn in den Laden, riß die Tür auf und schleuderte ihn aufs Pflaster. Sam rührte sich nicht. Der alte Jacobs kehrte, am ganzen Körper zitternd, in die Küche zurück. «Sarah», sprach er, «zerreiße deine Kleider. Dein Sohn ist tot.» Der Roman Nathan Asch’ erschien im Verlag Rütten & Loening, Frankfurt a. M. Der Wiener Musiktalmudist Gibt es eine jüdische Musik? Aus Berlin wird uns geschrieben: In der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Musilkpflegc in Palästina sprach der bekannte Berliner Musikkritiker Adolf Weißmatm über jüdische Musik. Er unterscheidet zwischen einer europäschen, meist deutschen Musik, einer europäischen, die instinktiv und bewußt jüdisches Volkstum ausdrückt, und einer ausgesprochen jüdischen Musik. In die erste Kategorie verweist Weißmann Mendelssohn, Meyerbecr, Offenbach, dann Mahler, Sdhönberg, den T a 1 mud .i s t e n der Töne, Korngold, ihren Journalisten, den Opportunisten Weil und den zerebral schaffenden Ernst Toch. Zur zweiten Grup-pe, die Komponisten von westeuropäischer Form und jüdischer Gesinnung rechnet Weißmann Ernest Bloch, dessen jüdisches Melos die Form zerfließen macht, weiter Darius Milihaud, den rasch arbeitenden Verfechter der Polytonität, und Erich Walter Sternberg, einen moderner Mittel sich bedienenden, doch betont jüdischen Künstler; Maurice Ravel ist Baske, nicht Jude, wiewohl er, der den Kaddisch mit sparsamen Akkorden unterstützt, sehr oft dafür gehalten wird- Am wichtigsten ist die dritte, russische, Gruppe. Eine Gruppe jüdischer Tonsetzer bestellt in Leningrad seit 1909, gegründet vom Nichtjuden Rimsky-Korsakoff, einem «Ideal- Kommunisten»,* der dem sich ihm vorstehenden Komponisten Michael Milner riet, «seine Eigenart zu pflegen, ohne sich der russischen Umgebung anzupassen». Eine Gesellschaft für jüdische Musik trat ins Leben, der außer MHner Josef Achron, Michael Gnessbi, Lazar Saminslky und Rosowsky angehört. Dieser Gruppe tritt eine Moskauer gegenüber, bestehend aus Engel, Krein und Alexander Wepriik. Das Beste wird in der kleinen Form, im Lied, geleistet. Weißmann stellt weiter den in Palästina in großem Stile schaffenden, von rechts nach links Noten schreibenden Mordecliai Saudherg vor, dessen Schöpfungen auf einem palästinensischen Musikfest aufgeführt werden sollen. Aibzuwarten freilich, ob die jüdische Gemeinschaft in Palästina jetzt schon zur Schaffung einer genuinen Musilk reif ist, ob sic jemals reif dafür werden wird. Weine aus Erez-Israel. Herr Joshua Gordon, der gewesene Generaldirektor der Messe in Tel Aviv, der die Aktion zur Einführung palästinensischer Produkte in Oesterreich' von Ercz Israel aus verbreitet hat, hat auch in ihrer Qualität unübertroffene Weine aus den bekannten Kellereien der «Cliewra Misrachi» in Petacli-Tikrah nach Wien verschifft. Diese Weine, die mit den Hcchscherim der Oberrabbiner S. Aronsohn und Benzion Usiel sowie des Rabbiners der Chassklmigcmeinde in Jaffa, S. Sloiiim, versehen sind, können beim Stadtgutkellcr in Wien, 1|.# Große Stadtgutgasse 36, Telephon R-29-7-34 und U-27-4-28. bestellt und bezogen werden. Die Lieferung erfolgt franko Haus. Ein Teil des Reingewinnes füllt dem religiösen Auf. baufonds Ercz Israels zu und ist zu erwarten, daß jeder Jude, der Ercz Israel fördern will, diese Weine für Pessach kauft