Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-04-11 · Heft 67 (11.4.1929) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 67 (11.4.1929)
Date
1929-04-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053820--0975-3056291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. er Als die Firma verkrachte . . . Ein Homankapitei von Nathan Asch Wir »bringen nachstehend ein Kapitel des gleichnamigen ausgezeichneten Roma-nes des jungen Autors, der ebenso wie sein berühmter Vater SchaJom1 Asch das an Tragik und Humor reiche Leben der jüdischen «East» Amerikas schildert, darüber hinaus aber im Aufstieg und Verfall einer jüdischen Emigrantenfamilie das Schicksal des Schmelztiegel-Judentums in glänzender Weise gestattet Der alte Jacob« fragte seine Frau: «Saraihs wo ist Sammy?» «Er ist noch nicht vom Geschäft nach Hause gekommen», erwiderte Frau Jacobs. Der alte Jacobs kehrte in seinen Laden zurück. Er wog für Herrn Goldmann, den Metzger, den Schnupftabak, nahm den Vierteldoüar in Empfang, legte ihn in die kleine Schublade des Pultes und vertiefte sich von neuem in sein Buch. Seine Augen wurden versonnen, seine Lippen murmelten die Worte, sein sein ganzer Körper wiegte sich nach vorn und zurück. Es war sehr still. Von der Straße «drang kaum ein Geräusch herein. Bisweilen summte eine Fliege an der Fensterscheibe, versuchte sich zu befreien und in die frische Luft hinauszugetangen. Frau Jacobs bereitete in der Küche hinter dem Laden das Abendessen. An der Wand über dem Herd hingen die kupfernen FamflienkasseroMen, glänzend, rot, funkelnd. Das Brett, auf dem die Teller standen, war mit buntem, ausgezacktem Papier geschmückt. Der Kaminsitms war mit einem alten Kaschmirschal bedeckt, auf dem drei Leuchter standen, zwei silberne einarmige, auf jeder Seite einer, und in der Mitte ein großer siebetiarmiger aus Messing. Die Mitte des Raumes wurde von einem großen Tisch eingenommen, auf dem eine rot und schwarz karrierte Decke lag. Ein silbernes Salzfaß stand auf dem Tisch. Vom im Laden las der alte Jacob® den Talmud. Wenn er zu einer schwierigen Steile gelangte, legte er den Finger auf das Wort und hob den Kopf. Er versuchte, die Stelle ohne Hilfe der Kommentare zu verstehen. Das machte ihm Freude. Der alte Jacobs hatte den Talmud bereits viele Male studiert, doch fand er immer wieder Stellen, die ihm zuerst klar erschienen waren, nun jedoch nach einer Erläuterung verlangten. Hatte er eine neue Erklärung gefunden, so war er beglückt und verblüffte damit am Abend Herrn Rosen, den großen Taimudisten. Kam der Gegner nicht selbst auf die Erklärung, so gab sie der alte Jacobs und lachte innerlich vor Freude. Er hatte nicht gerne, wenn Kunden kamen. Sie störten ihm Wenngleich sie ihn voller Ehrfurcht als großen Gelehrten beihandelten, so stellten sie doch häufig törichte Fragen, die ihn ärgerten. Beschuldigte ein Neuankömmling aus Europa die Nachbarschaft der Gottlosigkeit, was häufig vorkam, so wurde er zum alten Jacobs gebracht, um ihm zu beweisen, daß es auch in Amerika weise Männer gab, die das Gesetz und die Propheten kannten, die den Talmud verstanden, ihn anzuwenden wußten, Männer, die sieh durch das Lesen der Heiligen Schriften selbst geheiligt hatten. Auf der Straße Feuerleitern, Drückkarren, Händler, Käufer und Kinder. Vormittags machten sie immer einen großen Lärm, was den alten Jacobs störte, am Spätnachmittag jedoch wurde die Straße stiller. Die Waren hatten bis auf wenige Reste ihre Käufer gefunden, die Hausierer standen noch umher, hofften, auch die letzten Waren abzusetzen und mit leeren Drückkarren heimzuke'hren. Die Waren, von Anfang an minderwertig, waren nun bereits von unzähligen Händen betastet und begannen zu faulen. Kam ein verspäteter Käufer, so füllten die Hausierer rasch die .Tüte oder schlugen das Gewünschte in Zeitungspapier ein, damit der Kunde erst daheim die Ware sehe. Rings um die Drückkarren tollten die Kinder, suchten nach herabgefallenem Obst oder spielten mitten im Gedränge Murmeln oder Baseball. Winzige Knirpse hookten neben dem Drückkarren der Mutter, aßen Butterbrot, gruben die Finger in die Butter und schleckten sie dann alb. Manchmal kam ein Polizist vorüber, müde von der Tajgesarbeit, der Kontrolle der Lizenzen, dem Schlichten Von Streitigkeiten. Es war spät am Nachmittag, die Zeit, da die Leute so eifrig wie möglich arbeiteten, damit der Feierabend rascher komme. Die Menschen, die müßig waren oder Weine aus Erez-Israel. Herr Joshua Gordon, der gewesene Generaldirektor der Messe in Tel Aviv, der die Aktion zur Einführung palästinensischer Produkte in Oesterreich von Erez Israel aus vorbereitet hat, hat auch in ihrer Qualität unübertroffene Weine aus den bekannten Kellereien der «Chewra Misrachi» in Petach-Tikrah nach Wien verschifft. Diese Weine die mit den Hechscherim der Oberrabbiner S. Aronsohn und Benzion Usiel sowie des Rabbiners der Chassidimgemeinde in Jaffa, S. Slonim, versehen sind, können beim Stadtgutkeller in Wien, II., Große Stadtgutgasse 36, Telephon R-29-7-34 und U-27-4-28, bestellt und bezogen werden. Die Lieferung erfolgt franko Haus. Ein Teil des Reingewinnes fällt dem religiösen Aufbaufonds Erez lsraelsl zu und ist zu erwarten, daß ieder Jude, der Erez Israel fördern will, diese Weine für Pessach kauft. daheim saßen, langweilten sich, warteten ungeduldig auf die arbeitenden Verwandten. Die ganze Straße sah gleichsam entspannt aus. Das Pflaster, auf dem der Unrat des Marktes lag, schien zu rasten; ein leichter Dunst stieg wie Schweiß von ihm auf. Die Menschen sprachen mit müden, schleppenden, gleichgültigen Stimmen. Sie wollten nicht denken und füllten die Zeit mit müßigen Reden aus. Irgendwo ratterte ein Karren, brüllte eine Autohuppe, schrie ein Kind, In seinem kleinen Laden las der alte Jacobs im Gesetz, las es mit Freude und Genuß, wie ein anderer einen alten Wein trinkt oder eine erlesene Zigarre raucht Sein Kopf verbeugte sich vor dem Buche, mit der Hand streichelte er seinen Bart In der anderen Hand nielt er ein silbernes Lesezeichen, das die Form einer deutenden Hand hatte. Der weiche Duft orientalischen Tabaks erfüllte den Raum. Frau Jacobs Kopf erschien im Türrahmen. «Ist Sammy noch nicht gekommen?» fragte sie. Der alte Jacobs blickte vom Buch auf. Gereizt und ärgerlich. In der Freude des Lesens hatte er völlig den Sohn vergessen, und nun war ihm za Mute, als wäre er aus einem süßen, sanften Traum aufgeschreckt und in die frostige Wirklichkeit gestoßen worden. «Nein», erwiderte er und kehrte zu seinem Buch zurück. Aber er konnte nicht länger lesen. Sams Bild schob sich zwischen ihn und die weisen Ratschläge des alten Rabbi. Vor dem Buch stand Sam, in seinen engen Hosen, dem niedrigen Kragen, mit der bunten Krawatte und dem lockigen, verrauften Haar und blickte den Vater überlegen lächelnd an. Damit das Buch nicht QCQ€Hi>OQ000000090000000000000000900COOO KAUFT FISCHE bei PHTZNER «& HATZI IL Volkertplatz, Fischhalle (Tel. R 40-2-38) YL Pilgram brücke, Fischhalle (Tel. B 24-4-23 X. Bei Lichteosteinstraße 112, Fischhalle (Tel. A 11-2-59) X. Columbusplatz, Fischhalle (Tel. U 47-1-30) Den ganzen Tag in feinstem Olivenöl gebackene heiße Fische 00600090680866800800800660608660600800 entweiht werde, schlug der alte Jacobs es zu und legte es unter den Ladentisch. Der ganze Nachmittag war für ihn verdorben. So oft er an den Sohn dachte, erfüllte ihn eine unbestimmte Unruhe, das Gefühl des Unbekannten. Er kannte den Sohn nicht Wußte nicht, was in Sams Kopf vor sich ging, was er dachte, was er wünschte, erstrebte Alles, was der Sohn tat, war ihm fremd. Alle Wünsche des Sohnes erschienen ihm als etwas, das unter der Würde eines Menschen stand: die Vorliebe für auffallende Kleider, für Geld, für Liebesabenteuer, all das verachtete der Alte. Für ihn war in Sams Alter das Lernen das Wichtigste gewesen, das Erlangen des Wissens, der Weisheit. Ein Mann muß ein Mann sein, nicht aber eine Masse müßiiger Begierden. Er anerkannte selbstverständlich, daß Sam unter einem anderen Himmel geboren, das Ergebnis einer anderen Umgebung war. Trotzdem war aber Sam sein Sohn, hatte das Beispiel des Vaters vor Augen. Weshalb befolgte er es nicht? Als Sam noch ein Kind gewesen war, hatte Jacobs ihn lesen, denken gelehrt Dann1 aber hatten die Freunde Pessach-Sevtsaftion Gratis Billigo Preise. erhallen Sie Ihren Hut gebügelt und geputzt beim ElnKeuf eines neuen Hutes — Im altbekannten Huthaus SO BEL, II., Qloefcengasso 10 Billig« Preise I iihn überredet, Sam in die Schule zu schicken. Wir sind in Amerika, hatten sie gesagt. Hier sind alle gleich. Hier genießen alle die gleiche Erziehung. Tat der Sohn es nicht, so würde er dadurch in den Augen der Welt in Nachteil geraten. Und Jacobs hatte nadi'gegeben, den Sohn in eine Schule geschickt, wo er Dinge lernte, die dem Vater fremd waren. Dem Vater, der daheim in der alten Heimat den Ruf eines Weisen genossen hatte und auch hier in New York, wo die Menschen Bücher verachteten, von den Freunden und Nachbarn geehrt wurde. In ihren Augen war er ein heiliger Mann, der das Behagen und die Freuden des Lebens verschmähte, nur dem Lernen lebte. Jacobs hatte gehofft, daß der Söhn, sobald er mit der Schule fertig war, klug genug sein würde, zu seinem Vater zurückzukehren und mit ihm zu lernen. War er denn nicht sein Sohn? Floß nicht in seinen Adern das Blut des Vaters? Aber Jacobs hatte sich getäuscht. Sam wollte nicht von der Heilligen Schrift wissen. Er wollte arbeiten, Geld verdienen, sich gut kleiden, auf der Delancey Street spazieren, mit dummen Mädchen schäkern. Und er tat es auch. Weder die Argumente, noch die Drohungen, noch die spärlichen Prügel, mit denen Jacobs ihn zu überzeugen versuchte, führten zu dem gewünschten Me Darin* tata* Nadlir dem ersten «Besätem» setzt <fef : daß die Braut ein kürzeres Bein hat ttnd hinkt Der StitOf* j chen zerstreut seine Bedenkens «Nehmen Sie an, Sie heiratet! eine Frau mit gesunden, geraden Beinen. Was haben Sie davon? Sie sind keinen Tag sicher, daß sie nicht hfoCättt, ein Bein bricht und dann lahm ist fürs ganze Leben, Und dann die Schmerzen, die Aufregung, die Doktorrechmmgl Wenn Sie aber die nehmen, so kann Ihnen das nicht kassieren; da haben Sie eine fertigeSac h’!» Ergebnis. Sam erklärte, er werde fortlaufem, allein leben. Und Jacobs gab nach. Hätte der Sohn das Elternhaus verlassen, so wäre das die größte Tragödie gewesen. Kinder müssen bis zu ihrer Heirat bei den Eltern bleiben, bis zu dem Augenblick, da sie ihr eigenes Heim gründen. Vielleicht hoffte Jacobs immer nodh, den Sohn zw überzeugen, ihn seinem Willen gefügig zu machen. Aber seine Hoffnung war trügerisch. Sam bereute nicht. Sam arbeitete, verdiente Geld und zwang sogar die Mutter, Kostgeld von ihm anzunehmen, was Jacobs tief kränkte. Sam hatte seine Freunde, törichte Burschen, die Kartenspielten, mit leichtfertigen Frauen umgingen, mrt schamlosen Weibern-. Wenn Jacobs, neben seiner Frau im Bette liegend, den Soilitn in den frühen Morgenstunden hefrnkeihren, sich schwankend auskleiden hörte, vermochte er sich nicht zu beherrschen. Er sank mit einem so tieftraurigen Seufzer in die Kissen zurück, daß seine Frau erwachte und erschrocken fragte: «Was fehlt dir, Jantkel? Was ist geschehen?» Und dann war Sam in die Wall Street gegangen. Er hatte schon vorher lange davon gesprochen, hatte sogar versucht, seinem Vater einzureden, daß er recht habe: in der Wall Street kan man viel Geld verdienen, reich werden. Freilich würde der, Anfang schwer sein, j aber nach einiger Zeit würde er reich und mächtig I werden. Er versprach sogar dem Vater, daß er ihn vom Ladenbefreien werde. Er würde nicht mehr Tabak verkaufen müssen, würde sein eigenes Haus haben, den ganzen Tag ungestört Talmud studieren können. Was wußte der alte Jacobs von der Wall Street?, Nur, daß es eine Straße mit riesigen Gebäuden war, fn denen Tausende von Menschen arbeiteten, wo es Leute gab, so reich, daß man sich ihren Reichtum gar nicht vorstellen konnte. Die jiddischen Zeitungen stellten die Menschen als Blutsauger, hin, als Leute, die ihre Angestellten zu Tode hetzten. Sie brachten auch Abbildungen: riesige Fettmassen, die auf dem Arbeiter sitzen, in den Händen Säcke, auf denen Zahlen mit vielen 5 Nullen stehen«. Das sind Menschen, die adle beraubten,, um mehr zu besitzen, als sie yeibrauchieti könmeh. Wollüstlinge, Mörder, gleich den1 Bewohnern von Sodom und Gomorra, die Gott in seinem Zorn mit Feuer vom Himmel gestraft hatte'. Und dort wollte sein Sohn atbeiijeni. Sein Sohn Würde eines von jenen angeschwollenen Ungeheuern werden, die die Milch aus der Mutterörust stehlen. Und Jacobs konnte nichts tun. Er war machtlos. Als der Sohn nach einer gewissen Zeit -die erste Gehaltserhöhung erhielt, und mit freudestrahlendem Gesicht heim kam, litt Jacobs sehn Er vergrub sich immer mehr in seine Bücher, freute sich an ihnen, fand in ihneneine Zuflucht vor dem Kummer seines Lebens. '(Schluß folgt.) Die Einstein-Feier des jüdischen Philosophen-Vereines 1 Der jüdisch-akademische Phüosophenvefein gab den Wiener Verehrern Einsteins Gelegenheit, seinen 50. Geburtstag in würdiger Weise mitzufeiern. Im übervoll besetzten Hörsaal der philoslophischen Fakultät hatten sich unter anderem eingefunden: der Dekan Dr. Menghin, die Universitätsprofessoren Ehrenhaft, Eisler, Frankfurter, Hahn, Kappelmacher und Schlick, der Präsident des zionistischen Landeskomitees Dr. Leo Goldhammer, für die Kultnsgemeinde Regierungsrat Dr. A d- I e r, Rabbiner Dr. Frankfurter, der deutsche Gesandte Graf Lerchenfeld ließ sich entschuldigen und betraute Gesandtschaftsrat Dr. Sch ö 11 hor n mit seiner Vertretung. Nachdem der Präses des Vereines cand. phil. Pickholz die Bedeutung Einsteins als Juden gewürdigt hatte, entwarfen die beiden stürmisch begrüßten Gastredner Professor Dr. Philipp Frank (Prag) und Dr. Guido Beck (Leipzig) ein äußerst fesselndes Bild der wissenschaftlichen Persönlichkeit des Jubilars und seiner Stellung innerhalb der bisher in Geltung gestandenen Theorie sowie seiner Bedeutung in bezug auf Entwicklung und Förderung menschheitlicher Werte. Amerikanisiert sich Wien wirklich? Diese Frage, da« immer wieder der Oeffentlichkeit gestellt wird, kann heute auch von den heftigsten Gegnern dieser Anrerücaiusierung nicht mehr verneint werden. Wenn diese auch mit Recht alte Kulturgüter verteidigen, so kann doch kein vernünftiger^ denkender Mensch die Tatsache übersehen, daß das junge Amerika auf dem Gebiete der Industrie unübertroffen ist und daß es sich allmählich Europa erobern muß. Afie En* rungenschafien der Neuzeit stellen sich in den Dienst einer Fabrikation wie -die der Maniscbowitz Mafczos. Vom Mehl dis zur Verpackung ist alles aufs feinste und gesündeste ’ reitet. Mehr als 3 Millionen Juden kaufen die Produkte <fer größten Matzosfaforik der Welt, kaufen die Man-ißchewfe Matzos, Gries, F-arvel und ihr neuestes. Erze4$gni$,.,cfe! -MhI» sohewitz Crackers. v

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.