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Die Stimme · 1929-04-11 · Heft 67 (11.4.1929) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 67 (11.4.1929)
Date
1929-04-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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1*. 6T pte summe Herbert Eulenberg: Palästina sieht Dich an ... Eine Unterredung mit dem Dichter KARMEL Weine aus Rfschon le Zion Dar deutsche Dichter Herbert Eulenberg, der jetzt auf seiner Rückrfsi^e aus Palästina einige Tage in Wien weilte, empfing unseren Redakteur, dem er von seinen jüngst in Eres Israel gewonnenen Eindrücken erzählte.; Es ist die zweite Reise ins „werdende Judenland“, die der Dichter in den letzten Jahren unternahm. Er besuchte Erez Israel im Krisenjahr 1926, trug damals deprimierende Eindrücke davon und hatte seither immer d^s Verlangen, seine ersten Impressionen zu korrigieren, zu ergänzen und die frohe Stimmung des erneuten schöpferischen Auftaktes in sich aufzunehmen.. So nahm er gerne die Einladung seines Freundes Hermann Struck an, der ihn in Haifa erwartete, und in Begleitung des jüdischen Malers trat der rheinische Dichter seine zweite Reise durch das „werdende Judenland“ an. Es war — wie dies der Dichter bezeichnet — eine wichtige Entdeckerfahrt. Herbert Eulenberg, der Dichter der deutschen Innigkeit, entdeckte im neuen Erez Israel die Beseeltheit der aufblühenden jüdischen Landschaft, erfühlte die Inbrunst des im glühenden Feuer der Idee sich läuternden jüdischen Menschen. Er besuchte die Städte und Kolonien, sah die; Ruinen des alten und die leuchtenden Stätten des neuen Jischuw, unterhielt sich mit jüdischen Bauern, Kindern, Arbeitern, mit englischen Beamten und zionistischen Führern — und er kehrte I diesmal als begeisterter Freund des zionistischen Aufbauwerkes zurück, das er auch in der Wiener Urania in formvollendeter Weise schilderte. „Ich habe in Erez Israel keine „Studien“ gemacht“ — erklärt mir Herbert Eulenberg — „und fühle mich nicht berufen, über die verschiedenen interessanten Versuche, die die werdende jüdische Gemeinschaft in Palästina unternimmt, ehe sie sich selbst die endgültige Lebensform gibt, ein abschließendes Urteil zu fällen. Ich habe mich lediglich darauf beschränkt, Palästina zu sehen, mit unbestochenem Blick Land und Leute zu erfassen, und ich verdanke dieser Wanderung durch eine werdende Landschaft und Menschheit eine reiche Fülle von neuen Erfahrungen und überwältigenden Erlebnissen, die mein zukünftiges geistiges Wirken zweifellos entscheidend beeinflussen werden.“ Eulenberg schildert die große überraschende Veränderung, die Palästina seit steinern ersten Besuch, nach Ueberwindung der Krise, durchgemacht hat, entwirft ein packendes Bild vom blühenden Galil, wo sich heute Anker an Anker breitet, dem grünen fruchbaren Land, das durchaus an Mitteldeutschland erinnert. Er erzählt von der übermenschlichen Energie der jungen Chaluzim, die die Steinwüste Chaldäa in ein gesegnetes Land verwandelten, von dem grandiosen Aufbauwillen, der in Tel-Aviv und in Haifa, in den Städten und Dörfern am Werke ist, und legt ein begeistertes Bekenntnis zum Zionismus ab, der nach seiner tiefsten Ueberzeugung auch in der nichtjüdischen Welt immer mehr an geistigem Terrain gewinnen müsse. „Ich sagte Ihnen vorhin“ — beendete der Dichter unsere Unterredung — „daß ich mich darauf beschränkt habe, Palästina zu sehen. Ich muß diese Formulierung einigermaßen modifizieren. Palästina ist kein Betrachtungsobjekt für Schaulustige. Es ist selbst schauendes Subjekt; sieht uns tief mit alten, mahnenden, kosenden Mutterauger an: die große menschheitliche Urheimat ihre ruhelosen, heimatlosen Weltkinder...“ Eröffnung des transjordanischen Parlaments Die Thronrede des Emirs Aus Jerusalem meldet J. A. T.: Am 2. April eröffnete Emir Abdullah, der Beherrscher Tratisjordaniens, die erste gesetzgebende Körperschaft dieses Mandatsterritoriums. Die Eröffnung vollzog sich mit großer Zeremonie in Gegenwart des britischen Vertreters Colonel Cox. Der Premier verlas die Thronrede des Emirs, in welcher das Abkommen zwischen Transjordanien und Großbritannien als von Vorteil für I das Land hingestellt wurde. In der Thronrede werden Reformen des Öffentlichen Lebens angekündigt, die Transjondanien auf ein gleiches Niveau mit anderen zivilisierten Ländern bringen sollen. Die versammelten Deputierten leisteten den Eid auf die Verfassung. Zum Schlüsse wurde eine Begrüßungsfcundgebung des britischen Oberkommissars für Palästina und Transjordanien, S i r J o h n Chancellor, verlesen. Ein „Schwarzbuch“ in Transjordanien Der arabischen Presse zufolge, hat die Opposition in Transjordanien ein Schwarzbuch veröffentlicht, in dem die Politik der transjordanischen Regiertlag heftig kritisiert .wird. * Lord Balfour zieht sich aus dem öffentlichen Leben zurück Aus London meldet J. T. A.: Lord Balfour, der am 25. Juli d. J. 81 Jahre alt wird, hat sich infolge seines hohen Alters und seines hartnäckigen Leidens, besonders eines Kehlleidens, 'das ihm andauerndes Sprechen schwer macht, entschlossen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Er wird eine Wiederwahl als Lord-Präsident des Council darum ablehnen. Er verkauft sein Londoner Haus in 4 Carlton Gardens, das 58 Jahre lang sein Londoner Heim war, und einst (1846 bis 185&) das Heim eines anderen großen Premierministers, Lord Palmerston, war und das an der Stelle des 1827 niedergerissenen Prinzregentenpalais erbaut worden war und wird mmwm ■ :) v, Sind das edelste Produkt jüdischer Arbeit in Palästina I BreDkslierolen der Baren Rolhschlldsohen Kolonien I RISCHON LE ZION I Vertrieb für Österreich: £ GUSTAV WILDER, WIEN, IV., Biechturmgattse 12 § Taltphon U-43-8-19 fj Terlangen^tej^üssMä^^drajuemm^PrelsM^tos^ seinen endgültigen Aufenthalt auf seinem schottischen Besitztum in Whittinghame nehmen* Die Zahl der Juden in Haifa Auf Grund der Ergebnisse der Einträgttnig ln idöfe, Listen der Knesseth Israel in Haifa kamt die jüdische Bevölkerung der Stadt Haifa auf 16.000 Seelen geschätzt werden. Die Eintragungen in die Knesseth Israel ergaben 1 0.3 8 1. Dazu sind Personen unter 18 Jahren, und die aus der Knesseth Israel Ausgetretenen zu rechnen, sq daß man auf ©ine Gesamtzahl von 16.000 kommt. Colonel Kisch kehrt nach Palästina zurück Colonel F. H. Kisch, Vorsitzender der Zionistischen Exekutive'Palästinas, der seit Jänner d. J. in den Vereinigten Staaten geweilt und für den United Palestine Appeal gewirkt hat, hat die Rückreise nach Palästina amgetretem „An den Magistrat der jüdischen Heimstätte.. Aus Td Aviv schreibt man uns: Dieser Tage erhielt der hiesige Magistrat ein Schreiben Lloyd Georges. Adressiert war der Brief - am den «Magistrat der jüdischen nationalen Heimstätte». Die Locken Abschaloms Der neue Regisseur der neuen «Habim&h>> — Wieder ein «Ur-Russe» — Abkehr von der Mystik — Die hebräische Tragödie — Kontakt mit Moskau Die «Voesische Zeitung» veröffentlicht die nachstehende Unterredung ihres palästinensischen Korrespondenten mit dem neuen Regisseur der «Habimah». i Tel-Aviv,uEnde März. Alex Dick-i, der neue Regisseur; den sieh die rfatoimah direkt vom Moskauer Künstlerfheater nach Tei-Aviv kommen ließ, sieht aus wie ein Selbstbildnis mil'd-kubistischer Prägung. Es ist der bekannte russische Intelligenz-Typus mit breitangelegter, wuchtiger Fläohenplaetik, dessen bäuerliche Massigkeit durchgeistigt Ist, ohne an Wucht zu verlieren. Anekdoten machen Künstler rasch populär: Dicki üsi eine lebende Anekdote in Palästina. Denn der neue Regisseur des hebräischen Nationaltheaters kann kehl Wort hebräisch — noch ist er von Geburt aus prädestiniert, als Ur-Russe die Sprache Israels jemals zu erlernen ... Es gehörte Mut dazu seitens der «Bimah», diesen Schritt im jugendlich-chau vinistischen Palästina zu wagen; und es gehörte die wuchtige künstlerische Persönlichkeit des neuen Mannes dazu, dieses Handikap zu überwinden. Ich hatte jüngst eine Unterredung mit dem neuen Leiter der «Habimah»: Da Dicki außer Russisch keine europäische Sprache spricht, mußte unsere Unterhaltung über einen Dolmetsch geführt werden. Ueber die nächsten Pläne der «Habimah» befragt, erklärte er: «Das nächste Stück der .Bimah’ wird eine biblische Tragödie sein. Als Motiv dienen die ,Locken Abschaloms’ von Calderön. Wohlgemerkt: nur als Motiv. Wir sind nicht dazu da, dem Publikum ein geschriebenes Drama vorzusprechen; die Aufgabe des Theaters ist, das Stück umzudiditen, neuzuschöpfen. Tut der Regisseur das nicht, und haftet er am Buchstaben, dann ist es unvermeidlich, daß er in blödem Naturalismus stecken bleibt. . . U-m also zu den Lodcen Atooöhaloms zurückzukehren: was ich früher sagte, gilt auch für die Bibel. Die Bibel ist keine synagogakj Angelegenheit — es gilt, ihre international-menschlichen, tragischen Motive ins heutige Leben zu transponieren. Ihre sozialen und dramatischen Konflikte sind zeitlos, im ewig-menschlichen verankert Hier Hegt der Weg, die hebräische Tragödie zu schaffen. Das ist die nächste Etappe der Habimah.» «Wie wind der Stil sein?» «Oer Stil ist eine Funktion de« Stückes. Jedes Stüde verlangt seinen eigenen/Angemessenen Stil — das ist doch sehr einfach?» 1 Ich erlaubte mir, zu bestreiten, daß diese einfache Wahrheit in praxi bisher bei der Habtmah Verwendung fand. Anschließend stellte loh die Frage, ob nun, da die Habimah in Palästina gelandet sei und vom jüdischen zum hebräischen Themenkreis zurückgreife, jene Epoche der Diaspora- und Ghettomystik, die die früheren Schöpfungen charakteriesierte, als abgeschlossen zu betrachten sei, «Ja», — entgegnete Dickt — «dfie Habimah hat diese ganze Mystik satt loh sagte Ihnen doch: mit der biblischen Tragödie, an der wir jetzt arbeiten, fängt ein neues Kapitel der Habimah an.» «Gibt cs nicht für die ,Bimah* gewisse Möglichkeiten bei der Schaffung des hebräischen historischen Dramas, etwa nach dem Muster der Reinhandtschen Passion? Sollten nicht Versuche in dieser Richtung sehr verlockend sein?» «Passionsspiel und Theater sind grundverschiedene Dinge. Die Passion hat ihre eigenen Gesetze, die; in Hellas verloren gegangen und bis heute nicht gefunden sind.* Was es heute an Passionsspielen gibt, ist erst ein Versuch zur Neubelebung dieser Kunst.» «Gibt es im Leben des neuen Palästina dramati-, sches Material, das für die Habimah verwertet werden könnte?» «Dramatisches Material — o ja, nur leider keine Dramatiker. Es gibt keine Schriftsteller, die aus der, Fülle der Themen was Brauchbares gestalten könnten.» «Stört Sie Ihre Unkenntnis des Hebräischen nicht in der Ariveit?» «Ja, aber das ist bloß eine Frage des erhöhten Zeit- und Energie-Aufwandes. Das schwerste ist hier nicht die Arbeit; das schwerste ist das Publikum; die Palästinenser verstehen die Sprach© der Kunst noch nicht Ich, der Nicht-Hebräer, verstehe die hebräische Kunst besser ate das hebräische Publikum in Palästina.» «Alles in allem: sind Sie optimistisch für die Zukunft?» «Ich bin überzeugt, daß die Habimah' einen großen Aufschwung nehmen wird. Ihre Schule, ihr Arbeitswille sind die Gewähr dafür — unter der Voraussetzung, daß sie auch in Zukunft in stetem geistigen Kontakt mit Moskau bleibt, das ihre Heimat war , . .» Resum6: Der neue Regisseur der «Habimah» Ist eine starke und eigenartige Persönlichkeit; die hebräische «Bimah» ist eine starke und eigenartige Bühne_ die beiden werden Europa noch manches zu sage« haben, das oft Begeisterung, oft Widerspruch, immu aber stürmisches und kompliziertes Erleben weck«« wird* . / v - -

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