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Die Stimme · 1929-04-11 · Heft 67 (11.4.1929) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 67 (11.4.1929)
Date
1929-04-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Sefte 6 AaMMkiMMM DIE STIMME Nr. 67 D= Misrachil Misrachl! I Dia in ihrer Qualität unübertroffenen unverfälschten I ■ Original- Palästina-Weine aus den weltbekannten Kellereien in Petach- Tikvah der „Chewra-Misrachi" mit Hechscherim der Rabbinate in Jaffa und Tel-Aviv sind zu folgenden konkurrenzlosen Preisen im Stadtgutkeller, Wien, II., Große Stadtgutgasse 86, Tel. R-29-7-34, U-27-4-18, zu haben: Naturwein-Ausbruch in Flaschen. ä S 3.— ä „ 3.10 h „ 3.40 ä „ 4.— h „ 4.90 ä „ 2.60 ä „ 2.65 Eschkol, rot, feurig, karmelartig Hadar-Hakarmel, bhitrot, vollsüß. feurig Libanon, älter gelbsüßer Ausbruch . . . Hascharon-Gold, Muskat, Goldfarbe . . Zfoosperle, Art Tokayer Ausbruch Spez. . Herbe Weine: Bhrarian, weißer pikanter Tafelwein . . Ramath-Hakerem, rot, mild. Palästina-Brandy: Saraf, geschmackvoll, medizinal, dem feinstem Cognac gleichwertig, 1/1 Fl. ä S 17.—, 1/2 Flasche ä S 9.—, ,1/4 Fl. k S 5.— Zustellung franko! Nur echt mit der Marke „Misrachl“ auf Plomben, Kapseln und Etiketten mit dem Mogen- David. Jüdische Bevölkerungspolitik Von Professor Dr. Hanauer, Frankfurt a. M. Profellor Hanauer zählt zu den bcdeutendftcn Statiftikern Deutfchlands, der fein befonderes Augenmerk den jüdifdien Problemen zuwendet. Die in diefem Artikel behandelte Frage ift für Wien von befonderer Wichtigkeit, weil hier die Verhältniffe noch viel fchlechtere find als in Deutfchland. Die bevorftehende Budgetdebatte in der Kultusgemeinde verleiht den Ausführungen befondere Aktualität. Was ist Bevöl'kerwigspoiiti'k? Politik freiben heißt, 'die Staatsverwaltung naöh einer gewissen Richtung führen, sei es die gesamte Staatsverwaltung, seien es einzelne Zweige derselben, zum Beispiel den Handel, den Verkehr, die Steuern usw. So gibt es eine Handels-, Verkehrs- und Steuerpolitik. Auch die Bevölkerung muß und kann Objekt der Politik sein, sowohl hinsichtlich der Quantität wie der Qualität. Die Bevölkerungspoliti'k ist alsdann der Inbegriff aller Maßnahmen, welche sich auf den Stand, die Bewegung, den Wohnsitz, den Beruf der Bevölkerung beziehen. In engerem Sinne hat man sich gewöhnt, unter Bevölkerungspolitik Maßnahmen m verstehen, welche sich auf die Vermehrung der Geburtenziffern beziehen. Eine Bevölkerung kann stich nur vermehren, wenn die Zahl der Geborenen in erheblichem Maße die der Ges.torbenen übertrifft. Andernfalls wird die Bevölkerungsbilanz negativ, das ist zur Zeit in Deutschland bei den Juden der Fall, da in den großen Städten, in welchen ,zwei Drittel der deutschen Juden wohnen, heute überall mehr Juden sterben als geboren werden. Wenn in Berlin die jüdische Bevölkerung von 1910 auf 1925 von 143.000 auf 172.000 gestiegen ist, in Frankfurt von 26.000 auf 29.000, so ist diese Zunahme nur eine scheinbare; sie ist ausschließlich der Zuwanderung zu verdanken. Ohne diese wäre eine Abnahme der Juden in diesen Städten zu verzeichnen gewesen. Wenn nicht schon früher eine Unterbilanz auf getreten ist, so ist daran die geringe Sterblichkeit der Juden schuld gewesen. Die Sterblichkeit läßt sich aber naturgemäß nicht jiber eine gewisse Grenze heraibdrücken. In Berlin handelte ' ' ,r'06 bei 2035 geborenen Kindern 1165mat um das erste Kind, 613mal mm das zweite Kind, 252mal um das dritte Kind; nur in wenigen Fällen wurden demnach in einer jüdischen Familie nur mehr als drei Kinder geboren, und man man muß Theilhaber beistimmen, wenn er von dem jüdischen Einkindersystem in Berlin spricht. Dazu kommen die Verluste durch die Taufen trnd die Mischehen. Im engen Zusammenhang mit der Geburtenfrage steht das Eheschließungsproblem. Je mehr Ehen geschlossen werden, desto mehr Geburten sind zu erwarten, weil vor allem die jungen Ehen für die Fortpflanzung in Betracht kommen. Auch hier liegen die Verhältnisse bei den Juden sehr ungünstig. Es werden vor allem weniger Ehen geschlossen als bei der Gesamtbevöikerung. Außerdem nimmt die Zahl der Eheschließungen ständig ab. Die jüdischen Frühehen sind eine Ausnahme geworden. Namentlich gelangen heute auch die jüdischen Frauen in viel späterem Alter zw Ehefschlteßamg, als es vor dem Kriege der Fall gewesen ist. Gegenüber der Abnahme der rein jüdischen Eben ist elfte ungeheure Zunahme der Mischehen zu verzeichnen. Während das Verhältnis noch 1901 6:1 war, ist es heute 2:1; jed§r 5. Jude oder Jüdin, die heute in Deutschland heiraten, geht eine Mischehe ein. Alle Schichten sind vertreten: Bildung und Besitz, der Mittelstand und das Proletariat. Den Hauptherd bilden die Großstädte. Aber auch in den Kleinstädten und auf dem Lande frißt die Seuche um «ich. Aber die Hauptursache für diese abnormen, den Bestand des Judentums in hohem Maße gefährdenden Zustände ist in der Abkehrung von der Tradition, von der religiösen Bindung, die Ueberhandii^ahme des Indifferent Ismus, das Schwinden des Verantwortungsbewußtseins, der Ersatz der altruistischen und religiösen Vorstellungen durch rationalistische und wirtschaftliche Erwägungen. Als äußerer Grund für die betrübliche Bevölkerungsentwicklung der deutschen Juden ist die stetig zunehmende Ansammlung in den Großstädten, die Landflucht. zu betrachten. Bei denjenigen, ^reiche eine Mischehe eingehen, ist die Bindung an die Tradition am meisten verloren gegangen. Egoistische Motive sind hier vorherrschend. Charakteristisch ist es hier, daß der jüdische Mann ^elfach u " t c r seinem Stande heiratet, weil angeblich die arme Christin anspruchsloser sei als die arme Jüdin. Die arme Jüdin aber, die über eine Mitgift nicht verfügt, heiratet schließlich einen ehr ist Hohen Arbeiter, um überhaupt nicht ledig bleiben zu müssen. Zu der Entstehung der Mischehen rtägt zweifellos das zahlreiche zerstreute Wohnen in kleinen Gemeinden bei. Die jungen Männer sind in die Großstadt abgewandert, hier bleibt dann als letzter Ausweg für die Mädchen nur die Mischehe, wenn es nicht gelingt, auf dem Wege der Vermittlung eine Ehe anzubahnen. Will man dies§p, den gesamten Bestand des Judentums bedrohenden Verhältnissen gegenüber Abhilfemaßnahmen Vorschlägen, so erscheint die Aufgabe eine ungeheure. Es ist nötig, den Schaden in seiner ganzen Größe fesfzusteilen. Die Statistik befindet sich erst in den Anfängen, sie muß ausgearbeitet und erweitert werden. Die Abhilfemaßnahmen, die in Betracht kämen, sind innerer und äußerer Natur. Von den inneren Mitteln käme als wichtigstes in Betracht die U m s t e 11 u n d C s gesamten seelischen Habitus der Juden in bezug auf Eheschließungen und Fortpflanzung. Die wirtschaftlichen Gesichtspunkte müßten zurückgestellt werden gegenüber den höheren, die dahin gehen, daß der einzelne Jude nicht nur verantwortlich ist für seine Glaubensgenossen, sondern auch für die Erhaltung seines Stammes. Als praktische Forderungen sind zu nennen: Förderung der Ehen, namentlich der unbemittelten jüdischen Mädchen. Wiederinslebenrufen der Auisistattungsvereine fftr arme jüdische Bräute. Unterstützung der Frühehen, Förderung der Eheanbahnung durch Begründung gemeinnütziger jüdischer Ebevermdttlungsstellen, Unterstützung der jüdischen Jugendvereine, die einen zwanglosen Verkehr der jüdischen jungen Leute anj)a|>nen. Aber vor allem muß der Kampf gegen die Mischehen auf das energischeste geführt werden, weil Mischehen dem Judentum viel gefährlicher sind als Taufen. Da die Nachkommen pus Mischehen, wenn nicht schon in der ersten, so doch in der zweiten Generation dem Judentum völlig verloren gehen. Die Mischehen müßten genau saldiert werden, um in jedem einzelnen Falle die Ursache der Mischehe festzustellen. Man hat emgewendet, daß der Kampf gegen diese Mißstände aussichtslos ist, daß es vergebliche Mühe wäre, in diesen komplizierten und schwierigen Komplex von Fragen einzugreifen und psychologischen und soziologischen Entwicklungen, die unaufhaltsam zu sein scheinen, in die Arme fallen zu wollen. Ja, man hat eingewendet, man solle diese Entwicklung, die Assimilation und den Niedergang nicht auf halten, ja noch fördern, weil damit die einfachste Lösung der Judenfrage gegeben wäre und der Antisemitismus von selbst verschwände. Eine andere Einstellung weist darauf hin, das Judentum habe noch ganz andere Gefahren überstanden, es habe zahllose Verfolgungen erduldet. Mord und Vernichtung über «ich ergehen lassen und die Jahrhundert lange Einsperrung in die dumpfen Ghettos Überständern Die jüdischen Scheinchsisten im alten England in dem kürzlich erschienenen ersten Band der «Transactions of the Jewish Historical Society of England» behandelt L u c i e n W o 1 f in einem ausführlichen Artikel die Geschichte der Juden Englands zur Zeit der Königin Elisabeth. An Hand zahlreicher Urkunden widerlegt er die bisher allgemein bestandene Anschauung, daß es in England seit der Austreibung 1260 bis zur Herrschaft des Protektors Cromwell keine Juden gegeben habe und daß diese erst nach England zurückgekehrt seien, als Manasseh ben Israel, der gelehrte Amsterdamer Rabbiner und Schriftsteller, mündlich und auch schriftlich in seinem an das englische Parlament gerichteten Sendschreiben «Esperanza de Israel» (Die Hoffnung Israels) die Notwendigkeit ihrer Rückkehr verfochten und durch Zitate aus der Bibel bewiesen hatte. f—JT Wochen-Kalender April im Gedenktage tov wenn 11 Donnerstag 1836 — Ferdinand Lassalle 4) Breslau geboren. — Prot. Ludwig Traube, Be- ' gründer der experimentellen Pathologie, ln Berlin gestorben. i-« m 12 Freitag 8-3 12 Samstag 1903 — Der Philosoph Prof. M. Lara ms in Meran gestorben. 3-0 14 Sonntag $917 -- Der Erfinder des Esperanto, Dr. Ludwig Z&monbof, in Warschau gestorben. 4- -I IS Montag 1844 — Der Begründer des Taubstummenunterrichtes, Markus Reich, ln KoUn geboren. 6—n 16 Dienstag 1800 — Der Opemkomponist John Barnett in Cheltenham (England) gestorben. 6-1 17 Mittwoch 7 —t Lucien Wqjf stellt unumstößlich fest, daß zur Zeit der Königin Elisabeth eine Anzahl von Juden in England lebte. Die waren allerdings Scheinchristen, die den jüdischen Gottesdienst nur im geheimen hielten. Sie hatten aber einen großen Einfluß auf die Geschicke Englands. Insbesondere hatte Dr. Rodriguo Lopez stetige Verbindung mit Alvaro Mendez — oder wie er sich hebräisch nennt: Salomon Abenjaex — und mit anderen einflußreichen Juden Portugals. Lucien Wolf bringt im Faksimile das Handschreiben Alvaro Mendez’ die Königin vom 28. Juli 1592. Es ist mit «Salomon Abenjaex» unterzeichnet. Das Ende des Budapester Gettos Ein neues Stadtviertel soll gelmut werden Das Budapester Getto sali vom Erdboden verschwinden. Durch die kürzlich vom Fin an zahmster im Abgeordnetenhaus unterbreitete Vorlage, die den neu zu erbauenden Häusern eine dreißigjährige außerordentliche Steuerfreiheit sichert, durch die geplante Errichtung einer Elisabeth-Radialstraße und letzten ßndes durch die weitere bauliche Entwickhino von Budapest jst die Demolierung des Budapester Gettos in greifbare Nähe gerückt worden. Das Budapester Getto hat bisher dem y/andel der Zeiten zu trotzen vermocht und der dort wohnende Teil der jüdischen Bevölkerung Budapests hält an den althergebrachten Sitten iwnd Gebräuchen des Judentums fest wie je. Durchschreitet man die Straßen des Gettos, sieht man die Männer in langen, feierlichen Kaftanen einherschreiten und selbst die heranwachsende Jugend hält an dieser Kleidung fest. Auf Schritt und Tritt Geschäfte, in denen man ausschließlich hebräische Gebetbücher und Tempelgeräte erhält, auffallend groß auch die Zahl der Lebensmittelgeschäfte, in denen ■ selbstverständlich nur rituelle Ware zu bekommen ist. Merkwürdig, daß die Bewohner sich in den engen und schmutzigen Straßen so wohl fühlen: es gibt eine Menge alter Leute, die ihr geliebtes Getto seit Jahren nicht verlassen haben. Wovon diese Alten wohl leben mögen: Kein Mensch weiß es. Sie sind offenbar auf die Mildtätigkeit guter Men* sehen angewiesen. Während des Weltkrieges bot das Getto den vielen tausenden aus Galizien und der Bukowina nach Budapest geflüchteten Juden eine Zufluchtsstätte. Heute geht es in dem Getto viel stiller zu als damals. Seine Bewohner gehen ruhig ihren Geschäften nach und fristen, trotzdem sie von früh morgens bis spät abends arbeiten, zumeist ein kümmerliches Dasein, denn Reiche oder auch nur Wohlhabendere wohnen im Getto nicht. Panzerkreuzer und Propheten Eine vernünftige Beschäftigung General Popper, der geniale Schiffsbaumeister und Erbauer der österreichisch-ungarischen Kriegsflotte, hat sich mit 80 Jahren entschlossen, ein neues Leben zu beginnen. Er, der ein Menschenalter hindurch unermüdlich an seinem Lebenswerk gearbeitet hat, will heute von Panzerkreuzern und Dreadnoughts nichts mehr wissen. Er lernt Hebräisch und so sitzt der alte Mann Abend für Abend bei seinen Lehrbüchern, kaqn $chon die Propheten im Urtext lesen und beweist der vV’elt, daß man auch als Achtzigjähriger noch etwat Wertvolles lernen kann. BQOflOonnnnnnniMinnpnn^9^^n^^g||y^^ Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenaunabtne Dienstag um 12 Uhr mittags. Später einlangende Einsendungen können keine Airfnnlmitt in die lautende Nummer finden.

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